28.07.

Gestern Abend, natürlich hat mein Tanzpartner mich da hingeschleppt, gehe ich auf ein Fest mit vier Leuten, die ich kaum kenne, und das Unverhoffte passiert und ich fühl mich wohl wie ein Pudel, ich mag die alle, die mögen mich, wir gucken zusammen den Mond an und planen lauter Sachen, die wir alle noch zusammen machen müssen. Das machen also normale Leute die ganze Zeit. Cool.
Und heute Vormittag hab ich mit einer Freundin geflohmärktelt, mich zwischen fiesen Händlern und guten Seelen herumgetrieben, die sicherlich hässlichste Reisetasche der Stadt gekauft und Hochzeitsdeko für meine Freundin erbeutet.

Dafür verbringe ich heute den ganzen Tag zuhause, mit mir. Während ich in der Küche was zu essen mache, setze ich mich an den Laptop und tippe einen Blogbeitrag. Aus der Küche rufe ich: „Ist Couscous OK?“ – „Jep“, rufe ich zurück. Guter Samstag.

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Magisch

Wir stehen auf dem Aussichtsturm, der im Wind schwankt, ich lehne ganz oben an der Brüstung und fühl mich wie auf einem Schiff, das in die Wellen aus Nacht und Wind segelt, Böen brechen sich an unserem Bug, wir halten auf den Mond zu, der orangefarben glüht.

Später sehen wir ihn noch einmal von weiter unten, durch das Geäst eines Baumes: zur Hälfte weiß, zur Hälfte rot, verwunschen.

27.07.

Ich rufe in der Klinik an und sage, dass es mir besser geht und ich doch nicht kommen will. Das muss klingen wie ein kleines Kind, das seinen Eltern verkündet, es komme ab jetzt alleine klar.

Wollen Sie nicht lieber auf unserer Warteliste bleiben?, fragt die Frau am Telefon. Vielleicht geht es Ihnen in zwei Wochen ja wieder schlecht.
Erlauben Sie mal!, empöre ich mich, aber nur innerlich, und sage brav: Ja, das klingt sinnvoll.

Meine Therapeutin ist mir schon auf die Schliche gekommen: der Wunsch zu beweisen, dass ich echt in keine Klinik muss, ist gerade der größte Motivator von allen.

 

Schritt halten, Stand halten

Sachen passieren. Ganz viele davon, alle zugleich, und ich will stark genug sein für sie, weil es gute Sachen sind, weil ich wieder mitmachen will, weil ich mich nicht mehr verstecken will vor Erlebnissen und Gefühlen – unterm Bett liegend, wo sie mich schon lang entdeckt haben, an einem Bein, einem Arm zupfen, rufen: Komm schon!, mit lachenden Gesichtern gucken sie unters Bett, aber ich wispere: Es geht nicht, tut mir leid, ich könnte kaputt gehen, da wirbeln sie davon, eines nach dem anderen, nehmen Farbe und Freude und Tiefe mit sich, während ich mich in eine Staubfluse verwandle und mit den Wollmäuschen Maumau spiele.

Ich mag kein Maumau und es ist mir zu eng unterm Bett, ich will Tage am See und mein Fahrrad und die ganze Stadt und den Sommer, ich will tanzen bis zum Umfallen, ich will meinen Freunden zeigen, dass ich sie liebe, ich will lesen und Stück für Stück meine Masterarbeit schreiben, ich will schmecken, spüren und umarmen.

Mein Tanzpartner ist ein kleines Pferd unter Strom, trabt, ohne anzuhalten, quer durchs ganze Leben und schleppt mich einfach mit: hier ist Lindy Hop und dort eine Wanderung, hier ein Zauberkünstler, dort eine Liveband, ein Theaterstück, ein Fest, ein See, ein Markt, ich muss nur Ja sagen, und schon bin ich mittendrin.

(Nicht zu viel auf einmal, muss ich mich warnen.)

Dass das nicht in deinen Kopf geht

Ich tanze unter freiem Himmel, mein Tanzpartner möchte nach dem letzten noch ein aller- und ein alleraller- und ein allerallerallerletztes Lied, ich weiß, dass er gern mit mir tanzt, ich tanze mit alten Bekannten und mit jemand Neuem, dem es auch Spaß zu machen scheint, aber ich kann nur denken: dass ich es nicht gut genug mache, dass ich zu steif bin, dass ich nicht lässig genug aussehe, dass ich zu ungesprächig bin, dass ich einfach nicht genug bin und mich sowieso keiner mag.

Das ist nur in meinem Kopf. Es ist den ganzen Abend nichts passiert, das diese Gedanken stützen würde. Aber das Wissen, dass das alles Quatsch ist, kommt irgendwie nicht da an, wo es hinmüsste, damit ich aufhöre, diesen Quatsch zu denken.

Und dabei liefere ich mir noch am gleichen Abend selbst den Gegenbeweis: setze mich zu einer Frau, die von einem schrägen Typen angequatscht wurde, frage, ob sie OK ist, komme mit ihr ins Gespräch, streichle ihren Hund, tausche mit ihr Nummern, damit wir ins Theater gehen können. Ich bin total OK. Warum glaub ich mir das nicht?

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