17./18.08.

Ich tippe auf dem Handy, dabei kann ich das nicht leiden, aber eigentlich will ich auch schlafen und nicht tippen. Schlafen geht nur nicht, weil ich, Geniestreich, meine Tablette zu spät genommen und abends noch Kaffee getrunken habe. Wegen der Nachbarn liege ich mit Ohrstöpseln da, was bedeutet, dass ich auch den Regen auf den Dachfenstern nicht hören kann, und ich wär so gern bei Regen eingeschlafen. Sowieso kann ich in meiner Wohnung nicht so, wie ich will, weil meine Nachbarn mir die Stille wegnehmen und ich immer noch nicht weiß, was ich deswegen machen soll.

Ich bin unfroh, den ganzen Tag schon, der Nachmittag mit einer Freundin war schön, aber davor und danach, allein, ist irgendwas verkehrt. Ich erledige Sachen und versuche, mich zu entspannen, aber es geht nicht, ich bleibe unruhig und traurig und kann das nicht begreifen.

Im Second-Hand-Laden habe ich mich stürmisch in eine Lederjacke verliebt, die zu groß und zu teuer für mich ist; vielleicht ist es mein unerwidertes Verlangen, eine vergebliche Liebe, die mich wach hält. So eine wunderschöne Jacke war das, das glaubt ihr nicht, eine wilde Abenteurerin wär ich darin gewesen, kühn und verwegen wäre ich mit der Kamera durch den Herbst gestreift, und nichts hätte mir was anhaben können, nicht in dieser Jacke. Und am Abend wäre ich Richtung Sonnenuntergang geritten auf meinem treuen, schweren Schlachtross, das ich reite wie ein Rennpferd.

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Für Rrisch3: 17.08.

Ich denke, dass ich gerade zwei Möglichkeiten habe. Ich könnte in die Klinik gehen und da ein paar Wochen an mir herumbasteln. Damit will ich die Klinik nicht abwerten, weil ich da vor kurzer Zeit noch ziemlich dringend hinwollte und ich bin sicher, dass solche Klinikaufenthalte sehr hilfreich und stabilisierend sein können. Aber ich liebe meine Wohnung und meine Blumen und meinen Balkon und meine Radwege und mein Tanzen und meine Freunde und meine Ruhe und meine Kunstgeschichte und mein ganzes brüchiges Leben voller Vielleichts in dieser kleinen Stadt, und ich will es zurück haben und behalten und JA aus Vielleicht machen. Und ich glaube, dass ich das kann. Ich will es können. Ich will dran arbeiten, dass ich es kann. Meine Therapeutin hilft mir. Meine Freunde helfen mir, meine Familie ist für mich da und die komischen Tabletten helfen irgendwie auch.
Wenn ich sage, das Leben ist so viel – dann meine ich damit, dass es sich eben oft so anfühlt, als könnte es auch jeden Moment zu viel sein. Aber ich habe jetzt ein Jahr lang gar nichts gemacht, nicht studiert oder gearbeitet, und einmal muss damit Schluss sein. Zum Leben gehört das Leben nunmal dazu, also muss ich, und ich will, langsam wieder studieren, irgendwann wieder arbeiten, meine Wohnung versorgen und meine Blumen gießen und mich der ganzen Welt mit dem, was ich eben bin, so gut ich kann entgegenstellen. Ohne Außen geht es nicht. Und ein Innen hab ich doch und das pflege ich im Austausch mit meinen Freunden, in Gesprächen und Briefwechseln, oder allein auf meinem Balkon, oder in der Therapie. Vielleicht pflege ich es nicht immer gut genug und dann fall ich auf die Nase, aber das werde ich auch noch lernen, Stück für Stück, und ich werde lernen, das Außen so zu gestalten, dass es meinem Innen gut tut.

Und: ich bewundere (wirklich), was an Lebenserfahrung und Ruhe aus deinen Texten spricht, Rrisch. Aber ich bin bei aller psychischen Angeknackstheit auch ein sturer Esel und muss selber lernen, wie es mir am besten geht. Und eigentlich hab ich meinen Beitrag vom 16.08. auch gar nicht so negativ gemeint. Es ist halt viel, Leben.

Kackscheiße

Meine Freundin ist einer der allerbesten Menschen, die ich je kennen werde. Sie ist ungeheuer fähig und bereit, in die Beziehungen zu anderen Menschen ganz viel von sich hineinzugeben, sie hat das größte und beste Herz von allen und kämpft mit wütendem Idealismus darum, es nicht an der rauhen Welt abzuschleifen, sie ist klug und sensibel und einfühlsam und impulsiv und lebendig und großzügig und liebevoll und ein riesengroßes Wunder, und sie ist das geworden, obwohl das Leben ihr alles Mögliche in den Weg geworfen hat. Sie ist stark und zerbrechlich und wenn jemand das Glück in rauhen Mengen verdient hat, dann ganz bestimmt sie.

Und dann wird diese hinreißende Persönlichkeit von irgendwelchen besoffenen Typen auf dem Heimweg belästigt, die fassen sie an und als sie sich wehrt, werden sie sauer und schreien, dass man sie mal durchficken sollte, ohne dass sie ihnen irgendwas getan hätte, einfach nur, weil sie eine Frau ist, irgendeine beliebige Frau, die gerade da vorbeikam und nicht einfach runterschlucken wollte, dass ihr ein Fremder auf den Arsch haut.

Und alles, was sie ist, zählt dann nicht mehr, nicht ihre Großzügigkeit und Klugheit und Lebendigkeit und Güte, schon dass sie ein Mensch ist, gilt kaum noch, sie ist einfach das fickbare Ding, das stillhalten soll, wenn ein Mann ihm an den Hintern will, weil er den geil findet, nicht sie, nur den Hintern, und ich bin so wütend.

Ich bin so, so wütend, dass unsere Gesellschaftsordnung so ist, dass einem wunderbaren, liebenswerten Menschen wie ihr so etwas passieren muss, ohne dass sie irgendetwas dafür könnte. Und dass so viele Männer es immer noch nicht für nötig halten, über diese Gesellschaftsordnung nachzudenken, weil sie zu bequem dafür sind, aber das MÜSSEN sie, weil Frauen daran allein einfach nichts ändern können, wann kommt das endlich in den blöden Männerhirnen an? Warum haben meine eigenen Brüder keine Lust, über solche Fragen nachzudenken, weil sie ja in der bequemen Situation sind, nicht betroffen zu sein? Warum finde ich mich plötzlich in der klischeehaften Rolle der hysterischen Feministin wieder, wenn ich versuche, mit (den meisten) Männern darüber zu reden, dass da wirklich Sachen nicht OK sind? Warum muss ich bestimmte Erniedrigungen, Einschüchterungen, Bedrohungen aushalten, nur weil die Person, die ich bin, zufällig in dem Körper einer Frau steckt? Das ist so ungerecht.

 

Ich hab mich mit dem Feminismus nie wirklich auseinandergesetzt. Ich will nur einfach, dass man mich als Persönlichkeit und als ganzen Menschen behandelt, egal, wie mein Körper aussieht, den ich mir nicht ausgesucht habe, und ich will, dass das auch für alle anderen Frauen und alle anderen Menschen in irgendwelchen Körpern gilt, weil niemand so eine Scheiße verdient hat.

16.08.

Das Leben ist so groß. Schon meine kleine Wohnung ist ein Universum an Dingen, auf die ich achtgeben muss, und erst die Welt da draußen! Ich muss ganz langsam gehen, damit ich nichts von dem fallen lasse, was ich mit beiden Armen gerade eben tragen kann, aber manchmal möchte ich allen Mut verlieren, so weit ist der Weg, so viel will ich mitnehmen.

 

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Killing me softly

Er hat ihr einen See gegeben, strahlend blau und bodenlos, in den sie tauchen kann, und sie taucht lang und tief; jetzt schwebt sie in der Dämmerung, wo Auftauchen und Ertrinken gleich nah sind, beides spürt sie, beides begehrt sie, aber aus der Tiefe vertreibt sie ein Ungeheuer, das sie sich selbst geschaffen hat. Ein monströser Fisch mit armlangen Zähnen ist, was sie am Leben hält.

Das passiert in einer Serie, hinter der ich eine Teenie-Romanze erwartet habe, aber sie ist hart und düster und spielt in allen Abgründen, zu denen Menschen fähig sind.

Wenn ich tagsüber Netflix gucke, stimmt was nicht.

 

Die Serie heißt „Kiss Me First“. Niemand hat irgendwen geküsst, bisher.

 

 

Ka-pung

Müsste: wichtige Dinge tun, erwachsen sein, ordenlich leben, meine Tasche schon lang ausgepackt haben, mit Menschen und Institutionen korrespondieren, meine to-do-list verkleinern, das Geschirr gleich abwaschen, aber ich bin so fertig, ich kann nichtmal Schokolade essen, ich geh ins Bett, Ende.

Leere und Verneinung

Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht, wo ich bin. Ich sehe die Dachschräge und glaube, ich sei in meinem alten Zimmer bei meinen Eltern, bis ein Ruck durch den Morgen geht und ich erkenne, diese Schräge ist eine andere und auch das Fenster ist nicht das Alte, ich bin in meiner neuen Wohnung und meine Eltern sind nicht hier.

Nach Tagen woanders immer das Gleiche: die Freude auf Zuhause, ein Glücksmoment beim Wiedersehen mit der kleinen Wohnung, dann schwillt das ab und tropft an mir herunter und übrig bleibt eine Müdigkeit, die größer ist als ich.
Ich sag mir, das ist in Ordnung, aber ich weiß nicht, wie ich machen soll, dass sich diese Erschöpfung nicht so schlimm anfühlt, so absolut.

Die Tabletten bringen irgendetwas durcheinander, tragen mich weiter, als ich laufen kann, ich bin aufgedrehter, als ich mich sonst kenne, freue mich leichter und Menschen sehen mich auf der Straße an, weil ich vor mich hin lächle. Das ist schön, aber es sind große Extreme zwischen Frohsinn und Erschöpfung; ich schlingere wie ein Dampfer in schwerer See, der kaum auf Kurs zu halten ist. Kann sich das bitte einpendeln. Wo zwischen Depression und Venlafaxin lieg ich? Und wer ist das Ich, das da rumliegt?