Trouble in mind

Um halb fünf in der Frühe stehe ich in der Küche und mache den Abwasch, weil du mir um halb zwei Uhr nachts geschrieben hast. Da war ich wach.

Immer noch übrig: der Teil von mir, der sich unbedingt mit dir auf das Eis treffen will, das du vorschlägst.
Viel lauter: der Teil von mir, der brüllt und tobt, weil dein netter Plauderton nicht zu fassen ist, nachdem du mich einmal durch den Fleischwolf gedreht hast.
Viel zu leise: der Teil von mir, der das einzig Vernünftige tut, indem er sagt: Jetzt kack auf ihn und geh wieder ins Bett.

 

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Lait citron, ein Wunder

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Ich hole mein altes Rennrad aus dem Keller und stell es mir ins Zimmer.
Erstens soll es, eine grazile Antilope, nicht unter den elefantösen Mountainbikes der Nachbarn erdrückt werden.
Zweitens ist dieses Rad traumhaft schön. Mein Gott.
Und drittens bist du mir egal, seit ich die Hand auf das schwarzumwickelte Aluminium des Lenkers gelegt habe.

 

11.06.

Ich müsste mich um Sachen kümmern. 130, in Worten: ein ganzer Monat Essen, Euro warten auf mich, ich muss sie nur abholen. Arztbesuche warten auf mich, ich muss sie nur vereinbaren. Eine Arbeit hat auf mich gewartet, ich hätte sie nur tun müssen…

… stattdessen sitze ich zuhause herum, bis ich mich aufraffen kann, einkaufen zu gehen, und ich kaufe: Kekse und eine Blume für den Balkon. Eine Blume. Wozu brauche ich eine Blume? Eine Kaisernelke, um genau zu sein, sie ist sehr schön, aber ich habe genug Pflanzen auf dem Balkon, die mich überfordern: umtopfen, entlausen, gießen, düngen, Stauwasser abschütten, aus dem Regen nehmen, in den Regen stellen, Erde und Blumentöpfe organisieren, viel zu anstrengend, andererseits der letzte Rest einer sinnvollen Existenz. Wirklich: das ist alles, was geblieben ist, die Pflanzen.

Verantwortungslos. Ich kann mir das nur leisten, weil Vati mich unterstützt. Ich muss was dagegen tun, ich weiß nicht, wie.

Ich wiege hundert Zentner, kann keinen Finger rühren, keine Kraft, mich zu bewegen, da draußen ist ein herrlicher Frühsommer, nach dem ich nur die Hand ausstrecken müsste, aber ich tu den Teufel.

Auf den Fotos, die das Labor für mich entwickelt hat, sind zwei, die ich von meinem ehemaligen Lover geschossen habe, sie sind nicht sehr gut, weil ich zu nervös war, aber während er darauf unantastbar schön ist, bin ich inzwischen – ein einziges wirres Knäuel ohne jede äußere Form. Diese Fotos tun weh, was immerhin ein Gefühl ist, aber selbst das ist gedämpft, keine Ausschläge mehr.

01.06.

Morgen auf dem Balkon, langsam, Frühstück mit gutem Buch, blauer Himmel, Sonne, Ruhe, Blattläuse entfernen als Akt der Hingabe, Telefonate erledigen, Verantwortung übernehmen, aktiv sein, in Kontakt bleiben, planen, der Termin für den Nachmittag entfällt, alles in Balance: nicht zu viel, mehr als Stillstand.

Also WOHER dieser Moment: irgendwo zwischen der eigenen Haustür und dem nächsten dm falle ich durch den Asphalt, klaftertief auf die Fresse, danach ist nichts mehr wie vorher: stehe zwischen Regalen und könnte heulen, denke plötzlich wieder an dich, alles fühlt sich so verschoben an, alles tut weh. Dahinter wartet die alte Müdigkeit.

Ich bin nicht ruhig und zufrieden. Ich bin wütend und hungrig und gierig und zerrissen, ich liege nachts wach, ich halt mich nicht mehr aus, ich will mich mitteilen, ich will mich der Welt mit beiden Händen vor die Füße schleudern und schreien: Da schau, was du gemacht hast! Das ist aus mir geworden, das ist alles, was ich von dir bekommen habe, verstehst du endlich, dass ich damit nichts anfangen kann?

I feel like the word „shatter“.

 

Rembrandt van Rijn: Saul und David. Foto: Wikimedia Commons

 

Like roses need the rain

Über dem Dach tobt ein Gewitter, im Sekundentakt flammt der Himmel grellweiß auf, regennass und polternd wälzt sich Donner über den Berg, unter den Schlägen vibriert der Fußboden.
Halb bedroht und halb geborgen sitze ich unter den Dachfenstern und lausche und schreibe; ich möchte nicht schlafen gehen, dabei bin ich zum Hinfallen müde. Aber gerade, so allein in der Nacht, fühle ich mich ein bisschen freier; alles schläft, und ich muss nichts.

Eben habe ich noch mit meiner neuen Bekanntschaft im dunklen Park gesessen; wenn er mich küsst, und er küsst unbeholfen, muss ich an dich und deine festen Berührungen denken und bin traurig. Mein Körper ist immer noch in dich verliebt; du wohnst bei meinen anderen Schreckgespenstern in einem großen, dunklen Schrank und sobald ich irgendetwas dort heraushole, fällst du mir vom obersten Fach herunter auf den Kopf. Ich werde dich nie wieder sehen – das weiß ich und kann es nicht fassen.

Und dann. Wann werde ich für mich selbst sorgen können? Was wird aus mir? Ich gehe wegen meines Studiums zur neuen Therapie, aber unter diesem einen Thema kommen wie unter einem angehobenen Stein ganze Nester von Asseln und Nattern hervorgekrochen, derer nicht Herr zu werden ist. Ich wusste nicht, dass es so viele sind – so viele Ängste und Traurigkeiten und Sorgen und Niederlagen, die Masterarbeit war der Deckel von Pandoras Büchse, und sowie ich daran gerührt habe, quillt es endlos daraus hervor.

Fakt

Zwischen dir und mir war kein Gespräch.
Ich erinnere mich an den einen Nachmittag, als wir bei mir waren statt bei dir, also ohne Netflix, Leinwand und externe Unterhaltung: Schweigen. (Und Entsetzen darüber, auf meiner Seite.)

Ziemlich bitter.

Das lese ich mir jetzt zehnmal durch, jedes Mal, wenn ich dich vermisse.

Anoche

Ich kann nicht schlafen.

Du bist zurück in meinem Kopf und hast alle anderen Ungeheuer mitgebracht. Sie heißen Kummer und Sorge und stampfen ungeschlacht durch alles, was ich bin.

Die nächsten Tage habe ich zudem mit so vielen verschiedenen Gelegenheitsjobs vollgestopft, dass mir gar keine Luft mehr bleibt, das wird mir jetzt klar und angesichts der Erstickungsgefahr liege ich knallwach im Bett. Was hab ich mir dabei gedacht? Ich bin ja jetzt schon, nach dem Probearbeiten, total durch, nach Wochen des Stillstands muss ich mit so viel Leben erstmal klarkommen.

Ich muss lernen, über Dinge nachzudenken, bevor ich sie mache.

Ich weiß immer noch nicht, wie ich funktioniere und was ich mit meinem Leben anfangen soll.

Ich vermiss dich.