Oben bleiben

The way you move seems so assured
I look again and I’m not sure

– Majical Cloudz, Easier Said Than Done

Ich bin nach Paris gefahren, ich bin Tanzen gegangen (viel), ich nehme brav mein Antidepressivum, ich esse gute Sachen, ich treffe Freunde, ich lese, ich sitze auf dem Balkon, ich putze die Wohnung, ich gehe Schwimmen, ich mache einen guten Plan mit meiner Therapeutin, ich schreibe Briefe, ich höre Musik und träume und lasse mir Zeit.

Das klingt gut so. Aber in mir nagt etwas Kleines, Bösartiges, nagt und reißt und kaut, ich hab Angst davor. Bitte nicht, bitte nicht, bittebitte nicht abstürzen.

 

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Das ist ja leicht!

Letztens komme ich heim und begegne meinem Nachbarn, den ich lange nicht gesehen habe, und nach ein bisschen Smalltalk will er wissen, ob ich jetzt einen Freund habe. Nein, sage ich, wahrheitsgemäß. – Warum nicht?, fragt er. Als würde man sich beim Einkaufen einfach einen neuen Freund aus dem Kühlregal mitnehmen, wenn der letzte aufgebraucht ist.

Und gestern habe ich meinen neuesten Nachbarn kennengelernt. Wir sehen uns zum ersten Mal und unterhalten uns ein bisschen, dann möchte er, nach dreiminütiger Bekanntschaft, wissen, ob ich verheiratet bin. Nein, sage ich, wahrheitsgemäß. – Fahren wir zusammen nach Marokko?, fragt er. Als könnte er mich beim Einkaufen einfach aus dem Kühlregal mitnehmen.

 

Fun fact: es wird eine weitere Wohnung frei im Haus. Bitte lass eine Frau einziehen.

A week in Paris will ease the bite of it*

Paris und ich haben nicht zueinander gefunden, und der Louvre mit seinen lärmenden Menschenmassen ist wohl einer der schlimmsten Orte der Welt. Delacroix und ich haben uns über all die Smartphones hinweg traurig angeschaut und gewusst, dass wir so nicht miteinander reden können, und dann habe ich mich ins Mittelalter geflüchtet, weil das niemand sehen will und immer am menschenleersten ist. Aber da war ich schon müde, und dann war noch der Flügel mit der flämischen Kunst gesperrt, und auf dem pflichtbewussten Weg zu Leonardo habe ich kapituliert und mich vor den blindlings fotografierenden Insta-Kindern nach draußen in den Park geflüchtet.
Der Park allerdings riecht nach Urin. Paris riecht gerne nach Urin. Paris ist auch ziemlich schmutzig und sehr wenig romantisch. Ich bin enttäuscht.
In der kostenlos zugänglichen Sammlung des Petit Palais allerdings begegne ich wieder Bonnat, den ich auch diesmal gut finde. Und die Menschen kommen mir nett vor, hilfsbereit, und sie rempeln und quetschen weniger, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Trotzdem überwiegt mein urschwäbischer Wunsch, die Stadt würde mal ordentlich geputzt.

*  … stammt aus diesem Lied:

15.07.

Ich fahr nach Paris, heute Nacht, für fünf Tage. Sehr viel mehr kann ich nicht schreiben, weil ich vor dem Verreisen immer absurd nervös bin. Ich bin verabredet mit einem Bekannten aus einem portugiesischen Hostel und mit Delacroix im Louvre.

Mein Tanzpartner geht dreimal die Woche mit mir zum Lindy Hop und nebenher unternehmen wir noch mehr, aber in meiner großen Befähigung zum Selbstzweifel glaub ich immer noch nicht dran, dass er das macht, weil er mich mögen könnte. Nichtmal, als er mir in einer WhatsApp-Nachricht gesteht, dass das Tanzen mit mir am meisten Spaß mache. (Ich gestehe das Gleiche zurück, weil es stimmt.)

Ich warte darauf, dass der Regen mir vor der Abfahrt das Blumengießen abnimmt, aber er mag nicht so recht.

Kaputt

Vor drei Tagen habe ich meinem Loch gesagt, dass ich nicht hineinfallen werde. Seither hängt es in meiner Wohnung herum und guckt, ob ich das durchziehe. Heute morgen bin ich aufgewacht, da saß es in meinem Schaukelstuhl und hat gefragt: Na, wie wär’s jetzt? – Ach, dann komm halt her, sage ich.
Wir verbringen den Tag zusammen auf dem Balkon und sind böse unter dem blauen Sommerhimmel und machen gar nichts.
Mein Tanzpartner, mit dem ich für später verabredet bin, schreibt mir, dass er zu spät kommt, weil sein Reifen ein Loch hat.
Ich doch auch, denke ich.

Werd erwachsen

Meine Therapeutin, scheint mir, wird nicht ganz schlau aus mir.
Sie wirken sehr unabhängig, wendet sie ein, als ich langwierig erkläre, dass ich von irgendwem und besonders von ihr Hilfe erwarte und meine Masterarbeit nicht alleine schreiben will.
Das muss ich wohl zugeben. Ich bin dickköpfig und eigenwillig und mache sehr gerne das Gegenteil von dem, was man mir sagt, selbst wenn man meine Therapeutin ist. Es läuft alles darauf heraus, dass ich meinen Abschluss schon selber kriegen muss, wenn ich ihn haben will, dass, beängstigenderweise, niemand anders für mein Leben verantwortlich ist als ich. Wenn ich also so großmäulig erkläre, dass ich keine Klinik brauche, muss ich mich eben auch wieder in die blöde Bibliothek setzen und unter blöden Erstsemestern gar nicht mal so blöde Bücher wälzen. Tja, Mist.

Kleinere Brötchen

Mein Brieffreund hat mir einen Band Erzählungen von Bruno Schulz geschenkt. Den würde ich gerne lesen, weil er seit Monaten von ihm schwärmt, aber zur Zeit reicht meine Konzentration nirgendwo hin, also lese ich stattdessen Abenteuerromane. Ich habe mehrere Morde auf der Suche nach Gregory Arkadin miterlebt und die Liebe meines Lebens verloren, und das alles aus Sicht eines aufgeblasenen, selbstverliebten kleinen Gangsters aus der Feder von Orson Welles; danach habe ich vor einer Untersuchungskommission mit einem gebrochenen Kapitän den furchtbaren Verlust seines Schiffes noch einmal durchlebt. Ich empfehle den Kapitän statt Orson Welles: Das Salz des Meeres von Edouard Peisson.
Bruno Schulz fristet ein ungelesenes Dasein in meinem Regal und ich bin auf der Suche nach neuen Abenteuern.