Was geht hier vor

Gestern Abend um elf war ich so müde, ich hätte im Stehen schlafen können; um drei Uhr nachts liege ich noch immer wach neben dem Mann aus dem Bus, vertraut und verschlungen, und denke, dass das ja jetzt nicht wahr sein kann, so gut ist das.

 

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28.09.

Essen und schlafen Sie doch wenigstens ordentlich, hat mein erster Therapeut gesagt. Dann ist zumindest Ihr Körper fit und macht nicht alles noch schlimmer.

Ich schlafe viel zu wenig und esse zu ungesund und zu unregelmäßig, ich merke seit Tagen, wie mir die Kraft ausgeht und schleppe mich trotzdem immer weiter, quer durchs Leben, nur um nicht hinhören zu müssen. Ich weiß nicht einmal, ob es was Schlimmes zu hören gäbe, aber ich will mich einfach nicht mit mir an einen Tisch setzen, ich will nichts von mir wissen, ich möchte da sein, aber ohne mich. Ich müsste immer alles anders machen, ich müsste besser zu mir sein und achtsamer und öfter vernünftig, ich müsste mich hinsetzen und zuhören und rauskriegen, was eigentlich in dieser Leere wohnt, ich müsste schlafen und schlafen und mehr richtige Sachen essen und mich auseinandersetzen – mit dir und dir und dir und mir, endlich mit mir, vernachlässigt, verhungert, verkümmert, mach, dass es weg geht, mach mich ganz.

Wie wohltuend das sein müsste: mich am Stück zu fühlen und nicht wie jemand, der sich ständig um jemand anderen kümmern muss. Steh auf, wasch dich, zieh dich an, trink genug und pack deine Sachen, vergiss nichts, und ich kümmere mich solange um die Formulare, die Überweisungen, den Haushalt; und versuch zu sein wie ein Mensch, sprich und lächle und was Menschen so tun.

 

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Schlaf schön

Der Vormittag heute wie zäher Nebel, grau, schwer, aber jetzt: im Bett nach dem Tanzkurs spielt mein Kopf noch Swingmusik und ich würd gern wem erzählen, wie schön es war, aber es gibt keine Worte, die das Gefühl richtig fassen.

Morgen Abend besuche ich den Mann aus dem Reisebus und bin aufgeregt. Meine Freundin sagt: Ihr könnt auch einfach Freunde sein. Mein Brieffreund verordnet: Keine Männer, Abstinenz und Selbstliebe. Mein Bauch sagt: Anfassen, anfassen!

Hamburg ist schon wieder so weit weg, das Leben saust und braust, verflogen ist der Sommer, Dinge geschehen so eilig, dass ich sie gar nicht alle so lange betrachten kann, wie ich gerne möchte.

23.09.

Ich falle verbogen aus dem Nachtzug, der wie Hamburg ein schönes Erlebnis gewesen ist, nur unbequem; falle in die Straßenbahn und von da ins Bett, stehe wieder auf und fühl mich bleischwer, möchte nicht zur Arbeit, die nichts mit mir zu tun hat, möchte zurück zu meinem Job im Kino, der anstrengender, aber weit erfüllender war. Ich schreibe eine einzige Bewerbung und hab sonst keinen Plan.

17.09.

Morgen fahre ich nach Hamburg. Vor einer Woche hatte ich einen Fahrradunfall, bei dem mir wunderbarerweise nichts passiert ist, aber ich muss mich drum kümmern, Schmerzensgeld von der Frau zu bekommen, die schuld war; ich hab weder Wohngeld noch Führungszeugnis beantragt, brauche aber beides, die Fahrkarten sind noch nicht gedruckt und gepackt hab ich sowieso noch nicht, ich habe schon wieder alles so hingeschoben, dass es mich erdrückt.
Nervös vor der Zugfahrt bin ich außerdem, und wie soll ich denn alles machen: ich bin ein so seltsamer kleiner Mensch und alles kommt mir höchst fragwürdig vor, jeder Atemzug ist wert, sorgfältig geprüft zu werden auf Nutzen und Notwendigkeit, und dann eine Zugfahrt.

 

Ich habe mich, immerhin, exmatrikuliert (ja wirklich). Vielleicht muss man nicht alles sofort machen. Vielleicht hätte ich mich nicht gleich für drei Tanzkurse anmelden müssen. Vielleicht doch. Vielleicht nicht für das Ehrenamt. Vielleicht doch. Vielleicht ist es okay, für gewisse Dinge lange zu brauchen. Vielleicht nicht. Vielleicht geht es nicht anders. Vielleicht doch. Ich weiß nichts. Ich brauche einen anderen Job.

Tanzkurs/Der Mond nimmt ab

Ich bin kleiner als jeder im Raum, weil ich so sehr brauche, dass ich gemocht werde. Am schlimmsten ist es mit den Leuten, die ich schon ein bisschen kenne, bei denen ich vorhandene Sympathie nicht verlieren möchte: da zähle ich jedes Lächeln, wäge jeden Blick und bin starr vor Angst, es könnten zu wenige sein. In meinem Schrecken aber vergesse ich, wie Menschen sich verhalten, und was immer ich sage, klingt unecht und albern – am Ende fühle ich mich einsamer als vorher.