Worte, Seiten, Bände

Ich lese: vor einem Jahr hab ich wieder damit angefangen, mit A. S. Byatts „Buch der Kinder“ (noch nie so Schönes über Kunst gelesen, noch nie so voller Staunen durch sich Wort um Wort auffaltende Panoramen gewandert, wenn irgendwo die Weltausstellung in Paris erwähnt wird, denke ich jetzt, ich war dort), und nach der Bekanntschaft mit Byatts neunzehntem Jahrhundert lese ich einfach weiter und aufs Lesen folgt das Schreiben. Als ich wieder bei Atwood herauskomme, fange ich beim Lesen an, selbst Ideen zu haben, Isabels Geschichte hat sich von einem wuchernden Kuriositätenkabinett in ein handfestes Ding mit Handlung und Bedeutung entwickelt, und wie ich heute in der Sonne sitze (Kokos-Nougat-Eis!) und lese, spinnen sich alle halbe Seite aus dem Gelesenen eigene Ideen. Jetzt nur nicht aufhören.

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Lügnerin

Ich habe zu Isabel gesagt: heute werde ich dich zurechtmachen und dich auf die Reise schicken. Nach Köln und Berlin sollst du fahren, ein Exposé gebe ich dir mit, um dich vorzustellen, und wenn wir Glück haben, du und ich, werden sie dich fast so sehr lieben wie ich. –

Ich hab es aber nicht geschafft, nicht einmal für Isabel habe ich es geschafft, aus Heute einen echten Tag zu machen, nicht einmal für etwas, das ich schon immer mehr gewollt habe als alles andere, und wenn das schon kein Grund ist, irgendetwas zu tun, wo soll ich dann noch Gründe hernehmen?

Isabel geht in die Welt

Ich will bei einem Literaturwettbewerb mitmachen. Sogar bei zweien. Die Erzählung, die ich einreichen möchte, ist ein Galopp durch mein Seelenleben, aber auch ein eigenständiges Stück Literatur: Isabel passiert alles, was ich fühle, in Extremform, und sie reagiert wütender und heftiger, als ich je könnte. Die ganze Handlung soll schlimm und schön auf einmal sein, verwirrend und befreiend, Isabel stürmt durch ihre Welt wie ein Feuerball durchs Dickicht, sie ist verantwortungslos und impulsiv und nicht zu bändigen, beim Lesen soll es wehtun – aber auch gut.
Isabels Geschichte begleitet mich schon so lange, dass ich das Gefühl habe, wenn sie zu Ende geschrieben ist, habe ich nichts mehr zu sagen.

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All the madmen

Ich stehe auf einem wüsten Stück Boden. Warum ich nicht in ein besseres Land gestellt worden bin, weiß ich nicht. Bin ich’s nicht wert? Das darf man nicht sagen. Reicher als ich kann nirgends ein Strauch aufgehn.

Das hat Kafka aufgeschrieben. Ein Verbündeter: ich sammle die Sensiblen, Beschädigten, Besonderen, die Kuriosen, die innerlich Zerrissenen – wir könnten so groß sein (wenn wir nur könnten), wir schmecken das Leben klarer, unsere Sonne brennt heißer, wir lieben tiefer und sehnen uns weiter, wir sehen und tragen nach Hause und bewahren: wie du gelächelt hast, wie dein Haar im Gegenlicht aussah, ob Zärtlichkeit in deiner Geste lag, als du ein Buch zur Hand nahmst.
Vielleicht sind wir beständig Verliebte – in jedes Haar an jedem Hund, in jedes grüne Blatt, in jeden beliebigen Fremden, und unsere Liebe wird beständig enttäuscht, zurückgewiesen, erwidert, hintergangen, bestärkt, ausgenutzt, hingehalten, angefacht, erprobt.
Wir erkennen uns in der Musik, der Dichtung, der Malerei fremder Künstler wieder, und wir erkennen einander: beinahe wie ein Geheimcode ist das Wort „Psychotherapie“, wir hören es und verstehen: einer von uns.
Dann können wir sprechen, ohne uns zu erklären, denn wir wissen schon, dass andere Realitäten unsere Entscheidungen bedingen, dass Handlungen, die irrational wirken mögen, in Wahrheit folgerichtig und unausweichlich waren, dass das Naheliegende oft auch das Unmögliche ist.

Es ist nicht unsere Schuld, dass wir nicht gerade wachsen durften. Vielleicht wären wir gerne weniger reiches Strauchwerk in einem fruchtbareren Boden, vielleicht würden wir gerne bei den anderen in den sanften Tälern wurzeln, aber wir sind an die Berghänge verbannt, in Staub und Geröll, einen Wechsel von Hitze und Frost.



 

Isabel mit Ungeheuer

Ich schreibe wieder, ich schreibe weiter: an meiner Geschichte über Isabel, oder, damit es erwachsener klingt, sage ich: an meiner Erzählung. Sie ist schon über drei Jahre alt und plötzlich hat sie einen Anfang und ein Ende und es fehlt eigentlich gar nicht mehr viel, dann hat sie auch etwas, das von Anfang bis Ende trägt.
Ich gebe sie Leuten zu lesen, die mir wichtig sind und die ich für klug und literaturbeflissen halte, und sie sagen mir: gut. Die Geschichte ist gut.
Erstaunlich.