Wüten und Tosen

Ich bin nicht großzügig und ich freu mich nicht für dich, ich bin eifersüchtig und verletzt und zornig, ich will dich zurück, keine Spur von Selbstlosigkeit.

Gefühlskater: Hingeben hinnehmen

Wie ich dich besuchen komme, weiß ich, dass ich heute verliebt in dich sein werde, und ich zaudere kurz vor dem Gefühl. Dann nehm ich es an, weil es schön ist, und es ist wirklich schön, so weich zu sein und für einen Abend, eine Nacht und einen Morgen die üblichen Schranken fallenzulassen.

Das Grübeln kommt am nächsten Tag, das hab ich in Kauf genommen, aber jetzt sitz ich eben da und – grüble.

Das ganze tägliche Leben

Alle meine kleinen, neugierigen Tiere habe ich in die Welt geschickt, und sie haben sich hineingeworfen mit weit offenen Augen, voll Lust und voll Hunger, bedürftig sind sie gewesen und haben verschlungen: Nähe, Gespräche, Begegnungen alt und neu, Hoffnung, Vorfreude, Berührungen, den Kitzel des Anfangs, Wärme, Kaffee und Kaffee und Kaffee, Blicke: schüchterne, gesenkte, erwiderte, vertraute, Gelächter, Bücher, Nachrichten, fremden und eigenen Kummer, Geschichten, einen Körper in der Nacht: warme, weiche Haut und ein Atem, Form und Linie bei Lampenlicht; Schönheit an Menschen, wiedergefunden, neuentdeckt, atemberaubend jedes Mal.

All meine Tiere sind ausgeschwärmt, die kleinen Wölfe und bunten Vögel, im Wind höre ich ihre Stimmen von Ferne und weiß: es ist Zeit, sie nach Hause zu rufen, eins nach dem andern, um zu besehen und zu ordnen, was sie von draußen mitgebracht haben in ihren runden, warmen Bäuchen.

All that fascination

War das deine beste Freundin?, fragt mein Kollege.
Ja, sage ich, weil das, was die meisten Leute so unter „beste Freundin“ verstehen, wahrscheinlich ungefähr zutrifft.
Hat man gesehen, sagt er. Du warst so happy.

Warum gibt es eigentlich Bestefreundinnen und Freundinnen? Wenn man das schon kategorisieren muss, sind einfach alle meine Freundinnen meine besten Freundinnen. Und meine Freunde dürfen auch meine besten Freundinnen sein.
Ich lerne, ein neues Verhältnis nicht zu etikettieren, und Etiketten fühlen sich überhaupt immer unsinniger an: du bist mein guter Freund, du aber bist ein Kumpel, du dagegen eine Bekannte, du bist meine beste Freundin und du meine längste, du bist meine Affäre, du mein Schwarm, und du bist eine gute Freundin, aber du kannst nicht die beste sein, weil ich diesen Titel schon vergeben habe – – –
Ist doch alles Liebe.
Ich hab bei einem Mann übernachtet und treffe gleich meinen Kinokollegen mit dem schönen schlanken Nacken – in dem Café, in dem der hübsche, kluge, sympathische Mann arbeitet, mit dem ich kürzlich Kaffee trinken war.

Und Frühling.

Meine hungrigen, lärmenden Vögel

Worüber ich mit meiner Therapeutin in letzter Zeit rede, mit meiner adretten, klugen, jungen Therapeutin, die immer ein bisschen unschuldig aussieht und trotzdem fast immer so, als hätte sie alles im Griff: darüber, dass ich in Wahrheit noch immer nicht begreife, warum Menschen mich gern haben und mit mir befreundet sein (und bleiben!) wollen.
Für ein Ärgernis halte ich mich:
ich komme zu spät,
ich hab schlechte Tage,
ich bin unzuverlässig,
ich schaffe nicht, was man mir aufträgt,
ich sage ab,
ich hab Schwierigkeiten mit normalen Sachen,
ich muss an die Hand genommen werden,
ich hab Redebedarf,
ich bringe doch keinen Kuchen mit,
ich hab kein Geld fürs Kaffeetrinken,
ich mache Schulden,
ich vergesse ausgeliehene Bücher/meinen Geldbeutel/Geburtstage/Dinge, um die mich wer gebeten hat,
ich trau mich nicht,
ich komm nicht mit,
ich brauche am längsten,
ich weine,
ich komme mit Kummer und Sorge auf der Schulter,
ich hab nichts vorbereitet, weil mich das gestresst hat,
ich kann nicht besucht werden, weil die Wohnung unordentlich ist,
ich brauche Zuspruch, weil ich mich vor der ganzen Welt fürchte,
ich bin ganz unzureichend, wohin man nur schaut, aber da seid ihr und sagt, es reicht doch.

Wie es reichen kann, versteh ich immer noch nicht, ich hab mir nur abgewöhnt, daran zu denken, aber in mir rumort es weiter: noch immer glaube ich, ich stünde bei allen so tief in der Schuld, dass ich mir nicht auch noch Bedürfnisse leisten kann. Das wiegt schwerer, je näher man mir kommt, denn je mehr man sieht, für desto mehr glaube ich mich entschuldigen zu müssen, und wenn schon alle Geduld und Großmut ausgeschöpft ist, wie soll ich dann noch sagen, dass ich jetzt auch noch ein Eis will?
(Andere wollen auch Eis, nur mir steht keines zu.)