It ain’t got that swing

Wisst ihr, dass niemand bei WordPress über Lindy Hop bloggt, also auf Deutsch? Ist das nicht schade? Soll ich das jetzt machen? Dann kann ich immer noch keinen Blog über Lindy hop lesen.

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Räuberbraut

Ich habe Margaret Atwoods „The Robber Bride“ gelesen, heruntergeschlungen, am Stück und ohne zu kauen, und jetzt tauche ich daraus hervor in mein eigenes Leben, steige aus und stehe allein am Bahnsteig und Charis, Roz und Tony fahren ohne mich weiter und ich vermisse sie schon, da haben sich noch nicht einmal die Zugtüren hinter mir geschlossen. Besonders Roz liebe ich in ihrer Buntheit und Lautheit und Intensität und für ihre Liebe zu ihren Töchtern, die ich ebenfalls liebe. Aber Margaret Atwood, glaube ich, hat Tony am liebsten, klug und kopflastig, und ich mag Tonys Tick, Wörter rückwärts zu sagen, weil ich das im Kopf auch dauernd mache, aber Tony kann das noch viel besser und singt ganze Lieder rückwärts. Und ich werde die bedingungslose Freundschaft zwischen den dreien vermissen und wie sie bei allen Unsicherheiten unbeugsam sind, schon weil sie einander so fest halten. So ein schönes, tiefes Buch.

Kleinere Brötchen

Mein Brieffreund hat mir einen Band Erzählungen von Bruno Schulz geschenkt. Den würde ich gerne lesen, weil er seit Monaten von ihm schwärmt, aber zur Zeit reicht meine Konzentration nirgendwo hin, also lese ich stattdessen Abenteuerromane. Ich habe mehrere Morde auf der Suche nach Gregory Arkadin miterlebt und die Liebe meines Lebens verloren, und das alles aus Sicht eines aufgeblasenen, selbstverliebten kleinen Gangsters aus der Feder von Orson Welles; danach habe ich vor einer Untersuchungskommission mit einem gebrochenen Kapitän den furchtbaren Verlust seines Schiffes noch einmal durchlebt. Ich empfehle den Kapitän statt Orson Welles: Das Salz des Meeres von Edouard Peisson.
Bruno Schulz fristet ein ungelesenes Dasein in meinem Regal und ich bin auf der Suche nach neuen Abenteuern.

Worte, Seiten, Bände

Ich lese: vor einem Jahr hab ich wieder damit angefangen, mit A. S. Byatts „Buch der Kinder“ (noch nie so Schönes über Kunst gelesen, noch nie so voller Staunen durch sich Wort um Wort auffaltende Panoramen gewandert, wenn irgendwo die Weltausstellung in Paris erwähnt wird, denke ich jetzt, ich war dort), und nach der Bekanntschaft mit Byatts neunzehntem Jahrhundert lese ich einfach weiter und aufs Lesen folgt das Schreiben. Als ich wieder bei Atwood herauskomme, fange ich beim Lesen an, selbst Ideen zu haben, Isabels Geschichte hat sich von einem wuchernden Kuriositätenkabinett in ein handfestes Ding mit Handlung und Bedeutung entwickelt, und wie ich heute in der Sonne sitze (Kokos-Nougat-Eis!) und lese, spinnen sich alle halbe Seite aus dem Gelesenen eigene Ideen. Jetzt nur nicht aufhören.

Ein Buch angucken

Ich gucke „Alias Grace“ auf Netflix und suche dabei beständig nach dem Wort hinter dem bewegten Bild – und immer, wenn die Hauptdarstellerin Margaret Atwoods lange, schöne Textpassagen spricht, denke ich: Das ist es doch. Das ist es doch! Wie kann Sprache so klar und schön sein und so stark? Da ist nichts Überflüssiges gesagt, alles ganz präzise, aber niemals kühl. Ich möchte Margaret Atwood zu meiner neuen Lieblingsschriftstellerin machen und alles verschlingen, was ich von ihr zwischen die Zähne bekommen kann.

Ob ich mir die Verfilmung von „A Handmaid’s Tale“ geben will, weiß ich noch nicht. Irgendwie mag ich an „Alias Grace“, dass hier Frauen über Frauen sprechen, und der männliche Producer von „A Handmaid’s Tale“ irritiert mich. Sollte er vielleicht nicht. Vielleicht tut er’s auch nur, weil das dauernd so ist – Männer, die Frauen zeigen, seit hunderten von Jahren. Oder?

Fluchtstücke

Ich lese ein neues Buch. Ich weiß nicht, ob es ein gutes Buch ist, vielleicht ist es kitschig – die Sprache darin ist selbst in der Übersetzung aus dem Englischen noch atemberaubend schön und bilderreich, die Handlung hingegen ist schrecklich: um den zweiten Weltkrieg geht es und um einen Jungen, dessen (jüdische) Familie von deutschen Soldaten ermordet wird, das geschieht in Polen; ein griechischer Archäologe nimmt ihn mit zu sich nach Hause und versteckt ihn, bis der Krieg vorbei ist und beide nach Toronto ziehen (ziehen, nicht flüchten, dann wieder). Und die Autorin, Anne Michaels, packt alles Furchtbare des Krieges direkt neben das Schöne, Liebevolle, manchmal Zauberhafte im Alltag der Protagonisten, Schrecken und Geborgenheit dicht an dicht in so magischen Bildern, dass man sich – ich mich dem unmöglich entziehen kann. Ich weine nicht oft beim Lesen, aber dieses Buch bringt mich zum Weinen; ich glaube, Frau Michaels berührt mit ihren Bildern eine viel tiefere Ebene, als jeder Tatsachenbericht es könnte. Ich kann nur nicht zu lange am Stück darin lesen, weil der Junge Jakob in seiner Versehrtheit so immens einsam ist, dass man es selbst als weit entfernter Leser kaum aushält.
„Fluchtstücke“ heißt das Buch und gefunden habe ich es in einer Kiste mit zu verschenkenden Büchern; erwartet habe ich wenig und jetzt macht es so viel mit mir – Kafka fände das sicher gut mit seinem Ausspruch über Bücher, die Äxte sein sollen.
Ich würde auch gerne eine Axt schreiben.