Schräge Vögel, wir

Ich bin Uni. Die Vorlesungen der Kunstgeschichte erkennt man an den ausgesucht schicken Seniorenstudent*innen (die übrigens immer am pünktlichsten sind), denn wer was mit Kunst zu tun hat, ist schließlich auch ein bisschen künstlerisch, also exzentrisch, nicht wahr. Die Studierenden sind auch exzentrisch und sie alle nerven mich damit, dabei laufe ich heute selber in Klamotten rum, die brüllen: Persönlichkeit! Viel davon! Am meisten!! Ich sehe nämlich aus wie ein Cowboy, oder wie eine horse woman, und die Leute gucken mich auch so an. Ich hätte gerne ein Pony dabei, die Flinte am Sattel und den Hund bei Fuß, und eine entlaufene Kuh im Lasso, dann wäre das gerechtfertigt mit meinen Klamotten, aber so komme ich mir ein bisschen verkleidet vor. Blöde exzentrische Kunsthistorikerinnen! (Und Kunsthistoriker. Die sind nicht besser, die sind nur weniger.)

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Frontier

Grumpy und ich gucken Netflix. Wir probieren es mit einer Serie, in der Jason Momoa mitspielt, weil ich in The Bad Batch so Hunger auf ihn bekommen habe. Aber erstens spielt die Serie im nordamerikanischen Winter und Jason hat sehr wenig Anlass, oben ohne rumzulaufen.
Zweitens ist die Serie auch einfach schlecht. Es gibt die Guten und die Bösen, die Bösen sind die englischen Soldaten, und wer immer eine Uniform trägt, ist automatisch böse und ohne Mitleid zu behandeln. Die Guten sind die Armen, Unterdrückten und natürlich die Indianer (wie nennt man die eigentlich richtig?). Der Chef-Gute macht zwar böse Sachen, aber weil die Bösen gemein zu ihm waren, ist das alles total gerechtfertigt und er ist eigentlich ein richtig Guter, weil er auch noch für eine edle Sache kämpft/foltert/tötet/zerstört. Der Chef-Böse (Engländer, natürlich, und er macht noch bösere Sachen als der Chef-Gute) schickt einen armen Jungen als Spitzel ins Lager des Chef-Guten, der den Jungen direkt in Ordnung findet, weil der zwar ein kleiner Gauner, aber eigentlich edel und gut ist, denn er macht das alles nur, weil der Chef-Böse sonst seine Freundin töten lässt. Frauen sind nämlich allgemein nicht sehr fähig in dieser Serie, sie lassen sich retten oder belästigen oder bedrohen oder herumkommandieren, außer der einen Frau, die ein bisschen tougher ist, weshalb sie auch Hosen trägt, damit man das gleich sieht. Die anderen Frauen tragen Kleider mit Ausschnitt, damit man sieht, dass sie gerettet/belästigt/bedroht/herumkommandiert werden müssen. Bei den Indianern gibt es eine alte Frau, die immerhin das Kommando zu haben scheint, bisher aber nicht sehr oft aufgetaucht ist, und eine junge, die immer bei den Männersachen mitmacht, sonst aber keine Persönlichkeit besitzt.
Das ist alles so beknackt, das können nichtmal Jasons angenehm beunruhigende Armmuskeln retten. Man sieht sie ja auch nicht.

Fülle

Ich fahr an die Uni zum Kolloquium in meinem großen grünen Männerarmeewollpullover, der mich warm hält und vor Kunsthistorikerinnen und sonstigen Unbilden beschützt. Die Tür zum Seminarraum ist noch offen, was bedeutet, dass ich erstaunlicherweise nicht zu spät bin, und das beflügelt mich so, dass ich laut „Hallo!“ in den Raum rufe. Dafür ernte ich Seitenblicke, aber keine Antwort, weil Kunsthistorikerinnen noch nie die nettesten Menschen an der Uni gewesen sind.
Ihr könnt mich doch, denke ich und setze mich und es wird gar nicht mal so furchtbar, wir reden über eine Künstlerin aus der Sammlung Prinzhorn (da sind Bilder von Psychiatriepatienten drin) und ich mache einen Wortbeitrag wie eine brave Studentin und danach geh ich spontan in die Sprechstunde meiner Betreuerin und erzähle ihr, worüber ich schreiben möchte, und sie findet es toll, und dann will ich eigentlich noch in die Bibliothek und ein bisschen arbeiten, aber das Kolloquium strengt mich immer wahnsinnig an und ich lass es gut sein und fahre nach Hause.

Zwischendurch hol ich noch zwei entwickelte Filme ab. Ich bin zufrieden mit den Bildern und mit meinem Tagwerk.

Und schreiben möchte ich über Anne Blunt, die mit ihrem Mann durch den Nahen Osten gereist ist und darüber geschrieben und gezeichnet hat. Auf dem Frontispiz ihres einen Reiseberichts ist sie in arabischer Tracht neben einem Pferd zu sehen, allein in der Wüste. Sie schaut in die Ferne und sieht zart und stark zugleich aus.

Alles wird gut

In den Nachrichten kommt, dass eine Studentin von einer Gruppe Männer vergewaltigt wurde, da möchte ich am liebsten mein Frühstück stehen lassen, weil mir schlecht geworden ist – beim Gedanken, was sie erlebt haben muss, und vor Wut auf die Scheißkerle, die sie kaputt gemacht haben, einfach so. Ich will, dass sie auch kaputt gehen, weil sie etwas Schreckliches getan haben. Ich weiß nicht, wie relevant der kulturelle Hintergrund ist; ich weiß, dass ich über die AfD kotzen könnte, weil die jetzt so tut, als wär sie eine von den Guten. Und nach den Demos heute Abend gehen alle wieder nach Hause und lesen ihre blutrünstigen Frauenmörderkrimis weiter?

Ich hab Uni und in dem Seminar reden alle – ausschließlich Frauen! – von Ausstellungen und dem Unterschied zwischen Performance und Tanz, als wäre das jetzt wichtig. Ich denke an mein neues Bett, als wäre das jetzt wichtig. Wir planen einen Theaterbesuch, als wäre nichts geschehen, die ganze Welt fühlt sich an wie eine Maschinerie aus Schiff und Eisberg und einem eisig kalten Ozean, die sich aufeinander zu bewegen, und keine guten Nachrichten streuen sich ins mächtig mahlende Getriebe.
In der Freiburger Unibibliothek ist gerade eine Ausstellung, in der es um die Opfer von Vergewaltigungen geht und wie sie damit leben und wie die Welt auf das reagiert hat, was ihnen zugestoßen ist. Kommt das eigentlich irgendwo an? Kommen Mitgefühl, Güte, Frieden und Besonnenheit irgendwo an, irgendwo durch?

Stranger on Earth

Some fools don’t know
What’s right from wrong
But somehow
Those folks belong.

Wir gehen zu einer Tanzparty: vier Floors, einer davon Lindy Hop, in der größten Tanzschule der Stadt, die sich ein großes neues Gebäude geleistet hat. BALLHAUS. Wir sind groß, sagen die vielen Stufen, die zu dem bunt beleuchteten weißen Kasten hinaufführen. Ich bin modern, sagt der Kasten, Wir sind schick, sagen die Bahnen aus farbigem Licht, Wir sind eine Institution, sagen alle drei im Chor, und die grauen Sessel und das teure Parkett murmeln es mit.
Drinnen ist laute Musik und auf der größten Tanzfläche tanzen angestrengte Paare Latein und Standard, bemüht und abgezirkelt die meisten, und ein Gespenst aus meiner Vergangenheit hängt grinsend über dem Parkett. Ich flüchte in den Lindy-Hop-Raum, aber selbst da ist alles verkehrt: kaum vertraute Gesichter, ein glatter Raum mit Partybeleuchtung und riesigem Spiegel. Darin ich: ein Hund von der Straße mit eingeklemmtem Schwanz.
Wollen wir tanzen, sagst du, und dann geht es für eine Weile und ich höre mich lachen, bis wir nicht mehr können und in der Pause einen Spaziergang durch die Räume machen. Nebenan wird West Coast Swing getanzt, langsam und lasziv, völlig Fremde schauen sich tief in die Augen, wiegen Körper und Hüften bedeutungsschwanger, Frauen lassen in verführerischen Drehungen langes Haar auffliegen. Nein!, denke ich. Ich hab mich endlich sicher gefühlt beim Lindy Hop, und jetzt holt mich das hier wieder ein, diese ritualisierte Erotik ohne Bedeutung, die einer Frau sagt: sei schön anzusehen. Schwing deine Hüften. Lass dich führen, aber sei verführerisch.
Ich will das nicht, ich bin nicht so, neben mir stehst du und bist begeistert und ich schau auf die langen Beine und runden Hintern in den engen Jeans und denke, wie soll ich denn dagegen jemals ankommen, und in meinem Hundefell weinen die Flöhe.

Ich hasse die ganze Party und all ihre Gäste, weil sie mir innerhalb von einer halben Stunde alles aufzeigt, wozu ich nicht gehöre. Und ich hasse mich, weil es mir nicht egal ist.

Ohne irgendwem was zu erklären, fahre ich nach Hause, wütend, verwirrt, enttäuscht, fühle mich von dir verraten, weil du dich wohlfühlst, am andern Morgen ist es noch nicht besser, ich fühl mich so elend.

03.09.

Ich könnte den ganzen Tag schlafen. Was ist denn los? Gestern war’s schon so. Und vorgestern war Hochzeit. Meine zwei liebsten Menschen sind die nächsten Wochen nicht in der Stadt, und ich fühle mich ganz verlassen. Ich würde gern wegfahren, bin aber zu pleite, dabei ist jetzt bald das Fantasy Filmfest und ich will da SO gerne hin. Das, meine liebste Stadt der Welt, ist das Einzige, was ich an dir vermisse. Und meine beste Freundin, jetzt. Und meinen Tanzpartner, aber weil der ja auch der ist, in den ich mich so verliebt habe, ist das vielleicht eher heilsam.

Ich bin ganz schwer. Vielleicht brauch ich Ruhe.

Ich mag düstere, fantastische Geschichten auf der Kinoleinwand, aber wenn ich die alleine anschau, geht’s mir hinterher – düster und gar nicht fantastisch. Nachdem ich alle Trailer fürs Fantasy Filmfest angeschaut habe: auch düster. Ich möchte meinen eigenen finsteren Film machen, es gäbe solch wunderbare Ungeheuer dort, schön und schrecklich, und vielleicht würden sie donnernd über die Stadt hereinbrechen und Angst und Schrecken verbreiten. Vielleicht würden die Patienten einer psychiatrischen Klinik sich das eine Weile ansehen und irgendwann müde aufstehen – vielleicht würden sich manche verschwörerisch zugrinsen – und nach draußen gehen und all die wilden Ungetüme berühren und zähmen, weil sie mit ihren inneren Ungetümen weiß Gott alles Mögliche gewohnt sind und das nun auch nicht weiter schwer ist. Und dann würde die Stadt zu einem staunenden neuen Tag erwachen und alles wäre anders für alle.

Kackscheiße

Meine Freundin ist einer der allerbesten Menschen, die ich je kennen werde. Sie ist ungeheuer fähig und bereit, in die Beziehungen zu anderen Menschen ganz viel von sich hineinzugeben, sie hat das größte und beste Herz von allen und kämpft mit wütendem Idealismus darum, es nicht an der rauhen Welt abzuschleifen, sie ist klug und sensibel und einfühlsam und impulsiv und lebendig und großzügig und liebevoll und ein riesengroßes Wunder, und sie ist das geworden, obwohl das Leben ihr alles Mögliche in den Weg geworfen hat. Sie ist stark und zerbrechlich und wenn jemand das Glück in rauhen Mengen verdient hat, dann ganz bestimmt sie.

Und dann wird diese hinreißende Persönlichkeit von irgendwelchen besoffenen Typen auf dem Heimweg belästigt, die fassen sie an und als sie sich wehrt, werden sie sauer und schreien, dass man sie mal durchficken sollte, ohne dass sie ihnen irgendwas getan hätte, einfach nur, weil sie eine Frau ist, irgendeine beliebige Frau, die gerade da vorbeikam und nicht einfach runterschlucken wollte, dass ihr ein Fremder auf den Arsch haut.

Und alles, was sie ist, zählt dann nicht mehr, nicht ihre Großzügigkeit und Klugheit und Lebendigkeit und Güte, schon dass sie ein Mensch ist, gilt kaum noch, sie ist einfach das fickbare Ding, das stillhalten soll, wenn ein Mann ihm an den Hintern will, weil er den geil findet, nicht sie, nur den Hintern, und ich bin so wütend.

Ich bin so, so wütend, dass unsere Gesellschaftsordnung so ist, dass einem wunderbaren, liebenswerten Menschen wie ihr so etwas passieren muss, ohne dass sie irgendetwas dafür könnte. Und dass so viele Männer es immer noch nicht für nötig halten, über diese Gesellschaftsordnung nachzudenken, weil sie zu bequem dafür sind, aber das MÜSSEN sie, weil Frauen daran allein einfach nichts ändern können, wann kommt das endlich in den blöden Männerhirnen an? Warum haben meine eigenen Brüder keine Lust, über solche Fragen nachzudenken, weil sie ja in der bequemen Situation sind, nicht betroffen zu sein? Warum finde ich mich plötzlich in der klischeehaften Rolle der hysterischen Feministin wieder, wenn ich versuche, mit (den meisten) Männern darüber zu reden, dass da wirklich Sachen nicht OK sind? Warum muss ich bestimmte Erniedrigungen, Einschüchterungen, Bedrohungen aushalten, nur weil die Person, die ich bin, zufällig in dem Körper einer Frau steckt? Das ist so ungerecht.

 

Ich hab mich mit dem Feminismus nie wirklich auseinandergesetzt. Ich will nur einfach, dass man mich als Persönlichkeit und als ganzen Menschen behandelt, egal, wie mein Körper aussieht, den ich mir nicht ausgesucht habe, und ich will, dass das auch für alle anderen Frauen und alle anderen Menschen in irgendwelchen Körpern gilt, weil niemand so eine Scheiße verdient hat.