Äh.

Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern. Während ich in der Küche sitze und lese, höre ich sie am anderen Ende des Flurs über die Ausbildung zur Kunsttherapeutin beraten, die sie sich für mich ausgedacht haben. Seit ich gesagt habe, dass so eine Ausbildung ja schon ganz cool ist, ist das beschlossene Sache für sie.

Ich hab das eher grundsätzlich gemeint, aber dann haben sie schon was zu tun und üben, wie man das Internet benutzt.

 

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Schlaf, Kindlein, schlaf

Mein Kopf weiß viele Dinge.

Dass man die Frage, wie es weitergehen soll, nicht zwischen 2 und 4 Uhr nachts löst, weiß er nicht.

Worüber er nachdenkt: wie viel Geld brauche ich mindestens? Bekomm ich das im Kino? Soll ich im Kino weiterarbeiten? Soll ich mehr Geld fordern? Soll ich in die ver.di eintreten und einen Betriebsrat gründen? Wie respektvoll muss ich mit meinen Chefs reden? Wie kann man einen Streik organisieren und könnte sich den überhaupt wer leisten? Wo könnte man einen Kummerkasten aufstellen? Lohnt sich das alles, wenn ich nicht mal weiß, ob ich da bleiben will? Macht mich ein besser bezahlter Bürojob froh? Soll ich wirklich die Uni abbrechen? Wie trifft man Entscheidungen? Kenne ich wen, mit dem ich mal wieder ins Bett gehen kann, weil ich wirklich Hunger habe? Wie viel angenehmer wäre mein Leben ohne die drückenden Geldsorgen? Kann ich in meiner Stadt mit einem abgebrochenen Master eine Stelle finden, in der ich in Teilzeit genug zum Leben verdiene? Hab ich wirklich keine Lust auf das, was man Karriere nennt, oder berufliche Selbstverwirklichung? Wie lebt man denn?

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Blasen steigen lassen

Ich höre von Traumreisen und fantastischen Romanzen und kreativer Selbstverwirklichung und denke, ich mach gar nichts, ich bleib immer nur da und züchte kleine Blumen auf meinem kleinen Balkon und hab mich immer noch nicht entschieden, was ich mit meinem Leben machen will, ich lese halbherzig über Anne Blunt und denke halbherzig darüber nach, was ganz anderes zu machen, ich bin ein kleiner stummer Fisch und hab mir die einzige Stelle im Strom gesucht, an der das Wasser still steht. Kann mich nicht entscheiden!, sage ich zu den anderen Fischen, die auf den buntesten Wellen an mir vorbeischwimmen und mich fragend angucken.

Die Große Verwirrung

Ich telefoniere mit meinen Eltern und die sagen aus heiterem Himmel: Du musst doch nicht fertig studieren, wenn es halt nicht klappt.

Erstens ist das neu aus dem Munde meiner Eltern, zweitens war ich an dem Punkt schon genau vor einem Jahr. Was mach ich jetzt? Wer bin ich, und was soll ich?

Sich doch was draus machen

Wenn man müde ist, verpasst man: bis spät nachts mit den Kinokollegen zusammensitzen, oder nach der Schicht noch eine Runde tanzen gehen, oder beides.

Am andern Morgen fühlt sich das für mich an, als wären da Dinge geschehen, die ich nie wieder aufholen kann, nie werde ich richtig dazugehören im Kino, nie bei den anderen Tänzern so ankommen wie du, der du einfach alleine tanzen gegangen bist, und ich kann mir tausendmal sagen, dass ich wirklich ins Bett musste, ich hab trotzdem Angst davor, dass mich keiner mag und braucht, wenn ich eh nie da bin.

Traum

Aus einem Reisebus steigt in eine sonnige, weitläufige Stadt eine Menge Leute; darunter zwei junge Männer, beide reisen allein und kennen einander nicht, beide sind schlank und schön und tragen langes Haar, der eine offen (hellbraun), der andere in einer komplizierten Frisur (blond), und beide tragen die hipsterigsten Hipsterklamotten, aber sie sehen grandios aus darin. Und zufällig haben sie die gleichen roten Schuhe, und darauf möchte der Blonde den Braunen gerne ansprechen, weil es nur irgendeinen Aufhänger braucht, denn sie sind, jeder sieht es und sie sehen es auch, unverrückbar füreinander bestimmt.
Aber der schöne Braunhaarige antwortet nur ausweichend und verschwindet einfach unter den anderen Menschen, „He!“, ruft der schöne Blonde, „warte!“, aber der andere wartet nicht, er läuft davon, obwohl er wissen muss, dass der Blonde die Liebe seines Lebens ist, und der Blonde heftet sich an seine Fersen, entschlossen, sich ebendiese Liebe nicht entgehen zu lassen, weil nie wieder eine Liebe so groß sein wird wie diese, sowas spürt man.
Mit immer größerem Vorsprung hastet der Braune durch steile, enge Gassen, endlich hinaus aus der Stadt, weil sein Verfolger sich nicht abschütteln lässt, bis er ihm schließlich doch entwischt. Der blonde Mann steht auf verlassenem Waldweg zwischen düsteren Tannen und greift zu einer List. Er hat während seiner Verfolgungsjagd eins und eins zusammengezählt und weiß inzwischen, dass der Mann seiner Träume ein Vampir sein muss, denn das ist der einzige plausible Grund, vor der großen Liebe davonzulaufen. Da der blonde Mann das aber nicht als Hindernis empfindet, will er seinen Vampir immer noch erwischen, und wie lockt man Vampire an? – Natürlich mit Blut.
Er ritzt sich also vorsichtig ein paar Kratzer in die Haut, zuerst am Arm, dann, ganz oder gar nicht, am Hals, was gleich doppelt so verlockend ist für einen Vampir, und der taucht prompt wieder auf und geht seinem von nun an Liebsten an die Kehle.
Es folgen geflüsterte Versprechen und zurückgehaltene Begierde, außerdem die Erklärung, warum der Vampir der Liebe auf den ersten Blick davongelaufen ist: seine Familie, alles ganz schlimme, konservative Vampire, sind garantiert dagegen, dass er einen sterblichen Menschen heiratet, und was macht man als Vampirfamilie in diesem Fall? – Natürlich den drohenden Schwiegersohn austrinken. Nur aus Liebe, um den Mann seines Lebens vor der Familie zu beschützen, ist der schöne junge Vampir also davongelaufen.
Jetzt muss ein neuer Plan her, und der ist schnell und einfach gefunden: eine heimliche Hochzeit mit Konversion auf dem Vampirstandesamt (in einem hohen, hölzernen Glockenturm, zwischen dessen Brettern der strahlend blaue Himmel hereinschaut). Der Blonde ist der einzige Nichtvampir und zuerst haben sie ein bisschen Angst, dass einer der fremden Vampire, die auch heiraten wollen, über ihn herfällt, aber die Anwesenden sind alle sehr aufgeschlossen und freundlich und begrüßen, dass das junge Paar trotz aller Unterschiede heiraten will. Und das tut es auch, und der Blonde wird von seinem schönen braunhaarigen Ehemann zum Vampir gebissen, und die Familie kann ihm nichts mehr anhaben, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und treiben es schamlos auf Vampirart.

Ende.