Projekt

Ich kann nicht über die eigentlichen Dinge schreiben.
Da war ein Abend in einem kleinen Raum mit gedämpftem Licht: Workshop hieß das, und fremde Menschen kamen, um bei uns zu sitzen, und dann ist so beiläufig etwas so Großes, Tiefes entstanden, dass ich es noch immer kaum begreife.
Ich wünsch mir, dass das wieder passieren kann.
Ich wünsch mir, ich hätte Kunst studiert.
Ich wünsch mir, dass das der Anfang von etwas ist, weil ich mich so ganz dort hinein geben konnte, weil das, was ich bin, mit dem, was meine Freundin ist und was ein weiterer Künstler ist, zu etwas wird, das einem Menschen für eine halbe Stunde ermöglicht, sich selbst zu begegnen und sich gütig zu begegnen, vor uns und mit uns. Im Schein der Lampe weben wir ein zartes, aber dichtes Netz, wir werden ein Kokon und machen Schmetterlinge.

Mach das mal durch Kunstgeschichte, durch reine Theorie, das kannst du nicht.

(Was passiert ist: jemand kommt zu uns und meine Freundin und Projektpartnerin und einfühlsamste Fragerin unterhält sich mit ihm über seinen Körper und wie er sich darin fühlt. Hinter einem Paravent sitzen ich und ein richtiger Künstler und zeichnen Bilder aus den Antworten. Die Gespräche und Bilder sind Geschenke, von uns so sehr wie für uns, wir alle erleben und fühlen und staunen und schaffen mehr, als wir für möglich gehalten haben.)

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Schräge Vögel, wir

Ich bin Uni. Die Vorlesungen der Kunstgeschichte erkennt man an den ausgesucht schicken Seniorenstudent*innen (die übrigens immer am pünktlichsten sind), denn wer was mit Kunst zu tun hat, ist schließlich auch ein bisschen künstlerisch, also exzentrisch, nicht wahr. Die Studierenden sind auch exzentrisch und sie alle nerven mich damit, dabei laufe ich heute selber in Klamotten rum, die brüllen: Persönlichkeit! Viel davon! Am meisten!! Ich sehe nämlich aus wie ein Cowboy, oder wie eine horse woman, und die Leute gucken mich auch so an. Ich hätte gerne ein Pony dabei, die Flinte am Sattel und den Hund bei Fuß, und eine entlaufene Kuh im Lasso, dann wäre das gerechtfertigt mit meinen Klamotten, aber so komme ich mir ein bisschen verkleidet vor. Blöde exzentrische Kunsthistorikerinnen! (Und Kunsthistoriker. Die sind nicht besser, die sind nur weniger.)

Fülle

Ich fahr an die Uni zum Kolloquium in meinem großen grünen Männerarmeewollpullover, der mich warm hält und vor Kunsthistorikerinnen und sonstigen Unbilden beschützt. Die Tür zum Seminarraum ist noch offen, was bedeutet, dass ich erstaunlicherweise nicht zu spät bin, und das beflügelt mich so, dass ich laut „Hallo!“ in den Raum rufe. Dafür ernte ich Seitenblicke, aber keine Antwort, weil Kunsthistorikerinnen noch nie die nettesten Menschen an der Uni gewesen sind.
Ihr könnt mich doch, denke ich und setze mich und es wird gar nicht mal so furchtbar, wir reden über eine Künstlerin aus der Sammlung Prinzhorn (da sind Bilder von Psychiatriepatienten drin) und ich mache einen Wortbeitrag wie eine brave Studentin und danach geh ich spontan in die Sprechstunde meiner Betreuerin und erzähle ihr, worüber ich schreiben möchte, und sie findet es toll, und dann will ich eigentlich noch in die Bibliothek und ein bisschen arbeiten, aber das Kolloquium strengt mich immer wahnsinnig an und ich lass es gut sein und fahre nach Hause.

Zwischendurch hol ich noch zwei entwickelte Filme ab. Ich bin zufrieden mit den Bildern und mit meinem Tagwerk.

Und schreiben möchte ich über Anne Blunt, die mit ihrem Mann durch den Nahen Osten gereist ist und darüber geschrieben und gezeichnet hat. Auf dem Frontispiz ihres einen Reiseberichts ist sie in arabischer Tracht neben einem Pferd zu sehen, allein in der Wüste. Sie schaut in die Ferne und sieht zart und stark zugleich aus.

Sugar in my bowl

Einmal habe ich mit jemand mein Lieblingslied angehört und er nahm die Gitarre, seine schwarze E-Gitarre, und hat mitgespielt, ganz sanft, da waren wir beide schon nackt und meine Beine lagen über seinen, dass ich den Druck der Gitarre auf meinem Oberschenkel fühlte, und ich sah ihm zu: so schön war er, wie er da spielte, und ich wusste, später würden wir uns anfassen, aber nicht jetzt; und ich hab gedacht, dass ich diesen Moment niemals vergessen darf.

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A week in Paris will ease the bite of it*

Paris und ich haben nicht zueinander gefunden, und der Louvre mit seinen lärmenden Menschenmassen ist wohl einer der schlimmsten Orte der Welt. Delacroix und ich haben uns über all die Smartphones hinweg traurig angeschaut und gewusst, dass wir so nicht miteinander reden können, und dann habe ich mich ins Mittelalter geflüchtet, weil das niemand sehen will und immer am menschenleersten ist. Aber da war ich schon müde, und dann war noch der Flügel mit der flämischen Kunst gesperrt, und auf dem pflichtbewussten Weg zu Leonardo habe ich kapituliert und mich vor den blindlings fotografierenden Insta-Kindern nach draußen in den Park geflüchtet.
Der Park allerdings riecht nach Urin. Paris riecht gerne nach Urin. Paris ist auch ziemlich schmutzig und sehr wenig romantisch. Ich bin enttäuscht.
In der kostenlos zugänglichen Sammlung des Petit Palais allerdings begegne ich wieder Bonnat, den ich auch diesmal gut finde. Und die Menschen kommen mir nett vor, hilfsbereit, und sie rempeln und quetschen weniger, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Trotzdem überwiegt mein urschwäbischer Wunsch, die Stadt würde mal ordentlich geputzt.

*  … stammt aus diesem Lied:

Wunderkammer

Im Gemeinschaftswaschraum liegt seit Wochen ein trauriger schwarzer Pullover, den irgendwer dort ausgesetzt hat. Da ihn offensichtlich keiner vermisst, beschließe ich, dass sein neues Zuhause in meinem Schrank ist; er ist immerhin aus Merinowolle und gut gegen den Winter. Außerdem reizen mich Sachen, die schonmal wem gehört haben –  in neuen Dinge muss eine Seele erst wachsen.

Überhaupt, wie ich an Gegenständen hänge – vielleicht werde ich mal eine verrückte alte Frau in einem kleinen Haus voller Dinge: Bilder und Bücher und Polstermöbel gibt es und alte Schränke voll versunkener Schätze, Gefundenes und Geerbtes fallen durcheinander, Erworbenes, Geschenktes, Vergessenes, Halbgestohlenes wie der Pullover. Und ich werde einsam durch die Räume wandern und mit den Händen über meine Dinge streichen, sie berühren und betrachten und zu ihnen sprechen, jeden Tag, zu all meinen kleinen Geistern.

(Oder so: Ich leben in einer hellen Wohnung, die auch voller Dinge ist, aber weniger durcheinander; in einer der Vorlesungen, in denen ich den jungen Studierenden den Platz wegnehme, lerne ich einen charmanten alten Herrn kennen, und die jungen Leute finden uns süß, weil wir alt und verliebt sind. Wir führen gemeinsam meinen Pudel Tommy spazieren und unternehmen selbstverständlich Busreisen, auf denen wir den Fremdenführer nerven, weil wir alles besser wissen, aber wir machen das mit Absicht, weil wir ihn blöd finden. Außerdem wissen wir es wirklich besser. Wir machen einen Tanzkurs und beschützen den Pudel vor all den Enkelkindern, die ihn mit Schokolade vollstopfen wollen (der Pudel will das allerdings auch). Wir stopfen die Enkelkinder mit Schokolade voll.)

I remember how it ends, we survive

Dieses Bild hat nichts damit zu tun, wie ich mich fühle. Es ist einfach viel zu abgefahren, um es nicht möglichst vielen Leuten zu zeigen. Hier:

Léon Bonnat, Hiob, 1880; Public Domain, via Wikimedia Commons

Hiob, wir erinnern uns, ist der arme Kerl, der Gegenstand einer Wette zwischen Gott und dem Teufel wird. Der Teufel sagt, Hiob sei Gott nur treu, weil es ihm so gut gehe. Gott sagt, bitte, das können wir ja ausprobieren, worauf Satan sich große Mühe gibt, den vorbildlich frommen Hiob vom Glauben abzubringen, indem er ihn ins Unglück stürzt und ihm nach und nach Besitz, Kinder und Gesundheit nimmt. Hiob erträgt jedoch alles, ohne in seinem Glauben zu wanken.
Allerdings versteht er nicht, warum ihm solches Unglück widerfährt, immerhin hat er nichts verbrochen. Da wären wir dann bei Bonnats Bild: Hiob hat alles verloren und klagt Gott an, Gott antwortet, und am Ende sind sich alle einig, dass es unschuldiges Unglück gibt und man durch menschliche Weisheit die Motive Gottes nicht nachvollziehen kann. Und Hiob bekommt einfach neuen Besitz und neue Kinder, so simpel ist das in der Bibel.

Léon Bonnat, der Maler, hat im späten 19. Jahrhundert gearbeitet. Klar! Die coolsten Sachen kommen aus dem 19. Jahrhundert, wenn sie nicht von Rembrandt kommen. Ich muss unbedingt herausfinden, was dieser Mensch noch so gemacht hat und ob der Rest auch so großartig ist.

Ich komme übrigens so zu Hiob: ich stolpere in einen Buchladen und stoße direkt mit Julius Schnorr von Carolsfeld zusammen, der in Form einer Bilderbibel vor mir liegt, Holla, denke ich, das fängt ja gut an, denn Julius ist auch aus dem 19. Jahrhundert, allerdings ein bisschen verkopft, aber eine Hausnummer der Epoche, deshalb ist diese Bibelausgabe der Hit. Ich schnappe sie mir und laufe im nächsten Regal direkt in einen weiteren Bildband mit Bibelgeschichten, schlage ihn auf und sehe mich Auge in Auge mit Hiob (siehe oben). Alter Falter, denke ich.
Und Dinge, die einen dazu bringen, „Alter Falter“ zu denken, soll man niemals ignorieren.