Snap out of it

Ich stecke fest. Nichts zu machen. Und jetzt?

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Ich scheine entschieden zu haben, dass ich jetzt gar nichts mehr tue. Darüber kann ich von ferne nachdenken und es von sehr weit her bedenklich finden, aber die Kreatur, die ich da beobachte, sitzt ungerührt von meinen Bedenken auf dem Hinterteil und stopft sich voll mit Netflix und Keksen.

Meine Therapeutin warnte in der letzten Sitzung: Ihr Radius wird immer kleiner. Da ich den Job in der Wäscherei jetzt auch erfolgreich sabotiert habe, sind wir ja wohl langsam bei Null angekommen. Keine Lust, kein Ziel, kein Plan, ich lasse mich voll in die Vorstellung dieser Krankheit fallen, ich versuche mich nicht mal mehr an Lösungen und kann auch nicht mehr unterscheiden, fehlt mir nun die Kraft oder der Wille.

 

Scheiße.

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Stufen des Alarms

Meine Therapeutin sagt, so richtig alarmiert habe sie erst, dass ich ihr gesagt habe, ich schaffe es nicht, jeden Tag meine Blumen zu gießen. Wenn sie die vernachlässigten Blumen schon so in Aufruhr versetzen, was sagt sie wohl dazu, dass ich nicht jeden Abend meine Zähnchen putzen kann?

 

Keine Angst

 

Erstens. Ist sie nicht wunderbar?

Zweitens. Freiheit ist, keine Angst zu haben, und ich will all diese absurde Angst loswerden und frei sein, meiner Neugier und Intuition und meinem Herzen zu folgen und ein ganzer Mensch mit einem ganzen Leben zu sein, und ich werde dafür zweimal die Woche mit einer kleinen, rehäugigen Frau in einer altmodischen Praxis über das Chaos in meinem Kopf sprechen, blöde Pillen schlucken und für ein paar Wochen in einer Klinik leben, wenn das bedeutet, dass ich das Tanzen und das Radfahren und eine Zukunft und Zuversicht und mich selbst zurückbekomme. If I could have that half of my life: no fear!

05.06.

Mein Brieffreund rät zu Gleichmut. Pah! Ich bin aber nicht gleichmütig. In mir ist so viel Spannung, dass ich dauernd berste: meine Haut ist durch das innere Glühen hart und spröde wie Ton, ich bekomme Sprünge, die zu Rissen werden, und daraus quillt etwas wie gleißend gelbe Lava, erstarrt an den Rändern, fällt staubig ab, fließt nach, bildet groteske Verkrustungen, lagert bizarre Wucherungen ab, mein Gesicht ist entstellt und verzieht sich in wahnsinnige Grimassen, ich muss mich sehr bemühen, noch aufrecht zu gehen und zu lächeln, mit meinen verklebten Fingern nötige Handgriffe zu verrichten, ich reiße mich zusammen, um noch durch die Straßen gehen zu können, aber sowie mich einer anrührt, zerspringt die dünne Hülle und es quillt und reißt und verkrustet, dass die Menschen erschrocken die Augen niederschlagen, rasch vorbeigehen, nicht wagen, das brodelnde Ding anzusehen, wer weiß, wozu es fähig ist.

In Wahrheit verhalte ich mich ganz sinnvoll, nach außen; in mir rast alles weiter durch die gewohnten Verknotungen. Wollte ich heute Abend tanzen gehen? Wollte ich lieber ins Kino? Wollte ich keines von beidem, da ich ja nicht hingegangen bin? War ich zu müde oder hatte ich zu viel Angst? Macht es mir denn überhaupt Spaß, Dinge allein zu tun? Ich hab keine Antwort. Dafür ist morgen endlich meine Therapeutin wieder da. Ich will ihr alles vor die Füße schleudern, damit es wer sortiert. Ich kann’s nicht.

 

01.06.

Morgen auf dem Balkon, langsam, Frühstück mit gutem Buch, blauer Himmel, Sonne, Ruhe, Blattläuse entfernen als Akt der Hingabe, Telefonate erledigen, Verantwortung übernehmen, aktiv sein, in Kontakt bleiben, planen, der Termin für den Nachmittag entfällt, alles in Balance: nicht zu viel, mehr als Stillstand.

Also WOHER dieser Moment: irgendwo zwischen der eigenen Haustür und dem nächsten dm falle ich durch den Asphalt, klaftertief auf die Fresse, danach ist nichts mehr wie vorher: stehe zwischen Regalen und könnte heulen, denke plötzlich wieder an dich, alles fühlt sich so verschoben an, alles tut weh. Dahinter wartet die alte Müdigkeit.

Ich bin nicht ruhig und zufrieden. Ich bin wütend und hungrig und gierig und zerrissen, ich liege nachts wach, ich halt mich nicht mehr aus, ich will mich mitteilen, ich will mich der Welt mit beiden Händen vor die Füße schleudern und schreien: Da schau, was du gemacht hast! Das ist aus mir geworden, das ist alles, was ich von dir bekommen habe, verstehst du endlich, dass ich damit nichts anfangen kann?

I feel like the word „shatter“.

 

Rembrandt van Rijn: Saul und David. Foto: Wikimedia Commons