Zwischenmenschlichkeiten

Dich, zum Beispiel, kenne ich kaum; dass du mir schreibst, ist schön, was du mir schreibst aber verwirrt mich.

Und du, andererseits: ich beginne dich zu kennen, aber wie du auf eine eigentlich harmlose Nachricht von einem anderen Mann reagierst, passt nicht zu dem, was ich da kenne. Du sagst, es gehe nicht um dich, sondern darum, dass diese Nachricht mich durcheinander bringt: ein beschützerischer move, den ich als besitzergreifend empfinde.

Du wiederum bist mir schlicht fremder als erwartet.

MAYDAY

Meine nächsten 48 Stunden sind verplant und ich kann nichts rausnehmen und bin heute schon von der Arbeit gekommen und hab direkt aufgehört zu existieren, weil ich so erledigt bin.

Das wird nicht gut gehen, ich muss was absagen, morgen ist Dus letzter Abend, bevor er wegzieht, und wir haben gar keine Zeit mehr für einander gefunden. Für mich habe ich auch keine Zeit mehr gefunden.

 

Fundus

Das hab ich vor zehn Jahren geschrieben und mag es immer noch – wenn ich mich richtig erinnere, wusste ich damals wirklich nicht, worum es darin gehen sollte, aber die Worte haben sich so gut angefühlt.

Etwas lief ihr im Dunkeln nach, so schnell wie sie, aber lauter, größer, füllte den Raum aus, den sie zum Atmen brauchte, ohne ihn schon erreicht zu haben, war aber nicht darauf bedacht, sie einzuholen, und als sie sich umdrehte und daran hinaufblicken wollte und da nichts war, konnte sie es brechen, zerbrechen, bis es stumm war, und neu zusammensetzen.

Einen Narren setzte sie zusammen, und er hatte ihre Augen. Wie heißt du, fragte sie, aber er sagte nichts, sondern blickte sie nur aus ihren eigenen Augen meertief an. Sein Gesicht, das weich war wie ihres, aber zerbrechlicher, gab auch keine Antwort, und sie fragte nicht wieder.

Er sagte, dass er nicht sprechen könne, und sie wunderte sich ein bisschen; er saß vor ihr auf der Erde, und seine Arme hingen schwach und reglos an ihm herab. Sie streckte die Hand aus und berührte seine Wange; er schloss die Augen, aber unter ihrer Hand fühlte sie nichts, das ihr neu wäre. Du bist ich, sagte sie erstaunt – er riss die Augen auf und sah sie an, und jetzt ging ein Sturm übers Meer. Nein, sagte er scharf. Ich bin, was du willst, aber du bin ich nicht. Ich nicht und niemand sonst auf der Welt. – Ich aber doch, warf sie schüchtern ein, aber er sagte nichts, und auch seine Augen waren wieder glatt und ruhig.

Sie drehte sich fort und machte ein paar Schritte in die Dunkelheit hinein, ahnte ihren Weg mehr, als sie ihn sah, drehte sich wieder um sich selbst und versuchte, ihn im Dunkeln auszumachen, aber er war verschwunden.

Man muss nach vorne sehen, sagte er neben ihr, sonst laufen die Dinge einem davon. Er nahm ihre Hand und zog sie mit sich; seine Berührung war vertraut und federleicht, sie spürte den warmen Druck seiner Finger und sein leises Ziehen an ihrer Hand. Die Sonne geht bald auf, sagte sie; er blieb stehen und seufzte, und dann sagte er leise – sie ahnte es mehr, als dass sie es hörte – Du wirst mich wohl jetzt nicht mehr brauchen.

Ja, sagte sie warm; und als die Nacht oben einen glühenden Sprung bekam und die Sonne heiß und golden durch den Spalt brach und ins Dunkel strömte, verschwand etwas hinter ihr in den letzten Schatten, wurde vom Tageslicht aufgeleckt und tanzte wie Herbstblätter durch die Luft, bevor es sich auflöste und verging.