11.11./JETZT

„Haben Sie das Gefühl, Sie kommen mit dem Medikament wieder auf ein Level, auf dem Sie sich so gut fühlen wie früher?“, fragt meine Psychiaterin.

Die Frage ist falsch gestellt. Ich antworte, dass ich mich eigentlich nie einfach gut gefühlt habe, aber was ich wirklich denke, was in prallen bunten Lettern in meiner Brust aufsteigt wie Luftballons, was ich mich auszusprechen nicht getraue, ist: Es ist sehr möglich, dass das bis jetzt die beste Zeit in meinem ganzen Leben ist.
Und es ist so voll, dieses Leben: voller, als es je gewesen ist, voller, als ich überhaupt für möglich gehalten habe. Ich fahre auf dem Fahrrad nach Hause und freue mich über dies funktionierende Stück Mechanik, die mich freier und froher macht, und der Abend mit Freunden fährt mit, und die neue Arbeit mit den neuen Leuten fährt mit, und das Tanzen fährt mit, und dass ich meine Familie habe, fährt mit, und ein gutes letztes Jahr fährt mit, ganze Welten fahren mit und über mir fahren die Sterne, sie fahren freihändig und plötzlich muss ich weinen, weil mir die schiere Fülle einen solchen Schrecken einjagt.

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I am in perfect love with you*

Ich finde alles gut an dir.
Dagegen ist vernünftigerweise einzuwenden, dass das schlicht nicht möglich sei, aber Liebe macht blind, ich bin in dich verliebt und kann beim besten Willen einfach nichts an dir entdecken, das mir auf die Nerven geht. Du bist so ein schöner Mensch, von innen und außen, und ich mag es sogar, wenn wir uns nicht einig sind (ungefähr immer) und uns die Köpfe heiß diskutieren darüber, ob weißes Geschirr schön ist oder nicht. (Ist es nicht. Du hast unrecht.)
Du bist ungewöhnlich und schön und ungewöhnlich schön, ich schau dich gern an, ich hör dir gern zu, ich fühl mich wohl bei dir, angenommen mit allem, was ich bin: mit all meinem Starrsinn und meiner Eitelkeit und meiner Schwäche und meiner Angst und mit Grumpy, und so gern hab ich dich, dass es mir selbst auch weh tut, wenn ich einen bösen, stachligen Moment bei dir habe, aber du lässt dich nicht so einfach verscheuchen, darauf darf ich mich verlassen.
Und ohne dich wär dieser wunderbare letzte Sommer nur halb so gut gewesen (danke), und ohne dich wäre Lindy Hop nicht passiert (danke), und ohne dich hätte ich mich nicht so leicht daran gewöhnt, in die Bibliothek zu gehen und mich an meine Masterarbeit zu setzen (danke). Ich bin froh, dass wir uns kennen, auch wenn es nicht leicht ist mit den Gefühlen, die du nicht erwiderst; aber ich hoffe, dass wir irgendwann wirklich Freunde sein können, bald, wenn ich nicht mehr traurig bin.

 

* … singt Majical Cloudz in Silver Car Crash, und das ist ein verwirrend schönes Lied.

Liebe für Lindy

Wenn ich tanze, hört mein Kopf auf zu denken, und ich bin, Drehung für Drehung, wenn ich deine Hand schon finde, ohne hinzusehen, und meine Füße neue Schritte finden, ohne sie zu kennen, und mein Körper sich bewegt, ohne dass ich etwas dazu getan hätte, weil ich es fühle: ich fühl die Musik, ich fühl den Rhythmus, ich fühl, was du machst, und ich fühl mich stark und richtig, und ich lache so laut.

 

Das, meine Freunde, ist das pure, schiere Glück.

Den Hund streicheln

… und genau hinfühlen: wo das Fell so fein ist, dass man die Körperwärme gleich spürt, und wo es kräftiger ist und sich beim Anfassen kühler anfühlt. Wie sich die verschiedenen Längen anfühlen: glatter/rauher, wo sich Farbe und Wuchsrichtung ändern, wie das Fell am Bauch ganz dünn wird, am Hals aber ganz dicht; wie Muskeln und Knochen unter der Haut durchsprechen, wie gar nichts Weiches, Überflüssiges an dem ganzen schmalen Hund ist, wie die Hand dem Auf und Ab des ausgestreckten Körpers folgt; wie der Atem geht und die Flanke hebt und senkt, und beobachten:
wie der Atem tiefer geht, wie sich das Auge weiter schließt, wie der Hund sich fallen lässt und bei welchen Berührungen der Augapfel weiter nach innen rollt: genießen; aber nie ganz, immer kommt der Hund zurück ins Wachen.
Spüren/sehen/hören, wie er seufzt und sich behaglich streckt und in diese Bewegung hineinstreicheln, dass er sich noch weiter dehnt und wieder entspannt.

Darüber werde ich selbst so ruhig, dass ich mich schließlich neben ihm rücklings auf dem Boden ausstrecke und die Augen schließe. Frieden.

24.10.

Ich hab die Wäsche gewaschen, den Blumen zu trinken gegeben, ein paar Bücher ins offene Bücherregal gestellt, was für die Uni gemacht, mich für die Jobbörse freischalten lassen UND den Abwasch gemacht. Brav! Ich darf mich entspannen.

Morgen fahr ich endlich doch zu meinen Eltern, weil mein Vater nach einem leichten Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Ich will vor allem mit ihm schimpfen, weil er damit noch Auto gefahren ist.

Mir geht’s erstaunlich gut.

Tell me are you scared cause I would be

FAKT. Räume voller Menschen machen mich nervös.

FAKT. Wenn ich die Deko übernehme, ist die Deko der Shit. Wenn ich den Rest übernehme, haut der auch rein.

FAKT. So viel geweint wie in den letzten 24 Stunden hab ich lang nicht mehr. Erst vor Angst, dann vor Stress, dann vor Frust, dann vor Herzbruch, dann vor ich weiß gar nicht, was.

FAKT. Die Frau, die einen Move macht, weil ihr der Typ in der Bibliothek gefällt: wie erstaunlich, dass ich das auch sein kann. (Und war sein Lächeln nicht hinreißend, aus dem Augenwinkel, als er im Vorbeigehen seine Antwort auf meinen Brief auf meine Tastatur gelegt hat?)

FAKT. Ich glaub, ich lieb dich sehr, was soll ich machen.

FAKT. Mein Leben ist die machbare Menge des Möglichen, ich bin das, was übrig ist, der letzte aus einem schillernden Schwarm bunter Traumvögel, aber ich sing, so sehr ich kann.

FAKT. Ich bin nicht allein. (Danke.)

FAKT. Ich war Teil von etwas, das ich nicht genießen konnte, aber es war gut. Ich hab mit dafür gesorgt, dass es gut war. Und ich bin froh drüber, dass es für die anderen gut war – für den Künstler, für die WG, für alle, die über das verzauberte Zimmer gestaunt haben.

FAKT. Mir kein neues Rezept für die ollen Tabletten zu holen, war wirklich ungeheuer dumm. Aber nächste Woche bin ich wieder okay. Und obwohl mein Körper jetzt zwischen mir und der Welt steht, bin ich froh über die letzten beiden Tage.

FAKT. Das war gestern, das ist schön:

FAKT. Ich mag Klamotten.

12.10.

Gestern: kaputter Tag, Un-Tag, bis ich es doch noch in die Bibliothek schaffe, und dort: kommt das Glück per Fernleihe. Western Women Travelling East, ein massiver Bildband über die Reiseberichte von Frauen, die in den Orient (ja ja, es gibt keinen Orient, wir wissen das, wir machen es uns trotzdem einfach) gereist sind.
Plötzlich liegt alles in mir wieder an seinem Platz. Hier ist mein Thema für die Masterarbeit. Ich will.

Ich will sogar am nächsten Morgen noch, wache auf, bin fröhlich und heil. Von einem Schiff habe ich geträumt, das gleich hinter der Bibliothek ablegt, der Tag ist blau und hoch und sonnig; ich stehe in der Schlange, um mein Ticket für die Rundfahrt zu bezahlen. Ich hab das Geld genau abgezählt und lege es der Verkäuferin hin, die mich erstaunt anguckt: „Kein Dessert?“
Rundfahrt mit Dessert kostet nämlich ein bisschen mehr, aber nicht viel, deshalb kauft niemand nur das Ticket, so wie ich. Ich hab nicht genug Geld.
„Kein Problem“, sagt die Verkäuferin und lächelt.  Es gebe nämlich etwas auf dem Schiff, das genau so toll ist wie das Dessert, und zwar: eine Schiffschaukel.
Und die kostet nichts.