Tanzkurs/Der Mond nimmt ab

Ich bin kleiner als jeder im Raum, weil ich so sehr brauche, dass ich gemocht werde. Am schlimmsten ist es mit den Leuten, die ich schon ein bisschen kenne, bei denen ich vorhandene Sympathie nicht verlieren möchte: da zähle ich jedes Lächeln, wäge jeden Blick und bin starr vor Angst, es könnten zu wenige sein. In meinem Schrecken aber vergesse ich, wie Menschen sich verhalten, und was immer ich sage, klingt unecht und albern – am Ende fühle ich mich einsamer als vorher.

Werbeanzeigen

Mach was draus

Was soll das, ich bin nur jemand, der dreimal im Jahr einen Stift, einen Pinsel in die Hand nimmt, aber ihr erwartet, dass ich mich hinstellen soll und sagen: Künstlerin, das bin ich, und jetzt bezahlt mich dafür, mich, und nicht die anderen. Wie soll ich mir das anmaßen?

Ich liebe meinen Job

Meine Kollegin hat mich beim Einlernen vor zwei Wochen in Grund und Boden kritisiert. Sie ist außerdem menschlich nicht mein Typ, zu kühl, zu glatt, zu perfektionistisch, aber als ich mitkriege, dass sie anscheinend die meisten nicht leiden können, versuche ich zum Ausgleich nett zu ihr zu sein. Sie verwechselt meine Freundlichkeit mit Unterwürfigkeit, denn am Freitag, als ich durch eine falsche Entscheidung meinen Feierabend um eine Dreiviertelstunde verschieben muss, kommt sie an meinen Schreibtisch, legt mir die Hand auf den Kopf und sagt: Ich hoffe, du lernst aus deinem Fehler. – Ich habe keine Zeit, ihr zu sagen, dass sie sich ihre Überheblichkeit sparen kann, aber einfach schlucken kann ich’s auch nicht. Heute muss ich sie also zur Rede stellen und obwohl ich mich aus sowas raushalten wollte, gehöre ich ab dann wahrscheinlich zur Fraktion „Wir mögen sie nicht“. 

 

Nachtrag: WIR MÖGEN SIE NICHT.

:)

Ich hab einen Fensterplatz im Fernbus und hoffe, dass der Platz neben mir frei bleibt. Ein Typ steigt ein und sieht so nett aus, dass ich plötzlich hoffe, der Platz bleibt doch nicht frei. Ich gucke auch nett. Der Typ setzt sich neben mich und ist mir direkt richtig sympathisch, das weiß ich von dem bisschen Smalltalk, das wir haben, bevor jedes der Form halber was zu lesen auspackt. Ich will keine nervige Nebensitzerin sein, aber dann denke ich, Pfeif drauf, mache irgendeine Bemerkung und ab da quatschen wir die ganze Fahrt durch. Als wir aussteigen müssen, sind wir noch mitten drin, also tauschen wir Nummern und freuen uns aufs nächste Mal, zack, so einfach.

Erwachsen

Ich radel ein Stück mit einer Kollegin und wir tauschen uns darüber aus, wie es ist, wenn man dauernd bei Leuten die Pflanzen gießen muss und dass das gar nicht mal so selbstverständlich ist, weil es nämlich wohl Mühe macht.

Ich beobachte: wir sind in einem Alter angekommen, in dem Leute so viele Pflanzen in ihren Wohnungen angesammelt haben, dass sie andere Leuten drum bitten müssen, sie zu gießen, wenn sie im Urlaub sind. Weil sie nicht mehr in WGs wohnen. Weil sie gelernt haben, sich um Zimmerpflanzen zu kümmern. Weil sie sesshaft geworden sind.
Das kam einfach so. Verrückt, oder?