10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.

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Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.

03.07.

Morgen ist mein Geburtstag. Deshalb habe ich heute extra nicht mein Lieblingssommerkleid angezogen, damit ich es morgen tragen kann.

Vorgestern war ich bei meiner Therapeutin, die zweite Sitzung nach einer langen Pause, und nach einem emotionalen Gespräch über die Therapie selbst sage ich: Ich weiß nicht, was die Therapie mir hilft. Bis vor ein paar Wochen ging es mir richtig schlecht, und ich bin von selbst wieder da herausgekommen.

Das ist doch erfreulich, sagt meine Therapeutin, aber in der folgenden Stille zeichnet sich plötzlich das Ende unserer gemeinsamen Sitzungen deutlich ab. Wir vereinbaren einen neuen Termin, vielleicht den letzten.

Was ich von der Therapie hatte, weiß ich nicht ganz genau, aber ich schätze meine Therapeutin, diese kluge, sanfte Frau mit ihrem großartigen Sinn für Situationskomik.

Nein/Get out of my hair

Also wenn ihr alle so überzeugt davon seid, dass ein Klinikaufenthalt was ganz Tolles ist und ich auf keinen Fall meine Medikamente absetzen sollte, dann nehmt ihr doch mal Venlafaxin. Oder sperrt euch selber für sechs Wochen aus dem Leben, um vor und mit anderen die Hosen runterzulassen. Bock drauf?
Ihr sagt das doch nur aus Hilflosigkeit und weil ihr wollt, dass das Problem schnell weg geht, aber es geht halt nicht weg, das ist meine Psyche, die kann man nicht umtauschen, und man kann auch nicht schnell was draufkleben und dann ist für immer alles OK. Ich hab dieses Kackmedikament ausprobiert – ausprobiert!! – , weil ich nicht weiter wusste, und das Ergebnis ist, dass ich nicht weiß, ob es ein Ergebnis gibt. Geht’s mir besser? Keine Ahnung. Hat Grumpy sich verpisst? Natürlich nicht. Hab ich keine melancholischen Totalausfälle mehr? Doch! Also was, in Dreiteufelsnamen, spricht dafür, dass es ohne dieses Zeug schlimmer wäre? Dass ich nicht genauso gut ohne Antidepressivum an meinen Baustellen arbeiten könnte, weil sie mit und ohne ungefähr gleich groß sind? Und bitte, daran scheint sonst keiner zu denken, das Zeug ist halt einfach nicht gesund. Und ich hab keinen Bock auf die Nebenwirkungen und den Medikamentenwecker und das Gerenne zu irgendwelchen Ärzten für ein neues Rezept und den Stress, die Tabletten immer dabeizuhaben. Ich hab’s jetzt probiert und bin nicht überzeugt, Ende des Experiments.

Und die Klinik. Ist ja einfach, jemand da hinzuschicken, dann kommt sie zurück und alles ist besser, was für eine Erleichterung. Aber was soll’s denn helfen, wenn ich ein paar Wochen lang an einem realitätsfernen Ort Introspektive betreibe, um danach zurückzukommen und immer noch ich zu sein in einem Leben, das auch den Stärksten von uns bisweilen überfordert? Wieso soll das dann einfacher sein? Sind nicht die Fragen, vor denen ich gerade stehe, schlichtweg groß?

Ich will hier, vor Ort, in meinem Leben lernen, wie ich auf mich aufpassen kann, damit die Depression nicht mehr den Ton angibt. Ich will aufhören, über mich nachzudenken, als wär ich krank. Es gibt Sachen, die mir schwer fallen, und welche, die mir wirklich sehr schwer fallen, aber ich hab keinen zu behebenden Defekt, sondern eine Persönlichkeit und ich weigere mich von jetzt an, zu sagen, diese Persönlichkeit sei krank oder gestört oder beschädigt. Schwierig, meinetwegen. Aber ich werd mein Leben lang damit auskommen müssen, und ich werde nicht mein Leben in Krankheit verbringen.

 

Der Ernst des Lebens

Wie soll ich leben?

Was bedeutet es, dass ich am letzten Vollzeitjob gescheitert bin?
Ich habe eine 50-Prozent-Stelle angenommen, von der ich weiß, dass sie nicht ausreicht, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, Schulden abzubezahlen und auch noch was zur Seite zu legen.
Ich weiß nicht, wie ich für mich selbst sorgen soll. Kann ich das? Krieg ich Wohngeld? Bin ich arm, wenn ich alt bin?

Ist das der Punkt, an dem meine Mutter – nach ihrem ebenfalls abgebrochenen Studium ungeplant schwanger – entschieden hat, mit meinem Vater zusammenzuziehen, zuhause zu bleiben und diese eine Sorge um ihre Zukunft los zu sein? Bin ich eine Wiederholung ihres Lebenslaufes, nur dass ich nicht schwanger bin und mir deshalb doch überlegen muss, wie ich selbst für meine Brötchen sorge?
Wo sollen die blöden Brötchen denn jetzt herkommen?

Ungefähr jeder findet die Idee gut, dass ich in eine psychosomatische Klinik gehe. Ich finde die Idee nicht gut, auch wenn ich keine Sachargumente dagegen habe außer dem Wunsch, ein Leben zu leben wie ein ganz normaler Mensch.
Mit einem Einkommen von 1250 Euro brutto wäre ich allerdings wohl kein normaler, sondern ein armer Mensch.

Ich weiß nicht, was richtig und sinnvoll ist. Ich bin kein ordentliches Zahnrad geworden und niemand sagt mir, wo ich sonst hinpasse, wenn ich immerzu aus der großen Maschine springe.

09.05.

Meine Therapeutin und ich machen Realtalk über die Therapie. Das ist keine einfache Sitzung, aber sie tut gut, und am Ende gibt sie mir die Aufgabe mit, mir Gedanken darüber zu machen, was ich denn eigentlich will von dieser Therapie. Und vom Leben. Und wie ich da hinkommen könnte. Ich glaube, darüber habe ich vielleicht noch gar nie richtig nachgedacht.

Außerdem schreibe ich jetzt auf, welche Themen sie für wichtig hält, damit ich sie nicht vergesse, denn sie liegt nicht falsch: an allen Fragen, die mit meiner Zukunft und einer Arbeit zu tun haben; an meiner fast schon gewohnheitsmäßigen Selbstsabotage; an einer Scheu davor, mit mir allein zu sein, die ich mir nicht eingestehen will; an meiner Überzeugung, an mir sei nichts Liebenswertes, und der ständigen Enttäuschung von Erwartungen, die andere Menschen an mich haben.

Half the love

Dass ich mein Studium eines schönen Faches aufgeben und mir irgendeinen Job suchen will; dass ich mich in einem lockeren Verhältnis zu einem Mann schon halbwegs einrichte, obwohl das nicht ist, was ich gesucht habe: ist das, um zu beweisen, dass ich es sowieso nicht kann?
Es: der große Wurf, der ganze Traum, alles, was ich sein könnte.

Oder, und das wäre schlimmer, bin ich überzeugt davon, dass ich mehr gar nicht verdient habe? Vielleicht gerade, weil ich es nicht kann, weil ich das große Glück gar nicht halten könnte, schließlich halte ich mich für ganz und gar unzulänglich in so ziemlich jeder Hinsicht. (Und wo ich womöglich doch mehr bin als das, hab ich zu wenig daraus gemacht, das zählt also auch nicht.)
Das ist nicht unplausibel. Damit muss man erstmal klarkommen.