Beschwerde

Wenn jemand sagt, er ist Fotograf, und dann guckt man auf seine Website und da sind vor allem Bilder von sinnfrei irgendwo drapierten Mädchen, die lasziv oder sehnsüchtig gucken, dann kann ich den nicht ernst nehmen. Weder als Fotograf noch als Mensch noch als Künstler. Ich habe gesprochen.

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Worte, Seiten, Bände

Ich lese: vor einem Jahr hab ich wieder damit angefangen, mit A. S. Byatts „Buch der Kinder“ (noch nie so Schönes über Kunst gelesen, noch nie so voller Staunen durch sich Wort um Wort auffaltende Panoramen gewandert, wenn irgendwo die Weltausstellung in Paris erwähnt wird, denke ich jetzt, ich war dort), und nach der Bekanntschaft mit Byatts neunzehntem Jahrhundert lese ich einfach weiter und aufs Lesen folgt das Schreiben. Als ich wieder bei Atwood herauskomme, fange ich beim Lesen an, selbst Ideen zu haben, Isabels Geschichte hat sich von einem wuchernden Kuriositätenkabinett in ein handfestes Ding mit Handlung und Bedeutung entwickelt, und wie ich heute in der Sonne sitze (Kokos-Nougat-Eis!) und lese, spinnen sich alle halbe Seite aus dem Gelesenen eigene Ideen. Jetzt nur nicht aufhören.

Ein Buch angucken

Ich gucke „Alias Grace“ auf Netflix und suche dabei beständig nach dem Wort hinter dem bewegten Bild – und immer, wenn die Hauptdarstellerin Margaret Atwoods lange, schöne Textpassagen spricht, denke ich: Das ist es doch. Das ist es doch! Wie kann Sprache so klar und schön sein und so stark? Da ist nichts Überflüssiges gesagt, alles ganz präzise, aber niemals kühl. Ich möchte Margaret Atwood zu meiner neuen Lieblingsschriftstellerin machen und alles verschlingen, was ich von ihr zwischen die Zähne bekommen kann.

Ob ich mir die Verfilmung von „A Handmaid’s Tale“ geben will, weiß ich noch nicht. Irgendwie mag ich an „Alias Grace“, dass hier Frauen über Frauen sprechen, und der männliche Producer von „A Handmaid’s Tale“ irritiert mich. Sollte er vielleicht nicht. Vielleicht tut er’s auch nur, weil das dauernd so ist – Männer, die Frauen zeigen, seit hunderten von Jahren. Oder?

29.05.

Was macht es mit mir, wenn der Mensch, in dessen Hände ich mich begeben habe, mir sagt, dass ich krank bin? Vielleicht ist geschehen, was ich befürchtet habe: sobald die Diagnose im Raum steht, wache ich jeden Tag auf und denke, dass es mir heute aber wieder echt nicht so gut geht, dass es eh nicht klappen wird, weil ich ja noch nicht gesund bin, dass ich es überhaupt nicht mehr probieren muss. Nicht probieren kann.
Vielleicht wäre das sowieso passiert. Ich kann’s nicht sagen, wie ich überhaupt nicht mehr viel darüber sagen kann, was in mir und mit mir passiert.

Ich kann das nicht allein, denke ich, fühle ich, ich brauche wirklich jemanden, der mir hilft, diese Selbstsabotage in ihrer endlosen Wiederholung ist das wütende Bestehen darauf, dass jemand kommen soll, um mir zu helfen. Und dieses Gefühl ist weit größer, als dass man es in einer einstündigen Sitzung alle sieben Tage bändigen könnte.
Danach und dazwischen bin ich immer wieder auf mich allein zurückgeworfen. Es gibt niemanden, der einfach selbstverständlich immer da ist. Ich sehe den Halt, den Freunde aus ihren Partnerschaften ziehen, und denke, anscheinend muss irgendetwas daran wirklich helfen. Es muss wirklich helfen, nicht allein zu sein.

(In der ersten oder zweiten Sitzung hat die Therapeutin gefragt, ob ich einsam sei. Nein, hab ich geantwortet. Warum eigentlich?)

 

Lügnerin

Ich habe zu Isabel gesagt: heute werde ich dich zurechtmachen und dich auf die Reise schicken. Nach Köln und Berlin sollst du fahren, ein Exposé gebe ich dir mit, um dich vorzustellen, und wenn wir Glück haben, du und ich, werden sie dich fast so sehr lieben wie ich. –

Ich hab es aber nicht geschafft, nicht einmal für Isabel habe ich es geschafft, aus Heute einen echten Tag zu machen, nicht einmal für etwas, das ich schon immer mehr gewollt habe als alles andere, und wenn das schon kein Grund ist, irgendetwas zu tun, wo soll ich dann noch Gründe hernehmen?

Isabel geht in die Welt

Ich will bei einem Literaturwettbewerb mitmachen. Sogar bei zweien. Die Erzählung, die ich einreichen möchte, ist ein Galopp durch mein Seelenleben, aber auch ein eigenständiges Stück Literatur: Isabel passiert alles, was ich fühle, in Extremform, und sie reagiert wütender und heftiger, als ich je könnte. Die ganze Handlung soll schlimm und schön auf einmal sein, verwirrend und befreiend, Isabel stürmt durch ihre Welt wie ein Feuerball durchs Dickicht, sie ist verantwortungslos und impulsiv und nicht zu bändigen, beim Lesen soll es wehtun – aber auch gut.
Isabels Geschichte begleitet mich schon so lange, dass ich das Gefühl habe, wenn sie zu Ende geschrieben ist, habe ich nichts mehr zu sagen.

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Nachbarschaft

Ich glaube, ich mag meinen Nachbarn nur nicht, weil er neben mir wohnt. Wenn er woanders laut wäre, wäre mir das egal und ich fände ihn sicherlich einen sehr netten älteren Herrn. So aber weiß ich, was sein Handy-Klingelton ist, dass er Videospiele mag, Stille ohne laufenden Fernseher nicht erträgt und sehr gesellig ist. Und wie laut seine Freunde reden. Und wann sie sich am liebsten treffen (zwischen zehn und zwei Uhr nachts).

Der alleingelassene Hund jault immer noch: ich hoffe, dass das nicht eine dieser Geschichten ist, in der eine verstorbene Person erst Wochen später in ihrer Wohnung gefunden wird, außerdem mache ich mir langsam Sorgen um den Hund. Er klingt klein und verzweifelt.

Die Familie gegenüber hat dauerhaft das Fenster verhängt, das direkt gegenüber von meinem Balkon liegt. Soll ich nicht gucken oder wollen die mich nicht sehen?

Die Familie unter mir dagegen findet, der oberste Treppenabsatz (der, den sie nicht benutzen müssen, aber die drei Parteien ganz oben) sei ein toller Ort, um ihre sperrigen Bäumchen zu überwintern. Nachdem ich mich monatelang an den dummen Dingern vorbeigequetscht habe, hängen sie einen Beschwerdebrief ins Treppenhaus, weil ihnen die Fahrräder im Eingangsbereich im Weg sind – ich bekomme sogar einen eigenen: „Hallo Nachbarin!“ Game on.

 

Mein Lieblingsnachbar ist die Motte, die in mein Badezimmer gezogen ist: seit ich sie einmal vor dem Ertrinken gerettet habe, hat sie begriffen, dass die Dusche nichts für sie ist, und wohnt jetzt meistens an der Wand rund um den Spiegel. Ich freu mich immer, wenn wir uns begegnen und bei einem Kaffee ein bisschen quatschen.