Auf See

Morgens stehe ich auf und alles ist OK, aber nach zwei Stunden Sachen machen im Haushalt ist die Luft raus. Ich sinke. Warum? Wohin?

Du bist sauer auf mich oder enttäuscht von mir, ich hör’s an deinem Schweigen. Meine hundertste Entschuldigung verpufft ins Leere, vielleicht sind hundert Mal ein Mal zu viel (bitte nicht). Hermetische Enge: du brauchst mich, ich brauch dich zum Tanzen, zweifache Last.

Advertisements

Es war einmal ein kleines Mädchen

Welcher Geburtstag ist das gewesen, der neunte, der zehnte?
Mit ihrer Mutter steht sie im hinteren Teil des Ladens und möchte etwas Ungewöhnliches, die Idee vielleicht aus einem Buch, bestimmt aus einem Buch, weil sie zur Hälfte in Büchern und Geschichten wohnt: sie möchte einen altmodischen Schulranzen aus Leder. Sie darf ihn aussuchen und mit der Verkäuferin reden wie eine Erwachsene, sie probiert den Schulranzen auf, der ihr gefällt, vorbei ist die Zeit  der hässlichen Schultasche mit den bunten Bären. Der neue Schulranzen duftet nach Leder und sie liebt ihn so, er ist was Besonderes, sie will ihn allen zeigen, weil er so schön ist, genau, wie sie ihn erträumt hat, nur in echt.
Sie geht damit in die Schule, stolz auf ihren neuen Schatz, und ihre beste Freundin fragt: Wo ist dein neuer Ranzen? – Hier ist er doch, sagt sie und will ihn vorführen, all die Fächer und Schnallen, aber die Freundin hat sich schon weggedreht: Der ist hässlich.
Auf der ganzen Welt, von diesem Moment an, wird es niemanden geben, der ihren Schulranzen schön findet. Sie wird dafür gehänselt werden, Kinder werden ihr Sachen nachrufen, jemand wird ihn anspucken, er wird sie überall zur Zielscheibe für Spott und Häme machen, viereinhalb Jahre wird sie es ertragen und die schöne Tasche schon heimlich hassen, und in der achten Klasse kauft sie sich einen Eastpak, weil sie es nicht mehr aushält.

Jetzt bin ich 28 und versuche herauszufinden, ob ich ihn noch mag, meinen alten Schulranzen, als Umhängetasche, ob von dem alten Gefühl noch was übrig ist unter der Enttäuschung und Scham und Wut. Ich hab ihn bis jetzt nicht mehr anfassen wollen, dabei ist das alles schon fast fünfzehn Jahre her, aber in mir sind wir jetzt zu dritt: das kleine Mädchen, das diesen Schulranzen einfach toll findet, und die verstörte Jugendliche, der er eigentlich schon peinlich ist, die ihn aber aus Trotz weiter trägt, und die Erwachsene, die endlich ihr Selbstvertrauen gefunden hat, aber einfach nicht weiß, wie sie zu dieser Tasche steht.
(Ich wette, die kleinen Hipsterkinder, die sich jetzt diese Taschen gebraucht für viel Geld kaufen, sind dieselben, die mich früher dafür fertig gemacht haben. Mögen euch die Bremsen an den Vintage-Rädern versagen.)

Der Eastpak, übrigens, hatte die falsche Farbe und hat die Lage kein bisschen besser gemacht, damals.

Oh, do you know how much I wish it to be so

Und dann, plötzlich, eine Kette beglückender Ereignisse: ich komm herausgepurzelt, randvoll mit Seligkeit.

 

(Ein Date. Funkenflug! Und Masterarbeit. Und Menschen. Und Fahrrad repariert. Und Wohnung aufgeräumt. Gearbeitet. Und getanzt, getanzt! Und du, du schönes, schönes, schönes Wesen. Fast hätt ich dir im allgemeinen Glück was Verliebtes zum Abschied gesagt, aber ich konnt mich grade so beherrschen.)

Ach ja

Im Gang komme ich an einem Paar vorbei, eng umschlungen und stumm ineinander versunken, ich und meine lauten Türen und überhaupt der Gang existieren gar nicht, sie sind einander die ganze Welt.

Irgendwie trifft’s mich. Ich denke: Stimmt, das gehört ja auch dazu, und: Das ist lange her, und: Ob mir das nochmal passiert?

Wenn man im Kino arbeitet

Menschen sind, insgesamt, sehr dumm. Vor allem sind sie gedanken- und rücksichtslos und verlieren viel zu schnell den Kopf, die einfachsten Dinge können sie überfordern und wenn sie nicht gleich kriegen, was sie wollen, kennen sie kaum Gnade. Aber sie sind auch gerade oft genug so erstaunlich und nett, dass man sie, unterm Strich, trotzdem liebhaben kann.

(Erst wollte ich schreiben: „… liebhaben muss.„, aber jetzt weiß ich nicht mehr, welches stimmt.)

Seifenblasen 7

05.01.

Manchmal kann ich einen Tag lang alles und am nächsten Tag überhaupt nichts mehr.
Gestern waren Menschen und ich die einfachste Kombination auf der Welt, heute verwirrt mich eine WG-Party mit vermutlich netten Leuten so sehr, dass es völlig ausgeschlossen ist, da hinzugehen.
Um mir diesen Entschluss mitzuteilen, wartet Grumpy wie immer bis zum letzten Moment. „Ich komm zu spät“, schreibe ich dem Kollegen, den ich an der Haltestelle abholen wollte. „Soll ich auf dich warten?“, fragt er. Bloß nicht!, denke ich, du frierst da fest – ein paar Minuten später werde ich sowieso sagen, dass ich es doch nicht schaffe, aber er kennt mich noch nicht genug, um das zu befürchten.
Diese Absagen in letzter Minute wollte ich nie wieder machen und deshalb einfach nicht mehr zusagen bei Sachen, die ich schwierig finde. Diesmal hab ich mich überreden lassen, weil alle so nett gefragt haben und ich so gern dazugehören wollte.

Regel: Keine Parties. (Grumpy sagt: Keine Scheißparties.)