Home Office: allein, allein

Home Office ist ganz entspannt, hätte ich nicht erwartet. Seltsam allerdings, die Kolleginnen nicht mehr zu sehen, Kettenraucher-Katrin zum Beispiel, meine Büronachbarin, die im Ruhrpott-Dialekt mit den Kunden plaudert, um danach über sie herzuziehen. Mein Lieblingskommentar: dumm wie Frittenfett. Ich hätte schon längst über Katrin schreiben sollen, die natürlich nicht Katrin heißt. Jetzt werden wir nämlich nicht mehr zusammen arbeiten, weil sie auf den nächsten Monat gekündigt hat, um sich arbeitslos zu melden: die paar Euros mehr, die sie in der kommenden Kurzarbeit verdienen würde, rechtfertigen den Stress nicht. Kann ich verstehen, sie ist über fünfzig, da steckt man den ganzen Kram vielleicht nicht mehr so leicht weg, außerdem läuft im Büro alles über Internet und Software, die uns jüngeren geläufig ist, ihr aber nicht. Lustigerweise ist Katrin weniger hart im Nehmen als ich, trotz der Ruhrpott-Schnauze. Ich lass mich nicht mehr so viel stressen und nehme Kritik weniger persönlich als noch zu Anfang: irgendwo im Weihnachtsstress ist mir ein dickes Fell gewachsen. Jetzt bin ich Katrins menschlicher Anker, der sich die Geschichten vom Wochenende, den Kummer von der Arbeit und den Umzugsärger vom Sohn anhört und nebenher noch Fragen zu internen Abläufen beantwortet. Das ist anstrengend und manchmal habe ich mich deshalb in ein anderes Büro gesetzt. Kettenraucher-Katrin sagt trotzdem, dass wir nach Corona mal Kaffee trinken gehen müssen. Das ist eine lustige Vorstellung, Katrin in einem putzigen Café mit mir daneben, auch eher putzig – aber ich freu mich drauf.

Katrins Sohn ist Krankenpfleger und sie macht sich Sorgen um ihn. Sie liebt ihre Familie wie verrückt, das hört man auch unter der Ruhrpott-Schnauze. Ich hoffe, dass sie alle gut durch diese Zeit kommen.

Okayokay.

Ich sitze auf meinem sonnigen, warmen, wundervollen Ostbalkon und halte den winterlichen Pelz ins Licht (sprich: meine Beine). Den winterlichen Speck auch (sprich: meinen Bauch). Was der schüchterne muslimische Nachbar wohl darüber denkt, frage ich mich, obwohl ganz klar ist, dass er da halt durch muss.

Grumpy verträgt keine Sonne und hält sich in der Küche versteckt: gut so. Ich google durch die Sonnenbrille Agenturen, die noch nicht wissen, dass ihnen meine Bewerbung bevorsteht. Ich sollte mir ein cooles Logo basteln, das wirkt gleich professioneller, zumindest in meiner Vorstellung.

Um mich herum stehen Kübel mit eingesäter Blumenerde. Wenn ich hier wegziehe, werde ich ein ganzes Auto mit grünendem, blühendem Zeug füllen.

Sich an den Mann bringen

Ich sage meinem Startup: Im September bin ich weg. Und ich bin überzeugt, dass das so sein wird, weil ich na klar bis September eine Stelle in Stuttgart finden werde.

Ich fühle per E-Mail in dem Unternehmen vor, in dem ich mal ein Praktikum gemacht habe, bekomme eine nicht besonders begeisterte Antwort und bin sofort vom Gegenteil überzeugt: Dass mich mit meinem abgebrochenen Master eh keiner einstellen wird, dass kein Arbeitgeber auch nur ahnen wird, dass ich die fähigste, ehrgeizigste, klügste Bewerberin bin, die er jemals nicht in Erwägung gezogen hat.

Cashmoney

Vielleicht einen Armreif? Oder zwei. Auf jeden Fall Ohrringe, ausgefallene, und eine Armbanduhr, die so richtig zu mir passt. Und vielleicht Halsketten, die ein bisschen erwachsener aussehen, auf jeden Fall aber: Röcke, bunt und rauschend, mit vielen Lagen Stoff, die beim Gehen schwingen und gut zu Stiefeln aussehen, und dazu passende Blusen, dann bin ich eine Piratenkapitänin ohne Schiff, aber trotzdem erkennbar. Auch Hosen, die nicht von jemand anderem aufgetragen wurden und die ebenfalls zu meinen Stiefeln passen, auch in Hosen will ich schließlich Piratin bleiben, und eine Nachfolgerin für die grüne Jacke, die schon lange auseinander fällt, und leichte Schuhe für den Sommer, und bunte Kleider, auffällige, und Westen und Schals und Gürtel und einen Hut, Samt und Leinen und Rüschen und Bänder und lauter verschiedene Muster – ich bin ein materialistisches Menschenkind und möchte mich schön anziehen und deshalb bin ich unzufrieden mit meinem Gehalt, so, jetzt hab ich’s gesagt.

Alles nervt

Ein gültiger Satz für heute. Heute nervt zum Beispiel das Wetter. Oder mein Mistbock von Fahrrad, noch nie war ein Fahrrad so schlecht verarbeitet wie dieses. Es nervt außerdem ALLES an meinem Job, abgesehen von meiner kettenrauchenden Kollegin, die das Startup genauso Scheiße findet wie ich. Die Eile beim Essen mit meiner Freundin nervt, und zögerliche Mädchen beim Blues, die sich nichts trauen, und Typen, die mich korrigieren, obwohl sie schrottig führen, und dass ich die Figur am Ende nicht hinkriege, weil ich mit den Zögermädchen üben musste. Dass die Organisation bei Dus neuer Stelle so abartig versagt, dass er total fertig ist, nervt, und dass ich nicht da sein kann, um ihn wenigstens zu umarmen. Ich bin müde und gestresst und komme zu nichts und habe keine Zeit für meine Freunde und das nervt auch, kein Geld haben nervt, und der überhebliche kleine Fotograf nervt am allermeisten.

Startup, du alter Hurensohn

Du bist diesen Monat dafür verantwortlich, Süßigkeiten einzukaufen! Wäre super, wenn du das Geld vorstrecken könntest. Vielleicht brauchen wir auch Klopapier, jedenfalls musst du dafür das Auto von Kollegin A leihen, bitte absprechen, und das Geld gibt dir Kollegin B zurück, bitte auch absprechen, du kannst Kollege C mitnehmen, bitte mit Kollegin D absprechen. Bitte sei auf unserer Party und bring was Selbstgemachtes zu essen mit, das ist natürlich keine Arbeitszeit, weil wir alle so gern beieinander sind, und hilf doch noch beim Aufbau, und dann komm auch gleich mit auf Teamfahrt, wo wir uns alle miteinander betrinken, weil wir uns so lieb haben, weil in Startups haben sich immer alle lieb, und nein, das ist auch keine Arbeitszeit, dass wir was zusammen unternehmen, ist schließlich Lohn genug. Und dann möchten wir gerne noch dein Gesicht in jede E-Mail packen, die du schreibst, und wenn du schon hier bist, wir lernen dich heute spontan in einen ganz neuen Bereich ein, super! Übrigens wäre es toll, wenn du auch noch ein Team-Event organisierst, unser Team ist ja eh so prima, natürlich ist das dann auch keine Arbeitszeit, wer braucht schon Geld, wenn er so ein Team hat. Oh, und an keiner dieser Ideen warst du beteiligt, das haben wir alles für dich entschieden, und dann nennen wir es: heute darfst du das da machen.

Und ist es nicht super süß von unserem Fotografen, dass er ungefragt ein Video von dir in seinem Insta-Feed veröffentlicht hat? ❤