24.11.

Gerade sind sehr viele Dinge auf verschiedene Arten anstrengend: diese Woche habe ich mit jedem Tag gemerkt, wie ich fadenscheiniger werde, und heute fühle ich mich ganz zerschlissen.
Zum Workshop bin ich eine halbe Stunde zu spät gekommen, habe die Tür aufgemacht und einige Minuten blöd in den Kursraum geguckt, dann hab ich gewusst, das geht jetzt nicht auch noch, und bin wieder gegangen.

Grumpy ist nichtmal mitgekommen. Als ich heimkomme, hängt er noch im Schlafanzug rum und guckt mich schadenfroh an: Hab ich dir doch gleich gesagt. – Und diesmal hat er Recht. Ich bin so müde an Geist und Körper, ich könnte heulen. Ich heule.

Schon wieder: Night and day

why is it so
that this longing for you follows
wherever I go

And this torment won’t be through
Till you let me spend my life
Making love to you
Day and night, night and day

Vor der Arbeit suchen wir dir eine Brille aus und dann steh ich hinter der Theke und weine ins Popcorn;
nach der Arbeit sehen wir uns beim Tanzen (du bist schon da und ich komme nach – du redest mit jedem und jeder redet gern mit dir, denn du bist nett, du bist einfach richtig nett, ich dagegen brauche dich, weil ich nicht weiß, wie man mit Leuten in Gespräche kommt)
und ich fühle: deine Schulter unter meiner Hand, deinen Arm um meinen Rücken, deinen ganzen warmen lebendigen Körper neben mir: er zwitschert und lacht, so ein Körper ist das,
und ich weiß, was gleich zwischen uns passieren wird: tanzen werden wir,
und ich denke, dass wir jetzt gerade alles sind, was wir überhaupt nur sein könnten.
Zum Abschied umarmen wir uns und wie ich davonfahre, tut sich in mir etwas auf und die Welt stürzt hinein und was übrig bleibt, ist einen Schatten grauer.

Oder, wie eine Freundin von mir feststellt: Dazu ist eigentlich nichts mehr zu sagen.

21.11.

Meine Therapeutin hat mir geholfen, meinen Kopf aufzuräumen. Alle wilden Träume sind entwirrt und heute Nacht nicht zurückgekommen. Ich fühle mich trotzdem müde und irgendwie aufgebraucht, als müsste ich mich erstmal wieder auffüllen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht und in der Wohnung nebenan hat eine Frau telefoniert. Ich weiß nicht, warum eine Frau in dieser Wohnung sein soll, die ein Mann gemietet hat und in der ich seit Februar immer nur Männer gesehen oder gehört habe, aber da ist sie und redet laut mit irgendwem am Telefon, und ich freu mich, dass sie da ist, aber später bin ich nicht sicher, ob ich sie nur geträumt habe.

Konflikt

Grumpy ruft aus dem Schaukelstuhl: Hör doch auf, so herumzurennen, was soll der ganze Zirkus? Wo willst du jetzt schon wieder hin?
Wir müssen jetzt zur Projektbesprechung, sage ich und packe meinen Rucksack. Komm schon!
Grumpy kommt aber nicht, weil er lieber zuhause bleiben will. Er findet, dass wir viel zu wenig rumhängen und einfach gar nichts machen. Das ist ihm alles zu anstrengend und die ganzen neuen Leute nerven ihn und er will seine Ruhe und erklärt, dass er heute gar nirgends hingeht. So!, sagt er und rutscht noch tiefer in den Stuhl.
Wir müssen los!, rufe ich wütend, Das ist wichtig, ich hab’s versprochen und ich will das Projekt machen, jetzt komm endlich!
Scheiß auf Projekt, sagt Grumpy, Ich bin müde, ich will hierbleiben, früher haben wir viel mehr Netflix geguckt, du kümmerst dich überhaupt nicht mehr um mich!
Müssen wir das wirklich jetzt besprechen, frage ich genervt, weil meine Freundin schon seit fünf Minuten wartet, und Grumpy sagt, Ja, jetzt, und am Ende verlieren wir beide die Diskussion, weil wir viel zu spät kommen, und das ist weder hingehen noch daheim bleiben.

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Wach auf

Meine Nächte, meine Träume sind eine Zeitlang ruhiger geworden, jetzt begehren sie wieder auf: schon in der Nacht auf Montag ist unendlich viel passiert, Orte, Personen und Konflikte strömen durch mich hindurch, so absurd wie intensiv, und beim Aufwachen kann ich sie nicht abschütteln: 

Ich bin in der Mensa verabredet, mit dir, aber ich finde dich nicht und begegne stattdessen Freundinnen von früher. Eine von ihnen nimmt uns alle mit in ihre WG und wir unterhalten uns über Mitbewohner und ihren Zwischenmieter, bis ich immer deutlicher merke, dass irgendwas an all dem nicht stimmt, ihr Mitbewohner ist zu seltsam, das zu vermietende Zimmer passt nicht zum Gespräch, und als es sich nicht mehr verbergen lässt, sagen sie: Du hast Recht. Wir sind nicht, wer wir vorgeben, in Wahrheit haben wir alle eine weitere, böse Persönlichkeit, und erinnerst du dich nicht? Du warst eine von uns, in dir steckt Luzifer persönlich, und wir wollen, dass du ihn heraus lässt.
Ich will nicht. Ich will ich bleiben und nicht der Teufel sein, und ich laufe davon durch Gänge und Tunnel und knarrende Türen, die Architektur ist überplastisch: ich rieche, spüre, sehe Licht und Dunkel, Trockenheit und Feuchte, Sonne und Kühle, Staub und Moder und Pflanzentriebe auf Stein, Holz, Ziegel und Eisen, und am Ende ist kein Ausweg mehr und zwischen mir und ihnen steht nichts als mein Wille.

Und heute? Ich bin Jessica Jones und muss ein Haus verteidigen gegen einen finsteren Eindringling, er ist ein riesiger, grauer Mann und vollkommen unverwundbar, aber um Zeit für meine Freunde zu gewinnen, kämpfe ich trotzdem gegen ihn mit aller Kraft, die ich habe. Und dann, immer noch Jessica, bin ich auf der Beerdigung meiner besten Freundin. Ich rede mit trauernden Angehörigen, meine Mutter steht dabei, und plötzlich ist die Szene anders: Ich rufe seine Mutter an, sage ich zu meiner Mutter, und sie nickt nur und hält mir den Rücken frei von den anderen Leuten. Denn jetzt ist es mein Exfreund, der gestorben ist, in einem Krankenhaus, und seltsamerweise weiß ich es als Erste, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesprochen habe, und ich muss es seiner Mutter sagen und weiß nicht, wie, ich weiß einfach nicht, wie. 
Und dann, mit einem Mal, ist es meine eigene Mutter, die gestorben ist, und das ist das Schrecklichste von allem. Ich komme mit meinem Vater und meinen Brüdern von der Beerdigung nach Hause und in der Küche liegt noch ein Zettel, den sie uns geschrieben hat, und als ich ihre Schrift sehe, fühl ich mich, als könnte ich nie wieder froh werden.

Das waren nur Träume, aber ich frag mich, ob sie mir etwas sagen wollen, ob irgendwas in mir im Argen liegt und sich mir auf diese Weise mitteilt.

Fülle

Ich fahr an die Uni zum Kolloquium in meinem großen grünen Männerarmeewollpullover, der mich warm hält und vor Kunsthistorikerinnen und sonstigen Unbilden beschützt. Die Tür zum Seminarraum ist noch offen, was bedeutet, dass ich erstaunlicherweise nicht zu spät bin, und das beflügelt mich so, dass ich laut „Hallo!“ in den Raum rufe. Dafür ernte ich Seitenblicke, aber keine Antwort, weil Kunsthistorikerinnen noch nie die nettesten Menschen an der Uni gewesen sind.
Ihr könnt mich doch, denke ich und setze mich und es wird gar nicht mal so furchtbar, wir reden über eine Künstlerin aus der Sammlung Prinzhorn (da sind Bilder von Psychiatriepatienten drin) und ich mache einen Wortbeitrag wie eine brave Studentin und danach geh ich spontan in die Sprechstunde meiner Betreuerin und erzähle ihr, worüber ich schreiben möchte, und sie findet es toll, und dann will ich eigentlich noch in die Bibliothek und ein bisschen arbeiten, aber das Kolloquium strengt mich immer wahnsinnig an und ich lass es gut sein und fahre nach Hause.

Zwischendurch hol ich noch zwei entwickelte Filme ab. Ich bin zufrieden mit den Bildern und mit meinem Tagwerk.

Und schreiben möchte ich über Anne Blunt, die mit ihrem Mann durch den Nahen Osten gereist ist und darüber geschrieben und gezeichnet hat. Auf dem Frontispiz ihres einen Reiseberichts ist sie in arabischer Tracht neben einem Pferd zu sehen, allein in der Wüste. Sie schaut in die Ferne und sieht zart und stark zugleich aus.

In der Schule, auf dem Mädchenklo

Mit fünfzehn oder sechzehn, in meiner ganzen elenden Wut darauf, dass andere Menschen Vorstellungen davon haben, wie ich zu sein habe, hab ich mir geschworen: Nie werd ich so sein, wie sie mich haben wollen. Ich werd mich nicht so anziehen und nicht meine Augenbrauen zupfen und mich nicht schminken und nie über das ganze dumme Zeug reden, das ihre Köpfe füllt.
Und ich hab mir vorgestellt, wie mein zukünftiges, erwachsenes Ich dem zornigen jungen Mädchen gegenüber treten und sich für das verantworten muss, was aus ihm geworden ist.

Und jetzt, wo meine Brauen gezupft sind und in meinem Schrank ein Windstoß bunter Röcke hängt und ich an manchen Tagen gerne Rot auf meine Lippen lege – würde ich bestehen vor mir? Könnte ich glaubhaft sagen: Ich bin immer noch du, wir sind jetzt nur mutiger, selbstbewusster, wir haben gelernt, uns unter den andern zu bewegen, aber wir haben uns nicht in ihnen verloren.