Oh!

Vor dem Fenster der kleinen Bahn zieht Schwaben vorbei: Felder, Wälder, Weinberge und Streuobstwiesen liegen wohlgeordnet zwischen sonnigen Hügeln und plappern satt und friedlich vor sich hin.

Ein Duft von Sommerwiesen fährt in der Bahn mit. Er zwinkert mir zu und erinnert mich an all die Hundesommer in den hohen Wiesen am Bach.

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Frankie Manning hat Geburtstag

Alle, die Lust haben, treffen sich im Stadtgarten und üben für einen Lindy Hop Flashmob. Wir lernen eine Choreographie, die für die meisten neu ist, und keiner kann sich merken, wann wir Partner wechseln und wer wie lang mit wem tanzt, die Frau des Tanzlehrers schimpft mit uns, wir üben das blöde Ding und lachen über unsere Verwirrung, und plötzlich stehen wir da und sind ohne Fehler einmal durchgekommen. Spontan klatschen wir Beifall – für unseren Lehrer, aber auch für uns, weil wir es geschafft haben, wir haben uns reingehängt und gearbeitet und jetzt, plötzlich, klappt es und macht Spaß, wir alle strahlen – überhaupt, wir sind ein WIR geworden, wir sind der Flashmob, der nachher stattfinden wird, und wir sind Tänzer, und es ist Sommer, und das Leben ist schön.

 

Lindy Kinder

Fragen

Ich lese Doris Lessings Goldenes Notizbuch, und es geht darin so viel um die Sicht einer Frau auf Liebe und Sex, dass ich für beides sensibilisiert bin und in allen möglichen Momenten über die Gründe, weshalb/die Arten, wie/die Gefühle, während Frauen mit Männern schlafen, nachdenke.
Nach einer Woche habe ich gerade einen guten Freund wiedergesehen, wir schlafen miteinander und ich beobachte mich, wie sich die Erzählerin im Buch beobachtet, und denke nach über den Grund, weshalb, und die Art, wie, und meine Gefühle, während ich mit ihm schlafe. Ist es nicht seltsam, dass es überhaupt Gründe, Arten und Gefühle gibt, die nicht nur aus Lust/voller Lust/Lust heißen?

Wie soll ich denn

Gestern war ich nicht auf der Arbeit. Ich hatte schon alles gepackt und musste nur noch Schuhe anziehen, da habe ich mich stattdessen nochmal zu Grumpy ins Bett gelegt, und der hat mich nicht mehr gehen lassen. Dabei ist auf dem Wahlamt jetzt Hochbetrieb und ich weiß, selbst zwei Stunden verspätet wäre es immer noch hilfreich, wenn ich hinginge. Ich denke an meine Kollegen, die ich im Stich lasse, und bleibe trotzdem, wo ich bin, weil Grumpy sich an mir festklammert und inzwischen hundert bleierne Tonnen wiegt.

Und heute das Gleiche. Heute schaffe ich es!, denke ich beim Aufstehen, und ich freu mich darauf, Gestern und Grumpy hinter mir zu lassen, aber dann stolpere ich doch und falle in mich hinein, unten am Boden hockt Grumpy und reckt verzweifelt die Arme zum Licht.

Ich komm nicht raus!, sagt er, Ich bin zu klein und zu schwach. Und meine Kollegen sitzen im Wahlkeller und sortieren Briefumschläge, sitzen am Schalter und geben dem letzten großen Ansturm Wahlscheine aus, fragen sich, wie sie das schaffen sollen, und ich würd ihnen so gern helfen.

21.05.: Atlas/Verfluchte Blinde

Ich komme aus dem Kino, und wo soll ich anfangen?
Schon wieder so ein Sprachlos-Film, sagt der Typ neben mir zu seiner Freundin, und da hat er recht. Sprachlos gehe ich aus dem Kino und staune, dass es noch hell ist, ein früher Abend im Nieselregen. Irgendwo, gegen Ende des Films, war ein Bild in meinem Kopf: von einem Rücken, an den ich mich nicht geschmiegt habe, das hat ein weiches, trauriges Gefühl gemacht, aber davon weiß nur ich; von den anderen Gefühlen, die man gar nicht sagen kann, weiß der ganze Kinosaal (der war klein). Ich gehe ganz vorsichtig durch die Stadt, als ob ich etwas trage, das mir herunterfallen kann, und erst, als ich in der Bibliothek wieder zu mir komme, weiß ich, was ich getragen habe: ein Schweigen. Mein Kopf war still und ich hab nichts gedacht, ich war ein schlafendes, unbewusstes Wesen aus reiner Empfindung, so weit offen für die Welt.

Es passt sehr, dass dieser rare Moment des Nicht-Denkens mir an der Bibliothek verloren geht, an dieser Bibliothek: so ein kühles, denkendes, un-sinnliches Monstrum, an dem nicht ein Spinnwebchen Fantasie haftenbleiben könnte, das alles Gefühl vollständig negiert in seinem dröhnenden, glatten Pragmatismus. Darüber habe ich mit einem Freund diskutiert (vielmehr: ich habe gewettert und er nicht viel gesagt), weil er mir einen Bekannten vorgestellt hat, in dem ich sofort meine menschgewordene Antithese erkenne (ich kenne ihn überhaupt nicht, weil unser Gespräch höchstens fünf Minuten dauert und ich zu gar keinem Urteil berechtigt bin), denn er ist so ein nüchterner, kühler, praktischer Wirtschaftszahlenminimalismuskostennutzenmensch, dass seine bloße Anwesenheit mich herausfordert – ich maße mir die Überzeugung an, dass sein scheiß Kostennutzenuniversum nicht vollständig ist, dass ein ganzer Mensch auch ein fühlender Mensch sein muss, ein intuitives, irrationales, fantasiebegabtes, unsinniges, widersprüchliches, ungelöstes, imperfektes, nicht reduzierbares, impulsives, sinnliches, emotionales, spielerisches Wesen, und ihr ganzen Irren, ihr Minimalismusfanatiker und Selbstoptimierer, ihr verpasst alles, was ihr sein könntet, ich will euch eine runterhauen und euch schütteln, damit ihr den Wald seht statt eurer jämmerlichen Bäume, möge es euch im hohen Alter reuen, dass ihr damals nicht gelebt habt.

Georg 10

 

Dieser Film hieß Atlas, ich war mit einem Date darin, ich hab mich sehr hübsch gemacht, und das Date war ich.
Über den Film kann ich noch nichts sagen, über den muss ich noch, Achtung, nachdenken.