26.06.

Gestern: Ich wache auf mit guter Laune, der ganze Tag ist so schön, alles ist einfach, auf alles hab ich Lust.
Heute: Ich wache auf und das Gegenteil ist wahr. Nehme mir etwas vor, es geht nicht, gar nichts geht, ich bin ein Stein.

 

Teufelszeug

Ich lasse mir ein Antidepressivum verschreiben. Das blieb ein höchst abstrakter Gedanke bis zum heutigen Morgen, da ich vor dem teuren, handgefertigten Schreibtisch einer (übrigens sympathischen) Psychiaterin sitze und schon wieder irgendeiner fremden Person meine innersten Gedanken ausschütte. „Wollen Sie eigentlich nicht mehr leben?“, fragt sie. Ich frage mich, was eigentlich los ist, dass ich in letzter Zeit ständig diese Frage beantworte.
Sie nimmt sich Zeit und ich vertraue ihr, nehme brav Rezept und einen neuen Termin mit, stehe wieder auf der Straße, fühle mich allein und verwirrt, gehe in die Apotheke, hole die Pillen, kaufe tröstliche heiße Schoki und eine Brezel, setze mich ans Stadttheater und schlucke die Pille. Dann lese ich den Beipackzettel. Dann kriege ich es mit der Angst.

Die Psychiaterin hat gesagt: vielleicht leichte Kopfschmerzen. Vielleicht ein flaues Gefühl im Magen, oder Unruhe, aber das kriegt nichtmal jeder. Der Beipackzettel brüllt: „Normal ist vorbei! Dich mach ich fertig! Und Sex wirst du auch keinen mehr haben! Hahaha!“
Schwer vorstellbar, dass sich die Stimmung auch noch aufhellt, wenn sich nur ein Bruchteil von dem ganzen Kram einstellt.

Meine Beschäftigung für die nächsten paar Wochen wird sein, mir so lange Nebenwirkungen einzureden, bis ich selber nicht mehr weiß, ob ich wirklich welche habe. Es gibt auch so ’ne tolle Bandbreite davon, man findet für jedes Pieksen direkt die passende Nebenwirkung. Das wird ein großer Spaß.

Übrigens sind die Tabletten hässlich. Sie sehen scheiße aus. Ohne Witz. Selbst die Pappverpackung ist lieblos. Und die Tabletten sind halb blassrot und halb blassgrün, sieht irgendwie ausgebleicht aus, oder als könnten sie selber etwas Aufheiterung gebrauchen. Ich finde, etwas, das fröhlich machen soll, sollte wenigstens fröhlich aussehen.

Oh, und, die letzte Pointe: würde ich wirklich darüber nachdenken, mir was anzutun, könnte es sein, dass diese – antriebssteigernden – Tabletten mir genau den richtigen Schwung dafür geben.

Was zur Hölle.

Pendel

Zwischen meinen schönen, wilden Bergrücken und dem wüsten Sumpf der Täler liegen sanft geschwungene Matten, auf denen Leben möglich wäre. Doch wenn ich mich aufschwinge, trägt es mich weit über jedes Maß hinaus in atemberaubende Höhen; wenn sich das legt, wenn ich wieder hinab blicke, stürze ich halsbrecherisch, klaftertief, finde mich binnen weniger Herzschläge im finsteren Tal. Keine Ruhe zwischen Euphorie und Trübsal: aber ich bräuchte eine stille Almhütte, um einzukehren und zu bleiben.

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Niedere Instinkte

Ich will eigentlich ganz gemütlich nach Hause rollen auf meinem edlen Streitross, da überholt mich einer. Ha! Könnte mir egal sein, ist es aber nicht, weil irgendein Teil von mir findet, dass er unsympathisch ausschaut, in seinem korrekten Hemdchen. Deshalb überhole ich ihn bei der nächsten Gelegenheit gleich wieder und galoppiere erhobenen Hauptes an ihm vorbei – jetzt muss ich natürlich den restlichen Heimweg auch noch im Renngalopp zurücklegen, damit er mich nicht wieder einholt, aber das geht dann halt nicht anders.

Die Wahrheit über mich: ich hetze mich ab, nur um irgendeinen Fremden zu überholen, weil mir sein Hinterkopf nicht konveniert hat.

Hallowach

Die Hitze zieht mir komplett den Stecker und ich warte bis spät abends, um mich meiner Freundin samt Mitbewohner zum Joggen anzuschließen. Da sie mich zuhause abholen, locke ich sie mit einem Schluck Wasser nach drinnen, um ihnen mein neues Lieblingsbild (Hiob) aufzunötigen, und fühle mich dabei fast wie eine richtige Kunsthistorikerin. Und jetzt, nach dem Lauf, bin ich zu aufgekratzt zum Schlafen.

Meiner Therapeutin habe ich noch nicht von meinem geheimen Masterplan erzählt, nur mit Medikamenten und ohne Klinik die Kurve zu kriegen. Gerade fühle ich mich ganz fabelhaft. Ich mache Sachen und habe Lust auf mehr und auf die Welt und aufs Pläneschmieden, ich fühle mich überhaupt in der Lage, Pläne zu schmieden, ich unternehme mehr, ich habe über die Sportpartnerbörse jemand gefunden, mit dem ich Lindy Hop tanzen könnte, und immerhin habe ich mir heute zwei Kunstbücher gekauft, was als Schritt zurück zur Kunstgeschichte gelten darf. Das ist doch schonmal was.

Ich kippe schon wieder von Nichts in Alles. Ich kenne nur Extreme.

I remember how it ends, we survive

Dieses Bild hat nichts damit zu tun, wie ich mich fühle. Es ist einfach viel zu abgefahren, um es nicht möglichst vielen Leuten zu zeigen. Hier:

Léon Bonnat, Hiob, 1880; Public Domain, via Wikimedia Commons

Hiob, wir erinnern uns, ist der arme Kerl, der Gegenstand einer Wette zwischen Gott und dem Teufel wird. Der Teufel sagt, Hiob sei Gott nur treu, weil es ihm so gut gehe. Gott sagt, bitte, das können wir ja ausprobieren, worauf Satan sich große Mühe gibt, den vorbildlich frommen Hiob vom Glauben abzubringen, indem er ihn ins Unglück stürzt und ihm nach und nach Besitz, Kinder und Gesundheit nimmt. Hiob erträgt jedoch alles, ohne in seinem Glauben zu wanken.
Allerdings versteht er nicht, warum ihm solches Unglück widerfährt, immerhin hat er nichts verbrochen. Da wären wir dann bei Bonnats Bild: Hiob hat alles verloren und klagt Gott an, Gott antwortet, und am Ende sind sich alle einig, dass es unschuldiges Unglück gibt und man durch menschliche Weisheit die Motive Gottes nicht nachvollziehen kann. Und Hiob bekommt einfach neuen Besitz und neue Kinder, so simpel ist das in der Bibel.

Léon Bonnat, der Maler, hat im späten 19. Jahrhundert gearbeitet. Klar! Die coolsten Sachen kommen aus dem 19. Jahrhundert, wenn sie nicht von Rembrandt kommen. Ich muss unbedingt herausfinden, was dieser Mensch noch so gemacht hat und ob der Rest auch so großartig ist.

Ich komme übrigens so zu Hiob: ich stolpere in einen Buchladen und stoße direkt mit Julius Schnorr von Carolsfeld zusammen, der in Form einer Bilderbibel vor mir liegt, Holla, denke ich, das fängt ja gut an, denn Julius ist auch aus dem 19. Jahrhundert, allerdings ein bisschen verkopft, aber eine Hausnummer der Epoche, deshalb ist diese Bibelausgabe der Hit. Ich schnappe sie mir und laufe im nächsten Regal direkt in einen weiteren Bildband mit Bibelgeschichten, schlage ihn auf und sehe mich Auge in Auge mit Hiob (siehe oben). Alter Falter, denke ich.
Und Dinge, die einen dazu bringen, „Alter Falter“ zu denken, soll man niemals ignorieren.

My heart stings from loving things

Dass meine Eltern mich behandeln, als wäre ich krank, während ich mich so fühle wie immer – nicht besser, nicht schlechter, nur frustrierter, müder, gibt mir zu denken. Brauche ich wirklich eine Klinik? Geht’s mir denn so schlecht? Mache ich mir was vor, und allen andern?

Und gestern der Moment mit dem Rennrad, das jetzt in meinem Zimmer steht: ein schlankes, hochbeiniges Pferdchen, das mich mit gespitzten Ohren anblickt. Es wartet, es ist die erste Gewissheit seit Wochen: DAS mag ich.

Gegenstände zu besitzen, ist der Versuch, solche Gewissheiten nicht zu verlieren: ein Rennrad, eine Schreibmaschine, ein Füller, Briefpapier, die gelesenen Bücher, die Kamera, die bunten Röcke, selbst die Tagebücher: einmal gefüllt, rühre ich sie kaum wieder an, aber die bloße Gegenwart der eng beschriebenen Seiten vergewissert mich, dass ich seit sechzehn Jahren da bin. Ich habe sechzehn Jahre nachlesbare Vergangenheit im Rücken (und weitere zwölf stumme), zu irgendetwas haben sie mich gemacht. Etwas liegt gerade kopfüber im Graben.

Ich umgebe mich mit einem Wörterbuch über mich selbst, um mich nachzuschlagen, wenn ich vergesse, wer ich bin, manchmal kommt keine Bedeutung aus den Buchstaben, und dann ist ein einzelner Begriff der Schlüssel, der alle anderen decodiert: Rennrad. Jetzt kommen Blume, Balkon, Frühstück, Küche, Radio, Zeichnung langsam zurück  (vielleicht). Geht das auch ohne Klinik?