Hallowach

Die Hitze zieht mir komplett den Stecker und ich warte bis spät abends, um mich meiner Freundin samt Mitbewohner zum Joggen anzuschließen. Da sie mich zuhause abholen, locke ich sie mit einem Schluck Wasser nach drinnen, um ihnen mein neues Lieblingsbild (Hiob) aufzunötigen, und fühle mich dabei fast wie eine richtige Kunsthistorikerin. Und jetzt, nach dem Lauf, bin ich zu aufgekratzt zum Schlafen.

Meiner Therapeutin habe ich noch nicht von meinem geheimen Masterplan erzählt, nur mit Medikamenten und ohne Klinik die Kurve zu kriegen. Gerade fühle ich mich ganz fabelhaft. Ich mache Sachen und habe Lust auf mehr und auf die Welt und aufs Pläneschmieden, ich fühle mich überhaupt in der Lage, Pläne zu schmieden, ich unternehme mehr, ich habe über die Sportpartnerbörse jemand gefunden, mit dem ich Lindy Hop tanzen könnte, und immerhin habe ich mir heute zwei Kunstbücher gekauft, was als Schritt Richtung Masterarbeit gelten darf. Das ist doch schonmal was.

Ich kippe schon wieder von Nichts in Alles. Ich kenne nur Extreme.

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I recall how it ends, we survive

Dieses Bild hat nichts damit zu tun, wie ich mich fühle. Es ist einfach viel zu abgefahren, um es nicht möglichst vielen Leuten zu zeigen. Hier:

Léon Bonnat, Hiob, 1880; Public Domain, via Wikimedia Commons

Hiob, wir erinnern uns, ist der arme Kerl, der Gegenstand einer Wette zwischen Gott und dem Teufel wird. Der Teufel sagt, Hiob sei Gott nur treu, weil es ihm so gut gehe. Gott sagt, bitte, das können wir ja ausprobieren, worauf Satan sich große Mühe gibt, den vorbildlich frommen Hiob vom Glauben abzubringen, indem er ihn ins Unglück stürzt und ihm nach und nach Besitz, Kinder und Gesundheit nimmt. Hiob erträgt jedoch alles, ohne in seinem Glauben zu wanken.
Allerdings versteht er nicht, warum ihm solches Unglück widerfährt, immerhin hat er nichts verbrochen. Das sagt er Gott auch – da wären wir ungefähr beim Bild. Am Ende sind sich alle einig, dass es unschuldiges Unglück gibt und man durch Weisheit die Motive Gottes nicht verstehen kann. Und Hiob bekommt einfach neuen Besitz und neue Kinder, so simpel ist das in der Bibel.

Léon Bonnat, der Maler, hat im späten 19. Jahrhundert gearbeitet. Klar! Die coolsten Sachen kommen aus dem 19. Jahrhundert, wenn sie nicht von Rembrandt kommen. Ich muss unbedingt herausfinden, was dieser Mensch noch so gemacht hat und ob der Rest auch so großartig ist.

Ich komme übrigens so zu Hiob: ich stolpere in einen Buchladen und stoße direkt mit Julius Schnorr von Carolsfeld zusammen, der in Form einer Bilderbibel vor mir liegt, Holla, denke ich, das fängt ja gut an, denn Julius ist auch aus dem 19. Jahrhundert, allerdings ein bisschen verkopft, aber eine Hausnummer der Epoche, deshalb ist diese Bibelausgabe der Hit. Ich schnappe sie mir und laufe im nächsten Regal direkt in einen weitere Bildband mit den wichtigsten Bibelgeschichten, schlage ihn auf und sehe mich Auge in Auge mit Hiob (siehe oben). Alter Falter, denke ich.
Und Dinge, die einen dazu bringen, „Alter Falter“ zu denken, soll man niemals ignorieren.

My heart stings from loving things

Dass meine Eltern mich behandeln, als wäre ich krank, während ich mich so fühle wie immer – nicht besser, nicht schlechter, nur frustrierter, müder, gibt mir zu denken. Brauche ich wirklich eine Klinik? Geht’s mir denn so schlecht? Mache ich mir was vor, und allen andern?

Und gestern der Moment mit dem Rennrad, das jetzt in meinem Zimmer steht: ein schlankes, hochbeiniges Pferdchen, das mich mit gespitzten Ohren anblickt. Es wartet, es ist die erste Gewissheit seit Wochen: DAS mag ich.

Gegenstände zu besitzen, ist der Versuch, solche Gewissheiten nicht zu verlieren: ein Rennrad, eine Schreibmaschine, ein Füller, Briefpapier, die gelesenen Bücher, die Kamera, die bunten Röcke, selbst die Tagebücher: einmal gefüllt, rühre ich sie kaum wieder an, aber die bloße Gegenwart der eng beschriebenen Seiten vergewissert mich, dass ich seit sechzehn Jahren da bin. Ich habe sechzehn Jahre nachlesbare Vergangenheit im Rücken (und weitere zwölf stumme), zu irgendetwas haben sie mich gemacht. Etwas liegt gerade kopfüber im Graben.

Ich umgebe mich mit einem Wörterbuch über mich selbst, um mich nachzuschlagen, wenn ich vergesse, wer ich bin, manchmal kommt keine Bedeutung aus den Buchstaben, und dann ist ein einzelner Begriff der Schlüssel, der alle anderen decodiert: Rennrad. Jetzt kommen Blume, Balkon, Frühstück, Küche, Radio, Zeichnung langsam zurück  (vielleicht). Geht das auch ohne Klinik?

 

Lait citron, ein Wunder

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Ich hole mein altes Rennrad aus dem Keller und stell es mir ins Zimmer.
Erstens soll es, eine grazile Antilope, nicht unter den elefantösen Mountainbikes der Nachbarn erdrückt werden.
Zweitens ist dieses Rad traumhaft schön. Mein Gott.
Und drittens bist du mir egal, seit ich die Hand auf das schwarzumwickelte Aluminium des Lenkers gelegt habe.

 

Traum

Im Traum gehe ich mit einer Freundin zum Bäcker, um Brötchen fürs Frühstück zu kaufen; wir wollen zu dritt frühstücken, ein Freund wartet auf uns. Wir kaufen absurd gute Dinge – keine Bäckerei hatte je so leckere süße Teilchen wie meine geträumte Bäckerei Weber – und bekommen eine Stempelkarte angeboten: wenn sie voll ist, bekommt man 36 marmeladengefüllte Hörnchen.
Darf man die vorher probieren?, fragen wir, gewieft. Das muss die Verkäuferin ihre Kollegin fragen; die kommt aus dem Hintergrund nach vorne zur Theke, ihre Haut ist grün mit schwarzen Pünktchen, aber wir dürfen die Hörnchen testen.
Können wir auch drei haben?, fragen wir, mutig geworden. Wir bekommen die ganze Packung – die Hörnchen stellen sich enttäuschend als eine Art gefüllter Grissini heraus. Aber man nimmt, was man kriegt, also wollen wir ab jetzt Punkte sammeln.

In der nächsten Szene sitze ich mit der grünhäutigen Verkäuferin in einem schwarzen Auto und wir arbeiten uns durch wirre Einbahnstraßen und Unterführungen und Abkürzungen und Verkehr, ich kann nicht mehr sagen, warum wir das machen, aber es ist sehr wichtig, und im Laden wartet immer noch meine Freundin.
Der Traum kippt ab ins Chaos, Handlung und Personen verwischen sich, werden zu etwas Neuem, obwohl sie sich noch vertraut anfühlen, und schließlich bin ich ein kleiner Waisenjunge, der aus all dem Chaos die Chance zur Flucht ergreift und, nachdem er dem letzten seiner Häscher entkommen ist, im Sonnenschein über eine riesige Brücke spaziert. Wohin?

Sind die Frühstücksbrötchen je an ihren Bestimmungsort gekommen? Haben wir zu dritt gefrühstückt, währen der kleine Junge sich in die Freiheit gekämpft hat? Wie schmecken die Hörnchen?