Vater Mutter Kind

Red mit mir.

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20.12.

Ich sitze bei meiner Therapeutin und spreche von mir wie von einem Uhrwerk, das nicht richtig läuft. Ja, aber wie geht’s Ihnen denn?, fragt sie, und ich fange an zu weinen.
Dass es mir so geht, hab ich selber nicht gewusst.

 

 

 

Weil ich nicht wollte, dass es mir so geht. Das ist jetzt vorbei, hab ich gedacht und nicht mehr richtig hingeschaut.

Hinaus, hinein (aus mir, ins Leben)

Grumpy und ich waren in der Therapie. Ich habe der Therapeutin erzählt, was alles in letzter Minute doch nicht klappt, oder eben gerade nur so, und sie guckt Grumpy an und wir reden über Selbstsabotage und die Frage, wozu die gut ist.
Danach kommen wir heraus und gucken uns verlegen von der Seite an und wissen nicht, was wir sagen sollen.
Wovor hast du solche Angst?, frage ich ihn, während ich mein Fahrrad aufschließe. Er steht daneben und weiß nicht, wohin mit sich und sagt, keine Ahnung, das ist eben so, denn wenn man erstmal zuverlässig ist, dann trauen Leute einem immer mehr zu, und noch mehr, wenn man das auch noch hinkriegt, und dann hören sie gar nicht mehr auf mit dem Zutrauen und plötzlich rast man ohne Stützräder mitten durchs Leben und weiß nichtmal, wie man überhaupt ein Fahrrad anhält.
Ja stimmt, sage ich. Ich stelle meine Tasche in den Fahrradkorb und kann mich nicht entschließen, loszufahren, weil ich genau weiß, was er meint. Da müssen wir aber durch, wende ich schließlich ein. Sonst bleiben wir immer so wie jetzt.
Ich hab aber Angst, sagt er.
Ich auch, sage ich.

21.11.

Meine Therapeutin hat mir geholfen, meinen Kopf aufzuräumen. Alle wilden Träume sind entwirrt und heute Nacht nicht zurückgekommen. Ich fühle mich trotzdem müde und irgendwie aufgebraucht, als müsste ich mich erstmal wieder auffüllen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht und in der Wohnung nebenan hat eine Frau telefoniert. Ich weiß nicht, warum eine Frau in dieser Wohnung sein soll, die ein Mann gemietet hat und in der ich seit Februar immer nur Männer gesehen oder gehört habe, aber da ist sie und redet laut mit irgendwem am Telefon, und ich freu mich, dass sie da ist, aber später bin ich nicht sicher, ob ich sie nur geträumt habe.

18.11./Nicht perfekt ist nicht okay

Mit dem neuen Job im Kino ist mein Leben jetzt voll bis zum Rand. Ich tanze und arbeite und lese in der Bibliothek für die Masterarbeit und daneben versuche ich, meine Freunde nicht zu vernachlässigen und plötzlich findet so viel statt und ich bin an so vielen Orten und begegne so vielen Menschen und merke, diese Person, die ich bin, auf die kann ich mich verlassen, die kriegt das schon hin.

Aber, wie soll sie es hinkriegen? Gut soll sie es machen, und am besten nicht nur gut, sondern mindestens besser als alle anderen. Am charmantesten soll sie sein und am lustigsten, am klügsten und geschicktesten Aufgaben anpacken, am coolsten soll sie aussehen beim Tanzen und die wenigsten Fehler dabei machen und bei alledem auch noch die lässigsten Klamotten tragen.
„Kein Wunder, dass sich alles so viel anfühlt, wenn Sie auch noch immer alles perfekt machen müssen“, bemerkt meine Therapeutin. Das ist naheliegend, aber im Leben wär ich da nicht draufgekommen, und plötzlich seh ich alles viel entspannter: es ist nicht so groß und viel wie das, was ich daraus mache.

Die Welt geht trotzdem oft genug unter, sobald ich denke, ich sei nicht gut genug, und Anlass dafür finde ich eigentlich überall, da muss ich nichtmal besonders lange suchen, Abende ruinieren kann ich mir selbst ganz ausgezeichnet. Warum ist es so irre unerträglich, etwas nur so gut zu machen wie alle andern auch?
Sogar in der Therapie: ich möchte immer mit einer möglichst komplizierten Sache da auftauchen. Ein besonders gutes Problem?!, fragt meine Therapeutin und schmeißt sich weg vor Lachen.


11.11./JETZT

„Haben Sie das Gefühl, Sie kommen mit dem Medikament wieder auf ein Level, auf dem Sie sich so gut fühlen wie früher?“, fragt meine Psychiaterin.

Die Frage ist falsch gestellt. Ich antworte, dass ich mich eigentlich nie einfach gut gefühlt habe, aber was ich wirklich denke, was in prallen bunten Lettern in meiner Brust aufsteigt wie Luftballons, was ich mich auszusprechen nicht getraue, ist: Es ist sehr möglich, dass das bis jetzt die beste Zeit in meinem ganzen Leben ist.
Und es ist so voll, dieses Leben: voller, als es je gewesen ist, voller, als ich überhaupt für möglich gehalten habe. Ich fahre auf dem Fahrrad nach Hause und freue mich über dies funktionierende Stück Mechanik, die mich freier und froher macht, und der Abend mit Freunden fährt mit, und die neue Arbeit mit den neuen Leuten fährt mit, und das Tanzen fährt mit, und dass ich meine Familie habe, fährt mit, und ein gutes letztes Jahr fährt mit, ganze Welten fahren mit und über mir fahren die Sterne, sie fahren freihändig und plötzlich muss ich weinen, weil mir die schiere Fülle einen solchen Schrecken einjagt.

Grumpy

Eigentlich fühlt sich dieses Ding – diese leichte Depression oder wie immer man es nennen will, das, was mir immer wieder auf die Füße fällt – an wie ein sehr schlechter, immerzu verstimmter Mitbewohner. Er lässt alles liegen, er macht nichts im Haushalt, er hat immer schlechte Laune und wenn ich auf etwas Lust habe, redet er dazwischen und macht es kaputt, damit ich mit ihm zuhausebleibe und Netflix gucke. Das ist das Einzige, was er gut findet, sonst interessiert er sich für nichts. Wenn er sich doch zu etwas überreden lässt, bockt er dabei die ganze Zeit und beschwert sich über alles, dabei seh ich genau, dass er Lindy Hop in Wirklichkeit mag, aber er tut so, als fände er es blöd. Manchmal versaut er mir damit den ganzen Abend, weil ich nur damit beschäftigt bin, ihn davon abzuhalten, aus Trotz irgendeinen Unsinn zu machen. Er ist sehr anstrengend, Grumpy.

Heute wollte er gar nicht aufstehen und jetzt möchte er auch nichts weiter machen. Es hat Stunden gedauert, bis ich es trotz seiner Tiraden ins Bad geschafft habe, und jetzt macht er genau so weiter, weil er nicht zur Therapie gehen will. Die Therapeutin durchschaut ihn nämlich, das weiß er ganz genau, sie lässt ihn nie fertig meckern und am Ende fühlt er sich sogar manchmal irgendwie gut.