All the madmen

Ich stehe auf einem wüsten Stück Boden. Warum ich nicht in ein besseres Land gestellt worden bin, weiß ich nicht. Bin ich’s nicht wert? Das darf man nicht sagen. Reicher als ich kann nirgends ein Strauch aufgehn.

Das hat Kafka aufgeschrieben. Ein Verbündeter: ich sammle die Sensiblen, Beschädigten, Besonderen, die Kuriosen, die innerlich Zerrissenen – wir könnten so groß sein (wenn wir nur könnten), wir schmecken das Leben klarer, unsere Sonne brennt heißer, wir lieben tiefer und sehnen uns weiter, wir sehen und tragen nach Hause und bewahren: wie du gelächelt hast, wie dein Haar im Gegenlicht aussah, ob Zärtlichkeit in deiner Geste lag, als du ein Buch zur Hand nahmst.
Vielleicht sind wir beständig Verliebte – in jedes Haar an jedem Hund, in jedes grüne Blatt, in jeden beliebigen Fremden, und unsere Liebe wird beständig enttäuscht, zurückgewiesen, erwidert, hintergangen, bestärkt, ausgenutzt, hingehalten, angefacht, erprobt.
Wir erkennen uns in der Musik, der Dichtung, der Malerei fremder Künstler wieder, und wir erkennen einander: beinahe wie ein Geheimcode ist das Wort „Psychotherapie“, wir hören es und verstehen: einer von uns.
Dann können wir sprechen, ohne uns zu erklären, denn wir wissen schon, dass andere Realitäten unsere Entscheidungen bedingen, dass Handlungen, die irrational wirken mögen, in Wahrheit folgerichtig und unausweichlich waren, dass das Naheliegende oft auch das Unmögliche ist.

Es ist nicht unsere Schuld, dass wir nicht gerade wachsen durften. Vielleicht wären wir gerne weniger reiches Strauchwerk in einem fruchtbareren Boden, vielleicht würden wir gerne bei den anderen in den sanften Tälern wurzeln, aber wir sind an die Berghänge verbannt, in Staub und Geröll, einen Wechsel von Hitze und Frost.



 

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Frühlingsgewühl, 2

Ich habe mich mit einem anderen Mann verabredet. Da ich nicht anders kann, bringe ich ihm ein Stück von dir mit: ich gehe in den Wald, wo ich dich vergraben habe, und grabe dich wieder aus. Ich hebe dich aus dem dunklen, feuchen Loch und schlage das Geschirrtuch auseinander: kompakt und dunkel liegst du in meiner Hand.
Du hast noch nicht zu keimen begonnen. Kannst du das überhaupt? Jetzt zücke ich das Messer und schneide dir eine Kante ab.
Der Schnitt ist natürlich makellos glatt. Ich frag mich, ob sich im Innern des Quaders noch etwas Anderes verbirgt oder ob du wirklich nichts bist als schwarze Unberührbarkeit. Ich packe dich wieder ein und lege dich zurück in dein Loch, dann schaufle ich es wieder zu und stecke in die Hosentasche, was ich dir abgeschnitten habe: ein kieselgroßes Eckchen. So fahre ich in die Stadt.

Er und ich lassen uns vom vulgären Lärm der Betrunkenen aus der Innenstadt vertreiben und verstecken uns in der Burg auf einem Spielplatz. Oben auf dem überdachten Turm sitzen wir windgeschützt im Dunkeln, jetzt will ich ihm das Stück von dir zeigen, aber er hat auch eins dabei, also teilen wir beides. Wir kauen stumm im Dunkeln auf der Kinderburg. Es schmeckt nicht gut und macht den Mund trocken.
Ich bin froh.

Frühlingsgewühl

Unruhe packt mich, treibt mich hoch, aus dem Haus: ich gehe spazieren. Oder eher: ich tobe durch den Wald, wie es in mir tobt.

Was immer ich in dich bin – verliebt? vernarrt? verrannt! – , es sitzt als fester Knoten an der weichen Stelle unter den Rippen, das muss man mal aushalten, beim Stillsitzen wird es schlimmer, also spaziere ich. Das hilft auch nicht, also gehe ich auf den Spielplatz und fange an zu schaukeln. Das hilft nun sehr. Du wirst von dem Ziehen beim Abwärtsschwung verdrängt, außerdem wird mir ein bisschen schlecht, was immer noch besser ist als deine Reste.
Ich schaukle, bis mir nicht mehr übel ist, und dann weiter, bis ich außer Atem komme. Danach streife ich weiter über den Spielplatz und von dort in den Wald, springe über Felsen und Bänke und Baumstämme, versuche, auf einer Bank den Ausblick zu genießen: die Dämmerung über meiner Stadt, ein Wolkenhimmel wie gemalt, aber sowie ich stillsitze, fühle ich dich wieder in mir, also gehe ich nach Hause und nehme ein Küchenmesser und schneide vorsichtig meinen Bauch auf. Das tut weh, aber nicht so sehr wie du.

Ich schneide dich heraus – du bist ein Quader mit gleich langen Kanten, glatt und schwarz, mein Blut klebt daran, jetzt ist mir leichter. Deine Kantenlänge beträgt etwas mehr als meine Handfläche, und das habe ich die ganze Zeit mit mir herumgeschleppt, das muss man sich mal vorstellen.
Ich nähe mich vorsichtig wieder zu. Natürlich ist da jetzt ein Hohlraum, auf den ich in nächster Zeit aufpassen muss, ich weiß noch nicht, womit ich ihn füllen werde. Den schwarzen Quader, der du bist, schlage ich in ein Geschirrtuch und vergrabe ihn im Wald. Ich frage mich, ob das ein Grab ist oder ob aus dir etwas wachsen wird, ein monströser Baum, eine bizarre Skulptur, ein wucherndes Zerrbild – ich werde jeden Tag zurückkommen und vorsichtshalber Wasser auf dich gießen.

09.05.

Wir müssen noch über Ihre Symptome reden, findet meine Therapeutin.

Symptome, denke ich, ich hab doch gar keine. Ich hänge ja nur zu viel rum. Aber dann erzähle ich ihr, wie ich lebe, und das ist überraschend traurig.

Ich glaube, aber wer weiß, ob das die Wahrheit ist, dass diese depressiven Phasen nicht das Grundproblem sind; dass sie einen konkreten Auslöser haben, der so tief in mir wurzelt, dass ich keine Wahl haben werde, als damit zu leben. Aber leben würde ich eben gerne mehr – ich habe so viel verloren, das Tanzen, den Filmclub, das Ausgehen, die Schreibwerkstatt, den Sport, den Chor, diverse Nebenjobs, und jetzt bin ich dabei, noch die Uni zu schmeißen – was soll das denn sein, das ist ein verneintes Leben, eine Aneinanderreihung von Leerstellen und Rückziehern, ich bin eine vertrocknende Pflanze.
Aber Sie leben doch jetzt auch, sagt die Therapeutin. Ich weiß nicht, ob ich das auch so sehe. Wohin jetzt? Wohin, wohin?

Come on back, Jack*

Wahrheit: ich komm nicht von dir los. Warum eigentlich? Ich weiß es besser. Ich weiß, bei dir gibt es nichts für mich, und trotzdem komme ich zu dir mit all meinem Hunger.
Sage mich los und finde mich Tage später wieder bei dir, wirr und fiebrig, völlig zerrissen, daneben du, ein Monolith.
Händeringend stehe ich neben mir und rufe: Geh nicht hinein! Aber schon fällt deine Tür hinter mir ins Schloss und ich stehe im vertrauten Geruch deiner Wohnung, der über mir zusammenschlägt, und nun gibt es kein Entrinnen, dabei will ich vielleicht nicht einmal hier sein.

Und du – freundlich, aber ungerührt.

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*ein Song von Nina Simone. Vielleicht sind alle fabelhaften Songs von Nina Simone.

Fluchtstücke

Ich lese ein neues Buch. Ich weiß nicht, ob es ein gutes Buch ist, vielleicht ist es kitschig – die Sprache darin ist selbst in der Übersetzung aus dem Englischen noch atemberaubend schön und bilderreich, die Handlung hingegen ist schrecklich: um den zweiten Weltkrieg geht es und um einen Jungen, dessen (jüdische) Familie von deutschen Soldaten ermordet wird, das geschieht in Polen; ein griechischer Archäologe nimmt ihn mit zu sich nach Hause und versteckt ihn, bis der Krieg vorbei ist und beide nach Toronto ziehen (ziehen, nicht flüchten, dann wieder). Und die Autorin, Anne Michaels, packt alles Furchtbare des Krieges direkt neben das Schöne, Liebevolle, manchmal Zauberhafte im Alltag der Protagonisten, Schrecken und Geborgenheit dicht an dicht in so magischen Bildern, dass man sich – ich mich dem unmöglich entziehen kann. Ich weine nicht oft beim Lesen, aber dieses Buch bringt mich zum Weinen; ich glaube, Frau Michaels berührt mit ihren Bildern eine viel tiefere Ebene, als jeder Tatsachenbericht es könnte. Ich kann nur nicht zu lange am Stück darin lesen, weil der Junge Jakob in seiner Versehrtheit so immens einsam ist, dass man es selbst als weit entfernter Leser kaum aushält.
„Fluchtstücke“ heißt das Buch und gefunden habe ich es in einer Kiste mit zu verschenkenden Büchern; erwartet habe ich wenig und jetzt macht es so viel mit mir – Kafka fände das sicher gut mit seinem Ausspruch über Bücher, die Äxte sein sollen.
Ich würde auch gerne eine Axt schreiben.