18.11./Nicht perfekt ist nicht okay

Mit dem neuen Job im Kino ist mein Leben jetzt voll bis zum Rand. Ich tanze und arbeite und lese in der Bibliothek für die Masterarbeit und daneben versuche ich, meine Freunde nicht zu vernachlässigen und plötzlich findet so viel statt und ich bin an so vielen Orten und begegne so vielen Menschen und merke, diese Person, die ich bin, auf die kann ich mich verlassen, die kriegt das schon hin.

Aber, wie soll sie es hinkriegen? Gut soll sie es machen, und am besten nicht nur gut, sondern mindestens besser als alle anderen. Am charmantesten soll sie sein und am lustigsten, am klügsten und geschicktesten Aufgaben anpacken, am coolsten soll sie aussehen beim Tanzen und die wenigsten Fehler dabei machen und bei alledem auch noch die lässigsten Klamotten tragen.
„Kein Wunder, dass sich alles so viel anfühlt, wenn Sie auch noch immer alles perfekt machen müssen“, bemerkt meine Therapeutin. Das ist naheliegend, aber im Leben wär ich da nicht draufgekommen, und plötzlich seh ich alles viel entspannter: es ist nicht so groß und viel wie das, was ich daraus mache.

Die Welt geht trotzdem oft genug unter, sobald ich denke, ich sei nicht gut genug, und Anlass dafür finde ich eigentlich überall, da muss ich nichtmal besonders lange suchen, Abende ruinieren kann ich mir selbst ganz ausgezeichnet. Warum ist es so irre unerträglich, etwas nur so gut zu machen wie alle andern auch?
Sogar in der Therapie: ich möchte immer mit einer möglichst komplizierten Sache da auftauchen. Ein besonders gutes Problem?!, fragt meine Therapeutin und schmeißt sich weg vor Lachen.


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11.11./JETZT

„Haben Sie das Gefühl, Sie kommen mit dem Medikament wieder auf ein Level, auf dem Sie sich so gut fühlen wie früher?“, fragt meine Psychiaterin.

Die Frage ist falsch gestellt. Ich antworte, dass ich mich eigentlich nie einfach gut gefühlt habe, aber was ich wirklich denke, was in prallen bunten Lettern in meiner Brust aufsteigt wie Luftballons, was ich mich auszusprechen nicht getraue, ist: Es ist sehr möglich, dass das bis jetzt die beste Zeit in meinem ganzen Leben ist.
Und es ist so voll, dieses Leben: voller, als es je gewesen ist, voller, als ich überhaupt für möglich gehalten habe. Ich fahre auf dem Fahrrad nach Hause und freue mich über dies funktionierende Stück Mechanik, die mich freier und froher macht, und der Abend mit Freunden fährt mit, und die neue Arbeit mit den neuen Leuten fährt mit, und das Tanzen fährt mit, und dass ich meine Familie habe, fährt mit, und ein gutes letztes Jahr fährt mit, ganze Welten fahren mit und über mir fahren die Sterne, sie fahren freihändig und plötzlich muss ich weinen, weil mir die schiere Fülle einen solchen Schrecken einjagt.

Grumpy

Eigentlich fühlt sich dieses Ding – diese leichte Depression oder wie immer man es nennen will, das, was mir immer wieder auf die Füße fällt – an wie ein sehr schlechter, immerzu verstimmter Mitbewohner. Er lässt alles liegen, er macht nichts im Haushalt, er hat immer schlechte Laune und wenn ich auf etwas Lust habe, redet er dazwischen und macht es kaputt, damit ich mit ihm zuhausebleibe und Netflix gucke. Das ist das Einzige, was er gut findet, sonst interessiert er sich für nichts. Wenn er sich doch zu etwas überreden lässt, bockt er dabei die ganze Zeit und beschwert sich über alles, dabei seh ich genau, dass er Lindy Hop in Wirklichkeit mag, aber er tut so, als fände er es blöd. Manchmal versaut er mir damit den ganzen Abend, weil ich nur damit beschäftigt bin, ihn davon abzuhalten, aus Trotz irgendeinen Unsinn zu machen. Er ist sehr anstrengend, Grumpy.

Heute wollte er gar nicht aufstehen und jetzt möchte er auch nichts weiter machen. Es hat Stunden gedauert, bis ich es trotz seiner Tiraden ins Bad geschafft habe, und jetzt macht er genau so weiter, weil er nicht zur Therapie gehen will. Die Therapeutin durchschaut ihn nämlich, das weiß er ganz genau, sie lässt ihn nie fertig meckern und am Ende fühlt er sich sogar manchmal irgendwie gut.

Kurs auf Eisberg

Was machst du für Sachen?

Das hier mache ich:
Heute Abend ist ein Wohnzimmerkonzert in einer befreundeten WG, das ich mitorganisiere. Und morgen, gleich nachdem wir den Musiker versorgt und zum Bahnhof gebracht haben, fahre ich zu meinen Eltern.
Knapp, aber machbar, vielleicht, nur: mein Körper ist müde und unerholt, am Mittwoch habe ich meine letzte Tablette genommen und es nicht geschafft, mir ein neues Rezept für die nächsten zu holen, die letzte Nacht war zu kurz, die nächste wird es auch, ich muss noch packen, ich soll Auto fahren, die WG dekorieren, und meine Wohnung sieht seit Wochen aus wie Scheiße.
Es ist alles zu viel, ich bin völlig fertig, ich weiß nicht, was der Mangel an Schlaf und Venlafaxin in meinem Organismus veranstalten, aber ich kann gerade so aufrecht sitzen, mein Kopf ist nicht klar und mein Körper ist es auch nicht.
Was gestern noch Vorfreude auf das Konzert und den Abend mit Freunden war, ist jetzt blanke Panik, ich hab gedacht, ich kann das, ich hab Angst gehabt, ich könne es doch nicht, ich merke, ich kann’s wirklich nicht.

Aber jetzt ist es da. Wie soll das gehen.

26.09./shutdown

Ich sitze verstört bei meiner Therapeutin und beschreibe, wie es mir geht (Mayday! Mayday!), und sie sagt: Das hört sich ja auch ganz schön schwierig an.
Auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen: dass vielleicht wirklich alles gerade gar nicht so einfach ist. Der versprochene Arbeitsvertrag hängt seit Wochen irgendwo in einer unübersichtlichen Bürokratie fest, und ich hab Angst, mir einen anderen Job zu suchen, den ich dann wieder nicht hinkriege; aber in der Zwischenzeit weiß ich nicht, wovon ich essen soll. Ich bin nicht gut mit Geld, sowie ich es habe, zerrinnt es mir unter den Fingern. Tha. Das ist ein beständiger Druck und ich möchte, dass er weggeht – was für eine Erleichterung das wäre, so viel hängt daran. Mein schlechtes Gewissen schlägt brüllend mein leichtes, sorgloses Ich zusammen, weil es impulsiv Kinotickets und eine Lederjacke und Kekse gekauft hat.

Und ich – bin das Fass, dem irgendwas den Boden ausgeschlagen hat, alles rinnt durch mich hindurch und ich bleib leer. Etwas war zu viel und ich hab’s nicht kommen sehen. Ich seh’s nie kommen. Erst als es schon so weit ist, zieh ich die Reißleine, verbringe zwei Tage am Stück im Bett, halte vier Verabredungen nicht ein, schaffe es nichtmal unter die Dusche und krieche am dritten Tag mühsam wieder nach draußen, zu meiner Therapeutin.
Das ist heute. Als ich danach durch die Stadt gehe, ist schon jeder Passant zu viel Aufruhr, kurz vorm Zerspringen krieche ich durch die Straßen, schleppe mich nach Hause und weiß: dieser Zustand muss ein Ende haben. So tief bin ich lang nicht mehr gefallen und ich kann’s mir auch nicht leisten.

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(Wie seltsam, das alles ins Internet zu schreiben, an niemanden gerichtet, für jeden sichtbar, gelesen von wer weiß, wem.)

Wirbel

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Bei alten Freundinnen, die mir auf der Hochzeit gestern und im Briefkasten plötzlich wieder über den Weg gelaufen sind, und der neuen Freude, sie wiederzusehen?
Bei dem Liebeskummer, den ich nicht umhin komme auszusprechen, anzusprechen, weil ich keine neuen Löcher und Leerstellen in mein Leben reißen will?
Bei den Begegnungen gestern und einem sommersprossigen kleinen Jungen und den wunderbaren Frauen, bei der Überraschung, dass eine Feier mit über hundert Leuten auch für mich ein schöner Abend sein kann?

So viel. Ich hab der Klinik abgesagt. Meine neuen Tabletten sehen komisch aus. Lustiger, aber auch weniger essbar. Ich bin müde.

Das ist doch Quatsch.

  1. In meinem Haaransatz finde ich Haare, die ganz viel heller sind als das Braun, das sie eigentlich sein sollten. Da gibt’s nichts zu rütteln. Interessant.
  2. Ich fülle den Fragebogen zur Behandlungsplanung für die Klinik aus, falls ich sie doch noch brauche. Die Fragen sind ermüdend technisch – erst nerven sie mich nur, weil ich dauernd irgendwelche Daten nachschlagen muss, aber dann bin ich plötzlich wütend über diesen Versuch, einen ganzen Menschen in so nüchternen Fakten zu fassen. „Wie war als Kind das Verhältnis zu Ihrer Mutter?“ Für die Antwort ist eine halbe Zeile Platz. Da könnte ich’s auch gleich lassen – und das mache ich dann auch. Das Gefühl, einer Maschinerie das Futter zu liefern, das sie braucht, um mich auf eine Problemdiagnose zu reduzieren, ist zu beklemmend.