Alle Tage wieder

Heute ist Uni. Grumpy sagt, es ist völlig ausgeschlossen, dass wir da hingehen. Nächste Woche vielleicht! Jetzt sind wir einfach noch nicht so weit.

Er liegt noch faul im Bett und stinkt vor sich hin. Ab unter die Dusche!, kommandiere ich, und er guckt mich misstrauisch an und überlegt, so gründlich, dass wir schon seit einer halben Stunde den Wecker auf snooze schalten, statt aufzustehen.

Uni ist gar nicht so schlimm, versuche ich ihn zu überzeugen. Außerdem geht es so nicht weiter, mit der ewigen Verpasserei. Aus dem Bett mit dir!

Er guckt bitterböse, aber er schlurft wirklich ins Bad, um sein Gestinke wegzuduschen.

Mal sehen, ob es klappt mit der Uni.

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For I need to care for no one

Ich sitze in der Bibliothek und mache Notizen zu Lady Anne Blunts Reisebericht.

Das stimmt nicht. Ich sitze in der Bibliothek und Lady Anne Blunts Reisebericht liegt neben mir und ich schreibe dir einen flammenden Liebesbrief.

Schräge Vögel, wir

Ich bin Uni. Die Vorlesungen der Kunstgeschichte erkennt man an den ausgesucht schicken Seniorenstudent*innen (die übrigens immer am pünktlichsten sind), denn wer was mit Kunst zu tun hat, ist schließlich auch ein bisschen künstlerisch, also exzentrisch, nicht wahr. Die Studierenden sind auch exzentrisch und sie alle nerven mich damit, dabei laufe ich heute selber in Klamotten rum, die brüllen: Persönlichkeit! Viel davon! Am meisten!! Ich sehe nämlich aus wie ein Cowboy, oder wie eine horse woman, und die Leute gucken mich auch so an. Ich hätte gerne ein Pony dabei, die Flinte am Sattel und den Hund bei Fuß, und eine entlaufene Kuh im Lasso, dann wäre das gerechtfertigt mit meinen Klamotten, aber so komme ich mir ein bisschen verkleidet vor. Blöde exzentrische Kunsthistorikerinnen! (Und Kunsthistoriker. Die sind nicht besser, die sind nur weniger.)

Fülle

Ich fahr an die Uni zum Kolloquium in meinem großen grünen Männerarmeewollpullover, der mich warm hält und vor Kunsthistorikerinnen und sonstigen Unbilden beschützt. Die Tür zum Seminarraum ist noch offen, was bedeutet, dass ich erstaunlicherweise nicht zu spät bin, und das beflügelt mich so, dass ich laut „Hallo!“ in den Raum rufe. Dafür ernte ich Seitenblicke, aber keine Antwort, weil Kunsthistorikerinnen noch nie die nettesten Menschen an der Uni gewesen sind.
Ihr könnt mich doch, denke ich und setze mich und es wird gar nicht mal so furchtbar, wir reden über eine Künstlerin aus der Sammlung Prinzhorn (da sind Bilder von Psychiatriepatienten drin) und ich mache einen Wortbeitrag wie eine brave Studentin und danach geh ich spontan in die Sprechstunde meiner Betreuerin und erzähle ihr, worüber ich schreiben möchte, und sie findet es toll, und dann will ich eigentlich noch in die Bibliothek und ein bisschen arbeiten, aber das Kolloquium strengt mich immer wahnsinnig an und ich lass es gut sein und fahre nach Hause.

Zwischendurch hol ich noch zwei entwickelte Filme ab. Ich bin zufrieden mit den Bildern und mit meinem Tagwerk.

Und schreiben möchte ich über Anne Blunt, die mit ihrem Mann durch den Nahen Osten gereist ist und darüber geschrieben und gezeichnet hat. Auf dem Frontispiz ihres einen Reiseberichts ist sie in arabischer Tracht neben einem Pferd zu sehen, allein in der Wüste. Sie schaut in die Ferne und sieht zart und stark zugleich aus.

24.10.

Ich hab die Wäsche gewaschen, den Blumen zu trinken gegeben, ein paar Bücher ins offene Bücherregal gestellt, was für die Uni gemacht, mich für die Jobbörse freischalten lassen UND den Abwasch gemacht. Brav! Ich darf mich entspannen.

Morgen fahr ich endlich doch zu meinen Eltern, weil mein Vater nach einem leichten Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Ich will vor allem mit ihm schimpfen, weil er damit noch Auto gefahren ist.

Mir geht’s erstaunlich gut.

12.10.

Gestern: kaputter Tag, Un-Tag, bis ich es doch noch in die Bibliothek schaffe, und dort: kommt das Glück per Fernleihe. Western Women Travelling East, ein massiver Bildband über die Reiseberichte von Frauen, die in den Orient (ja ja, es gibt keinen Orient, wir wissen das, wir machen es uns trotzdem einfach) gereist sind.
Plötzlich liegt alles in mir wieder an seinem Platz. Hier ist mein Thema für die Masterarbeit. Ich will.

Ich will sogar am nächsten Morgen noch, wache auf, bin fröhlich und heil. Von einem Schiff habe ich geträumt, das gleich hinter der Bibliothek ablegt, der Tag ist blau und hoch und sonnig; ich stehe in der Schlange, um mein Ticket für die Rundfahrt zu bezahlen. Ich hab das Geld genau abgezählt und lege es der Verkäuferin hin, die mich erstaunt anguckt: „Kein Dessert?“
Rundfahrt mit Dessert kostet nämlich ein bisschen mehr, aber nicht viel, deshalb kauft niemand nur das Ticket, so wie ich. Ich hab nicht genug Geld.
„Kein Problem“, sagt die Verkäuferin und lächelt.  Es gebe nämlich etwas auf dem Schiff, das genau so toll ist wie das Dessert, und zwar: eine Schiffschaukel.
Und die kostet nichts.

Mission

Es ist aber unumgänglich, dass ich mich heute aus dem Haus bewege, obwohl ich einen Fahrradunfall hatte und mein Knie wehtut, denn erstens habe ich jetzt lange genug auf dem Balkon gesessen und das Bein geschont, und zweitens habe ich ja mir selbst und der Klinik und meiner Therapeutin erklärt, dass ich eben doch meinen Masterabschluss haben will. Und den kriege ich nicht auf dem Balkon. Da studiere ich Blumen und Käfer, aber keine Kunstgeschichte.

In die Bibliothek gehen fühlt sich immer so groß an. Nicht wie etwas Alltägliches, sondern wie eine Aufgabe, die außergewöhnlichen Mut erfordert, also schön: ich werde mein Siebensachen packen und auf alles vorbereitet sein, ich werde mich bewaffnen und rüsten und wappnen und auf meinem Streitross aufbrechen wie gegen einen bösen Drachen, ich werde furchtlos blicken und innerlich zittern und streiten und siegen und einen Sessel im Lesesaal erobern und besetzen.

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