Der Ernst des Lebens

Wie soll ich leben?

Was bedeutet es, dass ich am letzten Vollzeitjob gescheitert bin?
Ich habe eine 50-Prozent-Stelle angenommen, von der ich weiß, dass sie nicht ausreicht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Schulden abzubezahlen und auch noch was zur Seite zu legen.
Ich weiß nicht, wie ich für mich selbst sorgen soll. Kann ich das? Krieg ich Wohngeld? Bin ich arm, wenn ich alt bin?

Ist das der Punkt, an dem meine Mutter – nach ihrem ebenfalls abgebrochenen Studium ungeplant schwanger – entschieden hat, mit meinem Vater zusammenzuziehen, zuhause zu bleiben und diese eine Sorge um ihre Zukunft los zu sein? Bin ich eine Wiederholung ihres Lebenslaufes, nur dass ich nicht schwanger bin und mir deshalb doch überlegen muss, wie ich selbst für meine Brötchen sorge?
Wo sollen die blöden Brötchen denn jetzt herkommen?

Ungefähr jeder findet die Idee gut, dass ich in eine psychosomatische Klinik gehe. Ich finde die Idee nicht gut, auch wenn ich keine Sachargumente dagegen habe außer dem Wunsch, ein Leben zu leben wie ein ganz normaler Mensch.
Mit einem Einkommen von 1250 Euro brutto wäre ich allerdings wohl kein normaler, sondern ein armer Mensch.

Ich weiß nicht, was richtig und sinnvoll ist. Ich bin kein ordentliches Zahnrad geworden und niemand sagt mir, wo ich sonst hinpasse, wenn ich immerzu aus der großen Maschine springe.

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Half the love

Dass ich mein Studium eines schönen Faches aufgeben und mir irgendeinen Job suchen will; dass ich mich in einem lockeren Verhältnis zu einem Mann schon halbwegs einrichte, obwohl das nicht ist, was ich gesucht habe: ist das, um zu beweisen, dass ich es sowieso nicht kann?
Es: der große Wurf, der ganze Traum, alles, was ich sein könnte.

Oder, und das wäre schlimmer, bin ich überzeugt davon, dass ich mehr gar nicht verdient habe? Vielleicht gerade, weil ich es nicht kann, weil ich das große Glück gar nicht halten könnte, schließlich halte ich mich für ganz und gar unzulänglich in so ziemlich jeder Hinsicht. (Und wo ich womöglich doch mehr bin als das, hab ich zu wenig daraus gemacht, das zählt also auch nicht.)
Das ist nicht unplausibel. Damit muss man erstmal klarkommen.

Und dann das

Die letzten Wochen waren überhaupt nicht gut, aber plötzlich fühle ich den Frühling hinter dem kalten Wind wie etwas, das nicht mehr aufzuhalten ist, und in mir ist auch etwas wach geworden: die Leute auf der Straße gucken mich an und ich denke, was die haben, bis ich merke, dass ich lächle – über ein singendes Kind und die immer neuen Blumen, über das frische Grün auf meinem Balkon und das Glück, diesen Balkon und ein Händchen für Pflanzen zu haben, über Nächte mit Berührungen lächle ich und über eine junge Katze, über Freundschaft, die ich spüre, und Vögel, die jetzt wieder singen, über das Licht und die Sonne und ein Bewerbungsgespräch und das Tanzen und sich vertiefende Bekanntschaften und darüber, dass es wirklich nicht weh tut, als jemand zu meinem Tanzpartner und mir sagt: Ihr seid ein Paar, oder?, und wir lachend verneinen.
Vielleicht lächle ich auch darüber, dass ich Lady Anne Blunt jetzt doch nicht in die Wüste begleiten werde und ich darüber ziemlich erleichtert bin. (Mach das nicht, studier fertig, sagt meine Kollegin. – Deine Argumente sind vernünftig, nickt mein Kopf, aber mein Bauch zerrt an meiner Hand und brüllt: Neeeeee!)

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14.03./Wie es weiter geht

Irgendwie ist das ein schönes Datum: 14 klingt frisch und März auch, ein frischer Tag in einem noch jungen Jahr, Frühling, Aufbruch, Möglichkeiten, ein verheißungsvolles Datum, zartgrün und hellrot.

Ich sitze in der UB und hege Zweifel. Neben mir sitzen zwei zweifellose Mädchen, die mindestens fünf Jahre jünger sind als ich und ihren shit so sehr together haben (in zwei Sprachen), dass ich mich daneben ganz klein fühle. Wenn die so alt sind wie ich, haben sie schon drei Jahre Berufserfahrung in irgendeinem lukrativen Bereich, nachdem sie ihr Studium mit Auslandserfahrung als Jahrgangsbeste abgeschlossen haben, denn schließlich haben sie immer schon gewusst, was sie vom Leben wollen. Und wie man da hinkommt, und zwar schnell, bittesehr, keine Zeit verschwendet, mit 30 muss das zweite Kind in trockenen Tüchern sein.

Ich will kein zweites und auch kein erstes Kind, ich will eher, dass all diese Fragen und Zweifel und Unsicherheiten endlich verschwinden, ich will mir von meinem eigenen Geld was Schönes kaufen können und vor allem will ich mich nicht mehr erklären, weil nach fünf Minuten vernünftiger Einwände meine Erklärungen eigentlich nur auf „ich will nicht, weil es sich grässlich anfühlt“ herauslaufen, und dass man sich grässlich fühlt, ist in dieser Welt kein gültiger Grund für Entscheidungen.

Eigentlich möchte ich nur in den Arm genommen werden von irgendwem, mit dem ich nicht über all das reden muss. Drüber reden macht mich müde und traurig. Ich bin müde und traurig, seit ich gestern bei der Arbeit mit zwei Kolleginnen drüber geredet hab.

 

So sieht’s aus

Mein WLAN ist mit meinen Nachbarn ausgezogen, deshalb kann ich nur noch bloggen, wenn ich es gerade mal in die UB schaffe. Da schaffe ich es nicht so oft hin, deshalb muss ich dann alle vorher geschriebenen Beiträge auf einmal veröffentlichen. So wie jetzt eben.

Ich hab meinen Arbeitsplatz in der Institutsbibliothek abgeräumt. Meiner Dozentin und auch meiner Therapeutin hab ich es noch nicht gesagt, aber ich glaube, ich werd es gut sein lassen mit der Masterarbeit. Und dann arbeite ich irgendwas, was mir Spaß macht. Nichts am Computer. – Sobald ich es schaffe, natürlich, mich irgendwo zu bewerben, und dann werde ich vielleicht endlich mal meine Geldsorgen los, wär das nicht schön?

Es stehen also jede Menge „Aber du bist doch fast fertig“-Gespräche an. Eigentlich ist das nicht so schwer zu verstehen, aber irgendwie doch. Ich hab auch noch Angst vor dieser Entscheidung und ihrer Endgültigkeit.

Und am Ende möchte ich euch allen vorschlagen, das Album Zanaka von Jain anzuhören, weil das irgendwie das Beste ist, was mir in letzter Zeit passiert ist, akustisch.

Ich geh jetzt Kino. Tschüs!

 

 

Blasen steigen lassen

Ich höre von Traumreisen und fantastischen Romanzen und kreativer Selbstverwirklichung und denke, ich mach gar nichts, ich bleib immer nur da und züchte kleine Blumen auf meinem kleinen Balkon und hab mich immer noch nicht entschieden, was ich mit meinem Leben machen will, ich lese halbherzig über Anne Blunt und denke halbherzig darüber nach, was ganz anderes zu machen, ich bin ein kleiner stummer Fisch und hab mir die einzige Stelle im Strom gesucht, an der das Wasser still steht. Kann mich nicht entscheiden!, sage ich zu den anderen Fischen, die auf den buntesten Wellen an mir vorbeischwimmen und mich fragend angucken.

Auftauchen

Die letzten zwei Wochen waren eine blind durchwanderte Talsohle. Durchwandert? Durchkrochen, auf den Knien, tastend, Nase und Knie hab ich mir an Fels gestoßen, bis ich nicht mehr weiter konnte, und so saß ich zwei Tage lang: ohne Bewegung, ohne Sprache, ohne Licht, und am dritten Morgen war es vorbei.

Warum? – So fragen alle nach dem Absturz, der sich seit Wochen angebahnt hat, wie soll ich wissen, wo das herkam, vielleicht ist es der Winter, vielleicht was Anderes, ich finde die Gründe nicht so wichtig wie die Schlüsse, die ich aus dieser Zeit ziehen sollte, aber die Therapeutin, meine Eltern, Freunde, sie fragen nach den Gründen. Scheiß auf Gründe.

Jetzt bleibt: Versäumtes aufholen, Mahngebühren bezahlen, Schreiben beantworten, dem Leben nachgehen, das um mich herum weitergetobt hat, es dröhnt und stampft und ich folge ihm vorsichtig, damit es mich nicht wieder niedertrampelt, im eigenen Tempo, ich verordne mir Sonnenbäder und Lesekuren und Schokoladendiäten, bis ich wieder als Mensch durchgehe, und am Samstag hatte ich sogar zwischendurch Spaß am Tanzen.

Jetzt muss ich sehen, ob die Bibliothek meinen Arbeitsplatz schon abgeräumt hat. Einmal pro Woche muss ich da eintragen, dass ich ihn benutze. Ha! Hab ich nicht.