Einfach

In einem Forum hat jemand einen Thread aufgemacht, um zu fragen: Wozu leben wir, wo wir doch sowieso wieder sterben? Was ist der Sinn?

Ist doch egal, denke ich, weil ich mich über meinen Kaffee freue. Solchen Fragen stehe ich gegenüber wie ein Hund, dessen Welt mit Essen und Schlafen und Tuchfühlung und Spaziergängen so ausgefüllt ist, dass der Sinn des Lebens nicht auch noch hineinpasst.

Tanzen

Ich habe nie regelmäßig Sport gemacht, jetzt tanze ich mindestens zweimal pro Woche Lindy Hop. Ich gewöhne mich an den ständigen Muskelkater und die schweren Beine. Ich beobachte ein wenig besorgt, wie in meiner rechten Schulter ein Schmerz auftaucht und bleibt. Ich bemerke mit Freude, dass meine Schultern, mein Nacken lockerer sind und ich seltener Kopfschmerzen habe. Ich entdecke, dass man in den Fußsohlen Muskelkater haben kann, und dass mein Bauch sich fester anfühlt als vor einem halben Jahr. Ich fahre auf dem Fahrrad nur noch wie eine Schnecke, weil mein Körper sich ein Päuschen wünscht.

Einkaufen/One man’s trash

In meinem Edeka gibt es zwei Kilo Äpfel für fast kein Geld. Klasse II, steht drauf, deshalb sind sie billig, aber es sind schöne, feste Äpfel ohne braune Stellen. Sie sind nur klein, das macht sie zweitklassig, aber ich freu mich über die kleinen Äpfel, denn die haben genau die richtige Größe für meine morgendliche Müslischale.
Und dann gibt es Kürbisse für auch fast kein Geld, und auch die Kürbisse sind schön, ein paar Runzeln und Schrunden haben sie, aber warum sollte das stören, und auch hier gibt es ein paar ganz kleine, gerade mal faustgroße, und ich freu mich, weil ein normaler Kürbis für einen einzelnen Menschen so viel ist, ein winziger Kürbis aber genau richtig.

Ich kaufe Sachen aus der Grabbelkiste im Kühlregal und versuche, so sparsam wie möglich zu sein, aber am Ende liegt auch eine riesige Portion Vogelfutter auf dem Kassenband zwischen all den Sachen, an denen ich gespart habe. Dabei weiß ich, dass die Vögel nicht wissen, dass mein Balkon existiert, ich würde nur so gerne Vögel füttern. Die Vernunft steht neben mir in der Schlange und schüttelt den Kopf.

29.11.

Ich bin in der Bibliothek und soll mich konzentrieren, aber ich bin nicht konzentriert – ich bin ein flatterndes Durcheinander auseinanderstrebender Gedanken, jeder zerrt an mir, keiner lässt mir Ruhe.
Meine Therapeutin war diese Woche nicht da, um meinen Kopf zu sortieren. Daran liegt das alles. Und jetzt ist schon wieder alles auf einmal. Vielleicht ist das das Leben: alles auf einmal.
Das BVA in Köln will mein BAFöG-Darlehen zurück: Seid ihr blöd?, würd ich ihnen gerne sagen, Wovon denn? Ich will nicht, dass meine Eltern dieses Geld zurückzahlen müssen, ich will das selber machen, und zwar, wenn ich einen richtigen Job habe, aber das ist nicht jetzt und ihr müsst mich in Ruhe lassen. Ich hab nix. Geht weg.
Mit einer Freundin stecke ich in der Vorbereitung eines Projekts, das wirklich spannend ist, ein Interview gehört dazu und mit den Fragen wollen wir herausfinden, wie Leute sich in ihrem Körper wahrnehmen. Die Fragen sind schön: Welches Tier bist du? Versinkt dein Körper im Boden? Schwebt er? In welchem Aggregatzustand befindest du dich gerade? – Ich bin ein Gas, heute, eine sich verflüchtigende Wolke, und mein Körper kommt mir sehr seltsam vor.
Ich versuche, mich auf den Text zu konzentrieren, den wir auf den Flyer zu unserem Projekt drucken wollen, aber stattdessen denke ich an das BVA und wo ich alles anrufen muss und daran, wie lustig das Mittagessen mit dir heute war und dass ich froh drum bin, und daran, dass mich gestern beim Lindy Hop einer nach meiner Nummer gefragt hat, der alle nach ihren Nummern fragt. Ich find ihn nett und er hat ein schönes Lächeln und wir haben uns für den Weihnachtsmarkt verabredet. Ich will gern mit ihm auf den Weihnachtsmarkt gehen und freu mich drauf. Er ist niemand, in den ich mich verlieben könnte. Er ist sehr auf der Suche nach einer Frau. Ich will nicht, dass irgendwas an Lindy Hop kompliziert wird. Ich flirte gerne.

An all das denke ich und an hunderte Dinge mehr, während ich in der Bibliothek sitze und eigentlich was ganz anderes machen sollte, da kommt auch noch dieser Typ und setzt sich neben mich. Vor ein paar Wochen hab ich ihm mal ein Briefchen zugesteckt, weil er mir gefallen hat, meine Nummer stand drin, und er hat ein Briefchen zurückgeschrieben: dass er sich freut, dass ich schön bin, dass er sich melden wird. Hat er aber nicht, und jetzt sitzt er neben mir und geht mir auf die Nerven, weil er zu laut Musik hört, herumzappelt und die ganze Situation sowieso ziemlich awkward ist. Ich weiß nicht, soll ich ihm ein Buch an den Kopf werfen oder mir Ohrstöpsel holen?

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Schräge Vögel, wir

Ich bin Uni. Die Vorlesungen der Kunstgeschichte erkennt man an den ausgesucht schicken Seniorenstudent*innen (die übrigens immer am pünktlichsten sind), denn wer was mit Kunst zu tun hat, ist schließlich auch ein bisschen künstlerisch, also exzentrisch, nicht wahr. Die Studierenden sind auch exzentrisch und sie alle nerven mich damit, dabei laufe ich heute selber in Klamotten rum, die brüllen: Persönlichkeit! Viel davon! Am meisten!! Ich sehe nämlich aus wie ein Cowboy, oder wie eine horse woman, und die Leute gucken mich auch so an. Ich hätte gerne ein Pony dabei, die Flinte am Sattel und den Hund bei Fuß, und eine entlaufene Kuh im Lasso, dann wäre das gerechtfertigt mit meinen Klamotten, aber so komme ich mir ein bisschen verkleidet vor. Blöde exzentrische Kunsthistorikerinnen! (Und Kunsthistoriker. Die sind nicht besser, die sind nur weniger.)

Ein Wochenende zu zweit

Natürlich nicht.
In Wahrheit ein Wochenende mit Grumpy, also: allein in meiner Wohnung mit Keksen und Netflix und Radio. Das war öde, aber nötig.

Ich freu mich drauf, mit der neuen Woche ganz langsam wieder ins Leben zu rutschen. Und sonst wäre mir noch zu sagen, was diesen Liebeskummer angeht: Hör schon auf zu jammern, ich kann’s bald nicht mehr hören. Und so toll ist er auch wieder nicht, und außerdem gehört das Tanzen dir und nicht ihm, denk dran.

Reset.

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Frontier

Grumpy und ich gucken Netflix. Wir probieren es mit einer Serie, in der Jason Momoa mitspielt, weil ich in The Bad Batch so Hunger auf ihn bekommen habe. Aber erstens spielt die Serie im nordamerikanischen Winter und Jason hat sehr wenig Anlass, oben ohne rumzulaufen.
Zweitens ist die Serie auch einfach schlecht. Es gibt die Guten und die Bösen, die Bösen sind die englischen Soldaten, und wer immer eine Uniform trägt, ist automatisch böse und ohne Mitleid zu behandeln. Die Guten sind die Armen, Unterdrückten und natürlich die Indianer (wie nennt man die eigentlich richtig?). Der Chef-Gute macht zwar böse Sachen, aber weil die Bösen gemein zu ihm waren, ist das alles total gerechtfertigt und er ist eigentlich ein richtig Guter, weil er auch noch für eine edle Sache kämpft/foltert/tötet/zerstört. Der Chef-Böse (Engländer, natürlich, und er macht noch bösere Sachen als der Chef-Gute) schickt einen armen Jungen als Spitzel ins Lager des Chef-Guten, der den Jungen direkt in Ordnung findet, weil der zwar ein kleiner Gauner, aber eigentlich edel und gut ist, denn er macht das alles nur, weil der Chef-Böse sonst seine Freundin töten lässt. Frauen sind nämlich allgemein nicht sehr fähig in dieser Serie, sie lassen sich retten oder belästigen oder bedrohen oder herumkommandieren, außer der einen Frau, die ein bisschen tougher ist, weshalb sie auch Hosen trägt, damit man das gleich sieht. Die anderen Frauen tragen Kleider mit Ausschnitt, damit man sieht, dass sie gerettet/belästigt/bedroht/herumkommandiert werden müssen. Bei den Indianern gibt es eine alte Frau, die immerhin das Kommando zu haben scheint, bisher aber nicht sehr oft aufgetaucht ist, und eine junge, die immer bei den Männersachen mitmacht, sonst aber keine Persönlichkeit besitzt.
Das ist alles so beknackt, das können nichtmal Jasons angenehm beunruhigende Armmuskeln retten. Man sieht sie ja auch nicht.