Stranger on Earth

Some fools don’t know
What’s right from wrong
But somehow
Those folks belong.

Wir gehen zu einer Tanzparty: vier Floors, einer davon Lindy Hop, in der größten Tanzschule der Stadt, die sich ein großes neues Gebäude geleistet hat. BALLHAUS. Wir sind groß, sagen die vielen Stufen, die zu dem bunt beleuchteten weißen Kasten hinaufführen. Ich bin modern, sagt der Kasten, Wir sind schick, sagen die Bahnen aus farbigem Licht, Wir sind eine Institution, sagen alle drei im Chor, und die grauen Sessel und das teure Parkett murmeln es mit.
Drinnen ist laute Musik und auf der größten Tanzfläche tanzen angestrengte Paare Latein und Standard, bemüht und abgezirkelt die meisten, und ein Gespenst aus meiner Vergangenheit hängt grinsend über dem Parkett. Ich flüchte in den Lindy-Hop-Raum, aber selbst da ist alles verkehrt: kaum vertraute Gesichter, ein glatter Raum mit Partybeleuchtung und riesigem Spiegel. Darin ich: ein Hund von der Straße mit eingeklemmtem Schwanz.
Wollen wir tanzen, sagst du, und dann geht es für eine Weile und ich höre mich lachen, bis wir nicht mehr können und in der Pause einen Spaziergang durch die Räume machen. Nebenan wird West Coast Swing getanzt, langsam und lasziv, völlig Fremde schauen sich tief in die Augen, wiegen Körper und Hüften bedeutungsschwanger, Frauen lassen in verführerischen Drehungen langes Haar auffliegen. Nein!, denke ich. Ich hab mich endlich sicher gefühlt beim Lindy Hop, und jetzt holt mich das hier wieder ein, diese ritualisierte Erotik ohne Bedeutung, die einer Frau sagt: sei schön anzusehen. Schwing deine Hüften. Lass dich führen, aber sei verführerisch.
Ich will das nicht, ich bin nicht so, neben mir stehst du und bist begeistert und ich schau auf die langen Beine und runden Hintern in den engen Jeans und denke, wie soll ich denn dagegen jemals ankommen, und in meinem Hundefell weinen die Flöhe.

Ich hasse die ganze Party und all ihre Gäste, weil sie mir innerhalb von einer halben Stunde alles aufzeigt, wozu ich nicht gehöre. Und ich hasse mich, weil es mir nicht egal ist.

Ohne irgendwem was zu erklären, fahre ich nach Hause, wütend, verwirrt, enttäuscht, fühle mich von dir verraten, weil du dich wohlfühlst, am andern Morgen ist es noch nicht besser, ich fühl mich so elend.

3 Kommentare zu „Stranger on Earth“

  1. Oh, ich kann das sehr gut nachfühlen. Es gibt Sachen, die mag man einfach nicht. Aber Erotik ist nun mal ein Aspekt der meisten Tänze, und darüber hinaus ein wesentlicher Aspekt des Lebens. Und es ist nicht nur so, dass Frauen verführerisch sein müssen. Ein unattraktiver Mann bleibt ein unattraktiver Mann, und wenn Frauen sich zum Beispiel vom Geld blenden lassen, ist das ihr Problem. Der eigentliche Killer in einer solchen Situation ist der Vergleich, bei dem Du auch noch den kürzeren ziehst. Wie wäre es, Dich selbst attraktiv zu fühlen? Glaub‘ mir, ich weiß wovon ich rede. Ich habe seit ich 11 bin Pickel im Gesicht, ich habe eine unmoderne, weil etwas zu ausladende Figur und (iiihhh!) gelbe Zähne. Jahrzehntelang wollte ich mich optimieren. Naja. Jetzt möchte ich mir gefallen. So wie ich bin. Und Schritt für Schritt scheint das auch zu gelingen. Ich bin auch mit einer etwas gepolsterten Figur schön. Auch mit den grau werdenden Haaren, mit den Pickeln und mit doofen Zähnen. Ich tanze abends vor dem Spiegel – eine wichtige Übung, denn Hinschauen ist Pflicht – und, ja, was ich sehe, gefällt mir. Vielleicht nicht jeden Tag hundertprozentig, aber insgesamt immer mehr. Das heißt nicht, dass ich mich als Frau über mein Aussehen definiere. Es heißt, dass ich mich mag. Ich muss auch keine wildfremden Männer verführen. Aber für meinen Herzensmann möchte ich die Schönste sein. Es ist schwerer und einfacher, als ich früher gedacht habe. Aber diese Art des Vergnügens an sich selbst ist auf jeden Fall ein lohnenswerter Versuch – oder?

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    1. Oh, ich finde Erotik toll. Nur nicht mit einem fremden Mann auf Kommando auf einer öffentlichen Tanzfläche. Und nicht, wenn ich dabei einem bestimmten Muster folgen soll, das ist ja bei vielen Tänzen sehr klar aufgeteilt.
      Zuhause vor dem Spiegel gefalle ich mir sogar meistens ziemlich gut – aber draußen fühle ich mich im Vergleich zu den meisten anderen Frauen immer irgendwie zu seltsam, zu wenig weiblich, so, jetzt ist es raus. Ich will auch gar nicht anders sein, aber gleichzeitig habe ich auch immer Angst, damit als merkwürdiges Es wahrgenommen zu werden. Und so eine aufgestylte Tanzparty ist natürlich Konfrontation in Reinform.
      Also ja, irgendwie geht es bei mir auch genau darum, dass ich mir gefallen möchte – auch im Vergleich. Das hat wohl irgendwas damit zu tun, in sich selbst zu ruhen, glaube ich. Oder? Ich komme noch nicht ganz dahinter, warum mich das so anfrisst.
      Aber: einfach zu sagen, du hättest eine unmoderne Figur, ist irgendwie schön. 🙂

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      1. Ich glaube, das Muster von Folgen und Führen ist wesentlich beim Paartanzen, es lässt sich nicht aushebeln. Aber vielleicht kann unsere Sicht darauf weniger stereotyp ausfallen. Es ist offensichtlich, dass die Kommunikation beim Tanz nonverbal verläuft und dass Intuition eine wesentliche Rolle spielt. Wenn die Person (es muss ja nicht der Mann sein, man kann mittlerweile die Rollen tauschen oder als gleichgeschlechtliches Tanzpaar agieren), die führt, freie Räume auf der Tanzfläche sieht oder Ideen für eine Choreographie entwickelt, ist es notwendig, dass die andere Person darauf reagiert. Ohne Diskussion. Vielleicht sollten Paare, die tanzen, öfter mal die Position tauschen, um dafür ein Gespür zu bekommen. Und dann gilt: Beide Aufgaben, Führen und Folgen, müssen gekonnt sein. Folgen ist dabei genauso komplex wie das Führen. Es ist nicht minderwertig, außer wir belasten es mit einer moralischen Kategorie. Der andere Punkt ist die Attraktivität. Warum starren wir Frauen immer nur auf Frauen? Der Mann muss schließlich auch männlich sein als Tänzer. Und wird ebenso unsichtbar, wenn er den entsprechenden Klischees nicht entspricht.

        Meistens fressen einen Dinge an, die mann/frau sich selbst nicht zutraut. Oder auf die mann/frau dann + in Folge bei anderen neidisch ist. Perfektionismus steckt meist dahinter. Wenn ich Paartanz als zu extrovertiert oder konservativ empfinde, muss ich da ja nicht auflaufen. Oder ich kann mir sagen, es macht mir Spass, aber ich muss mich nicht automatisch vergleichen oder die Klischees zu ernst nehmen. Wer nicht will, dass einen fremde Männer anstarren oder super sexy finden, hat doch ein Recht darauf. Du musst das Klischee ja nicht bedienen und kannst trotzdem einen tollen Abend haben. Hier fängt das sich selbst mögen oder toll finden an. Wenn ich mich von den Klischees der super-sexy, perfect-lady verabschiede, ist das schon ein erster Schritt. Versteh‘ mich nicht falsch: ich finde mich sexy, attraktiv und ich weiß, dass ich eine sehr gute Tänzerin bin. Das hat nichts mit „In-Sich-Ruhen“ zu tun. Ich glaube sogar, dass das die falsche Fährte ist. Ich bin, wie jeder Mensch, schon fertig, so wie ich bin. Wem das gefällt: schön. Wem nicht: genauso gut. Die Idee vom Perfektionieren hat als Kern die Botschaft: Du bist nicht gut genug. Und, was das Schlimmste ist: Wir sind es meist selbst, die uns das sagen. Attraktive Frauen sind nicht deshalb schöner, weil sie de facto schöner sind (was natürlich auch der Fall sein kann), sondern weil sie mit sich klar kommen. Das zumindest weiß ich aus eigener Erfahrung: meine Begeisterung geht immer auf Männer und Frauen, die lebendig, klug, großzügig, überraschend und sich auch selbst gegenüber freundlich sind. Am Ende denke ich: mehr ist es gar nicht.

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