Viel

Ein Wochenende voller Menschen, Nähe, Geborgenheit: ein Freund war zu Besuch, und jetzt habe ich ihn zum Bahnhof gebracht und finde mich vor der Universität wieder unter all diesen jungen, eiligen Menschen, und ich denke: Wie kann das hier zu mir gehören? Wie kann es sein, dass ein so seltsamer Ort Teil meines Lebens sein soll, all dieses Kommen und Gehen, jeder auf seinem eigenen Weg, wie kann es sein, dass ich mich hier hineingeworfen habe, in diese beständig wispernde Maschinerie mit ihren tausend Rädchen und Regelchen, wie soll ich all das im Blick behalten und dabei meine eigenen Füße nicht übersehen, wie sie mich auf einem krausen Pfad durch das absonderliche Geflecht zu tragen suchen.

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Das ist doch Quatsch.

  1. In meinem Haaransatz finde ich Haare, die ganz viel heller sind als das Braun, das sie eigentlich sein sollten. Da gibt’s nichts zu rütteln. Interessant.
  2. Ich fülle den Fragebogen zur Behandlungsplanung für die Klinik aus, falls ich sie doch noch brauche. Die Fragen sind ermüdend technisch – erst nerven sie mich nur, weil ich dauernd irgendwelche Daten nachschlagen muss, aber dann bin ich plötzlich wütend über diesen Versuch, einen ganzen Menschen in so nüchternen Fakten zu fassen. „Wie war als Kind das Verhältnis zu Ihrer Mutter?“ Für die Antwort ist eine halbe Zeile Platz. Da könnte ich’s auch gleich lassen – und das mache ich dann auch. Das Gefühl, einer Maschinerie das Futter zu liefern, das sie braucht, um mich auf eine Problemdiagnose zu reduzieren, ist zu beklemmend.

Trouble in mind

Um halb fünf in der Frühe stehe ich in der Küche und mache den Abwasch, weil du mir um halb zwei Uhr nachts geschrieben hast. Da war ich wach.

Immer noch übrig: der Teil von mir, der sich unbedingt mit dir auf das Eis treffen will, das du vorschlägst.
Viel lauter: der Teil von mir, der brüllt und tobt, weil dein netter Plauderton nicht zu fassen ist, nachdem du mich einmal durch den Fleischwolf gedreht hast.
Viel zu leise: der Teil von mir, der das einzig Vernünftige tut, indem er sagt: Jetzt kack auf ihn und geh wieder ins Bett.

 

Einfach so

Beim Aufwachen hab ich mich gut gefühlt, heiter, ich hab mich darauf gefreut, fürs Frühstück einzukaufen, und die noch morgenleere Straße gefällt mir: Stille, auffliegende Tauben, ein Mann mit einem fröhlichen Hund. Auf dem Dorfplatz ist noch alles okay, auch in der Bank, und dann stehe ich im Edeka und in meinem Kopf stürzt etwas um und jetzt fühl ich mich elend und das geht nicht mehr weg. Warum?
Warumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarumwarum?

Und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Mich reinfallen lassen, Pause machen? Dagegen ankämpfen?
Meine Therapeutin ist im Urlaub. Gott, ist das alles mühsam.