03.09.

Ich könnte den ganzen Tag schlafen. Was ist denn los? Gestern war’s schon so. Und vorgestern war Hochzeit. Meine zwei liebsten Menschen sind die nächsten Wochen nicht in der Stadt, und ich fühle mich ganz verlassen. Ich würde gern wegfahren, bin aber zu pleite, dabei ist jetzt bald das Fantasy Filmfest und ich will da SO gerne hin. Das, meine liebste Stadt der Welt, ist das Einzige, was ich an dir vermisse. Und meine beste Freundin, jetzt. Und meinen Tanzpartner, aber weil der ja auch der ist, in den ich mich so verliebt habe, ist das vielleicht eher heilsam.

Ich bin ganz schwer. Vielleicht brauch ich Ruhe.

Ich mag düstere, fantastische Geschichten auf der Kinoleinwand, aber wenn ich die alleine anschau, geht’s mir hinterher – düster und gar nicht fantastisch. Nachdem ich alle Trailer fürs Fantasy Filmfest angeschaut habe: auch düster. Ich möchte meinen eigenen finsteren Film machen, es gäbe solch wunderbare Ungeheuer dort, schön und schrecklich, und vielleicht würden sie donnernd über die Stadt hereinbrechen und Angst und Schrecken verbreiten. Vielleicht würden die Patienten einer psychiatrischen Klinik sich das eine Weile ansehen und irgendwann müde aufstehen – vielleicht würden sich manche verschwörerisch zugrinsen – und nach draußen gehen und all die wilden Ungetüme berühren und zähmen, weil sie mit ihren inneren Ungetümen weiß Gott alles Mögliche gewohnt sind und das nun auch nicht weiter schwer ist. Und dann würde die Stadt zu einem staunenden neuen Tag erwachen und alles wäre anders für alle.

Kackscheiße

Meine Freundin ist einer der allerbesten Menschen, die ich je kennen werde. Sie ist ungeheuer fähig und bereit, in die Beziehungen zu anderen Menschen ganz viel von sich hineinzugeben, sie hat das größte und beste Herz von allen und kämpft mit wütendem Idealismus darum, es nicht an der rauhen Welt abzuschleifen, sie ist klug und sensibel und einfühlsam und impulsiv und lebendig und großzügig und liebevoll und ein riesengroßes Wunder, und sie ist das geworden, obwohl das Leben ihr alles Mögliche in den Weg geworfen hat. Sie ist stark und zerbrechlich und wenn jemand das Glück in rauhen Mengen verdient hat, dann ganz bestimmt sie.

Und dann wird diese hinreißende Persönlichkeit von irgendwelchen besoffenen Typen auf dem Heimweg belästigt, die fassen sie an und als sie sich wehrt, werden sie sauer und schreien, dass man sie mal durchficken sollte, ohne dass sie ihnen irgendwas getan hätte, einfach nur, weil sie eine Frau ist, irgendeine beliebige Frau, die gerade da vorbeikam und nicht einfach runterschlucken wollte, dass ihr ein Fremder auf den Arsch haut.

Und alles, was sie ist, zählt dann nicht mehr, nicht ihre Großzügigkeit und Klugheit und Lebendigkeit und Güte, schon dass sie ein Mensch ist, gilt kaum noch, sie ist einfach das fickbare Ding, das stillhalten soll, wenn ein Mann ihm an den Hintern will, weil er den geil findet, nicht sie, nur den Hintern, und ich bin so wütend.

Ich bin so, so wütend, dass unsere Gesellschaftsordnung so ist, dass einem wunderbaren, liebenswerten Menschen wie ihr so etwas passieren muss, ohne dass sie irgendetwas dafür könnte. Und dass so viele Männer es immer noch nicht für nötig halten, über diese Gesellschaftsordnung nachzudenken, weil sie zu bequem dafür sind, aber das MÜSSEN sie, weil Frauen daran allein einfach nichts ändern können, wann kommt das endlich in den blöden Männerhirnen an? Warum haben meine eigenen Brüder keine Lust, über solche Fragen nachzudenken, weil sie ja in der bequemen Situation sind, nicht betroffen zu sein? Warum finde ich mich plötzlich in der klischeehaften Rolle der hysterischen Feministin wieder, wenn ich versuche, mit (den meisten) Männern darüber zu reden, dass da wirklich Sachen nicht OK sind? Warum muss ich bestimmte Erniedrigungen, Einschüchterungen, Bedrohungen aushalten, nur weil die Person, die ich bin, zufällig in dem Körper einer Frau steckt? Das ist so ungerecht.

 

Ich hab mich mit dem Feminismus nie wirklich auseinandergesetzt. Ich will nur einfach, dass man mich als Persönlichkeit und als ganzen Menschen behandelt, egal, wie mein Körper aussieht, den ich mir nicht ausgesucht habe, und ich will, dass das auch für alle anderen Frauen und alle anderen Menschen in irgendwelchen Körpern gilt, weil niemand so eine Scheiße verdient hat.

Killing me softly

Er hat ihr einen See gegeben, strahlend blau und bodenlos, in den sie tauchen kann, und sie taucht lang und tief; jetzt schwebt sie in der Dämmerung, wo Auftauchen und Ertrinken gleich nah sind, beides spürt sie, beides begehrt sie, aber aus der Tiefe vertreibt sie ein Ungeheuer, das sie sich selbst geschaffen hat. Ein monströser Fisch mit armlangen Zähnen ist, was sie am Leben hält.

Das passiert in einer Serie, hinter der ich eine Teenie-Romanze erwartet habe, aber sie ist hart und düster und spielt in allen Abgründen, zu denen Menschen fähig sind.

Wenn ich tagsüber Netflix gucke, stimmt was nicht.

 

Die Serie heißt „Kiss Me First“. Niemand hat irgendwen geküsst, bisher.

 

 

A week in Paris will ease the bite of it*

Paris und ich haben nicht zueinander gefunden, und der Louvre mit seinen lärmenden Menschenmassen ist wohl einer der schlimmsten Orte der Welt. Delacroix und ich haben uns über all die Smartphones hinweg traurig angeschaut und gewusst, dass wir so nicht miteinander reden können, und dann habe ich mich ins Mittelalter geflüchtet, weil das niemand sehen will und immer am menschenleersten ist. Aber da war ich schon müde, und dann war noch der Flügel mit der flämischen Kunst gesperrt, und auf dem pflichtbewussten Weg zu Leonardo habe ich kapituliert und mich vor den blindlings fotografierenden Insta-Kindern nach draußen in den Park geflüchtet.
Der Park allerdings riecht nach Urin. Paris riecht gerne nach Urin. Paris ist auch ziemlich schmutzig und sehr wenig romantisch. Ich bin enttäuscht.
In der kostenlos zugänglichen Sammlung des Petit Palais allerdings begegne ich wieder Bonnat, den ich auch diesmal gut finde. Und die Menschen kommen mir nett vor, hilfsbereit, und sie rempeln und quetschen weniger, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Trotzdem überwiegt mein urschwäbischer Wunsch, die Stadt würde mal ordentlich geputzt.

*  … stammt aus diesem Lied:

Oh, Jessica!

Weil ich sehr verliebt bin in Krysten Ritters Jessica Jones und nach den beiden Staffeln auf Netflix nicht von ihr lassen kann, gucke ich in meinem Liebeskummer auch noch die Defenders, dabei finde ich Marvel-Verfilmungen meistens lahm (Ehre, Erbe, Welt retten, Gut, Böse, Bestimmung, mehr Ehre, leere Dialoge, Liebe ist unmöglich – Liebe geht doch, nichts Neues).

Die „Defenders“ sind auch nicht besonders aufregend. Immerhin gibt es neben Jessica eine ganze Menge weiblicher Figuren – das Internet scheint sich über sie zu freuen, die fiesen Frauen funktionieren auch, aber was ist los bei den Guten? Die Dynamik zwischen weiblichen und männlichen Figuren fühlt sich an wie eine Familienfeier: vordergründig tun alle das Gleiche, aber in Wahrheit machen die Frauen irgendwann den Abwasch oder noch mehr Kaffee, und die Männer bleiben im Wohnzimmer sitzen und reden laut.
In den „Defenders“ machen die Männer auch viel Krach und diskutieren eine Menge und prügeln sich, während die Frauen im Hintergrund vernünftig schalten und walten, mit gedämpften Stimmen besorgte Gespräche führen und zwischendurch die Kerle zu Vernunft bringen. Die Superhelden stehen plötzlich da wie dumme kleine Jungen, die Frauen dagegen wirken wie nachsichtige Mütter. Bis auf Jessica, die sich prügelt und ab und an den Laden rettet, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Gute Frau.

 

Wohin soll man euch noch schlagen?*

Ich sitze mit einer Freundin im Café, sie hat eine Bibel mitgebracht und zeigt mir eine Stelle, die sie in eine Fantasy-Geschichte umarbeiten will. Wir kommen in Fahrt und blättern gemeinsam durch das Buch, lesen abwechselnd Abschnitte vor und amüsieren uns prächtig über die Sprache, die bizarren Geschichten, die verknöcherten Ermahnungen. Unser Höhepunkt: Jesaja. Da geht’s ab.
Jesus Sirach dagegen (übrigens nicht in protestantischen Bibeln zu finden, die reformierten Kirchen rechnen ihn zu den Apokryphen, also den nicht-kanonischen biblischen Texten) ist ein großer Langweiler, den wir überhaupt nicht mögen.

Mutig wagt sich die Bedienung immer wieder in die Ecke zu den zwei Verrückten, die sich kichernd über eine Bibel beugen, ganze Seiten daraus vortragen und immer wieder in Gelächter ausbrechen.

 

*Jesaja 1,5

I remember how it ends, we survive

Dieses Bild hat nichts damit zu tun, wie ich mich fühle. Es ist einfach viel zu abgefahren, um es nicht möglichst vielen Leuten zu zeigen. Hier:

Léon Bonnat, Hiob, 1880; Public Domain, via Wikimedia Commons

Hiob, wir erinnern uns, ist der arme Kerl, der Gegenstand einer Wette zwischen Gott und dem Teufel wird. Der Teufel sagt, Hiob sei Gott nur treu, weil es ihm so gut gehe. Gott sagt, bitte, das können wir ja ausprobieren, worauf Satan sich große Mühe gibt, den vorbildlich frommen Hiob vom Glauben abzubringen, indem er ihn ins Unglück stürzt und ihm nach und nach Besitz, Kinder und Gesundheit nimmt. Hiob erträgt jedoch alles, ohne in seinem Glauben zu wanken.
Allerdings versteht er nicht, warum ihm solches Unglück widerfährt, immerhin hat er nichts verbrochen. Da wären wir dann bei Bonnats Bild: Hiob hat alles verloren und klagt Gott an, Gott antwortet, und am Ende sind sich alle einig, dass es unschuldiges Unglück gibt und man durch menschliche Weisheit die Motive Gottes nicht nachvollziehen kann. Und Hiob bekommt einfach neuen Besitz und neue Kinder, so simpel ist das in der Bibel.

Léon Bonnat, der Maler, hat im späten 19. Jahrhundert gearbeitet. Klar! Die coolsten Sachen kommen aus dem 19. Jahrhundert, wenn sie nicht von Rembrandt kommen. Ich muss unbedingt herausfinden, was dieser Mensch noch so gemacht hat und ob der Rest auch so großartig ist.

Ich komme übrigens so zu Hiob: ich stolpere in einen Buchladen und stoße direkt mit Julius Schnorr von Carolsfeld zusammen, der in Form einer Bilderbibel vor mir liegt, Holla, denke ich, das fängt ja gut an, denn Julius ist auch aus dem 19. Jahrhundert, allerdings ein bisschen verkopft, aber eine Hausnummer der Epoche, deshalb ist diese Bibelausgabe der Hit. Ich schnappe sie mir und laufe im nächsten Regal direkt in einen weiteren Bildband mit Bibelgeschichten, schlage ihn auf und sehe mich Auge in Auge mit Hiob (siehe oben). Alter Falter, denke ich.
Und Dinge, die einen dazu bringen, „Alter Falter“ zu denken, soll man niemals ignorieren.