Amore, euforia

Zwischen Arbeit und Blues-Kurs esse ich bei Du zu Abend und finde zwischen uns einen Schmetterling und darauf segel ich zu meinem Kurs.

In Wahrheit segle ich nicht. Ich ackere wie ein Lastesel: auf einem Fahrrad mit schleifender Bremse bei Gegenwind. Es macht aber nichts, wegen des Schmetterlings und weil jedes Mittel wunderschön ist, das mich zu meinem Blues-Kurs bringt.

Du zieht in ein paar Tagen in eine andere Stadt. Mir wäre lieber, er würde nicht.

Wonniger Dienstag

Das macht natürlich der Blues-Kurs mit mir. Vom Kontakt mit anderen Körpern fühlt sich der meine anders an, ich spüre die Stellen, mit denen ich mich gegen die anderen Tänzer gelehnt habe, so deutlich, dass ich es fast nicht mehr aushalten kann.*

Mein Blut ist kühl geblieben, wenn mir wer vom Tango, von anderen Tänzen mit engem Körperkontakt erzählt hat, Das ist nichts für mich, habe ich gesagt – – – und hier bin ich und kann gar nicht fassen, wie glücklich Blues mich macht.

Es ist auch genau dieser Kurs mit genau diesen Menschen und genau diesem Lehrer, der Blues so liebt, dass er sich weigert, ihn im grellen Deckenlicht zu unterrichten, also üben wir im Halbdunkel unter bunten Scheinwerfern, und ich fühl mich, als hätte ich das verrückte Glück gehabt zu finden, was einmal in der Woche der beste, magischste Ort der Stadt ist.

Ich will, dass das nie wieder aufhört, in meinem Leben zu sein.

 

 

*Entdeckung der letzten Woche: Frauen haben Brüste. Sehr.
Man kann sich auch gegen Brüste lehnen, sie sind nur unleugbar da. Und weich!

Here to stay, vielleicht

Du und ich stellen fest, dass er die Frau in der Beziehung ist, denn er isst weniger, redet mehr, friert schneller und hat wildere Gefühlsausbrüche.

Ich bin ihm dankbar, dass ich nicht die Frau sein muss, sondern meine große böse Lederjacke anziehen kann, so viel ich will, und dass er nichts an mir in Frage stellt außer, wie unerbittlich ich mich selbst in Frage stelle (und Christopher Nolan blöd finde), und ich mich dadurch selbst okayer finde. Man soll nicht brauchen, aber manchmal bekommt man einfach.

Außerdem, wohin

Meine kleine Stadt hat keinen Platz für mich, oder ich finde ihn nicht; mein Freund, denn kürzlich habe ich zu Du gesagt: das mit uns ist was Großes, zieht in die Stuttgarter Gegend, wo auch meine Familie ist, und ich frag mich, ob ich hinterher soll – weil ich gern in Dus Nähe bin und weil ich meine Eltern, meinen Bruder, meine Verwandtschaft gern öfter sehen würde. Weil die Gegend dort mir Heimweh macht. Weil ich eine Freundin dort habe und man in Stuttgart auch Swing tanzen kann. Weil ich hier keinen Job finde.

Aber all die Menschen hier, meine Freunde, meine Fahrradwege, meine perfekte kleine Wohnung, mein Blues-Kurs?

Damit will ich sagen

Im Feedbackgespräch lasse ich mir von meiner einen Kollegin erzählen, was ich alles schon toll mache und was ich noch verbessern kann. Beides löst Widerwillen in mir aus, das eine, weil ich nicht für etwas gelobt werden möchte, das ich lächerlich finde, von Menschen, die ich in ihrer Position nicht respektieren kann; das andere, weil das keine Dinge sind, die ich besser machen möchte, sie sind irrelevant für mein Leben.

Dann erzählt die andere Kollegin mir, was aus ihrer Sicht toll an meiner Arbeit ist. Da wir nie zusammenarbeiten, zählt sie lauter Sachen auf, die sich so zusammenfassen lassen: Es ist toll, dass du jeden Tag da bist. Im Grunde sagt sie mir also nur, dass ich meinen Arbeitsvertrag einhalte, und ich höre ihr zu und lächle und nicke und frage mich, ob sie denkt, ich merke nicht, was das für hohles Gerede ist, oder ob sie’s selber gar nicht weiß.

Danach bin ich dran und erzähle beiden, warum ich in letzter Zeit überhaupt nicht gern zur Arbeit gehe, warum ich mich unwohl fühle und was mich nervt. Das hören sie sich an und scheinen es auch irgendwie ernst zu nehmen, beteuern, dass sie wollen, dass ich mich besser fühle, und nachdem ich ihnen erzählt habe, wie viel Stress sie in den Telefonisten auslösen, stressen sie uns am nächsten Tag im selben Tempo weiter. Nicht, dass ich viel anderes erwartet hätte.

Ich muss da dringend weg. Ab Januar soll ich in der Marketing-Abteilung mit anfangen und weiß nicht, was ich da soll – ich kann keine tollen Sachen über ein Unternehmen schreiben, das ich von innen und außen dermaßen beknackt finde. Ich kann und will mich nicht verstellen, aber wenn ich Nein sage, hab ich Angst, dass sie mich rausschmeißen. Nur, Januar ist so bald und nie im Leben weiß ich dann schon, wo ich stattdessen hin soll.

Vielleicht kein Wunder, dass ich aufwache, wie ich aufwache, schwermütig.