A little sweetness

Soundtrack dieses Texts:


Und nach all der Trübsal und dem dumpfen Treiben in einer undefinierbaren Unerträglichkeit plötzlich das hier: Tage, die angefüllt sind mit dem bloßen, nackten Hunger nach Leben. Der bricht über mich herein, unbedingt und stürmisch, und so sitze ich auf dem Balkon und falle bei Kerzenlicht in den Sternenhimmel, so dunkel, so weit, ich falle durch den großen Wagen in ein Lebendigsein, das in seiner Schönheit unerträglich groß ist, und jetzt begehre ich alles: ich will Zärtlichkeit und Augenblicke, die zählen, bei Nacht will ich durch die Stadt streifen und mich berauschen an der milden, wilden Luft, dem Dunkel, dem Laternenlicht, den unzähligen möglichen Geheimnissen, den Erzählungen des Nachtwinds – oh, ich kenne den Nachtwind und er kennt mich, wir teilen die gleiche Sehnsucht, berührt zu werden, aber wer könnte seine Hand auf den Wind legen und wer mich wahrhaft erreichen, einsam sind wir und dürsten nach der gleichen Hingabe.

Und was ich habe, sind nichts als Worte, und indem ich sie aufschreibe, gebiert jedes Wort einen eigenen, neuen Hunger: wir hungern nach den Sternen und nach jemandes Armen und nach einem anderen Körper, nach neuem Leben, all die ungelebten Wochen heben jetzt die Köpfe und fordern ungebärdig ihr Recht – oh, wir sind so bereit, wir starren ins samtige Dunkel zwischen den Sternen und warten nur auf unsere Sternschnuppe, wir warten und warten, wir sind noch so jung.

Ich will meinen Körper spüren.

Kein Problem

Das mit der Zuverlässigkeit. Wenn mir jemand etwas anvertraut, eine Aufgabe, dann überrascht mich das jedes Mal wieder. Gerade zum Beispiel. Bist du sicher, dass du möchtest, dass ich deine Pflanzen gieße, während du im Urlaub bist? Ich, die keine Verabredung einhalten und nicht mal jeden Abend Zähne putzen kann, bist du sicher, dass du mir das Wohlergehen deiner Zimmerpflanzen in die Hand geben möchtest? Hast du niemand anders oder was?

Und gleichzeitig: wie erstaunlich, dass all das – mein offensichtliches, immer wieder offenbartes, tausendmal erzähltes Scheitern am Alltag – nicht dazu führt, dass man mir dieses Bisschen Normalität nicht zutrauen würde.

Aber Gott, hab ich Angst, dass diese Pflanzen eingehen.

 

Dann weiß ich auch nicht

Mein Nachbar schreibt mir: Wie geht es dir? – Gut, sage ich, ein bisschen müde, und dir?
Es gehe ihm gut, antwortet er, aber er habe ein paar Probleme. Oh-oh, denke ich, weil ich heute Abend lieber keine Probleme mehr lösen möchte, aber ich frage, was los ist, weil ich nett sein will.
Er schreibt, er habe einen Job gefunden, aber jetzt sei er verwirrt.

Warum?, frage ich.

Weiß ich nicht, sagt er.

Das spricht in der Tat für große Verwirrung.

Rauschen

„Wie lange hält denn dieser Zustand normalerweise an?“, fragt die neue Therapeutin. Sie meint: dieses Nicht-Leben, dieser Stillstand, dieses reine Vegetieren: niemanden gesprochen, niemanden gesehen, zuhause geblieben, bis der Kühlschrank leer war. So geht das nicht weiter, das liegt auf der Hand, aber wo es sonst hin gehen soll – – ?

Dieser Zustand, antworte ich, hält meistens bis zu einer Woche an. Dann geht’s wieder, aber so aufmunternd ist das nicht, schließlich reihen sich solche Zustandswochen in beliebiger Wiederholung aneinander. Und ich muss unbedingt aufhören, dauernd irgendwo Wochen zu verlieren, immerhin hat ein Jahr nur 52 davon.
Wie viele Wochen habe ich schon verloren, wie viele Wochen im Vergleich dazu wirklich gelebt, was macht das mit mir, wie viel mehr habe ich meine Wirbelsäule gekrümmt in den bewegungslosen Tagen vor dem Laptop, was habe ich verpasst? Und wo?

Wie viele Freundschaften habe ich daran verschlissen.

Ich gebe diesem Studium noch zwei Monate.