09.05.

Meine Therapeutin und ich machen Realtalk über die Therapie. Das ist keine einfache Sitzung, aber sie tut gut, und am Ende gibt sie mir die Aufgabe mit, mir Gedanken darüber zu machen, was ich denn eigentlich will von dieser Therapie. Und vom Leben. Und wie ich da hinkommen könnte. Ich glaube, darüber habe ich vielleicht noch gar nie richtig nachgedacht.

Außerdem schreibe ich jetzt auf, welche Themen sie für wichtig hält, damit ich sie nicht vergesse, denn sie liegt nicht falsch: an allen Fragen, die mit meiner Zukunft und einer Arbeit zu tun haben; an meiner fast schon gewohnheitsmäßigen Selbstsabotage; an einer Scheu davor, mit mir allein zu sein, die ich mir nicht eingestehen will; an meiner Überzeugung, an mir sei nichts Liebenswertes, und der ständigen Enttäuschung von Erwartungen, die andere Menschen an mich haben.

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Das macht es wirklich nicht besser

Eben habe ich einen langen Beitrag darüber geschrieben, wie ich mich fühle, nämlich ungefähr wie ein kleiner, struppiger, schmutziger Hund, der darum bettelt, dass er geliebt werde.
Es war kein schlechter Text, nicht besonders kunstvoll, aber genau, und am Ende hatte ich das Gefühl, dass ich den Zustand, in dem ich bin, wirklich zu fassen gekriegt habe.

Dann hab ich ihn aus Versehen gelöscht.

05.05.

Es hängt ein Nebel zwischen mir und der Welt. Hier herüben ist es still und einsam, selbst Umarmungen klingen gedämpft, und was ich auch berühre, es bleibt ein feiner Schleier zwischen meinen Fingern und den Oberflächen der Dinge.

Um nicht noch tiefer in das Gefühl zu sinken, treffe ich Menschen, aber nichts davon ist echt; bei dir stehe ich am Tisch und möchte Brot schneiden, da finde ich mich wieder mit der Hand auf dem Laib und dem Messer auf dem Handrücken, natürlich mach ich das nicht, ich wollte nur gern was fühlen. Beim letzten Mal habe ich beim Treppensteigen die Hand über den rauhen Putz gerieben, aber das tat zu weh, und ich dachte, dass das ein gutes Zeichen wäre.

Du hast so schöne Hände und wir kuscheln auf dem Sofa, aber ich bleibe leer, ich bin erschöpft und hab mich verloren und weiß nicht, wie das passieren konnte.

Es kommt aber keiner [Selbstmitleid]

Grumpy und ich sitzen zuhause und tun so, als wär das Leben gar nicht da. Die Wohnung sieht uns vorwurfsvoll dabei zu.

Geht nicht, sage ich.

Geht alles nicht, bestätigt Grumpy, jemand soll kommen und uns helfen, heute und alle Tage.

Denn wir beide können doch gar nicht aufräumen und abwaschen und die Wäsche zusammen legen und einkaufen und uns gesund ernähren und ordentlich angezogen sein und jeden Abend Zähne putzen. Sowieso schon nicht, und wenn ich auch noch arbeiten muss, schon gar nicht. Aber wenn uns jemand vor all dem retten würde, könnte ich endlich mal zum Arzt gehen oder mein Fahrrad reparieren. Oder mich darin üben, ein zuverlässigerer Mensch zu sein.

Rock bottom

Müde, traurig, leer, das ist ein körperlicher Schmerz, ein Knoten gleich unterm Brustkorb.

Ich sitze unsinnig in der Bibliothek herum, weil ich’s nicht geschafft hab, nach Hause zu fahren, das fühlt sich unerträglich an, jemand soll da sein, dabei komm ich gerade vom Tanzen mit Leuten.

Ich will mich nicht um mich kümmern, mich waschen und füttern, ich will mich mit spitzen Fingern hochheben und in die Ecke werfen wie einen alten Lumpen, und da soll ich liegen bleiben, bis mich einer wegräumt.

I killed the beast, that part of me is dead*

Ich habe mir verordnet, am Wochenende allein zu sein und wieder mit der Welt klar zu kommen, aber heute wach ich auf und Grumpy ist da und wir können uns kaum in die Augen schauen, so sehr wünschen wir uns, dass Menschen um uns wären. Dann müssten wir uns nicht spüren und wie wir einander das Leben schwer machen.

Du hast Scheiße gebaut, sage ich zu ihm. Entschuldige dich bei meinen Freunden.

Ich bin nicht immer an allem schuld, sagt er gereizt. Das ist auch deine Scheiße, und jetzt sieh zu, wie du da rauskommst.

 

* Für schaurig traurige Momente: Asaf Avidan mit Labyrinth Song.