28.06.

Faustregel: je mehr ich blogge, desto mehr ist im Argen.

Das Antidepressivum macht, dass mir schlecht ist, was schonmal gegen meinen Schokoladenkonsum hilft. Alles andere wird sich erst in ein paar Wochen zeigen.
Die Klinik schreibt mir, dass sie mich auf die Warteliste setzt. Was?, denke ich, Nein, ich hab doch keine Ahnung, ob ich wirklich zu euch will. Ihr seht sehr unheimlich aus, von hier. – Sie schicken einen seitenlangen Fragebogen mit. Ich werfe einen Blick auf die letzte Seite: „Was sind Ihre Befürchtungen bezüglich Ihres Aufenthalts bei uns?“ Ach, denke ich, alles, und lege den ganzen Schrieb beiseite.

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Oh, Jessica!

Weil ich sehr verliebt bin in Krysten Ritters Jessica Jones und nach den beiden Staffeln auf Netflix nicht von ihr lassen kann, gucke ich in meinem Liebeskummer auch noch die Defenders, dabei finde ich Marvel-Verfilmungen meistens lahm (Ehre, Erbe, Welt retten, Gut, Böse, Bestimmung, mehr Ehre, leere Dialoge, Liebe ist unmöglich – Liebe geht doch, nichts Neues).

Die „Defenders“ sind auch nicht besonders aufregend. Immerhin gibt es neben Jessica eine ganze Menge weiblicher Figuren – das Internet scheint sich über sie zu freuen, die fiesen Frauen funktionieren auch, aber was ist los bei den Guten? Die Dynamik zwischen weiblichen und männlichen Figuren fühlt sich an wie eine Familienfeier: vordergründig tun alle das Gleiche, aber in Wahrheit machen die Frauen irgendwann den Abwasch oder noch mehr Kaffee, und die Männer bleiben im Wohnzimmer sitzen und reden laut.
In den „Defenders“ machen die Männer auch viel Krach und diskutieren eine Menge und prügeln sich, während die Frauen im Hintergrund vernünftig schalten und walten, mit gedämpften Stimmen besorgte Gespräche führen und zwischendurch die Kerle zu Vernunft bringen. Die Superhelden stehen plötzlich da wie dumme kleine Jungen, die Frauen dagegen wirken wie nachsichtige Mütter. Bis auf Jessica, die sich prügelt und ab und an den Laden rettet, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Gute Frau.

 

Unbekümmert

Ein Schmetterling hat sich in meine Wohnung verirrt und flattert gegen die Scheibe des Dachfensters. Es dauert eine Weile, bis ich ihm den Weg nach draußen erklärt habe; dann taumelt er davon, übers Dach hinab in die Weite der Straße und Vorgärten, und hat doch der großen, wilden Welt nichts entgegenzusetzen als seinen kleinen Schmetterlingsverstand.

Check ich nicht

Auf ganz vielen Blogs soll man einen Einblick in die „kleine Welt“ des Autors oder der Autorin kriegen. Warum „klein“? „Meine kleine Welt“, das klingt so unnötig zaghaft, als wollte man sich für den Inhalt schon von vornherein entschuldigen, denn in meiner kleinen Welt gibt es ja nur meine kleinen Gedanken, die aus meinem kleinen, armen, unwissenden, unzulänglichen Kopf kommen, bitte nicht böse werden.
Oder es klingt nach Puppenstube, nach Spielzeug, nach künstlicher Verniedlichung, meine kleine, süße, unschuldige Welt, die gar nicht viel Platz wegnimmt, bittesehr, denn sie ist ja nur so klein, und auch sonst ganz unbedeutend.
Steht doch zu euch, meine Güte. Meine Welt jedenfalls ist nicht klein, sie ist riesig und erschreckend und wild und chaotisch und unerträglich schön, und für nichts davon werde ich mich entschuldigen.

Klein! Ich bitte euch.

Wohin soll man euch noch schlagen?*

Ich sitze mit einer Freundin im Café, sie hat eine Bibel mitgebracht und zeigt mir eine Stelle, die sie in eine Fantasy-Geschichte umarbeiten will. Wir kommen in Fahrt und blättern gemeinsam durch das Buch, lesen abwechselnd Abschnitte vor und amüsieren uns prächtig über die Sprache, die bizarren Geschichten, die verknöcherten Ermahnungen. Unser Höhepunkt: Jesaja. Da geht’s ab.
Jesus Sirach dagegen (übrigens nicht in protestantischen Bibeln zu finden, die reformierten Kirchen rechnen ihn zu den Apokryphen, also den nicht-kanonischen biblischen Texten) ist ein großer Langweiler, den wir überhaupt nicht mögen.

Mutig wagt sich die Bedienung immer wieder in die Ecke zu den zwei Verrückten, die sich kichernd über eine Bibel beugen, ganze Seiten daraus vortragen und immer wieder in Gelächter ausbrechen.

 

*Jesaja 1,5

Wunderkammer

Im Gemeinschaftswaschraum liegt seit Wochen ein trauriger schwarzer Pullover, den irgendwer dort ausgesetzt hat. Da ihn offensichtlich keiner vermisst, beschließe ich, dass sein neues Zuhause in meinem Schrank ist; er ist immerhin aus Merinowolle und gut gegen den Winter. Außerdem reizen mich Sachen, die schonmal wem gehört haben –  in neuen Dinge muss eine Seele erst wachsen.

Überhaupt, wie ich an Gegenständen hänge – vielleicht werde ich mal eine verrückte alte Frau in einem kleinen Haus voller Dinge: Bilder und Bücher und Polstermöbel gibt es und alte Schränke voll versunkener Schätze, Gefundenes und Geerbtes fallen durcheinander, Erworbenes, Geschenktes, Vergessenes, Halbgestohlenes wie der Pullover. Und ich werde einsam durch die Räume wandern und mit den Händen über meine Dinge streichen, sie berühren und betrachten und zu ihnen sprechen, jeden Tag, zu all meinen kleinen Geistern.

(Oder so: Ich leben in einer hellen Wohnung, die auch voller Dinge ist, aber weniger durcheinander; in einer der Vorlesungen, in denen ich den jungen Studierenden den Platz wegnehme, lerne ich einen charmanten alten Herrn kennen, und die jungen Leute finden uns süß, weil wir alt und verliebt sind. Wir führen gemeinsam meinen Pudel Tommy spazieren und unternehmen selbstverständlich Busreisen, auf denen wir den Fremdenführer nerven, weil wir alles besser wissen, aber wir machen das mit Absicht, weil wir ihn blöd finden. Außerdem wissen wir es wirklich besser. Wir machen einen Tanzkurs und beschützen den Pudel vor all den Enkelkindern, die ihn mit Schokolade vollstopfen wollen (der Pudel will das allerdings auch). Wir stopfen die Enkelkinder mit Schokolade voll.)

Don’t believe in yourself

Schön, heute ist also kein Tag, ein Un-Tag, ungelebt, ich versuche, mir zu verzeihen, ich mache Pause, ich bin nett zu mir, bekomme ich all meine Un-Tage irgendwo gutgeschrieben? Werde ich hundert Jahre alt?

Ich soll mir wohl keinen Stress deshalb machen. Tha. Muss ich nicht auch etwas von mir selbst erwarten können? Verwandeln fahlgrau-blassrote Kapseln alle Un-Tage in richtige Tage? Es gibt gar keinen Grund, jetzt so wütend zu sein. Ich bin so wütend.