Ich wäre fast zuhause geblieben

Womit hab ich so einen Abend verdient, so einen schönen, reichen? Wie kann das sein, so viel Glück auf einmal?

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Herz und Heim, ein Bollwerk

Ich gieße die Blumen meiner Freundin. Ihre Wohnung ist schön und voller Dinge. Ich beneide sie.
Ihre Dinge sind nicht mehr wie meine: improvisiert, gebraucht, nicht ganz passend. Ihre Dinge passen ganz genau. Sie sind schön, hochwertig und sie funktionieren. Manche davon – immer mehr davon – waren teuer. Viele sind sehr erwachsen: ein Hochbeet, ein Reiskocher, ein Mann.

Manchmal sage ich, dass meine Freundin spießig ist, aber diese Wohnung mit ihren vielen Dingen atmet gelassene Beständigkeit, ausgesuchte Behaglichkeit, sie ist gefeit vor den banalen Anwürfen des alltäglichen Lebens draußen: ich würde mir auch gerne so etwas geben können.

16.08.

Vielleicht ist der Job doch, was ich erwartet habe, nämlich erträglich, ohne zu nerven, eine okaye, anspruchslose Art, mich über Wasser zu halten, bis ich eine bessere Idee habe.

Die zehn Jahre jüngere Kollegin, die mich einlernt, legt mir zur Begrüßung die Hand auf den Rücken und säuselt: Hey, meine Liebe, alles gut bei dir? – Alter, denke ich, können wir bitte einfach ehrlich sein, niemand hat hier schon irgendwen lieb.
Dein erstes Wochenende bei uns!, ruft sie mir zum Abschied zu. Alter, denke ich, na und, und dass ich irgendwie schon ziemlich viele erste Wochenenden irgendwo hatte und meine Arbeitswoche eh nur aus zwei halben Tagen bestand, also wer wird denn gleich – . Irgendwie würde ich gern den ganzen Klimbim aus ihr rausstreichen, damit nur noch das Ehrliche und Wichtige übrigbleibt.

Ich muss den ganzen Tag über an Margaret Atwoods Elaine aus Cat’s Eye denken, die andere Frauen irgendwie nie leiden kann, sich nicht wohlfühlt unter ihnen, sie beurteilt wie ein strategisches Problem: ungefähr so fühle ich mich in der neuen Abteilung, ungeheuer sonderbar.

Aber danach gehe ich schwimmen, ich schwimme ruhig und gleichmäßig und meditativ und denke an meine beiden Sommer am See: diesen, zu dem das Verhältnis zu dir gehört hat, das mir jetzt auch so ruhig und gleichmäßig vorkommt; und den davor, in dem ich Stunde um Stunde, Tag für Tag mit jemand anderem hier war, um trotz der Hitze Lindy Hop zu trainieren, zu schwimmen, am Ende Pommes zu essen und stundenlang zu reden. Vielleicht war ich noch nie so doll in jemanden verliebt. Pommes essen ist auf jeden Fall ein Auswahlkriterium bei der Partnersuche.

Heute Morgen habe ich mit meiner Mutter telefoniert und es war nicht ganz so seltsam wie sonst. Ich bekomme lange Sprachnachrichten von meinem Bruder und von meinem Brieffreund (ich liebe euch beide und diese Reihenfolge ist völlig beliebig), die ich abhöre, während ich Frühstück oder den Abwasch mache, und fühle mich nah und geborgen. Heute habe ich kein Handy dabeigehabt und es auch nicht vermisst. Fünf Monate lang war es wichtig, weil ich deine Nachrichten sehen wollte, jetzt zieht mich nichts mehr andauernd vor den Bildschirm.

Bei meiner Freundin gieße ich die Blumen; gleich werde ich den ersten Mangold von ihrem Balkon ernten und ihn heute Abend mit den erstaunlich guten Pasta* essen, die ich bei Aldi gefunden habe.

Ich zeichne an einem großen, schillernd bunten Bild, auf dem alles noch etwas diffus aussieht. Genau so riecht mein neues Parfum, von dem ich nicht genug bekommen kann.

Ich habe jetzt einen großen weißen Blumentopf vom Flohmarkt. Da soll eins von den mehrjährigen Kräutern rein. Aber welches? Minze oder Oregano? Oder gar Zitronenmelisse? >>>>>>>>>Ihr entscheidet!<<<<<<<<<<<<<
(Das ist mein billiger Versuch, euch Kommentare zu entlocken.)
Und jetzt habt ihr hoffenlich alle einen wundervollen Abend, genau so, wie ihr ihn braucht, und dann wacht ihr auf und das Wochenende erstreckt sich vor euch wie eine Waldlichtung im Frühling, und indem ihr hindurchwandert, fühlt es sich auch so an.

 

*erst wollte ich schreiben: italienische Nudeln, dann habe ich überlegt, dass kultivierte Leute vielleicht Pasta schreiben würden. Es klingt auf jeden Fall wichtiger. Wichtige Nudeln.

 

Drüber wegkommen, Sisyphos-Style

Tanzen gehen ist schön, aber ich komme und gehe und bin dort allein, während du deine feste Gruppe von Leuten hast, die ich früher kannte und jetzt meide, um dir nicht zu begegnen. Du hast nicht wie ich den Tanzkurs abgebrochen, bist stattdessen auch auf Festivals gewesen, ich dagegen habe nichts Neues mehr gelernt, seit ich vor Monaten den Kontakt zu dir abgebrochen habe. Du hängst die ganze Zeit mit ihr ab wie früher mit mir – als würde dir ohne mich überhaupt nichts fehlen, als hättest du keine beste Freundin verloren. Und überhaupt ist es, als würde dir das alles nichts mehr ausmachen, eigentlich hat es nie gewirkt, als hätte es dir was ausgemacht – aber ich, ich trete immer noch Wasser, ich bin zu klein zum Stehen, und du verdammter Arsch hast dich einfach in einen Fisch verwandelt. In einen Fisch! Ich bitte dich.

Friedlicher Morgen

Der Hund drückt seinen Kopf in meine Hand, damit ich ihm die Augen reibe, und brummt ein bisschen, weil er Augenreiben so gut findet. Ich streichle ihn und er leckt meinen Arm und erwischt mich mit der Zunge im Gesicht, als ich nicht aufpasse, aber das Kind in mir freut sich heimlich, weil es in Wahrheit gerne Hundeküsse mag.

Gegenmaßnahmen, 3

Ich klebe Menschen auf meine Wunden und so heilen sie wirklich schneller: die innere Abgezehrtheit, die fehlenden Reserven, die dünne Haut, die mich für alles durchlässig macht, statt mich zu schützen.

Ich klebe: Freunde auf einer Wiese bei Kerzenschein, die über Klimawandel diskutieren, die Umarmung meiner längsten Freundin, und dich, wie du beim Tagebuch schreiben aussiehst, und beim Denken.

Was ich mir zum Geburtstag wünsche

Dass ich davon leben könnte, kreative Sachen zu machen, Fahrräder umlackieren zum Beispiel, oder fotografieren.

Dass ganz viele Leute meinen Blog lesen.

Dass Freunde und Freundinnen, die es schwer haben, es leichter haben.

Das große Romantik-Kaboom!

Ein Lagerfeuer.

Diesen Hund. Bitte. Bitte.

Ein Lindy-Hop-Festival, irgendwo, wo es schön  und mein ehemaliger Tanzpartner weit weg ist.

Und Erdbeerkuchen.