Gib a Ruh

Das war ein Tag, wie er schöner nicht hätte sein können, von vorn bis hinten – todmüde vom Glück lieg ich neben dir und es ist schön, da zu liegen, aber grad, als ich da angekommen bin, springt etwas auf und beginnt, in mir herumzurasen. Mein Kopf wird nicht leise und mein Körper nicht bequem, in mir ist so ein Getöse, das kann keiner aushalten. Ich tappe in die Küche und hör dem Kühlschrank zu, wie er brummt, das hilft ein bisschen, aber als er plötzlich schweigt, ist in mir immer noch ein Höllenlärm.

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Versager

Tja, sagt Grumpy.

Ich sage nichts. Seit gestern Abend schweigen wir uns an, weil ich nicht ein Wort von ihm ertragen könnte. Ich habe ihm gewaltsam das Maul gestopft und trotzdem geheult.
Heute Morgen müssen wir aber reden, daran führt kein Weg vorbei, wir wissen es beide und gucken uns nervös an (und schnell wieder weg).

Also, sagt Grumpy schließlich. Du hast verloren. Ist so.
Er meint mein Treffen mit dem Typ aus meiner Schulzeit, und irgendwie hat er Recht:

Du hast mich schikaniert, habe ich zu dem Typen gesagt. – Also daran erinner ich mich nicht, sagt er. Du hast da irgendwas auf dich bezogen und falsch verstanden. Ehrlich, in meiner Erinnerung haben wir überhaupt kein Verhältnis zueinander, das hier ist das erste Mal, dass wir überhaupt miteinander reden.

Grumpy genießt das. Vielleicht hat er ja Recht, sagt er. Vielleicht ist einfach deine Erinnerung falsch. Kann ja passieren, nach so langer Zeit, vielleicht warst du einfach zu empfindlich, also ich fand ihn jedenfalls ganz überzeugend. Denk mal drüber nach.

Bist du bescheuert?!, rufe ich, aber es klingt klein und verzweifelt. Es kann gar nicht sein, dass ich mir alles ausgedacht habe. Meine Mutter hat sogar irgendwann seine Mutter angerufen, damit das endlich aufhört, das ist der Beweis.

Vielleicht, sagt Grumpy hämisch, aber er musste es nur abstreiten, und schon hast du dir selbst nicht mehr geglaubt. Du bist nämlich immer noch ein kleines, verunsichertes, hilfloses Kind, das seinen Standpunkt nicht verteidigen kann. Er ist immer noch stärker als du!

Er ist einfach ein größerer Idiot als ich, sage ich wütend. Er ist ein aufgeblasenes, ignorantes Arschloch, das nur sieht, was es sehen will. Ich bin ein viel coolerer Mensch als er.

Ja, spottet Grumpy, aber davon hat er nichts mitbekommen gestern. Du konntest ihm ja nicht mal erklären, worum es ging. Du hast verloren, sieh’s ein.

Ich sage nichts. Ich will nicht verloren haben, aber es fühlt sich genau danach an.

Ach ja, sagt Grumpy, und du hast ihn nichtmal zur Rede gestellt, weil du fast eine Stunde an dem hässlichen Kackbahnhof auf ihn warten musstest. Früher hast du so wenig existiert für ihn, dass er nichtmal gemerkt hat, wie er auf dir rumgetrampelt ist, und gestern hast du ihn einfach weitertrampeln lassen. Für ihn bist du immer noch kein richtiger Mensch, mit dem man anständig umgehen müsste, und das lässt du einfach mit dir machen. Du bist kein bisschen weiter als damals.
Grumpy schüttelt verächtlich den Kopf und dreht sich weg, und ich hab nichts, das ich erwidern könnte, weil ich selber nicht ganz fassen kann, was da gestern passiert ist. Berlin ist eine große, anstrengende, hässliche Stadt, und ich will zurück nach Freiburg, das mir sachte versichern wird, dass ich immer noch da bin, dass ich gar nicht so übel bin, dass mein stilles, unscheinbares Leben genauso gültig ist wie das von all den Leuten, die irgendwas Vorzeigbares machen und vorzeigbare Reisen unternehmen und Politiker beraten, obwohl sie schlechte Menschen sind.

Und jetzt.

 

Zugfahrt zu dritt

Ich sitze im Zug nach Berlin, am Fenster, aber ich gucke nicht raus, sondern Grumpy an, der mir gegenüber sitzt und nicht einverstanden ist.

Was soll das jetzt wieder?, fragt er. Wir könnten zuhause auf dem Balkon sitzen, das ganze Wochenende lang, und stattdessen müssen wir nach Berlin? Was haben wir mit Berlin zu tun?!

Das weißt du genau, sage ich. Wir gehen ins Museum und treffen den bösen Typen aus der Schule und wir haben einfach ein schönes Wochenende, so wie normale Leute.

Normal!, faucht er. Wir sind nicht normal! Ich hasse wegfahren! Berlin ist zu groß! Du bist zu klein! U-Bahn! Fremde Straßen! Unwägbarkeiten! Gefahr, Gefahr! Und wer ist überhaupt der Typ neben dir?

Freund von mir, murmle ich, weil Grumpy mich schon ein bisschen eingeschüchtert hat.

So so, sagt er und verschränkt die Arme. Den hab ich ja noch nie gesehen. Der ist die ganze Zeit dabei? Ich vertrag mich nicht die ganze Zeit mit jemand, kannste vergessen.

Freitag bin ich allein, sage ich.

Da reißt er die Augen auf und brüllt: Allein?! Wie sollen wir denn allein zurechtkommen? Eine blöde Idee ist das, das alles, eine richtig blöde Idee.

Vielleicht wird’s aber auch einfach schön, sage ich, aber er schnaubt nur und guckt ab jetzt beleidigt aus dem Fenster.

Müder Hund mit klopfendem Herzen

Nicht nur, dass ich nachher ein Date habe und schon von einem Vorstellungsgespräch komme, es hat sich auch noch der Kerl zu einem Treffen bereit erklärt, vor dem ich mich in der Schule am meisten gefürchtet habe. Das war meine Idee, aber plötzlich bekomme ich Angst vor meinem eigenen Mut.

Gleich hab ich Therapie und weiß gar nicht, worüber ich am dringendsten reden will, es ist alles so aufregend, die Welt ist so weit geworden, verlockend und beängstigend zugleich.