Checkpoint

Ich erinnere mich: vor zwei Jahren etwa bin ich durch den Park gegangen, es war Frühling, noch etwas früher im Jahr als jetzt, und ich habe darüber nachgedacht, wie sich das alles so unendlich wiederholt – das Blühen und Drängen und Aufatmen – , und wie es in allen einen Hunger weckt danach, sich in ihrer Lebendigkeit zu spüren, und ich habe gedacht: ich bin froh, wenn meine Kraft überhaupt für ein ganzes Leben ausreicht. Wie soll man das aushalten, dieses dauernde Wundreiben, wie kann man siebzig Jahre lang stark genug sein, immer noch ein Trotzdem in sich zu finden?

Das denke ich nicht mehr. Jetzt schwebe ich irgendwo zwischen allen Zuständen, steige mit der neu entdeckten Zuversicht auf wie ein Ballon und stoße an eine Decke aus massivem Selbstzweifel. Oder etwas anderem? Da hänge ich jetzt.
Das ist eine völlig idiotische Form des Daseins.

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Aber: ich will was vom Leben.

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26.04.

Schon wieder:
es klappt eben nicht. Ich möchte seit über einer Woche meine Wohnung putzen, joggen gehen, ans Studieren denke ich lieber gar nicht erst, es funktioniert ohnehin nichts davon. Warum eigentlich?

Sie habe noch nicht verstanden, was das Problem an der Masterarbeit sei, sagt meine (hoffentlich?) neue Psychologin. Ich verstehe das auch nicht. Sie sagt, für sie klinge es nicht nach fehlender Disziplin, was irgendwie schön ist, weil das bedeutet, dass ich kein faules Stück bin, das sich in der leidenden Rolle gefällt. Aber erklärt und gelöst ist natürlich noch nichts und ich habe mir so geschworen, dass in dieser neuen Wohnung jetzt wirklich alles anders werden soll – ja, tja.

Ich kann auch nicht behaupten, dass es mir wirklich schlecht ginge. Es sind nur alle Möglichkeiten, wie ich mich fühlen könnte, von mir abgetrennt und versiegelt, das macht es aber nicht einfacher, nur – taub.
Wozu ist das gut? Ich heule nicht, aber ich möchte auch nichts. Zwischen mir und dem Rest liegt ein Jammertal, das zu durchschreiten ich mich weigere, unten warten die alten Drachen, und die bin ich so leid.

(Ein Abend wie gestern durchschlägt diesen Panzer kurzzeitig, aber das verliert sich mit dem nächsten Morgen, wenn der neue Tag mich trübe durchs Fenster anglotzt, was soll das, ich kann jetzt keinen neuen Tag gebrauchen, so viele Tage seit Jahren liegen noch unangebrochen auf der Seite, die hab ich auch noch nicht gelebt.)

I felt just like a stormcloud rising

Wir gehen ins Kino. Vorher liegen wir auf der Wiese und reden, die Freundschaft zu dir ist intensiv, auch dieser Moment ist es – ich beobachte dich beim Reden, wie ein Verliebter es tun würde. Dann der Film, ebenfalls intensiv, herzzerreißend, tragisch, lebhaft, beim Abspann weiß keiner im Saal, was nun zu sagen wäre. Niemand rührt sich. Du hast neben mir geweint.

Auf dem Heimweg klapperst du im Nachtwind mit den Zähnen, vor Kälte und vor Aufregung, ich weiß, warum: dieses Gefühl, diese Intensität, diese Wucht, mit der Emotionen jetzt in dir wie in mir arbeiten, ein berauschender Zustand völliger Überreizung: DAS ist ES, darum geht es, so will ich fühlen, das will ich teilen.
Auf dem Fahrrad durch die Nacht, die leeren Straßen, Geschwindigkeit, die das Gefühl verstärkt.

Den Tag vorher habe ich verloren. Aufgewacht, gewusst: es geht nicht, und es ging auch nicht. Wie lebt man denn?

 

(Wir reden von Liebe. Du verstehst alles, auch meine beschämende Obsession für ihn, die gar nicht ihm gilt, sondern der wirren Idee von etwas, das vage mit ihm zu tun hatte, als es zu wuchern begann.)

 

work/life

Ist das nicht paradox? Alles mit Leuten fällt mir schwer. Und trotzdem ist alles ohne Leute, alles, was ich nur für mich tun soll, das Allerschlimmste, Sinnloseste auf der Welt.

Jedenfalls, was Arbeit, Studium, Berufspläne angeht. Mein Balkon ist auch so OK. Und Schreiben. Aber trotzdem brauche ich Kontakt und Gespräch und Bestätigung und Nähe, für mich selbst könne ich wohl auch einfach ein Grashalm sein, ein bisschen Sonnenlicht, das wäre schon OK, und sonst keine Gedanken. Stimmt das? Was will ich von mir, wenn keiner hinschaut?

23.04.

Zwei Stunden an der Uni und ich bin so fertig, dass ich mich kaum noch rühren kann. Die Nacht vorher: schlaflos. Wie hab ich es früher geschafft, lange Tage mit verschiedenen Veranstaltungen zu überstehen? Und mehrere davon, hintereinander?

Im Kolloquium höre ich zu und interessiere mich, hier stellen kluge Leute ihre klugen Projekte vor – außer heute, vielleicht. Deine Idee ist irgendwie verworren. Aber du bist ziemlich hübsch und ich schaue dich gern an, während du sprichst – dabei denke ich, aus dir wird mal was, auch wenn du’s nicht so richtig drauf hast, aber du bist ehrgeizig und kennst die richtigen Leute und weißt einfach, wie ES geht. Es: Karriere. Natürlich frage ich mich automatisch, wieso ich es nicht wie du mache, immerhin bin ich ziemlich klug und mir fallen die richtigen Fragen ein – aber dieses merkwürdige System Universität kommt mir nicht vor wie eines, in dem ich leben möchte. Ich hoffe, das ist die Wahrheit und keine Ausrede, ich hoffe, in zehn Jahren werde ich mir meinen mangelnden Ehrgeiz nicht vorwerfen, aber bitte, ich möchte nur irgendwie diese Masterarbeit schreiben und halbwegs heil da rauskommen. Geht sowieso schon viel zu lang.
Worüber schreiben, übrigens? Was immer ich in den letzten Jahren über Kunstgeschichte gelernt habe, liegt derart brach, dass meine Kompetenz im Moment bei „ich mag Bilder“ liegt.
Und 19. Jahrhundert. Das 19. Jahrhundert ist gut, und zwar der ganz harte Kitsch, Romantik, Symbolismus, das ist so unbefangen bunt und sentimental, großartig – aber ich will lieber nur gucken, bitte, nicht forschen. Ich bin auch nicht sicher, ob meine Betreuerin auf geilen Kitsch steht. Da muss sie jetzt durch.

Während die anderen also über Kircheninterieurs und Repoussoirfiguren diskutieren und über den Projektentwurf dahinter, verarbeite ich außerdem, wie die Rednerin aussieht, sich gibt, wie sie mit der Dozentin spricht (vertraut), dass ihre Hand zittert, wenn sie den Pointer benutzt, dabei ist ihre Stimme fest, ich beobachte, wie sich andere Teilnehmerinnen einschalten, in welchem Verhältnis sie zu einander, zur Rednerin, zur Dozentin stehen, wo Distanzen aufscheinen, wo Lachen Sympathie bezeigt, wie sich wer gibt, wie sich jede angezogen hat, wie hübsch das Mädchen mir gegenüber ist (wahnsinnig hübsch), dass kein einziger Mann anwesend ist und wie ich das finde (angenehm. darf ich das?), ich nehme wahr, wie es jeder im Raum geht und wie Interaktionen entstehen, funktionieren oder scheitern, wie konstruktiv und sachlich die Stimmung ist und dabei bin ich die ganze Zeit noch damit beschäftigt, mich selbst in diesem Gefüge zu verorten, ich laufe auf Hochtouren, kein Wunder, dass ich nachher fertig bin, aber eigentlich ist das Ganze gar nicht so scheiße. Ich würde gerne gerner hingehen.

Danach treffe ich eine Freundin und erkläre ihr, dass ich nicht gern auf ihre Hochzeit gehe und daher nicht lange bleiben werde. Sie ist verständnisvoll, aber irgendwie kommen wir trotzdem nicht zueinander, in diesem Gespräch. Irgendwas bleibt zwischen uns. Vielleicht ich.

Schließlich fahre ich durch den anhaltenden Regen nach Hause, mache Smalltalk mit dem Nachbarn, den ich mag, aber wie geht das eigentlich, wie verhält man sich denn jetzt zu Menschen, das hat mir immer noch keiner erklärt, und jetzt bin ich hier und müde und so, so hungrig.

Morgen ein neues Erstgespräch, auf das ich absurderweise alle Hoffnung der Welt setze.
Mein Liebesleben ist wirr.
Und das ist alles.

 

Isabel mit Ungeheuer

Ich schreibe wieder, ich schreibe weiter: an meiner Geschichte über Isabel, oder, damit es erwachsener klingt, sage ich: an meiner Erzählung. Sie ist schon über drei Jahre alt und plötzlich hat sie einen Anfang und ein Ende und es fehlt eigentlich gar nicht mehr viel, dann hat sie auch etwas, das von Anfang bis Ende trägt.
Ich gebe sie Leuten zu lesen, die mir wichtig sind und die ich für klug und literaturbeflissen halte, und sie sagen mir: gut. Die Geschichte ist gut.
Erstaunlich.

Arkadien, Balkonien

Ich bin in eine neue Wohnung gezogen. Da mein Vater sie bezahlt, zählt sie wohl noch als Studentenbude, aber irgendwann möchte ich nicht von hier ausziehen, sondern die Wohnung selbst bezahlen. Noch nie hat ein Ort, an dem ich gewohnt habe, mich so zuverlässig und dauerhaft mit Freude erfüllt. Ist das jetzt dieses „Zuhause“, von dem alle reden?

Die Wohnung hat Macken. Unbestreitbar, sie ist weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber pardon, ich bin auch nicht perfekt, wir passen wunderbar zusammen. Die Küche ist zu klein und ich habe immer noch keinen Wasserkocher gekauft, aber ich freue mich – ich freue mich tatsächlich – über jeden Topf Wasser, den ich auf dem Herd koche. Für den Kaffee am Morgen, meinen Kaffee aus meiner Kaffeedose, den ich aus einer meiner Tassen trinke, und zwar in meinem Korbsessel, auf meinem Balkon. (Übrigens, dieser fantastische Korbsessel: in kein Möbelstück der Welt habe ich mich je so verliebt. Ich liebe ihn so sehr, dass ich es sogar mag, wenn andere Leute darin sitzen und ich sie anschauen kann, umfangen vom Flechtwerk meines Sessels. Obsession für unbelebte Gegenstände.)

Und dann der Balkon. Ich wünschte, mein ganzes Leben wäre ein Sonnentag auf diesem Balkon: Hier wachsen Blumen, für die ich sorge, und meine alten Zimmerpflanzen gewöhnen sich blinzelnd ans Sonnenlicht, während die Ranunkeln unbefangen ihre schweren Köpfe ins Himmelblau recken. Ich habe einen Sonnenschirm gekauft, um vernünftig zu sein, aber in Wahrheit möchte ich mich der Sonne aussetzen, bis sie Haut und Knochen durchdringt und alle Dunkelheit und Wirren sich endgültig in Licht und Wärme auflösen. Das könnte passieren, da bin ich sicher.

Alles an dem Balkon ist so berückend heil und einfach.