Müder Hund mit klopfendem Herzen

Nicht nur, dass ich nachher ein Date habe und schon von einem Vorstellungsgespräch komme, es hat sich auch noch der Kerl zu einem Treffen bereit erklärt, vor dem ich mich in der Schule am meisten gefürchtet habe. Das war meine Idee, aber plötzlich bekomme ich Angst vor meinem eigenen Mut.

Gleich hab ich Therapie und weiß gar nicht, worüber ich am dringendsten reden will, es ist alles so aufregend, die Welt ist so weit geworden, verlockend und beängstigend zugleich.

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Auftauchen

Die letzten zwei Wochen waren eine blind durchwanderte Talsohle. Durchwandert? Durchkrochen, auf den Knien, tastend, Nase und Knie hab ich mir an Fels gestoßen, bis ich nicht mehr weiter konnte, und so saß ich zwei Tage lang: ohne Bewegung, ohne Sprache, ohne Licht, und am dritten Morgen war es vorbei.

Warum? – So fragen alle nach dem Absturz, der sich seit Wochen angebahnt hat, wie soll ich wissen, wo das herkam, vielleicht ist es der Winter, vielleicht was Anderes, ich finde die Gründe nicht so wichtig wie die Schlüsse, die ich aus dieser Zeit ziehen sollte, aber die Therapeutin, meine Eltern, Freunde, sie fragen nach den Gründen. Scheiß auf Gründe.

Jetzt bleibt: Versäumtes aufholen, Mahngebühren bezahlen, Schreiben beantworten, dem Leben nachgehen, das um mich herum weitergetobt hat, es dröhnt und stampft und ich folge ihm vorsichtig, damit es mich nicht wieder niedertrampelt, im eigenen Tempo, ich verordne mir Sonnenbäder und Lesekuren und Schokoladendiäten, bis ich wieder als Mensch durchgehe, und am Samstag hatte ich sogar zwischendurch Spaß am Tanzen.

Jetzt muss ich sehen, ob die Bibliothek meinen Arbeitsplatz schon abgeräumt hat. Einmal pro Woche muss ich da eintragen, dass ich ihn benutze. Ha! Hab ich nicht.

 

 

20.12.

Ich sitze bei meiner Therapeutin und spreche von mir wie von einem Uhrwerk, das nicht richtig läuft. Ja, aber wie geht’s Ihnen denn?, fragt sie, und ich fange an zu weinen.
Dass es mir so geht, hab ich selber nicht gewusst.

 

 

 

Weil ich nicht wollte, dass es mir so geht. Das ist jetzt vorbei, hab ich gedacht und nicht mehr richtig hingeschaut.

Hinaus, hinein (aus mir, ins Leben)

Grumpy und ich waren in der Therapie. Ich habe der Therapeutin erzählt, was alles in letzter Minute doch nicht klappt, oder eben gerade nur so, und sie guckt Grumpy an und wir reden über Selbstsabotage und die Frage, wozu die gut ist.
Danach kommen wir heraus und gucken uns verlegen von der Seite an und wissen nicht, was wir sagen sollen.
Wovor hast du solche Angst?, frage ich ihn, während ich mein Fahrrad aufschließe. Er steht daneben und weiß nicht, wohin mit sich und sagt, keine Ahnung, das ist eben so, denn wenn man erstmal zuverlässig ist, dann trauen Leute einem immer mehr zu, und noch mehr, wenn man das auch noch hinkriegt, und dann hören sie gar nicht mehr auf mit dem Zutrauen und plötzlich rast man ohne Stützräder mitten durchs Leben und weiß nichtmal, wie man überhaupt ein Fahrrad anhält.
Ja stimmt, sage ich. Ich stelle meine Tasche in den Fahrradkorb und kann mich nicht entschließen, loszufahren, weil ich genau weiß, was er meint. Da müssen wir aber durch, wende ich schließlich ein. Sonst bleiben wir immer so wie jetzt.
Ich hab aber Angst, sagt er.
Ich auch, sage ich.

21.11.

Meine Therapeutin hat mir geholfen, meinen Kopf aufzuräumen. Alle wilden Träume sind entwirrt und heute Nacht nicht zurückgekommen. Ich fühle mich trotzdem müde und irgendwie aufgebraucht, als müsste ich mich erstmal wieder auffüllen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht und in der Wohnung nebenan hat eine Frau telefoniert. Ich weiß nicht, warum eine Frau in dieser Wohnung sein soll, die ein Mann gemietet hat und in der ich seit Februar immer nur Männer gesehen oder gehört habe, aber da ist sie und redet laut mit irgendwem am Telefon, und ich freu mich, dass sie da ist, aber später bin ich nicht sicher, ob ich sie nur geträumt habe.