Abziehbilder

Das Gefühl zu dir ist älter geworden und fault. Aus der Zuneigung kriechen Würmer, fressen sie löchrig, und sie heißen: Missgunst und Eifersucht und Gier nach deiner Aufmerksamkeit. Sie werden zu mageren Hyänen und hocken in meinem Schatten, wenn ich neben dir sitze: ich hör nicht, was du sagst, ich zähl nur, wie viele andere Frauen darin vorkommen und behalte ausschließlich, was um mich geht, und weil das alles ist, woran ich denken kann, hab ich dir auch nichts zu sagen.
Und wenn da doch etwas wäre, lass ich mich von deinem Körper ablenken, aber er heißt jetzt nicht mehr: die Augen, die schön sind, oder: die Stimme, die ich gerne höre, oder: die Hände, die tanzen, oder: die Nähe, die froh macht, sondern: alles, was ich nicht zu lange ansehen darf, nicht mit den Augen und niemals mit den Händen.

Das hat alles gar nichts mehr mit dir zu tun. Selbst der Schmerz hat sich verändert und dreht sich stumpf in der Wunde.

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Alles wird gut

In den Nachrichten kommt, dass eine Studentin von einer Gruppe Männer vergewaltigt wurde, da möchte ich am liebsten mein Frühstück stehen lassen, weil mir schlecht geworden ist – beim Gedanken, was sie erlebt haben muss, und vor Wut auf die Scheißkerle, die sie kaputt gemacht haben, einfach so. Ich will, dass sie auch kaputt gehen, weil sie etwas Schreckliches getan haben. Ich weiß nicht, wie relevant der kulturelle Hintergrund ist; ich weiß, dass ich über die AfD kotzen könnte, weil die jetzt so tut, als wär sie eine von den Guten. Und nach den Demos heute Abend gehen alle wieder nach Hause und lesen ihre blutrünstigen Frauenmörderkrimis weiter?

Ich hab Uni und in dem Seminar reden alle – ausschließlich Frauen! – von Ausstellungen und dem Unterschied zwischen Performance und Tanz, als wäre das jetzt wichtig. Ich denke an mein neues Bett, als wäre das jetzt wichtig. Wir planen einen Theaterbesuch, als wäre nichts geschehen, die ganze Welt fühlt sich an wie eine Maschinerie aus Schiff und Eisberg und einem eisig kalten Ozean, die sich aufeinander zu bewegen, und keine guten Nachrichten streuen sich ins mächtig mahlende Getriebe.
In der Freiburger Unibibliothek ist gerade eine Ausstellung, in der es um die Opfer von Vergewaltigungen geht und wie sie damit leben und wie die Welt auf das reagiert hat, was ihnen zugestoßen ist. Kommt das eigentlich irgendwo an? Kommen Mitgefühl, Güte, Frieden und Besonnenheit irgendwo an, irgendwo durch?

Kurz gegriffen

Das Dorf, nein: die ganze Gemeinde veranstaltet ein Benefizkonzert für einen schwer kranken jungen Mann. Es ist das zweite Mal, dass Spenden für ihn gesammelt werden; nach der ersten Aktion konnte er eine sehr teure, aber erfolgreiche Therapie beginnen, die er jetzt fortsetzen möchte. Natürlich möchte er! Freunde organisieren das alles für ihn.

Natürlich wünsche ich ihm, dass er die Therapie fortsetzen kann, es soll ihm gut gehen und er soll lange und unbeschwert leben können. Aber ich frag mich, warum sammeln wir für ihn? Wer sammelt für die anderen?

Den Hund streicheln

… und genau hinfühlen: wo das Fell so fein ist, dass man die Körperwärme gleich spürt, und wo es kräftiger ist und sich beim Anfassen kühler anfühlt. Wie sich die verschiedenen Längen anfühlen: glatter/rauher, wo sich Farbe und Wuchsrichtung ändern, wie das Fell am Bauch ganz dünn wird, am Hals aber ganz dicht; wie Muskeln und Knochen unter der Haut durchsprechen, wie gar nichts Weiches, Überflüssiges an dem ganzen schmalen Hund ist, wie die Hand dem Auf und Ab des ausgestreckten Körpers folgt; wie der Atem geht und die Flanke hebt und senkt, und beobachten:
wie der Atem tiefer geht, wie sich das Auge weiter schließt, wie der Hund sich fallen lässt und bei welchen Berührungen der Augapfel weiter nach innen rollt: genießen; aber nie ganz, immer kommt der Hund zurück ins Wachen.
Spüren/sehen/hören, wie er seufzt und sich behaglich streckt und in diese Bewegung hineinstreicheln, dass er sich noch weiter dehnt und wieder entspannt.

Darüber werde ich selbst so ruhig, dass ich mich schließlich neben ihm rücklings auf dem Boden ausstrecke und die Augen schließe. Frieden.

24.10.

Ich hab die Wäsche gewaschen, den Blumen zu trinken gegeben, ein paar Bücher ins offene Bücherregal gestellt, was für die Uni gemacht, mich für die Jobbörse freischalten lassen UND den Abwasch gemacht. Brav! Ich darf mich entspannen.

Morgen fahr ich endlich doch zu meinen Eltern, weil mein Vater nach einem leichten Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Ich will vor allem mit ihm schimpfen, weil er damit noch Auto gefahren ist.

Mir geht’s erstaunlich gut.

Ein bisschen sanfter, bitte

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Das Leben ist eine dröhnende Stampede sich irrender Büffel. Sie stampfen brüllend durcheinander und keiner weiß, wieso, aber vorwärts stürmen sie doch. Ich seh das Weiße in ihren Augen, so nah tobt es an mir vorbei, und immer, wenn ich denke, es wird ruhiger, fängt irgendwo wieder einer an und alles kommt von Neuem in schwitzenden, schnaubenden Aufruhr.

Zwischenfrage

Mit 17 hatte ich mal einen Blog, da ging es nur um mich, und als ich jetzt wieder mit Bloggen angefangen habe, dachte ich, ich bin ja jetzt cool und erwachsen, jetzt rede ich von richtig relevanten Sachen! Mach ich aber nicht, ich rede nur von mir.

Für mich selbst bin ich ja auch relevant. Aber all diese Gedanken, die sich um sonst nichts und niemanden drehen, gerade ins öffentliche Internet hinauszuplappern, ist eigentlich höchst merkwürdig. Nicht so merkwürdig, dass ich wieder damit aufhören wollte, aber eben merkwürdig genug, um sich zu fragen, was man da eigentlich so macht.
Ich weiß nicht, was ich mache, aber es tut gut.