Meine Ruhe, sage ich

Ich nehme ein Schaumbad und nippe aus dem Schaum an Sahnelikör, dem billigen. Bestimmt gibt es Leute, die die Nase rümpfen würden, weil es kein echter Baileys ist, aber mit Sahnelikör fühle ich mich wie eine feine Dame, während Baileys nur Bilder von lauten Irish Pubs weckt. Ich will keinen Pub, sondern gediegene Ruhe.

Zwischen Du und mir liegen zwei geschlossene Türen und die Mauer aus Schaum, der lauter knistert, als Dus Bass beim Zocken durch die Wohnung tönt. Mein Badeschaum ist aus Babyshampoo und türmt sich bis auf Augenhöhe vor meiner Nase. Was darunter oder dahinter liegt, kann ich nicht sehen, deshalb ist für den Moment potentiell alles Mögliche mit mir in der Wanne. Dieser Gedanke ist entweder magisch oder furchterregend – ich entscheide mich für magisch und beobachte die myriadenfach aufgebrochene Kerzenflamme durch den knisternden Babyschaum.

Mein Buch liegt unberührt auf dem Rand der Wanne; ich nippe am Likör und schaue ins Kerzenlicht, höre dem Schaum beim Knistern zu und lasse meinen Geist über der Badewanne im Warmen schweben.

Seltsame Tage

Also darf ich jetzt mit einer Freundin spazieren gehen ohne Umarmen oder nicht?

Du telefoniert mit einem Kumpel, der von ihm wissen will, wie viel blutrünstige Kämpfe er mir heute Abend beim D’n’D über Skype zumuten darf (keine). Anscheinend spiele ich jetzt D’n’D.

Und meine stille, zurückhaltende Mutter regt sich am Telefon auf, dass alles so ereignislos ist.

Ich miste aus, ein klassischer Corona-Move.

Unverhoffte Begegnungen der schlechten Art

Du hilft mir, drei Schubladen unsortierter Papiere aller Art zu ordnen, weil jetzt die Zeit dazu ist. Die Papiere sind aus den letzten zweieinhalb Jahren, deren hässlichste Seiten ich so noch einmal durchblättere: die ewigen Mahnungen und unbezahlten Rechnungen, die Anträge auf Psychotherapie, die Dokumentationen der peinlichen Gänge zu Notfallkliniken, um irgendwoher noch ein Rezept für Venlafaxin zu bekommen, die Quittungen für die Tanzkurse, die schon zur Qual geworden waren – –

all die schlechtesten Dinge aus dieser Zeit, und kein Ausgleich dafür und kein Auskommen damit.

Eigene Kosmen

Wenn das alles vorbei ist, werden lauter Paare aus ihrer ausschließlichen Zweisamkeit gepurzelt kommen und so völlig aufeinander eingestellt sein, dass sie erst wieder lernen müssen, wie man mit allen anderen Menschen umgeht. Verwirrt werden sie ohne ihre andere Hälfte in die Sonne blinzeln, mit ehemals vertrauten Menschen zusammenstehen und hilflos nach der Sprache suchen, die sie vorher gesprochen haben. Verlorene Insiderwitze werden weinend durch die Straßen kriechen.

Geerdet, ein Corona-Gewinn

Ich sage zu Du: Eigentlich geht’s mir mit der ganzen Situation gar nicht so schlecht. Nicht schlechter als sonst.

Was ich nicht sage, ist: Während viele damit kämpfen, plötzlich mit der ganzen Familie Zuhause bleiben zu müssen, fällt mir das Zuhausesein nicht nur grundsätzlich leicht, ich habe auch noch meinen Freund obendrauf bekommen. Mit ihm in der Wohnung liegt mein Basecamp ein paar Höhenmeter weiter oben und von hier aus gehe ich wieder joggen, kümmere mich um den Balkon, nehme mir Zeit zum Schreiben, Lesen oder Zeichnen und bin überhaupt aktiver und produktiver. Tut gut. Im Grunde profitiere ich.