Mach was draus

Was soll das, ich bin nur jemand, der dreimal im Jahr einen Stift, einen Pinsel in die Hand nimmt, aber ihr erwartet, dass ich mich hinstellen soll und sagen: Künstlerin, das bin ich, und jetzt bezahlt mich dafür, mich, und nicht die anderen. Wie soll ich mir das anmaßen?

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Vergeigt

Vor Wochen hab ich einen Mann kennengelernt, schön war er und klug und so sympathisch, und er liebte Kunst – ist das nicht der, von dem ich so sehr geträumt habe, dass ich sicher war, es kann ihn gar nicht geben?

Ein wunderbarer Mann also, und was mach ich? Ich schreibe böse SMS, weil die nächste Verabredung nicht zustande kommt, worauf er mir einen derart sanften, klugen Korb gibt, dass ich ihn umso wunderbarer finde, aber meine Chance ist verstrichen.

Der schöne, kunstsinnige Mann meiner Träume bleibt also weiter ein bloßer Traummann; das ist das eine.

Das andere, kuriosere, was mich fast noch mehr wurmt, ist: bei all seinen „tut mir leid, gerade keine Zeit, aber nächste Woche“-Nachrichten hatte ich doch das Gefühl, dass er es ehrlich meint und einfach wirklich keine Kapazitäten frei hat. Erst, als ich anderen davon erzählt habe, hat es sich allmählich auch in meinen eigenen Ohren komisch angehört, und natürlich haben alle gesagt: der hält dich doch nur hin, das wird nichts, vergiss ihn.

Und deshalb – weil es mich wütend macht, wie ich dastehe: als naive, passive Frau, die sich hinhalten lässt und treu drauf wartet, dass er sich rührt – deshalb schreibe ich ihm die böse SMS. Die er mir übel nimmt. Ende der Bekanntschaft.

Seit wann bin ich so beeinflussbar? Ich, stur, bockig, immer zu einem Aber aufgelegt, soll mich jetzt an die Meinung anderer Leute halten?  ?????

Und dabei hat die eigentliche Carlie das richtige Bauchgefühl gehabt, indem sie ihm vertraut hat. Die eigentliche Carlie würde er mögen, deshalb darf er doch nicht einfach gehen – nur wegen der anderen Carlie, die gar nicht stimmt.

Aber wenn nicht einmal ich mich so sehr auf die eigentliche Carlie verlasse, dass ich mich von anderen nicht beeinflussen ließe, wie kann ich dann von ihm wollen, dass er diese Carlie kennenlernen und ihr vertrauen soll?

Tja. Du wirst womöglich nie wieder einem Mann begegnen, der mit selbstgemachten Ohrringen beim ersten Date auftaucht und davon redet, wie er Schulklassen von Kunst begeistern will.

Projekt

Ich kann nicht über die eigentlichen Dinge schreiben.
Da war ein Abend in einem kleinen Raum mit gedämpftem Licht: Workshop hieß das, und fremde Menschen kamen, um bei uns zu sitzen, und dann ist so beiläufig etwas so Großes, Tiefes entstanden, dass ich es noch immer kaum begreife.
Ich wünsch mir, dass das wieder passieren kann.
Ich wünsch mir, ich hätte Kunst studiert.
Ich wünsch mir, dass das der Anfang von etwas ist, weil ich mich so ganz dort hinein geben konnte, weil das, was ich bin, mit dem, was meine Freundin ist und was ein weiterer Künstler ist, zu etwas wird, das einem Menschen für eine halbe Stunde ermöglicht, sich selbst zu begegnen und sich gütig zu begegnen, vor uns und mit uns. Im Schein der Lampe weben wir ein zartes, aber dichtes Netz, wir werden ein Kokon und machen Schmetterlinge.

Mach das mal durch Kunstgeschichte, durch reine Theorie, das kannst du nicht.

(Was passiert ist: jemand kommt zu uns und meine Freundin und Projektpartnerin und einfühlsamste Fragerin unterhält sich mit ihm über seinen Körper und wie er sich darin fühlt. Hinter einem Paravent sitzen ich und ein richtiger Künstler und zeichnen Bilder aus den Antworten. Die Gespräche und Bilder sind Geschenke, von uns so sehr wie für uns, wir alle erleben und fühlen und staunen und schaffen mehr, als wir für möglich gehalten haben.)

Schräge Vögel, wir

Ich bin Uni. Die Vorlesungen der Kunstgeschichte erkennt man an den ausgesucht schicken Seniorenstudent*innen (die übrigens immer am pünktlichsten sind), denn wer was mit Kunst zu tun hat, ist schließlich auch ein bisschen künstlerisch, also exzentrisch, nicht wahr. Die Studierenden sind auch exzentrisch und sie alle nerven mich damit, dabei laufe ich heute selber in Klamotten rum, die brüllen: Persönlichkeit! Viel davon! Am meisten!! Ich sehe nämlich aus wie ein Cowboy, oder wie eine horse woman, und die Leute gucken mich auch so an. Ich hätte gerne ein Pony dabei, die Flinte am Sattel und den Hund bei Fuß, und eine entlaufene Kuh im Lasso, dann wäre das gerechtfertigt mit meinen Klamotten, aber so komme ich mir ein bisschen verkleidet vor. Blöde exzentrische Kunsthistorikerinnen! (Und Kunsthistoriker. Die sind nicht besser, die sind nur weniger.)

Fülle

Ich fahr an die Uni zum Kolloquium in meinem großen grünen Männerarmeewollpullover, der mich warm hält und vor Kunsthistorikerinnen und sonstigen Unbilden beschützt. Die Tür zum Seminarraum ist noch offen, was bedeutet, dass ich erstaunlicherweise nicht zu spät bin, und das beflügelt mich so, dass ich laut „Hallo!“ in den Raum rufe. Dafür ernte ich Seitenblicke, aber keine Antwort, weil Kunsthistorikerinnen noch nie die nettesten Menschen an der Uni gewesen sind.
Ihr könnt mich doch, denke ich und setze mich und es wird gar nicht mal so furchtbar, wir reden über eine Künstlerin aus der Sammlung Prinzhorn (da sind Bilder von Psychiatriepatienten drin) und ich mache einen Wortbeitrag wie eine brave Studentin und danach geh ich spontan in die Sprechstunde meiner Betreuerin und erzähle ihr, worüber ich schreiben möchte, und sie findet es toll, und dann will ich eigentlich noch in die Bibliothek und ein bisschen arbeiten, aber das Kolloquium strengt mich immer wahnsinnig an und ich lass es gut sein und fahre nach Hause.

Zwischendurch hol ich noch zwei entwickelte Filme ab. Ich bin zufrieden mit den Bildern und mit meinem Tagwerk.

Und schreiben möchte ich über Anne Blunt, die mit ihrem Mann durch den Nahen Osten gereist ist und darüber geschrieben und gezeichnet hat. Auf dem Frontispiz ihres einen Reiseberichts ist sie in arabischer Tracht neben einem Pferd zu sehen, allein in der Wüste. Sie schaut in die Ferne und sieht zart und stark zugleich aus.

Sugar in my bowl

Einmal habe ich mit jemand mein Lieblingslied angehört und er nahm die Gitarre, seine schwarze E-Gitarre, und hat mitgespielt, ganz sanft, da waren wir beide schon nackt und meine Beine lagen über seinen, dass ich den Druck der Gitarre auf meinem Oberschenkel fühlte, und ich sah ihm zu: so schön war er, wie er da spielte, und ich wusste, später würden wir uns anfassen, aber nicht jetzt; und ich hab gedacht, dass ich diesen Moment niemals vergessen darf.

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A week in Paris will ease the bite of it*

Paris und ich haben nicht zueinander gefunden, und der Louvre mit seinen lärmenden Menschenmassen ist wohl einer der schlimmsten Orte der Welt. Delacroix und ich haben uns über all die Smartphones hinweg traurig angeschaut und gewusst, dass wir so nicht miteinander reden können, und dann habe ich mich ins Mittelalter geflüchtet, weil das niemand sehen will und immer am menschenleersten ist. Aber da war ich schon müde, und dann war noch der Flügel mit der flämischen Kunst gesperrt, und auf dem pflichtbewussten Weg zu Leonardo habe ich kapituliert und mich vor den blindlings fotografierenden Insta-Kindern nach draußen in den Park geflüchtet.
Der Park allerdings riecht nach Urin. Paris riecht gerne nach Urin. Paris ist auch ziemlich schmutzig und sehr wenig romantisch. Ich bin enttäuscht.
In der kostenlos zugänglichen Sammlung des Petit Palais allerdings begegne ich wieder Bonnat, den ich auch diesmal gut finde. Und die Menschen kommen mir nett vor, hilfsbereit, und sie rempeln und quetschen weniger, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Trotzdem überwiegt mein urschwäbischer Wunsch, die Stadt würde mal ordentlich geputzt.

*  … stammt aus diesem Lied: