05.06.

Mein Brieffreund rät zu Gleichmut. Pah! Ich bin aber nicht gleichmütig. In mir ist so viel Spannung, dass ich dauernd berste: meine Haut ist durch das innere Glühen hart und spröde wie Ton, ich bekomme Sprünge, die zu Rissen werden, und daraus quillt etwas wie gleißend gelbe Lava, erstarrt an den Rändern, fällt staubig ab, fließt nach, bildet groteske Verkrustungen, lagert bizarre Wucherungen ab, mein Gesicht ist entstellt und verzieht sich in wahnsinnige Grimassen, ich muss mich sehr bemühen, noch aufrecht zu gehen und zu lächeln, mit meinen verklebten Fingern nötige Handgriffe zu verrichten, ich reiße mich zusammen, um noch durch die Straßen gehen zu können, aber sowie mich einer anrührt, zerspringt die dünne Hülle und es quillt und reißt und verkrustet, dass die Menschen erschrocken die Augen niederschlagen, rasch vorbeigehen, nicht wagen, das brodelnde Ding anzusehen, wer weiß, wozu es fähig ist.

In Wahrheit verhalte ich mich ganz sinnvoll, nach außen; in mir rast alles weiter durch die gewohnten Verknotungen. Wollte ich heute Abend tanzen gehen? Wollte ich lieber ins Kino? Wollte ich keines von beidem, da ich ja nicht hingegangen bin? War ich zu müde oder hatte ich zu viel Angst? Macht es mir denn überhaupt Spaß, Dinge allein zu tun? Ich hab keine Antwort. Dafür ist morgen endlich meine Therapeutin wieder da. Ich will ihr alles vor die Füße schleudern, damit es wer sortiert. Ich kann’s nicht.

 

29.05.

Was macht es mit mir, wenn der Mensch, in dessen Hände ich mich begeben habe, mir sagt, dass ich krank bin? Vielleicht ist geschehen, was ich befürchtet habe: sobald die Diagnose im Raum steht, wache ich jeden Tag auf und denke, dass es mir heute aber wieder echt nicht so gut geht, dass es eh nicht klappen wird, weil ich ja noch nicht gesund bin, dass ich es überhaupt nicht mehr probieren muss. Nicht probieren kann.
Vielleicht wäre das sowieso passiert. Ich kann’s nicht sagen, wie ich überhaupt nicht mehr viel darüber sagen kann, was in mir und mit mir passiert.

Ich kann das nicht allein, denke ich, fühle ich, ich brauche wirklich jemanden, der mir hilft, diese Selbstsabotage in ihrer endlosen Wiederholung ist das wütende Bestehen darauf, dass jemand kommen soll, um mir zu helfen. Und dieses Gefühl ist weit größer, als dass man es in einer einstündigen Sitzung alle sieben Tage bändigen könnte.
Danach und dazwischen bin ich immer wieder auf mich allein zurückgeworfen. Es gibt niemanden, der einfach selbstverständlich immer da ist. Ich sehe den Halt, den Freunde aus ihren Partnerschaften ziehen, und denke, anscheinend muss irgendetwas daran wirklich helfen. Es muss wirklich helfen, nicht allein zu sein.

(In der ersten oder zweiten Sitzung hat die Therapeutin gefragt, ob ich einsam sei. Nein, hab ich geantwortet. Warum eigentlich?)

 

23.05.

Ich sitze auf dem Fahrrad und fahre, so vorsichtig ich kann, weil ich zerbrechlich bin – aber nicht wie Glas, ich würde nicht splittern, sondern einfach zu weichem Staub zerfallen.

Ich scheitere so vor mich hin, wie immer. Meine Therapeutin stellt Antidepressiva und einen Klinikaufenthalt in den Raum: sie wisse nicht, wie sie aktuell mit mir über meine Berufswahl sprechen solle. Ich weiß das auch nicht. Die Welt tobt an mir vorbei, ein ganzer Strom voll Leben, und ich stehe mittendrin, unbewegt. Um mich her gehen Leute neue Wege, ich hingegen stehe, wo ich schon immer stand, nichts passiert, ich passiere nicht.
Sie fährt für eine Woche im Urlaub und ist ein bisschen besorgt, was ich in der Zeit anstellen könnte. Das erstaunt mich; ich stelle doch nichts an. Im schlimmsten Fall bleibe ich zwei Wochen in der Wohnung und mache nichts, als Kekse zu essen. Das ist auf der Katastrophenskala immer noch ganz OK.

Vorher habe ich mein Rad in der Fahrradgarage abgeholt: ein großer Kellerraum mit niedriger Decke. Hier ist es sehr warm; ich hab mir gewünscht, einfach bleiben zu können, in der Wärme und dem Dröhnen, das von irgendwoher aus den Eingeweiden des Gebäudes kommt, allein mit den friedlich träumenden Fahrrädern.

Was soll ich jetzt mit mir machen.

 

Frau Doktor

Weil ich einen Konsiliarbericht für die Psychotherapie brauche, muss ich mir einen neuen Hausarzt suchen. Mein bisheriger war der Vogel, dessen Praxis halt drei Häuser weiter war. Ich zweifle trotz seiner lustigen bunten Hemden sehr an seiner Kompetenz und denke, das ist ein guter Anlass, den Arzt zu wechseln.

Deshalb sitze ich jetzt in einem esoterisch angehauchten Wartezimmer. Die Sprechstundenhilfe war lieb. Die sauteure Hängelampe ist der Hammer. Die Ärztin dann auch: ich erzähle ihr, wie es mir so geht, das ist furchtbar wie immer, und sie sagt: So krank sind Sie gar nicht. – Entschuldigung?!

Es stellt sich raus, damit wollte sie sowas sagen wie: ich bin mehr als meine Krankheit. Ja, schon klar, aber was glauben Sie denn, wer Sie sind, dass Sie mir nach fünf Minuten schon irgendwas über mich erzählen wollen? Und dann noch solche leeren Sprüche?

Wir in unserer Kultur, setzt sie an, und ich denke, JETZT kommt’s aber richtig, wir neigen ja auch dazu, sehr tief zu blicken. In uns und die Welt. Die junge Frau in Afrika macht sich ja auch keine Sorgen darüber, ob ihr Leben sinnlos ist. Die steht einfach auf und macht ihr Tagwerk.

Sind Sie blöd, denke ich. Die junge Frau in Afrika hat wahrscheinlich Aids und fragt sich, wie ihre vier Kinder ohne sie klarkommen werden. Und ihre Depression ist nur nicht diagnostiziert, weil der Arzt, der einmal die Woche im Dorf vorbeischaut, zu sowas gar nicht kommt.*

Leider hab ich nichts gesagt. Aber ob das nun eine Verbesserung zu dem Vogel mit den bunten Hemden ist, ist wirklich fraglich.

 

*Natürlich ist es Luxus, sich mit sich selbst so ausführlich beschäftigen zu dürfen wie wir hier. Natürlich steht außer Frage, dass es mir viel, viel besser geht als der jungen Frau in Afrika (wo in Afrika, übrigens? was für eine junge Frau?). Aber was ich aus dieser Aussage höre, ist eine Romantisierung eines „einfachen“, „ursprünglichen“ Lebens, das in Wahrheit knallhart ist. Und sich vermutlich in Strukturen abspielt, die ein Abweichen des Einzelnen vom Erwarteten gar nicht zulassen.

09.05.

Wir müssen noch über Ihre Symptome reden, findet meine Therapeutin.

Symptome, denke ich, ich hab doch gar keine. Ich hänge ja nur zu viel rum. Aber dann erzähle ich ihr, wie ich lebe, und das ist überraschend traurig.

Ich glaube, aber wer weiß, ob das die Wahrheit ist, dass diese depressiven Phasen nicht das Grundproblem sind; dass sie einen konkreten Auslöser haben, der so tief in mir wurzelt, dass ich keine Wahl haben werde, als damit zu leben. Aber leben würde ich eben gerne mehr – ich habe so viel verloren, das Tanzen, den Filmclub, das Ausgehen, die Schreibwerkstatt, den Sport, den Chor, diverse Nebenjobs, und jetzt bin ich dabei, noch die Uni zu schmeißen – was soll das denn sein, das ist ein verneintes Leben, eine Aneinanderreihung von Leerstellen und Rückziehern, ich bin eine vertrocknende Pflanze.
Aber Sie leben doch jetzt auch, sagt die Therapeutin. Ich weiß nicht, ob ich das auch so sehe. Wohin jetzt? Wohin, wohin?

Rauschen

„Wie lange hält denn dieser Zustand normalerweise an?“, fragt die neue Therapeutin. Sie meint: dieses Nicht-Leben, dieser Stillstand, dieses reine Vegetieren: niemanden gesprochen, niemanden gesehen, zuhause geblieben, bis der Kühlschrank leer war. So geht das nicht weiter, das liegt auf der Hand, aber wo es sonst hin gehen soll – – ?

Dieser Zustand, antworte ich, hält meistens bis zu einer Woche an. Dann geht’s wieder, aber so aufmunternd ist das nicht, schließlich reihen sich solche Zustandswochen in beliebiger Wiederholung aneinander. Und ich muss unbedingt aufhören, dauernd irgendwo Wochen zu verlieren, immerhin hat ein Jahr nur 52 davon.
Wie viele Wochen habe ich schon verloren, wie viele Wochen im Vergleich dazu wirklich gelebt, was macht das mit mir, wie viel mehr habe ich meine Wirbelsäule gekrümmt in den bewegungslosen Tagen vor dem Laptop, was habe ich verpasst? Und wo?

Wie viele Freundschaften habe ich daran verschlissen.

Ich gebe diesem Studium noch zwei Monate.

11.04.

Nichts, was ich tue, ergibt einen Sinn. Nichts, was ich denke, ergibt Sinn – ich bin eine Billardkugel und spiele mich selbst über die Bande, jeder Knall gegen das Holz schickt mich mit größerer Wucht übers Grün, ich springe von Wand zu Wand zu Wand zu Wand, alles widerspricht sich, jeder Gedanke gebiert sofort ein ABER, das ihn aushebelt, ich bringe nichts zu Ende, ich fange nichts Neues an, nichts ist richtig, nichts ist logisch, nichts hat mehr Gültigkeit, ich stürze haltlos durchs Unterholz und erkenne keinen Strauch mehr wieder, wo ich schon tausendmal gegangen bin.

Hier käme die Therapeutin ins Spiel, die mir mit professioneller Distanz eine Machete anreichen soll. Leider muss man Therapeuten anrufen, wenn man mit ihnen sprechen möchte, und da Telefonieren eines der schlimmsten Dinge auf der Welt ist, prallt die Notwendigkeit jedes Mal von der Unmöglichkeit ab, mich selbst zu überwinden, und zack, vier Wochen sind vergangen und kein Therapieplatz in Sicht.
Doch, ein einziges Erstgespräch kam zustande: bei der einen Therapeutin, die mir per Mail einen Termin angeboten hat. Leider finde ich sie merkwürdig. Während ich distanziert auf meinem Platz fremdle, beugt sie sich in Momenten, die ihr wohl besonders intensiv vorkommen, dramatisch zu mir vor, was mich vollends irritiert.
Wieso bietet man höchstwahrscheinlich nicht besonders alltagstauglichen Menschen nur die Kontaktaufnahme per Telefon an? Ich weigere mich und verschicke einen Schwung E-Mails mit der Bitte um Verständnis und einen Termin ohne Telefonat.

Es müssen Dinge erledigt werden, aber in meinem Kopf entsteht für jedes davon eine Bedingung: jenes geht erst, wenn du dies getan hast, aber für dies erledige erst das, aber das wird nicht gehen, wenn jenes nicht getan ist, das geht seit Wochen so. Die neueste Lösung: ich spiele jeden Tag Wochenende. Am Wochenende macht man gar nichts und fühlt sich wohl dabei. Das wird nicht ewig gutgehen.