Abgesehen von Corona

Ich hab gerade entdeckt, dass der Nopal-Kaktus aus dem mexikanischen Restaurant das gleiche ist wie die Opuntie, die bei mir auf dem Balkon wuchert. Ich könnte also einfach meinen Kaktus essen – das wär sogar richtig praktisch, weil vor lauter Kaktus kaum noch Platz auf dem Balkon ist, für mich zum Beispiel.

Aber, den Kaktus zu essen, den man seit zwölf Jahren großgezogen, vermehrt und gepflegt hat, ist auch irgendwie schräg.

Natürlich auch viel zu verlockend, um es nicht auszuprobieren.

 

(Du übernimmt die Funktion von Grumpy und ist betont wenig begeistert. Du wohnt jetzt hier, damit wir nicht allein soziale Distanz machen müssen.)

Okayokay.

Ich sitze auf meinem sonnigen, warmen, wundervollen Ostbalkon und halte den winterlichen Pelz ins Licht (sprich: meine Beine). Den winterlichen Speck auch (sprich: meinen Bauch). Was der schüchterne muslimische Nachbar wohl darüber denkt, frage ich mich, obwohl ganz klar ist, dass er da halt durch muss.

Grumpy verträgt keine Sonne und hält sich in der Küche versteckt: gut so. Ich google durch die Sonnenbrille Agenturen, die noch nicht wissen, dass ihnen meine Bewerbung bevorsteht. Ich sollte mir ein cooles Logo basteln, das wirkt gleich professioneller, zumindest in meiner Vorstellung.

Um mich herum stehen Kübel mit eingesäter Blumenerde. Wenn ich hier wegziehe, werde ich ein ganzes Auto mit grünendem, blühendem Zeug füllen.

Umbruch

Grumpy ist wieder eingezogen.

In den letzten Monaten war er weg, ich schwör, das wollte ich eigentlich hier auf dem Blog schreiben, aber irgendwie war auch mein Mitteilungsbedürfnis hier geschrumpft, deshalb hab ich nichts gesagt. Es war aber ganz schön so.

Jetzt ist Grumpy zurück und mit ihm das Bedürfnis, zu bloggen. Hast du echt gedacht, ich lass dich das allein machen?, fragt Grumpy. Neue Stelle, neue Stadt, da mach ich mit, das wird ein Spaß.

Ach, stimmt.

Ich habe einen Abend für mich allein in meiner Wohnung. Etwas daran fühlt sich komisch an. Als wäre hier mehr allein-Gefühl als nur von einem Abend. Stimmt: drei solcher Abende am Stück, das ist eine Weile her.

Alleingelassen mit mir, rutsche ich ein bisschen unbehaglich im Sessel herum.

Viel Zeit zum Lesen?, sage ich schließlich.

Viel Zeit für mich!, platzt Grumpy dazwischen.

Ich und ich gucken ihn mit konsternierter Herablassung an. Um dich geht’s jetzt echt nicht, sage ich, und ich nicke. Es stimmt: in kontemplativer Stille wird Grumpy dünner, wie zu wenig Marmelade auf einem großen Brot; er ist am lästigsten, dicksten, lautesten, wenn ohnehin nicht genug Luft zum Durchatmen ist. Jetzt, da wir ihn gemeinsam böse anschauen, verschwindet er vollständig, hängt nur noch als Trübung vor der Lampe oder materialisiert sich kurz in einer kurzen Unruhe, wenn ich vor dem Einschlafen das Licht lösche. Jetzt muss er zu solchen subtilen Mitteln greifen: zum Verstellen der Uhrzeit, wenn ich im Bett lese, schau, schon so spät, zu kleinen Trägheiten, die nicht ins Gewicht fallen, denn wir sind allein, und niemand hat mehr Zeit als jemand, der niemand um sich hat.

 

Graureiher (5)

10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.

Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.