19.06.

Ich habe sonnige Laune und häng bei dir rum, bis du gehst; dann gucke ich die Internetseite vom örtlichen Lindy Exchange an, auf das sich alle schon total freuen und es geht eh einfach jeder hin, und kurz halte ich es für möglich, auch mitzumachen (die Fotos vom letzten Jahr! so was Schönes!), aber dann passiert was in mir, was mit Lindy Hop und Gruppen und Zugehörigkeit und Einsamkeit und Angst und dem Gefühl zu tun hat, es mag und braucht mich eh keiner, und zack, liege ich wieder im Loch von vorgestern.

Bei diesem Exchange gibt’s eine Fahrt mit einer alten Dampflok(!!!!!!!!!!). Ich will unbedingt Dampflok fahren und einfach dabei sein und mich wie ein normaler Mensch fühlen, aber was ist, wenn ich gerade an den relevanten Tagen überhaupt kein Mensch bin? Man kann nie wissen, als was man aufwacht, Gregor oder Schabe, und Schaben sind in den meisten Zügen nicht gern gesehen.

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It’s not the fall that kills you, it’s the sudden stop

Neben dem Bett steht ein neuer Wecker, queroval, orange, retro, und er wird mich für immer an jemand erinnern, mit dem ich auf dem Flohmarkt war (um diesen Wecker zu finden, den ich im Vorjahr auf demselben Markt nicht gekauft habe), mit dem ich ein Wochenende verbracht habe aus Schweiß und Küssen und Körpern und Sommerhitze, Schlaflosigkeit und Freude und Enge, mit dem ich den Übergang von Fremdheit zu Vertrautheit vollzogen habe; der kein Band aus Nüchternheit und Zynismus um sein Herz geschlagen hatte, der bereit war, mir wirklich zu begegnen; mit dem ich gelacht habe, dessen Anwesenheit mir erstaunlich und wundervoll vorkam, der auf dem Flohmarkt eine Lampe gekauft hat, ebenfalls orange, ebenfalls retro, und dem von unserem Wochenende nur diese Lampe bleiben wird, wie mir nur der Wecker bleibt; diese beiden, und ein plötzlicher, wütender Schmerz.

 

Dieses Lied hab ich bisher für Blödsinn gehalten, aber jetzt passt es, so.

 

10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.

Zum Teufel

Meinem Vater, schon mit einem Glas Wein mehr als gut wäre, fällt ein, dass er sich ja immer Sorgen um seine unselbständige, kranke Tochter macht. Also Carlie, was machst du jetzt bis zu deinem Job im September?, fragt er.

Bisschen arbeiten, sage ich. Hier und da. Und sonst, wahrscheinlich nichts.

Und was verdienst du dann nochmal?, will er wissen. Sein Tonfall sagt, dass er alles, was ich vorhabe, nicht gut findet.

1250 brutto, sage ich, angespannt.

Er schnaubt. Also, willst du nicht auch mal richtig arbeiten? Ich finde, du solltest langsam ein paar Rentenpunkte sammeln.

Das ist der Punkt, an dem ich mich frage, ob er eigentlich irgendwas von dem verstanden hat, was ich ihm im Lauf des letzten Jahres erzählt habe. Dass Vollzeit nicht klappt, zum Beispiel. Dass ich nicht alles so hinkriege, wie es viele Leute hinkriegen. Dass ich auch nicht weiß, wie der ganze Scheiß funktionieren soll, und ein destruktiv herumnörgelnder Vater noch nie irgendwen weitergebracht hat.

Aber er ist betrunken und damit die schlechteste, verständnisloseste, unzugänglichste Variante seiner selbst, deshalb bin ich froh, dass mein Bruder das Gespräch unterbricht, gehe bald darauf ins Bett und schlucke Wut, Enttäuschung und Vorwürfe herunter. Grumpy wühlt sie sofort wieder heraus und bewirft mich seither damit.

03.07.

Morgen ist mein Geburtstag. Deshalb habe ich heute extra nicht mein Lieblingssommerkleid angezogen, damit ich es morgen tragen kann.

Vorgestern war ich bei meiner Therapeutin, die zweite Sitzung nach einer langen Pause, und nach einem emotionalen Gespräch über die Therapie selbst sage ich: Ich weiß nicht, was die Therapie mir hilft. Bis vor ein paar Wochen ging es mir richtig schlecht, und ich bin von selbst wieder da herausgekommen.

Das ist doch erfreulich, sagt meine Therapeutin, aber in der folgenden Stille zeichnet sich plötzlich das Ende unserer gemeinsamen Sitzungen deutlich ab. Wir vereinbaren einen neuen Termin, vielleicht den letzten.

Was ich von der Therapie hatte, weiß ich nicht ganz genau, aber ich schätze meine Therapeutin, diese kluge, sanfte Frau mit ihrem großartigen Sinn für Situationskomik.

Wie denn, was denn

Vor zwei Wochen hat meine Freundin geheiratet, unter den Gästen ein Freund von ihr, den seh ich zum ersten Mal und weiß: Cute. Er macht den Mund auf und ich denke, wir haben nichts gemeinsam, und das denke ich noch immer, jetzt, wo er mich morgen besuchen kommt.

Entschuldigung, was machst du da?, fragt etwas in mir, entrüstet und besorgt. Ergibt das etwa Sinn?

Grumpy wirft ein, dass wir jetzt für den Typen die Wohnung aufräumen müssen und er darauf echt keinen Bock hat.

Mein besorgter Teil sagt: Wenn es doch eh nicht passt. Nur unnötiger Stress, und dann am Ende anstrengende Gespräche und Enttäuschung.

Warum kommt der überhaupt? Auf der Hochzeit hab ich kaum mit ihm geredet, hinterher schreib ich ihm: Treffen wir uns?, weil es in mir knistert, wenn er in der Nähe ist, und er antwortet: Klar doch. – Find ich gar nicht so klar, aber trotzdem schön. Ich freu mich auf das Wochenende.

Nur dass ein weiterer Teil von mir auf deinem Rücken hockt und sich mit beiden Ärmchen um deinen Hals klammert, weil wir dein Vogelgesicht und dein Lächeln so sehr mögen und weil wir gerne neben dir liegen in der Nacht, und weil wir uns so ungewöhnlich wohl fühlen in deiner Gegenwart. Und ich möchte immer noch mehr herausfinden über dich/dich und mich in unserem seltsamen, unaufgeregten Verhältnis – auf das uns einzulassen wir nicht mit Haut und Haaren bereit zu sein scheinen, wir beide nicht. Das ist ein Widerspruch, den ich nicht aufgelöst bekomme.

Es ist überhaupt alles voller Widersprüche. Dass ich keine Lust hatte, dir das alles zu sagen, weil du von selbst nicht darüber redest außer in Randbemerkungen, jetzt aber alles hier aufschreibe, wo ich genau weiß, dass du es lesen wirst: widersprüchlich.