30.11.

Gestern war ich bei meiner Freundin und hab ein Bild gezeichnet, von dem ich vorher nicht wusste, was drauf sein wird. Dann ist es einfach passiert und ich bin zufrieden. Schönes Gefühl.

 

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Symptome

Ich beobachte an mir, dass ich in letzter Zeit im Straßenverkehr angespannter bin als sonst und dauernd Angst habe, irgendwas falsch zu machen. Kann daran allein ein frustrierter Rentner schuld haben? Heute auf dem Heimweg von der Arbeit begreife ich, dass es diese Stelle sein muss, in der die neuen Telefonisten – ich und eine Handvoll Kollegen – permanent überwacht und kritisiert werden. Und mit der Haltung geh ich dann durch den Alltag. Muss man sich mal klar machen.

Ich gucke die Kündigungsfrist nach: zwei Wochen. Die Niedertracht in mir beschließt, nicht eine Sekunde vorher irgendwem Bescheid zu geben.

Diese Gruppe

… talentierter, intelligenter, gebildeter, reflektierter, einfühlsamer, guter Menschen, die eine Hochschulausbildung abgeschlossen oder abgebrochen haben und, alle ehrgeizigen Pläne von damals vergessend, irgendwelche Jobs machen, die ihnen meistens nicht gerecht werden: wo haben die ihren Platz, wer kümmert sich und wer erkennt an, was sie sind? Oder sind sie einfach nur zu schwach gewesen, zu voll von Zweifeln an sich und der Welt?

 

(Ich mein nicht mich. Da sind so viele mehr.)

All work and no play

Mein aktueller Job gibt mir Stabilität und ein okayes Einkommen dafür, dass ich nur 50% arbeite. Aber er bedeutet, dass ich vier Stunden am Tag etwas mache, das ich dumm, sinnlos, fragwürdig und langweilig finde. Zudem ist der Druck ganz schön hoch – ich werde permanent kontrolliert, habe praktisch keine Verantwortung oder Entscheidungsfreiheit und bin saumäßig unzufrieden, weil ich ein kluger Mensch bin und es HASSE, irgendwem so dermaßen untergeordnet zu sein. Flache Hierarchien am Arsch.

Du sagt und meine Eltern sagen auch: Behalt den Job. – Vernünftig! Aber ich möchte nicht vier Stunden täglich im Widerspruch mit mir selbst leben. Was ich möchte, ist, beim Chef persönlich zu kündigen und ihm zu sagen, dass ich zu cool für sein dummes Unternehmen bin.

Davon hält mich die Frage ab, was ich denn sonst machen soll. Was mir überhaupt Spaß machen würde. Wovon ich leben kann. Wo ich leben soll. In meiner schönen kleinen Stadt scheinen Stellen Mangelware zu sein, wenn man ein abgebrochener Kunsthistoriker ohne Plan ist. Und von irgendwas muss ich ja leben, bis ich eine große, berühmte Künstlerin geworden bin (das könnte nie sein).

Du sagt, es wäre sinnvoll, den jetzigen Job zu behalten, statt einen schlechter bezahlten anzunehmen, wenn beide eine Übergangslösung wären. Ich würde aber lieber etwas tun, das ich weniger hassen müsste.

Körper, Können

Der Blues-Kurs wird von zwei Leuten unterrichtet. Diesmal macht eine Vertretung das Warm-up mit uns. Sie bestellt ein Lied mit viel Drive beim Tanzlehrer, dann tanzt sie uns Solo Blues vor und wir machen mit – das heißt: wir versuchen, unsere Hüften zu finden, während sie ihren Körper in Bewegungen setzt, die ich vorher noch nie gesehen habe. Wir kämpfen uns hinter ihr her, bis das Lied vorbei ist, es entsteht eine verlegene Stille, und selbst der Tanzlehrer, der im Hintergrund kurz was gegessen hat, kann nichts mehr sagen außer, nach einer langen Pause: Wow.

Ich bin ganz klein vor lauter Bewunderung.