Überwindung

Ich möchte mit allen Leuten über Sex reden und ganz viel darüber hören, wie andere dabei fühlen, erleben und funktionieren, denn ich kenne und verstehe mich selbst so wenig darin. Aber mit fast niemandem rede ich überhaupt jemals über Sex, und wenn, dann nur ganz allgemein. Ich habe Scheu davor, diesen Sicherheitsabstand zu unterschreiten, weil ich nicht weiß, wie das wird, und ob ich damit Leuten zu nahe trete – oder mir. Ich bin so ungeübt darin, über Sex zu sprechen, dass ich nicht einmal ein Wort für meine eigene Vagina habe.

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Ich schau jetzt lange aus dem Fenster

Böse Menschen stehen knurrend am Bahngleis und schnappen nach dem jungen Bahnmitarbeiter, der nichts dafür kann, dass die Züge ausfallen. Aber sie führen sich auf, als hätte er das mit Absicht gemacht. Ich gehe weg von der Meute, in die U-Bahn, die viel länger braucht, aber hier schimpft keiner. Ein paar Leute kommen mit; als drüben plötzlich doch die Bahn einfährt, springen sie wieder auf und rennen, um statt fünfzig Minuten nur fünf in die Stadtmitte zu brauchen. Das ist sinnvoll. Ich weiß nicht, warum ich trotzdem sitzen bleibe. Müde bin ich und mein Morgen ist träge.

Gegenmaßnahmen, 3

Ich klebe Menschen auf meine Wunden und so heilen sie wirklich schneller: die innere Abgezehrtheit, die fehlenden Reserven, die dünne Haut, die mich für alles durchlässig macht, statt mich zu schützen.

Ich klebe: Freunde auf einer Wiese bei Kerzenschein, die über Klimawandel diskutieren, die Umarmung meiner längsten Freundin, und dich, wie du beim Tagebuch schreiben aussiehst, und beim Denken.

19.07.

Ich habe sonnige Laune und häng bei dir rum, bis du gehst; dann gucke ich die Internetseite vom örtlichen Lindy Exchange an, auf das sich alle schon total freuen und es geht eh einfach jeder hin, und kurz halte ich es für möglich, auch mitzumachen (die Fotos vom letzten Jahr! so was Schönes!), aber dann passiert was in mir, was mit Lindy Hop und Gruppen und Zugehörigkeit und Einsamkeit und Angst und dem Gefühl zu tun hat, es mag und braucht mich eh keiner, und zack, liege ich wieder im Loch von vorgestern.

Bei diesem Exchange gibt’s eine Fahrt mit einer alten Dampflok(!!!!!!!!!!). Ich will unbedingt Dampflok fahren und einfach dabei sein und mich wie ein normaler Mensch fühlen, aber was ist, wenn ich gerade an den relevanten Tagen überhaupt kein Mensch bin? Man kann nie wissen, als was man aufwacht, Gregor oder Schabe, und Schaben sind in den meisten Zügen nicht gern gesehen.

It’s not the fall that kills you, it’s the sudden stop

Neben dem Bett steht ein neuer Wecker, queroval, orange, retro, und er wird mich für immer an jemand erinnern, mit dem ich auf dem Flohmarkt war (um diesen Wecker zu finden, den ich im Vorjahr auf demselben Markt nicht gekauft habe), mit dem ich ein Wochenende verbracht habe aus Schweiß und Küssen und Körpern und Sommerhitze, Schlaflosigkeit und Freude und Enge, mit dem ich den Übergang von Fremdheit zu Vertrautheit vollzogen habe; der kein Band aus Nüchternheit und Zynismus um sein Herz geschlagen hatte, der bereit war, mir wirklich zu begegnen; mit dem ich gelacht habe, dessen Anwesenheit mir erstaunlich und wundervoll vorkam, der auf dem Flohmarkt eine Lampe gekauft hat, ebenfalls orange, ebenfalls retro, und dem von unserem Wochenende nur diese Lampe bleiben wird, wie mir nur der Wecker bleibt; diese beiden, und ein plötzlicher, wütender Schmerz.

 

Dieses Lied hab ich bisher für Blödsinn gehalten, aber jetzt passt es, so.

 

10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.