31.10.

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Du, der selber gerne zeichnet, überredet mich, wieder damit anzufangen. Ich hole die halb vergessene Tusche aus dem Schrank und setze mich vor dem Frühstück für eine Stunde an mein Skizzenbuch. Ganz zufrieden bin ich am Ende nicht, aber für eine erste Zeichnung nach jahrelanger Pause ist sie nicht so übel.

Und das war die Vorlage:

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Cosmè Tura, ein Maler, über den ich nicht viel mehr weiß als dass ich seine Bilder mag, hat um 1469 den Heiligen Georg gemalt, wie er den Drachen tötet. Viel monströser als der Drache ist aber Georgs Pferd, das ich unbedingt nochmal zeichnen muss, bis ich es richtig erwischt habe, dieses fabelhafte Biest.

Unendlich behutsam

Darf ich es meinem Bruder sagen, wenn ich an seiner Entscheidung zweifle?
Darf mein Freund mir sagen, dass ich mich und die Welt nicht richtig sehe?
Darf ich meiner Freundin sagen, dass sie den Typen nicht heiraten soll?
Darf mir meine ehemalige Affäre raten, bei der Männerwahl aufzupassen?
Darf meine Freundin einer anderen Freundin sagen, dass sie sich an ihrem Schwarm nur wehtut?

Woher will man so viel wissen über die Wahrheit eines anderen Menschen, und wie kann man sich dazu versteigen, Urteile zu fällen – sich so weit versteigen, dass man diese Urteile ausspricht, ohne gleichzeitig auszudrücken, dass man weiß, wie lückenhaft und fehlbar und begrenzt sie notwendigerweise sein müssen?

Von meiner Mutter habe ich gelernt, die Selbstbestimmtheit eines anderen Menschen mit aller Kraft zu respektieren, und ich bin froh drum, dass sie so um jeden Menschen einen Schutzwall errichtet hat, die mich hoffentlich vom Gröbsten abhält. Die Antwort zu allen obigen Fragen ist Nein. Nur Fragen stellen und Gedanken vorschlagen darf man.

Oktober ohne Gold

The one you are today
Is you until you rot
And it won’t ever stop
And it won’t ever stop

– Majical Cloudz, Change

 

Irgendwann werde ich zurückblicken und sagen, das war eine schwere Zeit, ein grauer Herbst; aber er ist vorbei und ich bin noch hier.
Jetzt aber ist es nicht leicht, mich nicht mit dem Regen aufzulösen und meine Straße hinabzurinnen – in einem bunten Schillern vielleicht, einem fröhlichen Aufatmen über Richtung und Bewegung, die ich mir selbst nicht geben kann.

Ich will mich lenken wie eine Marionette, um die Zeit zu überstehen, bis ich wieder in mir wohne und von selbst gehen kann, aber unten an den Fäden hängt ein boshafter Kobold mit einer Schere von Silber.

 

Willst du mit mir gehen?

Ich möchte Du schreiben, nur damit er antwortet und ich das Gefühl seiner Aufmerksamkeit habe. Ich schreibe ihm also nicht, weil ich gar nicht ihn meine, sondern mich.

Er hat gefragt: Denkst du, ich tue dir gut? Ich habe keine Antwort. Ich kann nicht sagen, ob es mir überhaupt besser tut, eine Beziehung zu haben, als allein zu sein. All die Arbeit, das Ausbalancieren meines Lebens unter Berücksichtigung einer weiteren Person in extremer Nähe, ist anstrengend. Ohne Du wäre mein Leben also weniger anstrengend, so viel ist sicher, aber das gilt für jeden Mann, mit dem ich mich auf so eine Art von Beziehung einlassen würde, das gilt für solche Beziehungen ganz grundsätzlich, Dus Frage ist also eigentlich zwei Fragen: Tut diese Art von Beziehung mir gut? Und davon unabhängig: Tut er mir gut im Vergleich zu anderen Männern, mit denen ich in der gleichen Art von Beziehung war?

Die erste Frage ist schwierig. Was will ich eigentlich von einer romantischen Paarbeziehung, diesem Ding, das irgendwo, irgendwann ohne uns gemacht wurde und an das wir jetzt glauben, als wären wir dabei gewesen? Ich glaube also auch. Ich beobachte Paare in ihrem Alltag und finde die bedingungslose Unterstützung schön, die sie sich bieten. Ich beobachte meine Eltern in guten Momenten, in denen sie ein Team gegen die restliche Welt sind. Ich beobachte meinen Bruder und seine Freundin, meine Freundin und ihren Mann, die einander durch ihre Gegenwart versichern: Keine Angst. Was immer es ist, du musst es nicht alleine tun. Und sie sind mehr als die Summe ihrer Teile.

Ich frage mich, warum es so festgeschrieben ist, dass diese Art von Selbstverständlichkeit nur in Paarbeziehungen passiert, aber gleichzeitig bewege ich mich auch innerhalb dieser Festschreibung. Meine Freundschaften können vielleicht in der Summe die gleiche Art von Unterstützung leisten, aber ich halte das für weniger selbstverständlich, oder: es muss aktiver eingefordert werden, weil Freundschaften insgesamt loser, dynamischer, mit größeren zeitlichen und räumlichen Abständen funktionieren.

Und dann gibt es noch die romantische Idee der Seelenverwandtschaft, die ich mir (wir uns?) in einer Paarbeziehung vorstelle. Das meint im Grunde vielleicht nur den Wunsch, jemand solle mir so ähnlich sein, dass er nichts an mir übersieht und mich vollständig bezeugen kann. Und umgekehrt möchte ich den Menschen bezeugen, den ich liebe, ihn wahrnehmen als ein Wunder, das sich immer neu vollzieht. Das gilt auch in Freundschaften; der Unterschied liegt in der Erwartung von vollständigem Gleichklang, die ich aus einer Beziehung mühsam wegdenken muss, weil sie unmöglich zu erfüllen ist. Aber in Paarbeziehungen, wie wir sie uns vorstellen, liegt ein Versprechen von tiefer Kenntnis des Anderen, die sie Freundschaften allein durch Nähe im Alltäglichen voraus hat – mit der Zeit; ich bin enttäuscht von Du, weil er mich nicht so gut versteht wie Menschen, mit denen ich seit Jahren meine Gedanken teile.

Es ist schwer zu sagen, warum eine Beziehung größer sein soll als eine echte Freundschaft. Warum wünsche ich mir etwas, dessen Vorteile auch in meinen Freundschaften zu finden sind, während sie seine bedrohliche Eigenschaft nicht haben, diese schwer greifbare emotionale Wucht? Dus erste Frage kann ich nicht beantworten.

Ist es nur der Sex?, hat meine Freundin kürzlich gefragt, und vielleicht ist es nur der Sex, wenn mir auf dem Weg zu Du kurz die Luft wegbleibt vor Aufregung. Oder wenn ich neben ihm kaum schlafen kann, weil ich mich zu stark und glücklich fühle, und am Tag danach trotzdem gut drauf bin. Das kann alles wenig mehr als körperlich sein, aber sehr viel am Dasein ist körperlich, vielleicht ist es daher nicht weniger wert. Ich mag, wenn ich so mit meinem Körper verbunden bin, und selbst Sex ist mehr als Sex, dazu gehören Vertrauen und die Wahrnehmung des Partners als ganzer Mensch. Du nimmt mich als Menschen ernst, während wir miteinander schlafen, und ich glaube nicht, dass ich jemals jemanden nur als seelenlosen Körper berührt habe.

Ich werde kaum in nächster Zeit und ganz sicher nicht in diesem Text herausfinden, was es also ist, das eine Paarbeziehung ausmacht und warum sie mir gut tun könnte. Dus zweite Frage ist auch nur scheinbar einfach: Tut er mir gut, im Vergleich zu anderen Männern? Ja, möchte ich aus dem Bauch heraus sagen, aber dann denke ich, dass ich das wahrscheinlich noch von jedem Mann gedacht habe, mit dem ich je in einem vergleichbaren Verhältnis war. Was mir nicht gut tut, sehe ich oft erst hinterher und ich traue mir selbst nicht, wenn ich das Verhältnis zu Du bewerten soll. Es kommt mir immer wieder so vor, als ob zwischen uns etwas richtig gut sein könnte, und manchmal glaube ich es objektiv festmachen zu können – aber wenn ich darüber nachdenke, verliere ich mich in einem endlosen Für und Wider. Es bleibt also nichts Anderes, als mich an die Worte meines Bruders zu dieser Frage zu halten: Das kann kein Mensch jemals wissen.

Nur Du weiß sowas: Du tust mir gut, sagt er.   

 

Patt

Mein Türöffner ist kaputt. Nachdem ich versucht hab, es nicht schlimm zu finden, jedes Mal vom vierten Stock aus an die Haustür zu gehen, hab ich doch der Hausverwaltung geschrieben. Wir beauftragen einen Techniker, sagt sie. Der Techniker versucht mich anzurufen, aber ich kann nicht gut ans Telefon gehen, wenn mich unbekannte Handynummern erreichen wollen. Die Hausverwaltung schreibt mir: Der Techniker erreicht Sie nicht, bitte melden Sie sich bei ihm unter folgender Nummer. Ich überwinde mich und rufe an. Er sagt, er kann erst kommen, wenn er weiß, ob woanders im Haus auch der Türöffner kaputt ist und es an der ganzen Anlage liegt. Er sagt, ich soll rumfragen. Ich sage, OK, mach ich, und denke, das wird nichts. Ich kriege es auch wirklich nicht hin, bei meinen Nachbarn zu klingeln außer einmal, da macht aber niemand auf, und jetzt weiß ich nicht, was ich dem Techniker sagen soll, oder der Hausverwaltung, weil das lauter lebenstüchtige Leute sind, die bestimmt kein Verständnis haben, wenn ich sage, dass es mir aus keinem objektiven Grund leider nicht möglich ist, bei meinen eigenen Nachbarn zu klingeln.

Halb leer

Donnerstag: Fühle mich leer und unvollständig bei der Arbeit und danach bei Freunden zwar aufgehoben, aber erschöpft.

Freitag: Wache auf, bin aus Blei oder schwerer, empfinde Panik beim Gedanken an das Wochenende, melde mich bei der Arbeit krank und verordne mir Pause. Du kommt vorbei, weshalb ich mich immerhin menschlich fühle, den Abend verbringe ich allein und zwinge mich, mich nicht davon abzulenken, dass ich ich bin.

Samstag: Ich schlafe lange und wache auf mit beinahe guter Laune, jedenfalls fühle ich mich ruhiger. Ich mache nichts als Sachen im Haushalt und bin ganz bei mir, meine Wohnung ist heilsam an diesem Tag. Abends fahre ich zu Du und freue mich drauf.

Sonntag: Weil Du schnarcht, habe ich kaum geschlafen und fühle mich wieder so aufgerieben und mutlos wie am Freitag, nur dass ich jetzt auch noch todmüde bin. Ich treffe eine Freundin zum Kaffee und falle danach in mich zusammen und ins Bett, statt tanzen zu gehen wie geplant. Jetzt kann ich mich selbst nicht mehr leiden und habe das Gefühl, bei der Übernachtung bei Du irgendwie versagt zu haben, weil ich nicht auf das achten konnte, was ich gebraucht hätte. Ich kann mir keine schlaflosen Nächte leisten und der Friede von gestern ist verloren.

Montag: Wache auf und fühle mich müde davon, mich mit mir selbst herumzuschlagen. Verabrede mich für vor der Arbeit und merke eine halbe Stunde später, dass ich das nicht schaffe. Ich bin immer noch überzeugt, alles falsch zu machen. Zusätzlicher Ballast: Nervigkeiten mit einem Techniker und welche mit meinem Körper, außerdem Freunde, die mehr oder weniger versteckte Kritik an meinen Entscheidungen äußern.

Ich kann jetzt nichts tragen.