Zeitlupe

Die Küche ist unter Wasser, deshalb kann ich mich nicht so schnell bewegen, und es schwimmen Fische hindurch, die mich ablenken, die bunten Schwärme, die finsteren Raubfische: kein Wunder, dass ich es noch nicht geschafft habe, mir was zu essen zu machen. Das Essen ist ja auch unter Wasser und wie ich den Kühlschrank aufmache, schwimmt alles davon und Muscheln setzen sich in den Fächern fest.

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03.09.

Ich glaube immer noch: es ist ausgestanden. Aber das heißt nicht, dass es nie mehr weh tut und kein Tag mehr sich schwer anfühlt. Ich habe etwas über mich verstanden, das vielleicht mein eigentliches Thema ist – nicht die Depression -, und ich will es aufschreiben, hier, im Internet, weil das Bloggen und alle, die meine Texte lesen, eine Funktion haben, eine Bedeutung, so fundamental, dass ich mich frage, ob das nun wieder gut ist, aber vielleicht ist es total in Ordnung, die absolute Selbstgenügsamkeit als Ideal zu verwerfen.

Mein Laptop ist woanders, aber ich kann nicht richtig schreiben, wenn ich nicht die Tasten höre und fühle. Ich schiebe alles auf: die Nacht in der Stadt, die Heuschrecken, Selbsterkenntnis, Verunsicherung, Texte über Texte übers Tanzen.

Symptome

Mein Nacken, meine Schultern sind so verspannt, dass die Kopfschmerzen ein brüllendes Ungeheuer sind; auf dem Fahrrad bewirkt jeder Kiesel einen Schlag hinter die Augen.

Das feuchte Gras, der See mit seinen Algen und Gerüchen, die Mückenstiche, die Dunkelheit: ich ekle mich, ich fühle mich körperlich abgestoßen von der ganzen Welt, wo sie nicht trocken, warm und übersichtlich ist.

Ich bin nicht ganz da auf der Straße und kollidiere um ein Haar mit einem Motorradfahrer, frontal. Ich registriere trocken, dass ich gerade fast gestorben wäre.

Ich bin unruhig, reizbar und ungerecht. Keiner liebt mich.

Bitte lass es aufhören. Ich will wieder atmen.

Edel sei der Mensch

Aber wenn zwei auseinander gehen, kommt ihnen das Edle ganz schnell abhanden, so schlagen sie um sich, so werfen sie mit Dreck. Der Dreck ist hartnäckig und während ich meine Finger schrubbe, frage ich mich:

War das nötig, mussten wir das tun? Wie passt das, was zuletzt zwischen uns geschehen ist, zu dem Bild, das ich von uns habe? Wieso sind wir überhaupt hier, obwohl ich überwiegend schöne Dinge erinnere, wenn ich an unser Vorher denke? (Diese Frage lautet eigentlich: Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Wohin sind Freundschaft, Wertschätzung, Austausch, warum ist jetzt jedes Gesprächsfragment ein Stochern im Nebel, warum kennen wir uns nicht mehr? Wieso tun wir uns weh, statt einander durch den Morast zu helfen?

Warum schließt sich andauernd alles gegenseitig aus, warum konnten wir einander nicht einfach weiterhin geben, was zu geben war? (Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Bin ich allein mit dem Wunsch, dass wir uns noch einmal wirklich begegnen, um es nicht SO enden zu lassen, können wir ohne Bitterkeit sein, liebevoll? Wie viel müssen und wie viel können wir einander verzeihen?

Und: Ist es nun besser so, habe ich etwas gewonnen und nicht nur verloren, würde ich mich nicht weniger furchtbar fühlen, wenn deine Gegenwart mich weiterhin meiner menschlichen Existenz versichern würde, und wie niedrig ist dieser Beweggrund? Wie soll ich edel sein, wenn die ganze Welt eine riesige Bedrohung ist und ich, bitte, eigentlich nur einen Ort brauche, an dem es einfach okay ist.

Who will comfort me

Als ich heute gegen neun das Haus verlasse, setze ich einen Entschluss um, den ich gegen Mittag gefasst habe. Ich brauche etwa acht Stunden von dem Wunsch zu gehen bis jetzt, wo ich wirklich gehe, wegen der Unordnung in mir. Ich stell mir vor, dass ich inwendig aus lauter Schränken bestehe, Räume voller Schränke, und jeder Schrank besteht nur aus Schubladen. Ich such was – irgendwas, mein Herz, meine Batterie, meinen Kern, und ich mach all die Schubladen auf und in jeder hockt ein kleines Unglück und keine einzige geht wieder zu, jetzt herrscht knietiefes Durcheinander aus Schubladen, Schränken und den hopsenden, quakenden, quietschenden, krabbelnden Unglücken, die ihre dicken Bäuche durch den Wirrwarr schleppen.

Und ich, noch immer ohne Kern, ohne Herz, ohne Sinn, steh da und weiß, ich muss das wieder aufräumen, aber ich hab solche Angst davor, es nicht zu schaffen.

Warum hilft mir denn keiner, frage ich. – Du bist selber schuld und musst selber aufräumen, sagt eins der Unglücke, ein großes, gelbes.

 

Marktstand Basel (2)

Felsgrund

Du willst nicht schlafen, weil der Augenblick im Bett vor dem Lichtausmachen der einzige ist, wo du in Sicherheit bist. Du willst nicht essen, weil du jedes Verhältnis zur Welt verloren hast und es sich falsch anfühlt, Dinge aus dieser Welt in deinen Körper aufzunehmen. Du gehst zu Bett ohne zu wissen, wie du die Stunden seit Feierabend verbracht hast. Du sprichst mit Leuten und versuchst so zu reden, wie du geantwortet hättest, bevor du nicht mehr da warst.

Ach, stimmt.

Ich habe einen Abend für mich allein in meiner Wohnung. Etwas daran fühlt sich komisch an. Als wäre hier mehr allein-Gefühl als nur von einem Abend. Stimmt: drei solcher Abende am Stück, das ist eine Weile her.

Alleingelassen mit mir, rutsche ich ein bisschen unbehaglich im Sessel herum.

Viel Zeit zum Lesen?, sage ich schließlich.

Viel Zeit für mich!, platzt Grumpy dazwischen.

Ich und ich gucken ihn mit konsternierter Herablassung an. Um dich geht’s jetzt echt nicht, sage ich, und ich nicke. Es stimmt: in kontemplativer Stille wird Grumpy dünner, wie zu wenig Marmelade auf einem großen Brot; er ist am lästigsten, dicksten, lautesten, wenn ohnehin nicht genug Luft zum Durchatmen ist. Jetzt, da wir ihn gemeinsam böse anschauen, verschwindet er vollständig, hängt nur noch als Trübung vor der Lampe oder materialisiert sich kurz in einer kurzen Unruhe, wenn ich vor dem Einschlafen das Licht lösche. Jetzt muss er zu solchen subtilen Mitteln greifen: zum Verstellen der Uhrzeit, wenn ich im Bett lese, schau, schon so spät, zu kleinen Trägheiten, die nicht ins Gewicht fallen, denn wir sind allein, und niemand hat mehr Zeit als jemand, der niemand um sich hat.

 

Graureiher (5)