Lieblings

Du leuchtest. Du leuchtest unter allen anderen Tänzern, ein kleiner heller Punkt in der schwingenden Menge, das bist du und weißt es nicht.

Beschwerliches Leben

Ich stehe im Kino hinter der Popcorntheke. Eine Frau, die mit jeder Bewegung zeigt, dass das alles (egal, was) eine Zumutung ist, guckt resigniert über den Tresen.
Haben Sie Wasser nur in so riesigen Flaschen? – Ja, tut mir leid, sage ich lächelnd.
Sie seufzt und murmelt kopfschüttelnd vor sich hin, um zu zeigen, dass ihr ein großes Opfer abverlangt wird: Ja dann, geben Sie mir halt so eins.
Gerne, lüge ich und lächle immer noch. Zweifünfzig, bitte.
Sie schaut mich zum ersten Mal richtig an, mit dramatisch verlorener Fassung: Zwei Euro fünfzig?! Dafür kriege sie anderswo einen ganzen Kasten. Unverschämtheit!
Dann bring dir halt deinen Scheißkasten selber mit, sage ich. Natürlich nicht laut, wegen dem Chef und weil man sowas nicht sagt.
Unter Kopfschütteln, Murmeln und allen weiteren zu Gebote stehenden Bekundungen des ihr widerfahrenden Unrechts bezahlt sie und geht grußlos ab. Die wollte nichts kaufen, die wollte bestimmt nichtmal ins Kino, die wollte sich einfach nur beschweren und beschwert damit sich und allen den ganzen Tag.

Projekt

Ich kann nicht über die eigentlichen Dinge schreiben.
Da war ein Abend in einem kleinen Raum mit gedämpftem Licht: Workshop hieß das, und fremde Menschen kamen, um bei uns zu sitzen, und dann ist so beiläufig etwas so Großes, Tiefes entstanden, dass ich es noch immer kaum begreife.
Ich wünsch mir, dass das wieder passieren kann.
Ich wünsch mir, ich hätte Kunst studiert.
Ich wünsch mir, dass das der Anfang von etwas ist, weil ich mich so ganz dort hinein geben konnte, weil das, was ich bin, mit dem, was meine Freundin ist und was ein weiterer Künstler ist, zu etwas wird, das einem Menschen für eine halbe Stunde ermöglicht, sich selbst zu begegnen und sich gütig zu begegnen, vor uns und mit uns. Im Schein der Lampe weben wir ein zartes, aber dichtes Netz, wir werden ein Kokon und machen Schmetterlinge.

Mach das mal durch Kunstgeschichte, durch reine Theorie, das kannst du nicht.

(Was passiert ist: jemand kommt zu uns und meine Freundin und Projektpartnerin und einfühlsamste Fragerin unterhält sich mit ihm über seinen Körper und wie er sich darin fühlt. Hinter einem Paravent sitzen ich und ein richtiger Künstler und zeichnen Bilder aus den Antworten. Die Gespräche und Bilder sind Geschenke, von uns so sehr wie für uns, wir alle erleben und fühlen und staunen und schaffen mehr, als wir für möglich gehalten haben.)

Traum

Ich träume, dass ich mit einer alten Bekannten ein Stück Seife in einem Laden klauen will. Seltsamerweise ist der Plan, dass sie die Seife nimmt und ich währenddessen weglaufe. Das machen wir und ich werde prompt verfolgt, verstecke mich, werde entdeckt, und der fiese Kerl, der mich erwischen will, grinst und ruft, dass er jetzt seine fünf asiatischen Schlägertypen auf mich loslässt. Ist das nicht Quatsch?, wende ich ein, aber da haben sie mich schon umringt, fünf kleine, sehnige Männer mit asiatischen Zügen. Sie kämpfen unfair und sowieso besser als ich, die ich mich wehre, wie ich eben kann, aber es sieht nicht gut aus, da kommt eine Frau vorbei und guckt sich die Lage an. Sie trägt ein sehr kleines Schwarzes und sagt: Du musst sie verführen, dann hast du gewonnen. – Ich weiß, sage ich genervt, aber ich bin hier ein bisschen überfordert, es sind immerhin fünf.
Gut, sagt sie, such dir einen aus, ich kümmer mich um den Rest. Wie wär’s mit dem hier? – Nein, sage ich, der hat mich beinah besiegt, den mag ich nicht. Und ich suche mir den aus, der am leichtesten abzuwehren war: dünn, hungrig, er ist Wachs und Honig in meinen Händen, ich halte seinen schmalen Rücken umschlungen, Narben sprenkeln seine Haut.

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Hinaus, hinein (aus mir, ins Leben)

Grumpy und ich waren in der Therapie. Ich habe der Therapeutin erzählt, was alles in letzter Minute doch nicht klappt, oder eben gerade nur so, und sie guckt Grumpy an und wir reden über Selbstsabotage und die Frage, wozu die gut ist.
Danach kommen wir heraus und gucken uns verlegen von der Seite an und wissen nicht, was wir sagen sollen.
Wovor hast du solche Angst?, frage ich ihn, während ich mein Fahrrad aufschließe. Er steht daneben und weiß nicht, wohin mit sich und sagt, keine Ahnung, das ist eben so, denn wenn man erstmal zuverlässig ist, dann trauen Leute einem immer mehr zu, und noch mehr, wenn man das auch noch hinkriegt, und dann hören sie gar nicht mehr auf mit dem Zutrauen und plötzlich rast man ohne Stützräder mitten durchs Leben und weiß nichtmal, wie man überhaupt ein Fahrrad anhält.
Ja stimmt, sage ich. Ich stelle meine Tasche in den Fahrradkorb und kann mich nicht entschließen, loszufahren, weil ich genau weiß, was er meint. Da müssen wir aber durch, wende ich schließlich ein. Sonst bleiben wir immer so wie jetzt.
Ich hab aber Angst, sagt er.
Ich auch, sage ich.

Entdeckung

Letztes Jahr war ich zur Weihnachtszeit in einer Kirche und hab mir die Krippe angeschaut und was stand da in der detailgetreuen Hirtenlandschaft, zwischen all den Schafen und Ziegen und andächtigen Eseln? Ein Pinguin.

Dieses Jahr dachte ich mir, ich muss doch wisssen, ob der Pinguin wieder da ist.
Die Krippe sieht heuer anders aus und die Hirtenlandschaft ist verschwunden, aber in der Tat: da steht unverdrossen der Pinguin, und dieses Jahr hat er eine Pinguinin und fünf flauschige Küken mitgebracht.

Wer rauskriegt, in welcher Kirche das ist, bekommt einen Pinguin frei Haus!