Es kommt aber keiner [Selbstmitleid]

Grumpy und ich sitzen zuhause und tun so, als wär das Leben gar nicht da. Die Wohnung sieht uns vorwurfsvoll dabei zu.

Geht nicht, sage ich.

Geht alles nicht, bestätigt Grumpy, jemand soll kommen und uns helfen, heute und alle Tage.

Denn wir beide können doch gar nicht aufräumen und abwaschen und die Wäsche zusammen legen und einkaufen und uns gesund ernähren und ordentlich angezogen sein und jeden Abend Zähne putzen. Sowieso schon nicht, und wenn ich auch noch arbeiten muss, schon gar nicht. Aber wenn uns jemand vor all dem retten würde, könnte ich endlich mal zum Arzt gehen oder mein Fahrrad reparieren. Oder mich darin üben, ein zuverlässigerer Mensch zu sein.

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Unsere Demokratie

Ich arbeite als Wahlhelferin: Menschen kommen zu mir und ich geb ihnen Wahlscheine aus. Das ist wichtig, aber es fällt mir trotzdem schwer, den Job so richtig ernst zu nehmen. Kleinkariert.

(Sie dürfen nicht das Kreuzchen für Ihre Frau machen und ich muss Sie unter allen Umständen daran hindern! Außer, Sie nehmen die Unterlagen einfach mit, dann können Sie für Ihre Frau und Ihre Nachbarn und jeden anderen Menschen alle Kreuzchen machen, die Sie möchten.)

Nachtrag: in Wahrheit habe ich keinen Grund, über den Job zu schimpfen. Wohl auch nicht über die Regeln und Stempel und die bedingungslose Hingabe mancher Kollegen an Regeln und Stempel.

Rock bottom

Müde, traurig, leer, das ist ein körperlicher Schmerz, ein Knoten gleich unterm Brustkorb.

Ich sitze unsinnig in der Bibliothek herum, weil ich’s nicht geschafft hab, nach Hause zu fahren, das fühlt sich unerträglich an, jemand soll da sein, dabei komm ich gerade vom Tanzen mit Leuten.

Ich will mich nicht um mich kümmern, mich waschen und füttern, ich will mich mit spitzen Fingern hochheben und in die Ecke werfen wie einen alten Lumpen, und da soll ich liegen bleiben, bis mich einer wegräumt.

Wie machen wir das jetzt?

Wir haben Streit, seit du dich verliebt hast, und ich versteh nicht, weshalb, ich versteh sehr viel an dieser Situation nicht, vor allem dich versteh ich nicht mit deiner Verweigerung eines klärenden Gesprächs. Nichts wird sich ändern, sagst du, aber ich denke, Dummkopf, natürlich wird es das.

Treffen wir uns, bevor du wegfährst?, frage ich, das ist in drei Tagen und wir haben uns immer noch nicht ausgesprochen.

Ich weiß nicht, sagst du. Vielleicht spontan, ich möchte ganz viel Zeit mit ihr verbringen, aber irgendwo kann ich bestimmt ein bisschen quatschen einschieben.

Ich sage zu dir, dass ich das verstehe, aber ich sehe einen Riss in unserer Freundschaft, den du nicht kitten möchtest.

Ich klinge wie die eifersüchtige beste Freundin und mag mich selbst nicht in dieser Rolle, ich will nicht zwischen euch kommen, aber ich fühl mich doch einen Platz weiter weggerückt, und wenn du mir Fotos von deinem Balkon schickst, als wäre nichts gewesen, seh ich in den Blumenkästen alles Ungesagte wuchern, und dass du das nicht merkst, tut am meisten weh.

Gut

Bis über die Hüften steh ich im Wasser, das noch zu kalt ist, meine Hände liegen offen auf der blauen Oberfläche und ich mache mich bereit für den Moment, der gleich kommen wird, das kalte Wasser, das sich um meinen Körper schließt – und es ist wahrhaftig noch zu kalt, ich schwimme in raschen Zügen, um mich aufzuwärmen, aber bald muss ich aufgeben. Danach sitze ich in der Sonne und spüre meinen Körper, der sich schwer atmend von dem Schreck erholt, die Sonne auf der Haut spür ich und meine ganze lebendige Schwere, und wie ich langsam in mich zurück gleite, ist die Traurigkeit nicht mehr so groß. Du bist noch da, sagt der See, und der Himmel ist sehr blau.