10.07.

Ich bin müde. Das Wochenende war so voll, und in der Woche vorher habe ich kaum geschlafen, seit Dienstag schwirrt mir der Kopf davon, mal wieder am Leben teilzunehmen: ich gehe tanzen. Ich tanze Lindy Hop in einer Sommernacht unter freiem Himmel, ich hab einen Tanzpartner gefunden, der ehrgeizig und ein feiner Kerl ist, ich tanze mit Menschen, die ich gar nicht kenne, ich begegne jemandem wieder, den ich ein bisschen anhimmle, ich fahre erschöpft nach Hause, aufgekratzt, verschwitzt, glücklich, und vorher hatte ich solche Angst, da hinzugehen. Das kann jetzt ein Teil von meinem Leben sein, das ist es, was in mir kreist wie ein jubelnder Schwarm schillernder Vögel.

Und dann habe ich Geburtstag, der mit einer Therapiesitzung beginnt – ich sage, Ich weiß nicht, ob ich in die Klinik will, meine Therapeutin antwortet: Ich kann Ihnen hier aber nicht weiterhelfen, dann diskutieren wir fruchtlos hin und her und mittendrin ist die Sitzung vorbei und ich fühle mich alleingelassen und hilflos. Einen schönen Geburtstag noch, sagt sie zum Abschied. Da könnte ich heulen, weil ich es liebe, Geburtstag zu haben, dieser aber gerade kaputtgegangen ist. Er wird auch nicht mehr heil, trotz eines schönen Abends mit Leuten, die ich lieb habe.

Anderntags knabbere ich immer noch daran herum, bis ich Besuch bekomme, Herrenbesuch, wir halten es eine höfliche halbe Stunde bei Konversation und Rotwein aus, ehe wir uns übereinander hermachen. Er gibt sich cool und unnahbar, ich mich auch, vor allem vor mir selbst.

Am nächsten Tag ist wieder Lindy Hop. Und dann kommt das lange Wochenende bei meinen Eltern – eine bunte Folge von Begegnungen, Spaziergängen, Gesprächen, dauernd gibt es viel zu viel zu essen, dauernd etwas zu erleben; ich herze den Hund und spiele mit ihm Fangen, weil ich zu müde bin, etwas Anderes zu tun. Ich weiß nicht, ob das an den Tabletten liegt oder an der aufgeregten Schlaflosigkeit der letzten Woche.

Bis Sonntag muss ich mich jetzt ausruhen, denn Sonntagnacht fahre ich nach Paris, um weitere fünf wirbelnde, bunte Tage zu erleben, und dann möchte ich gerne erstmal gar nichts tun und mich in all dem Wirbeln erstmal wiederfinden.

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Nach Hause von daheim

Ich war ein paar Tage bei meinen Eltern. Sie drücken Liebe und Fürsorge in sehr viel Essen, Hilfsbereitschaft und Freigiebigkeit aus, ich bin gerührt, verwöhnt, geborgen und habe trotzdem Heimweh nach meiner Wohnung und meiner Stadt. Wo ist Zuhause für dich?, fragt meine alte Schulfreundin. Dort, sage ich, und es ist die Wahrheit.

Dann steige ich dort, zuhause, wieder aus dem Fernbus, mein Rad erwartet mich, die Stadt begrüßt mich mit einem Regenschauer, durchnässt komme ich in meiner Wohnung an: ich bin müde, es ist still, ich fühle mich allein und vermisse meine Eltern. Komm herein, sagt das Loch, darüber denke ich nach, dann antworte ich: Das ist okay. Allein fühlen ist okay, kein Loch. – Schön, sagt es, wenn du mich brauchst, ich bin in der Nähe.

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