Hürde

Wir könnten tanzen gehen, sage ich zu Grumpy. Das Wetter ist okay und die Leute tanzen draußen!

Grumpy packt meine Hand und zerrt mich weg von der Tür. Nein nein nein nein nein, sagt er hastig. Überleg doch mal, da sind Menschen! Wir wissen gar nicht, wer überhaupt da ist, vielleicht kennen wir keinen? Vielleicht mögen die uns nicht? Was ist, wenn wir nicht ins Gespräch kommen? Die anderen sind bestimmt ganz entspannt und locker, aber wir sind so komisch, wir sollten lieber nicht hingehen. Ja, lass uns hier bleiben! Hier ist es sicher.

Ich gucke auf ihn runter. Er hält immer noch meine Hand fest, damit ich nicht losgehen kann. Es könnte aber auch cool sein, sage ich. Wir könnten einfach vorbei gehen und Hallo sagen, so wie richtige Menschen. Dann tanzen wir ein bisschen und dann ist alles okay und wir gehen wieder und freuen uns, weil wir mutig waren?

Nein nein, jammert Grumpy. Das ist viel zu schwierig für uns! Oh, und außerdem, du bist noch erkältet.

Hm, stimmt, sage ich. Er wittert seine Chance und ruft, Na siehst du, tanzen wäre ganz schlecht für dich! Bleib zuhause, trink Tee mit mir, ja?

Aber es wäre so gut, es zu versuchen, sage ich. Es wäre einfach richtig gut, es würde sich toll anfühlen.

Grumpy hält immer noch meine Hand und schüttelt panisch den Kopf; und da stehen wir jetzt.

Es kommt aber keiner [Selbstmitleid]

Grumpy und ich sitzen zuhause und tun so, als wär das Leben gar nicht da. Die Wohnung sieht uns vorwurfsvoll dabei zu.

Geht nicht, sage ich.

Geht alles nicht, bestätigt Grumpy, jemand soll kommen und uns helfen, heute und alle Tage.

Denn wir beide können doch gar nicht aufräumen und abwaschen und die Wäsche zusammen legen und einkaufen und uns gesund ernähren und ordentlich angezogen sein und jeden Abend Zähne putzen. Sowieso schon nicht, und wenn ich auch noch arbeiten muss, schon gar nicht. Aber wenn uns jemand vor all dem retten würde, könnte ich endlich mal zum Arzt gehen oder mein Fahrrad reparieren. Oder mich darin üben, ein zuverlässigerer Mensch zu sein.

I killed the beast, that part of me is dead*

Ich habe mir verordnet, am Wochenende allein zu sein und wieder mit der Welt klar zu kommen, aber heute wach ich auf und Grumpy ist da und wir können uns kaum in die Augen schauen, so sehr wünschen wir uns, dass Menschen um uns wären. Dann müssten wir uns nicht spüren und wie wir einander das Leben schwer machen.

Du hast Scheiße gebaut, sage ich zu ihm. Entschuldige dich bei meinen Freunden.

Ich bin nicht immer an allem schuld, sagt er gereizt. Das ist auch deine Scheiße, und jetzt sieh zu, wie du da rauskommst.

 

* Für schaurig traurige Momente: Asaf Avidan mit Labyrinth Song.

Versager

Tja, sagt Grumpy.

Ich sage nichts. Seit gestern Abend schweigen wir uns an, weil ich nicht ein Wort von ihm ertragen könnte. Ich habe ihm gewaltsam das Maul gestopft und trotzdem geheult.
Heute Morgen müssen wir aber reden, daran führt kein Weg vorbei, wir wissen es beide und gucken uns nervös an (und schnell wieder weg).

Also, sagt Grumpy schließlich. Du hast verloren. Ist so.
Er meint mein Treffen mit dem Typ aus meiner Schulzeit, und irgendwie hat er Recht:

Du hast mich schikaniert, habe ich zu dem Typen gesagt. – Also daran erinner ich mich nicht, sagt er. Du hast da irgendwas auf dich bezogen und falsch verstanden. Ehrlich, in meiner Erinnerung haben wir überhaupt kein Verhältnis zueinander, das hier ist das erste Mal, dass wir überhaupt miteinander reden.

Grumpy genießt das. Vielleicht hat er ja Recht, sagt er. Vielleicht ist einfach deine Erinnerung falsch. Kann ja passieren, nach so langer Zeit, vielleicht warst du einfach zu empfindlich, also ich fand ihn jedenfalls ganz überzeugend. Denk mal drüber nach.

Bist du bescheuert?!, rufe ich, aber es klingt klein und verzweifelt. Es kann gar nicht sein, dass ich mir alles ausgedacht habe. Meine Mutter hat sogar irgendwann seine Mutter angerufen, damit das endlich aufhört, das ist der Beweis.

Vielleicht, sagt Grumpy hämisch, aber er musste es nur abstreiten, und schon hast du dir selbst nicht mehr geglaubt. Du bist nämlich immer noch ein kleines, verunsichertes, hilfloses Kind, das seinen Standpunkt nicht verteidigen kann. Er ist immer noch stärker als du!

Er ist einfach ein größerer Idiot als ich, sage ich wütend. Er ist ein aufgeblasenes, ignorantes Arschloch, das nur sieht, was es sehen will. Ich bin ein viel coolerer Mensch als er.

Ja, spottet Grumpy, aber davon hat er nichts mitbekommen gestern. Du konntest ihm ja nicht mal erklären, worum es ging. Du hast verloren, sieh’s ein.

Ich sage nichts. Ich will nicht verloren haben, aber es fühlt sich genau danach an.

Ach ja, sagt Grumpy, und du hast ihn nichtmal zur Rede gestellt, weil du fast eine Stunde an dem hässlichen Kackbahnhof auf ihn warten musstest. Früher hast du so wenig existiert für ihn, dass er nichtmal gemerkt hat, wie er auf dir rumgetrampelt ist, und gestern hast du ihn einfach weitertrampeln lassen. Für ihn bist du immer noch kein richtiger Mensch, mit dem man anständig umgehen müsste, und das lässt du einfach mit dir machen. Du bist kein bisschen weiter als damals.
Grumpy schüttelt verächtlich den Kopf und dreht sich weg, und ich hab nichts, das ich erwidern könnte, weil ich selber nicht ganz fassen kann, was da gestern passiert ist. Berlin ist eine große, anstrengende, hässliche Stadt, und ich will zurück nach Freiburg, das mir sachte versichern wird, dass ich immer noch da bin, dass ich gar nicht so übel bin, dass mein stilles, unscheinbares Leben genauso gültig ist wie das von all den Leuten, die irgendwas Vorzeigbares machen und vorzeigbare Reisen unternehmen und Politiker beraten, obwohl sie schlechte Menschen sind.

Und jetzt.

 

Zugfahrt zu dritt

Ich sitze im Zug nach Berlin, am Fenster, aber ich gucke nicht raus, sondern Grumpy an, der mir gegenüber sitzt und nicht einverstanden ist.

Was soll das jetzt wieder?, fragt er. Wir könnten zuhause auf dem Balkon sitzen, das ganze Wochenende lang, und stattdessen müssen wir nach Berlin? Was haben wir mit Berlin zu tun?!

Das weißt du genau, sage ich. Wir gehen ins Museum und treffen den bösen Typen aus der Schule und wir haben einfach ein schönes Wochenende, so wie normale Leute.

Normal!, faucht er. Wir sind nicht normal! Ich hasse wegfahren! Berlin ist zu groß! Du bist zu klein! U-Bahn! Fremde Straßen! Unwägbarkeiten! Gefahr, Gefahr! Und wer ist überhaupt der Typ neben dir?

Freund von mir, murmle ich, weil Grumpy mich schon ein bisschen eingeschüchtert hat.

So so, sagt er und verschränkt die Arme. Den hab ich ja noch nie gesehen. Der ist die ganze Zeit dabei? Ich vertrag mich nicht die ganze Zeit mit jemand, kannste vergessen.

Freitag bin ich allein, sage ich.

Da reißt er die Augen auf und brüllt: Allein?! Wie sollen wir denn allein zurechtkommen? Eine blöde Idee ist das, das alles, eine richtig blöde Idee.

Vielleicht wird’s aber auch einfach schön, sage ich, aber er schnaubt nur und guckt ab jetzt beleidigt aus dem Fenster.

I left a note on his dresser

Die letzten paar Tage war es besser. Heute ist es nicht besser. Grumpy sitzt mir gegenüber und sieht aus, als wäre er aus toten Ästen und modrigem Laub, feuchtkalt und verdorrt zugleich, sehr ungemütlich sieht er aus und sagt nichts. Das kommt vom Wetter, das auch ist wie Grumpy, feuchtkalt und voll von ungnädigem Wind, der sich gegen mein Fahrrad lehnt.

In mir ist kein Wind. Es ist auch nichts da, wo er durchwehen könnte. Ich bin ein leerer Dachboden an einem trüben Morgen, hier gibt es nur Spinnweben und Gespenster und die sind so leicht, dass mich jede Windbö und jeder unfreundliche Blick einfach so davonwehen könnten.