Licht und Ruhe

Ich mache einen fünfzehn Kilometer langen Spaziergang in der Sonne, auf dem ich eine Kaffeepause mit einer Bekannten einlege. Mit ihr habe ich so gut wie keine Vorgeschichte, deshalb stört sie nicht in dem, was ich mir für dieses Wochenende vorgenommen habe: ganz bei mir sein.

Warum das so ist, kann ich nicht in Worte fassen, zu müde. Trotzdem, ich fühl mich erholt, und hoffentlich wird es jetzt einfach Frühling.

TOUCH ME (NOT)

Touch me not heißt der Film, aber ich komme heraus und denke: O doch, touch me!

Körperlichkeit, Berührungen, Sexualität haben so wenig Platz im Alltag, beschränken sich auf so wenige, festgelegte Gelegenheiten und Personen – würde es nicht gut tun, das zu ändern und darüber zu sprechen, das Gespräch überhaupt zu ermöglichen? Die Themen sind doch viel zu groß, viel zu zentral, um sie so aus dem Kontakt mit anderen Menschen zu schieben.

Und: warum haben wir unsere Körper nicht lieber?

Alles nervt

Ein gültiger Satz für heute. Heute nervt zum Beispiel das Wetter. Oder mein Mistbock von Fahrrad, noch nie war ein Fahrrad so schlecht verarbeitet wie dieses. Es nervt außerdem ALLES an meinem Job, abgesehen von meiner kettenrauchenden Kollegin, die das Startup genauso Scheiße findet wie ich. Die Eile beim Essen mit meiner Freundin nervt, und zögerliche Mädchen beim Blues, die sich nichts trauen, und Typen, die mich korrigieren, obwohl sie schrottig führen, und dass ich die Figur am Ende nicht hinkriege, weil ich mit den Zögermädchen üben musste. Dass die Organisation bei Dus neuer Stelle so abartig versagt, dass er total fertig ist, nervt, und dass ich nicht da sein kann, um ihn wenigstens zu umarmen. Ich bin müde und gestresst und komme zu nichts und habe keine Zeit für meine Freunde und das nervt auch, kein Geld haben nervt, und der überhebliche kleine Fotograf nervt am allermeisten.

Positionsbestimmung

Das Jahr ist neu und mein Leben wird anders.

Vor einem Jahr habe ich noch im Kino gearbeitet und nicht gewusst, dass ich nach einer Episode im Wahlamt als Telefonistin in einem Startup herauskommen würde. Jetzt habe ich zum ersten Mal einen festen Job und bin finanziell unabhängig – gerade eben so, aber doch. Außerdem habe ich mir vorgenommen, jetzt wenigstens einmal ernsthaft zu versuchen, was draus zu machen, dass ich gut zeichnen kann, und selbst wenn daraus nichts wird, traue ich mir mehr zu als einen möglichst anspruchslosen Aushilfsjob. Ich will Herausforderungen. Ich will Geld – jedenfalls mehr.

Vor einem Jahr war ich noch als Studentin eingeschrieben. Saß ich noch an meiner Masterarbeit oder hatte ich sie schon aufgegeben? Ich vermisse mein Studium nicht, auch wenn Momente daraus zu meinen besten Erinnerungen gehören – Ideen, Inspiration, Wissen, Erkenntnis, Begeisterung und Staunen, die Studienfahrt nach Rom. Die Begeisterung für Kunst und die Neugier auf die ganze Welt bleiben mir auch ohne Abschluss.

Vor weniger als einem Jahr etwa habe ich angefangen, um Lindy Hop zu kämpfen, nachdem die Freundschaft zu meinem Tanzpartner zu schmerzhaft wurde. Der Bruch mit ihm bedeutet noch immer, dass ich allein zu Socials gehe, wo ich mich fehl am Platz fühle, die Leichtigkeit beim Tanzen ist mir abhanden gekommen und zugleich begegne ich ihm in der überschaubaren Szene dauernd wieder. Ich bin müde vom Kämpfen, das nicht leichter wird, und frage mich, ob Lindy Hop und ich eine Beziehungspause brauchen. Dafür entdecke ich Blues, den ich so großartig wie einschüchternd finde.

Vor einem Jahr stand mir der Moment des endgültig gebrochenen Herzens noch bevor, was meinen Tanzpartner angeht; während das verheilte, hatte ich eine Freundschaft Plus und ein, zwei Dates ohne größere Folgen und als ich mich am 31. August im Fernbus angeregt mit meinem Nebensitzer unterhalten habe, habe ich ihm deshalb auch erzählt, dass ich mich für unverkuppelbar, wenn nicht beziehungsunfähig halte. Vier Monate später finde ich meine Lieblingsstadt blöd, weil er daraus weggezogen ist.

Vor einem Jahr war ich mir sicher, dass ich nie mehr von hier weg möchte, und wenn, dann ganz vielleicht nach Hamburg; jetzt, wo mein älterer Bruder wieder in die Nähe meiner Eltern gezogen ist und Du ebenfalls, freue ich mich drauf, nach Stuttgart zu ziehen, in diese verstockte alte Feinstaubstadt.

Vor einem Jahr war ich noch in Therapie und habe jeden Morgen ein Antidepressivum gegessen; jetzt fühle ich mich ziemlich stabil und selbst mein Skin Picking ist besser. Ich habe keine Angst.

Und vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass in einer meiner ältesten und wichtigsten Freundschaften ein so tiefes, beidseitiges Schweigen entstehen könnte.
So viel zu 2019.

 

Zwischenmenschlichkeiten

Dich, zum Beispiel, kenne ich kaum; dass du mir schreibst, ist schön, was du mir schreibst aber verwirrt mich.

Und du, andererseits: ich beginne dich zu kennen, aber wie du auf eine eigentlich harmlose Nachricht von einem anderen Mann reagierst, passt nicht zu dem, was ich da kenne. Du sagst, es gehe nicht um dich, sondern darum, dass diese Nachricht mich durcheinander bringt: ein beschützerischer move, den ich als besitzergreifend empfinde.

Du wiederum bist mir schlicht fremder als erwartet.

Wonniger Dienstag

Das macht natürlich der Blues-Kurs mit mir. Vom Kontakt mit anderen Körpern fühlt sich der meine anders an, ich spüre die Stellen, mit denen ich mich gegen die anderen Tänzer gelehnt habe, so deutlich, dass ich es fast nicht mehr aushalten kann.*

Mein Blut ist kühl geblieben, wenn mir wer vom Tango, von anderen Tänzen mit engem Körperkontakt erzählt hat, Das ist nichts für mich, habe ich gesagt – – – und hier bin ich und kann gar nicht fassen, wie glücklich Blues mich macht.

Es ist auch genau dieser Kurs mit genau diesen Menschen und genau diesem Lehrer, der Blues so liebt, dass er sich weigert, ihn im grellen Deckenlicht zu unterrichten, also üben wir im Halbdunkel unter bunten Scheinwerfern, und ich fühl mich, als hätte ich das verrückte Glück gehabt zu finden, was einmal in der Woche der beste, magischste Ort der Stadt ist.

Ich will, dass das nie wieder aufhört, in meinem Leben zu sein.

 

 

*Entdeckung der letzten Woche: Frauen haben Brüste. Sehr.
Man kann sich auch gegen Brüste lehnen, sie sind nur unleugbar da. Und weich!