Putsch!

Grumpy hat die Macht übernommen und als erstes das Zähneputzen abgeschafft. Und dann den Abwasch. Wichtige Anrufe finden nicht mehr statt. Aufstehen vor elf Uhr ist nicht mehr erlaubt, dafür mein gerade eingeführtes Schokoladenverbot wieder abgeschafft. Meine Masterarbeit interessiert ihn nicht und wird auch nicht mehr unterstützt. Kleider gehören nicht mehr in den Schrank, sondern auf den großen Schaukelstuhl, und weil Tassen nicht gespült werden, können wir ab morgen keinen Kaffee mehr trinken. Wie wir dieses Problem lösen, ist dann meine Sache.
Grumpy verfügt, dass wir in der Wohnung nichts Sinnvolles mehr machen, bis es Zeit ist, aus dem Haus zu gehen. Wir kommen vom Einkaufen nach Hause und dann bestimmt Grumpy, dass wir uns im Flur auf den Boden setzen und, Jacke an, die Tafel Schokolade gleich aus der Einkaufstasche essen.
Und so seit Wochen.

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Alle Tage wieder

Heute ist Uni. Grumpy sagt, es ist völlig ausgeschlossen, dass wir da hingehen. Nächste Woche vielleicht! Jetzt sind wir einfach noch nicht so weit.

Er liegt noch faul im Bett und stinkt vor sich hin. Ab unter die Dusche!, kommandiere ich, und er guckt mich misstrauisch an und überlegt, so gründlich, dass wir schon seit einer halben Stunde den Wecker auf snooze schalten, statt aufzustehen.

Uni ist gar nicht so schlimm, versuche ich ihn zu überzeugen. Außerdem geht es so nicht weiter, mit der ewigen Verpasserei. Aus dem Bett mit dir!

Er guckt bitterböse, aber er schlurft wirklich ins Bad, um sein Gestinke wegzuduschen.

Mal sehen, ob es klappt mit der Uni.

Work/Life

„Wie geht’s dir?“, schreibt mir ein Bekannter.
„Ich glaub, ganz okay“, schreibe ich zurück. „Es ist immer noch irre kompliziert, ich zu sein.“
Er versteht das, er kennt das, und ich bin froh, dass ich acht Stunden auf der Arbeit sein kann: ein weitestgehend ordentlicher Mitarbeiter zu sein ist sehr viel leichter, als weitestgehend ordentlich ich zu sein.
„Ich glaube, mein Job hält mich zusammen“, schreibe ich weiter, das versteht und kennt er auch. Ich merke es am Vorher und Nachher, wenn ich zurück in die Wohnung komme, die ich schon nicht mehr sehen kann, weil sie mich so sehr an mich selbst erinnert und ich selbst ein einziges großes Forschungsprojekt ist: ein seltsamer Apparat, der durch die Welt kracht und mit den unwahrscheinlichsten Dingen kollidiert, während er einen komplizierten Hindernisparcours mit Leichtigkeit meistert. Experten werden hinzugezogen, sie gucken mit Brille und Klemmbrett und machen Notizen, ein Handbuch erscheint und wird beständig überarbeitet, man lernt aus Irrtümern und dreht probehalber an Stellschrauben, man kommt der Sache näher, aber das vertrackte Ding läuft einfach nicht rund. Man kommt nicht drauf, übrigens ist die Wartung aufwendig, größtenteils deshalb, weil die Höllenmaschine gern mit Wucht gegen Wände knallt, dabei lief sie grad so gut.

(Grumpy sitzt grinsend hinterm Steuer und winkt.)

05.01.

Manchmal kann ich einen Tag lang alles und am nächsten Tag überhaupt nichts mehr.
Gestern waren Menschen und ich die einfachste Kombination auf der Welt, heute verwirrt mich eine WG-Party mit vermutlich netten Leuten so sehr, dass es völlig ausgeschlossen ist, da hinzugehen.
Um mir diesen Entschluss mitzuteilen, wartet Grumpy wie immer bis zum letzten Moment. „Ich komm zu spät“, schreibe ich dem Kollegen, den ich an der Haltestelle abholen wollte. „Soll ich auf dich warten?“, fragt er. Bloß nicht!, denke ich, du frierst da fest – ein paar Minuten später werde ich sowieso sagen, dass ich es doch nicht schaffe, aber er kennt mich noch nicht genug, um das zu befürchten.
Diese Absagen in letzter Minute wollte ich nie wieder machen und deshalb einfach nicht mehr zusagen bei Sachen, die ich schwierig finde. Diesmal hab ich mich überreden lassen, weil alle so nett gefragt haben und ich so gern dazugehören wollte.

Regel: Keine Parties. (Grumpy sagt: Keine Scheißparties.)

Hinaus, hinein (aus mir, ins Leben)

Grumpy und ich waren in der Therapie. Ich habe der Therapeutin erzählt, was alles in letzter Minute doch nicht klappt, oder eben gerade nur so, und sie guckt Grumpy an und wir reden über Selbstsabotage und die Frage, wozu die gut ist.
Danach kommen wir heraus und gucken uns verlegen von der Seite an und wissen nicht, was wir sagen sollen.
Wovor hast du solche Angst?, frage ich ihn, während ich mein Fahrrad aufschließe. Er steht daneben und weiß nicht, wohin mit sich und sagt, keine Ahnung, das ist eben so, denn wenn man erstmal zuverlässig ist, dann trauen Leute einem immer mehr zu, und noch mehr, wenn man das auch noch hinkriegt, und dann hören sie gar nicht mehr auf mit dem Zutrauen und plötzlich rast man ohne Stützräder mitten durchs Leben und weiß nichtmal, wie man überhaupt ein Fahrrad anhält.
Ja stimmt, sage ich. Ich stelle meine Tasche in den Fahrradkorb und kann mich nicht entschließen, loszufahren, weil ich genau weiß, was er meint. Da müssen wir aber durch, wende ich schließlich ein. Sonst bleiben wir immer so wie jetzt.
Ich hab aber Angst, sagt er.
Ich auch, sage ich.

Verpiss dich endlich

Grumpy geht mir SO auf die Nerven. Jeden Tag macht er sich schwerer, als er ist, damit ich mache, was er sagt: im Bett bleiben und mich im Internet verstecken, damit ich nicht dran denke, dass ich eigentlich versuchen wollte, ein Leben zu leben.
Das kostet nämlich Kraft und Mühe und Willen, und Grumpy will die nicht aufwenden.
Er lässt zuhause alles stehen und liegen und sagt: Schau, das ist der Beweis, dass wir komplett überfordert sind, wir kommen ja nichtmal dazu, das Geschirr zu spülen.
Er kommt mit zur Arbeit und triumphiert, sobald mir was schiefgeht: Siehste? Du kannst das gar nicht! Bald schmeißen sie dich wieder raus. Gott sei Dank.
Er kommt mit zum Tanzen und steht kopfschüttelnd am Rand und fragt mich im Vorbeigehen: Du bist am schlechtesten von allen, ich weiß gar nicht, wieso dein Tanzpartner überhaupt noch mit dir tanzen will? Aus Höflichkeit. Doch nur aus Höflichkeit.
Er guckt sich meine Probezeichnungen für das Projekt am Samstag an und rümpft die Nase. Und dafür nimmst du Geld? Hast du das verdient?

Er ist so bockig, er will nichtmal seine Tabletten nehmen, er macht alles schwierig und scheiße und ich hasse ihn.

Ein Wochenende zu zweit

Natürlich nicht.
In Wahrheit ein Wochenende mit Grumpy, also: allein in meiner Wohnung mit Keksen und Netflix und Radio. Das war öde, aber nötig.

Ich freu mich drauf, mit der neuen Woche ganz langsam wieder ins Leben zu rutschen. Und sonst wäre mir noch zu sagen, was diesen Liebeskummer angeht: Hör schon auf zu jammern, ich kann’s bald nicht mehr hören. Und so toll ist er auch wieder nicht, und außerdem gehört das Tanzen dir und nicht ihm, denk dran.

Reset.

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