Wahrscheinlichkeiten

Ich treffe Männer und manche schicke ich absichtlich wieder fort, andere aus Versehen, hier liege ich also und bleiche alleine in der Sonne. Ich bin ein verdrehtes Gebilde, knorrig, trocken, rissig, schwer anzufassen wie Haifischhaut, und im Inneren ermüdend wie ein Irrgarten.

 

imm030_31

Werbeanzeigen

Vorm Einschlafen

Außerdem, was soll das sein mit diesem Typen, kommt nett und unauffällig in mein Leben, hier funkt gar nichts, sage ich ihm, als wir uns wiedersehen, aber von da an denk ich nur noch, dass er mich anfassen soll, und wie. Er macht mich wütend und hungrig, aber auf eine Art, die mir nicht passt, außerdem: er passt mir nicht. Er ist nicht, was ich mir vorstelle, schließlich soll mich nur der fabelhafteste Mann der Welt bekommen, mich Kollektiv verpasster Möglichkeiten und verwelkter Träume.

Kleiner als

Wir treffen uns zum Reden. Ich wünsche mir, dass wir so weit zueinander finden, dass wir danach gut auseinander gehen können. Ich will ein ungetrübtes Bild von der Zeit mit dir behalten, ich möchte bedauern, dass sie zu Ende ist, ich will mich gern erinnern, ich will dir frei sagen können, dass sie mir was bedeutet hat, und was.

Aber dann sind wir doch nur zwei Idioten, die verschlossen durch den Wald stolpern und verzerrte Fragmente zwischen sich hin- und herschieben, weil sie ums Verrecken keine gemeinsame Sprache finden, und wie wir auseinander gehen: in Höflichkeit, die brutal ist, weil sich so nicht zwei Menschen verabschieden sollten, die sich mal wirklich, wirklich gern gehabt haben.

Ich hätte dir gern Danke gesagt, aber als wir die letzten vernichtenden Nüchternheiten ausgetauscht haben, weiß ich selbst kaum noch, wofür. Und genau DAS wollte ich mit diesem Gespräch ausräumen, ich wollte, dass das dumme Gefühl weggeht und der Blick wieder frei ist für das, was gut gewesen ist, aber nachdem alles gesagt ist, bin ich mir nichtmal mehr sicher, ob es so gut war, wie ich es empfunden habe.
Du bist nichts als Abstand, während ich mich wehre, so gut ich kann, aber am Ende tut bloß alles weh, und ich komm mir so dumm vor für meinen Versuch, weich zu sein und es gut zu machen. Du hast mir wehgetan und vielleicht hab ich das herausgefordert, aber ich hab mir so gewünscht, noch etwas Wärme zwischen uns zu finden. Du aber hast ewigen Winter ausgerufen: bemüh dich gern, sagst du —  aber so, wie du das sagst, was will ich mit dem Frühling.
Ich bin nur, was ich bin, ich hab gemacht, was ich konnte, und ich weiß, das ist nicht immer genug, es ist nicht immer leicht mit mir, aber ich bin auch allerhand mehr als das, und was du daran nicht sehen kannst, das trag ich dir nicht auch noch nach. Und dein stilles Zählen kleiner Schmerzen: mag damit umgehen, wer will.

Ich weiß um dein Bemühen, ich weiß um deine Großzügigkeit, ich weiß um deine Fürsorge, und ich weiß, wenn mein Zorn vorüber ist, werd ich dankbar sein für das warme Nest, das ich bei dir gehabt habe, und ich werde wieder wissen, dass diese stille kleine Liebe auch wahr gewesen ist: aber auch du hast versäumt und geirrt und versagt.

Anders gesagt

Ich habe mit einem Fremden zum ersten Mal seit Jahren einen Quickstep getanzt, und diesen Tanz hab ich mal geliebt.

Ich hab mich mit den Leuten unterhalten, die ich gern habe, und ich hab wirklich einige gern.

Ich bin spontan mit jemandem essen gegangen, den ich besonders gern habe. Sie muss mich auch gern haben? Kann ich mir immer noch nicht vorstellen.

Ich kann inzwischen allein zu den blöden socials gehen. Das hätt ich nie gedacht.

Ich hab getanzt. Ich hatte ein paar gute Momente. Ich kann ab und an loslassen dabei.

 

Und das alles zählt nichts dagegen, dass ein blöder Typ am anderen Ende der Tanzfläche auftaucht? Ach komm schon.

Zuverlässig

Und war es nicht so, dass du Tanzen gegangen bist, und hast dich nicht übel dabei gefühlt: nicht euphorisch, nicht vollkommen frei, aber leicht genug; und war alles dahin, als du ihn dort gesehen hast bestimmt kennt mein Ohr noch deinen Gang, als du ihn lachen hörtest vor ein paar Monaten wäre ich es gewesen, mit der du lachst, als du einen Blick riskiert und wiedererkannt hast: diese Haltung des Kopfes, diesen weichen Arm und seine Bewegung, diese gewisse Art, die Schritte zu setzen, den Schwung des Körpers aufzufangen, die Musik zu vertanzen; und ist dir nicht der Abend entglitten und gehört jetzt ihm?

Ja, so ist es gewesen, und in vierzig Jahren werde ich ihn anrufen und sagen: Weißt du denn, wie ich in dich verliebt war, du dummer, dummer Mensch.

Edel sei der Mensch

Aber wenn zwei auseinander gehen, kommt ihnen das Edle ganz schnell abhanden, so schlagen sie um sich, so werfen sie mit Dreck. Der Dreck ist hartnäckig und während ich meine Finger schrubbe, frage ich mich:

War das nötig, mussten wir das tun? Wie passt das, was zuletzt zwischen uns geschehen ist, zu dem Bild, das ich von uns habe? Wieso sind wir überhaupt hier, obwohl ich überwiegend schöne Dinge erinnere, wenn ich an unser Vorher denke? (Diese Frage lautet eigentlich: Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Wohin sind Freundschaft, Wertschätzung, Austausch, warum ist jetzt jedes Gesprächsfragment ein Stochern im Nebel, warum kennen wir uns nicht mehr? Wieso tun wir uns weh, statt einander durch den Morast zu helfen?

Warum schließt sich andauernd alles gegenseitig aus, warum konnten wir einander nicht einfach weiterhin geben, was zu geben war? (Warum ist es nie so einfach, wie man gerne hätte.) Bin ich allein mit dem Wunsch, dass wir uns noch einmal wirklich begegnen, um es nicht SO enden zu lassen, können wir ohne Bitterkeit sein, liebevoll? Wie viel müssen und wie viel können wir einander verzeihen?

Und: Ist es nun besser so, habe ich etwas gewonnen und nicht nur verloren, würde ich mich nicht weniger furchtbar fühlen, wenn deine Gegenwart mich weiterhin meiner menschlichen Existenz versichern würde, und wie niedrig ist dieser Beweggrund? Wie soll ich edel sein, wenn die ganze Welt eine riesige Bedrohung ist und ich, bitte, eigentlich nur einen Ort brauche, an dem es einfach okay ist.