Trennungsschmerz

Ich habe Doris Lessings Goldenes Notizbuch ausgelesen und den Verdacht, dass ich das Ende nicht verstanden habe. Die letzten Seiten waren mühsam, ganz viel an diesem Buch war mühsam, aber ich habe mich so tief hineingedacht und -gefühlt, dass ich es jetzt heftig vermisse.
Die Affären und Beziehungen von Anna Wulf haben mein Affärenverhältnisfreundschaftplusliebeleiwuddayacallit ganz eng begleitet, und es war viel leichter, so ein Verhältnis gemeinsam mit Anna und Ella zu führen als nur mit mir. Wenn Anna rasend war, hab ich mein eigenes Rasen begriffen, und wenn sie kalt war, wusste ich, warum ich manchmal kalt bin, und wenn sie einen Fehler bei sich gesucht hat, wusste ich, dass der Fehler nicht bei mir liegt.

Jetzt muss ich alles wieder allein verstehen und selbst die Figur sein, die mich bestärkt und meine Fragen auflöst. Vielleicht muss ich das Buch noch einmal lesen, um Annas verschwommenes Abbild in mir zu schärfen.

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Lesefutter: But worst of all is the hunger, the immensity of the search

Ich möchte wieder ein Buch lesen, das so ist wie Daniel Masons The Piano Tuner, von dem ich gar nichts erwartet hatte und das dann vielleicht das schönste, sensibelste Buch war, das ich je gelesen habe.
Das war letzten Sommer, und ich habe Tee aus Ingwer und Zimtrinde und starken schwarzen Kaffee auf dem Balkon getrunken und dazu dieses Buch gelesen, das es irgendwie geschafft hat, ohne Klischees von einem Aufenthalt in einem fremden Land zu erzählen, das ohne viel Aufhebens eine erstaunliche und wunderbare Hauptfigur geschaffen hat und dessen Passagen über das Stimmen eines Klavieres poetische Erzählungen von Technik als einem großen Wunder waren. Und die Sprache, ja sicher, die Sprache war ganz schlicht, aber kraftvoll und schön.

Kennt jemand so ein Buch, bitte danke, eines, das man mit dem Herzen lesen kann und nicht mit dem Kopf?

Balkon

Räuberbraut

Ich habe Margaret Atwoods „The Robber Bride“ gelesen, heruntergeschlungen, am Stück und ohne zu kauen, und jetzt tauche ich daraus hervor in mein eigenes Leben, steige aus und stehe allein am Bahnsteig und Charis, Roz und Tony fahren ohne mich weiter und ich vermisse sie schon, da haben sich noch nicht einmal die Zugtüren hinter mir geschlossen. Besonders Roz liebe ich in ihrer Buntheit und Lautheit und Intensität und für ihre Liebe zu ihren Töchtern, die ich ebenfalls liebe. Aber Margaret Atwood, glaube ich, hat Tony am liebsten, klug und kopflastig, und ich mag Tonys Tick, Wörter rückwärts zu sagen, weil ich das im Kopf auch dauernd mache, aber Tony kann das noch viel besser und singt ganze Lieder rückwärts. Und ich werde die bedingungslose Freundschaft zwischen den dreien vermissen und wie sie bei allen Unsicherheiten unbeugsam sind, schon weil sie einander so fest halten. So ein schönes, tiefes Buch.

Kleinere Brötchen

Mein Brieffreund hat mir einen Band Erzählungen von Bruno Schulz geschenkt. Den würde ich gerne lesen, weil er seit Monaten von ihm schwärmt, aber zur Zeit reicht meine Konzentration nirgendwo hin, also lese ich stattdessen Abenteuerromane. Ich habe mehrere Morde auf der Suche nach Gregory Arkadin miterlebt und die Liebe meines Lebens verloren, und das alles aus Sicht eines aufgeblasenen, selbstverliebten kleinen Gangsters aus der Feder von Orson Welles; danach habe ich vor einer Untersuchungskommission mit einem gebrochenen Kapitän den furchtbaren Verlust seines Schiffes noch einmal durchlebt. Ich empfehle den Kapitän statt Orson Welles: Das Salz des Meeres von Edouard Peisson.
Bruno Schulz fristet ein ungelesenes Dasein in meinem Regal und ich bin auf der Suche nach neuen Abenteuern.

Worte, Seiten, Bände

Ich lese: vor einem Jahr hab ich wieder damit angefangen, mit A. S. Byatts „Buch der Kinder“ (noch nie so Schönes über Kunst gelesen, noch nie so voller Staunen durch sich Wort um Wort auffaltende Panoramen gewandert, wenn irgendwo die Weltausstellung in Paris erwähnt wird, denke ich jetzt, ich war dort), und nach der Bekanntschaft mit Byatts neunzehntem Jahrhundert lese ich einfach weiter und aufs Lesen folgt das Schreiben. Als ich wieder bei Atwood herauskomme, fange ich beim Lesen an, selbst Ideen zu haben, Isabels Geschichte hat sich von einem wuchernden Kuriositätenkabinett in ein handfestes Ding mit Handlung und Bedeutung entwickelt, und wie ich heute in der Sonne sitze (Kokos-Nougat-Eis!) und lese, spinnen sich alle halbe Seite aus dem Gelesenen eigene Ideen. Jetzt nur nicht aufhören.

Ein Buch angucken

Ich gucke „Alias Grace“ auf Netflix und suche dabei beständig nach dem Wort hinter dem bewegten Bild – und immer, wenn die Hauptdarstellerin Margaret Atwoods lange, schöne Textpassagen spricht, denke ich: Das ist es doch. Das ist es doch! Wie kann Sprache so klar und schön sein und so stark? Da ist nichts Überflüssiges gesagt, alles ganz präzise, aber niemals kühl. Ich möchte Margaret Atwood zu meiner neuen Lieblingsschriftstellerin machen und alles verschlingen, was ich von ihr zwischen die Zähne bekommen kann.

Ob ich mir die Verfilmung von „A Handmaid’s Tale“ geben will, weiß ich noch nicht. Irgendwie mag ich an „Alias Grace“, dass hier Frauen über Frauen sprechen, und der männliche Producer von „A Handmaid’s Tale“ irritiert mich. Sollte er vielleicht nicht. Vielleicht tut er’s auch nur, weil das dauernd so ist – Männer, die Frauen zeigen, seit hunderten von Jahren. Oder?