Traum

Ich träume, dass ich mit einer alten Bekannten ein Stück Seife in einem Laden klauen will. Seltsamerweise ist der Plan, dass sie die Seife nimmt und ich währenddessen weglaufe. Das machen wir und ich werde prompt verfolgt, verstecke mich, werde entdeckt, und der fiese Kerl, der mich erwischen will, grinst und ruft, dass er jetzt seine fünf asiatischen Schlägertypen auf mich loslässt. Ist das nicht Quatsch?, wende ich ein, aber da haben sie mich schon umringt, fünf kleine, sehnige Männer mit asiatischen Zügen. Sie kämpfen unfair und sowieso besser als ich, die ich mich wehre, wie ich eben kann, aber es sieht nicht gut aus, da kommt eine Frau vorbei und guckt sich die Lage an. Sie trägt ein sehr kleines Schwarzes und sagt: Du musst sie verführen, dann hast du gewonnen. – Ich weiß, sage ich genervt, aber ich bin hier ein bisschen überfordert, es sind immerhin fünf.
Gut, sagt sie, such dir einen aus, ich kümmer mich um den Rest. Wie wär’s mit dem hier? – Nein, sage ich, der hat mich beinah besiegt, den mag ich nicht. Und ich suche mir den aus, der am leichtesten abzuwehren war: dünn, hungrig, er ist Wachs und Honig in meinen Händen, ich halte seinen schmalen Rücken umschlungen, Narben sprenkeln seine Haut.

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Am Ende gibt es noch Popcorn

In meinem Traum bin ich auf einer großen Hochzeit. Unter den Gästen ist ein freundliches Pferd. Wir gehen spazieren und unterhalten uns darüber, wie es so ist, das einzige Pferd auf der Hochzeit zu sein.

 

21.11.

Meine Therapeutin hat mir geholfen, meinen Kopf aufzuräumen. Alle wilden Träume sind entwirrt und heute Nacht nicht zurückgekommen. Ich fühle mich trotzdem müde und irgendwie aufgebraucht, als müsste ich mich erstmal wieder auffüllen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht und in der Wohnung nebenan hat eine Frau telefoniert. Ich weiß nicht, warum eine Frau in dieser Wohnung sein soll, die ein Mann gemietet hat und in der ich seit Februar immer nur Männer gesehen oder gehört habe, aber da ist sie und redet laut mit irgendwem am Telefon, und ich freu mich, dass sie da ist, aber später bin ich nicht sicher, ob ich sie nur geträumt habe.

Wach auf

Meine Nächte, meine Träume sind eine Zeitlang ruhiger geworden, jetzt begehren sie wieder auf: schon in der Nacht auf Montag ist unendlich viel passiert, Orte, Personen und Konflikte strömen durch mich hindurch, so absurd wie intensiv, und beim Aufwachen kann ich sie nicht abschütteln: 

Ich bin in der Mensa verabredet, mit dir, aber ich finde dich nicht und begegne stattdessen Freundinnen von früher. Eine von ihnen nimmt uns alle mit in ihre WG und wir unterhalten uns über Mitbewohner und ihren Zwischenmieter, bis ich immer deutlicher merke, dass irgendwas an all dem nicht stimmt, ihr Mitbewohner ist zu seltsam, das zu vermietende Zimmer passt nicht zum Gespräch, und als es sich nicht mehr verbergen lässt, sagen sie: Du hast Recht. Wir sind nicht, wer wir vorgeben, in Wahrheit haben wir alle eine weitere, böse Persönlichkeit, und erinnerst du dich nicht? Du warst eine von uns, in dir steckt Luzifer persönlich, und wir wollen, dass du ihn heraus lässt.
Ich will nicht. Ich will ich bleiben und nicht der Teufel sein, und ich laufe davon durch Gänge und Tunnel und knarrende Türen, die Architektur ist überplastisch: ich rieche, spüre, sehe Licht und Dunkel, Trockenheit und Feuchte, Sonne und Kühle, Staub und Moder und Pflanzentriebe auf Stein, Holz, Ziegel und Eisen, und am Ende ist kein Ausweg mehr und zwischen mir und ihnen steht nichts als mein Wille.

Und heute? Ich bin Jessica Jones und muss ein Haus verteidigen gegen einen finsteren Eindringling, er ist ein riesiger, grauer Mann und vollkommen unverwundbar, aber um Zeit für meine Freunde zu gewinnen, kämpfe ich trotzdem gegen ihn mit aller Kraft, die ich habe. Und dann, immer noch Jessica, bin ich auf der Beerdigung meiner besten Freundin. Ich rede mit trauernden Angehörigen, meine Mutter steht dabei, und plötzlich ist die Szene anders: Ich rufe seine Mutter an, sage ich zu meiner Mutter, und sie nickt nur und hält mir den Rücken frei von den anderen Leuten. Denn jetzt ist es mein Exfreund, der gestorben ist, in einem Krankenhaus, und seltsamerweise weiß ich es als Erste, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesprochen habe, und ich muss es seiner Mutter sagen und weiß nicht, wie, ich weiß einfach nicht, wie. 
Und dann, mit einem Mal, ist es meine eigene Mutter, die gestorben ist, und das ist das Schrecklichste von allem. Ich komme mit meinem Vater und meinen Brüdern von der Beerdigung nach Hause und in der Küche liegt noch ein Zettel, den sie uns geschrieben hat, und als ich ihre Schrift sehe, fühl ich mich, als könnte ich nie wieder froh werden.

Das waren nur Träume, aber ich frag mich, ob sie mir etwas sagen wollen, ob irgendwas in mir im Argen liegt und sich mir auf diese Weise mitteilt.

12.10.

Gestern: kaputter Tag, Un-Tag, bis ich es doch noch in die Bibliothek schaffe, und dort: kommt das Glück per Fernleihe. Western Women Travelling East, ein massiver Bildband über die Reiseberichte von Frauen, die in den Orient (ja ja, es gibt keinen Orient, wir wissen das, wir machen es uns trotzdem einfach) gereist sind.
Plötzlich liegt alles in mir wieder an seinem Platz. Hier ist mein Thema für die Masterarbeit. Ich will.

Ich will sogar am nächsten Morgen noch, wache auf, bin fröhlich und heil. Von einem Schiff habe ich geträumt, das gleich hinter der Bibliothek ablegt, der Tag ist blau und hoch und sonnig; ich stehe in der Schlange, um mein Ticket für die Rundfahrt zu bezahlen. Ich hab das Geld genau abgezählt und lege es der Verkäuferin hin, die mich erstaunt anguckt: „Kein Dessert?“
Rundfahrt mit Dessert kostet nämlich ein bisschen mehr, aber nicht viel, deshalb kauft niemand nur das Ticket, so wie ich. Ich hab nicht genug Geld.
„Kein Problem“, sagt die Verkäuferin und lächelt.  Es gebe nämlich etwas auf dem Schiff, das genau so toll ist wie das Dessert, und zwar: eine Schiffschaukel.
Und die kostet nichts.

Diesmal

… träume ich, neben anderen wirren Geschichten, in denen es um Leben, Tod und die Suche nach dem richtigen Weg geht, von einem Kind und einem bösen Geist. Der Geist will das Kind holen, aber seine Eltern können es beschützen, durch die einfache Tatsache, dass sie liebende, entschlossene Eltern sind. Dann aber kommt eine Nacht, in der sich nicht verhindern lässt, dass sie für ein paar Stunden fortgehen und das Kind zurücklassen müssen, und zum Aufpassen an ihrer Stelle schicken sie: mich.
Das Schlimme daran ist, dass ich weiß, ich bin dafür nicht stark genug und das Kind ist bei mir nicht sicher. Die Eltern wissen es ebenfalls, es geht nur nicht anders, es ist sonst wirklich, wirklich niemand da, aber am allerschlimmsten: das Kind weiß es auch.
Im Dunkeln halte ich es im Arm und tue so, als könne ihm dadurch nichts geschehen, und das Kind, stumm, tut so, als sei das wahr. Dabei wissen wir beide, dass ich gegen den Geist völlig nutzlos bin und wenn er auftaucht, ist es, in meinen Armen, ganz und gar verloren.

Schwere Kost, Nacht für Nacht.

Liebe/Krieg

Und das hab ich geträumt:

Vier kleine Jungs stehen an einer Bushaltestelle und streiten um einen MP3-Player, einer schubst einen anderen, der fällt – auf etwas Hartes, das aus dem Asphalt ragt. Eine Hand! Die eiserne Nachbildung einer Knochenhand. Das ist spannender als der MP3-Player, und sie ziehen an der Hand, worauf, Glied um zutage gefördertes Glied, der Asphalt aufbricht und ein menschliches Gerippe freigibt. Es hat riesige, scharfe Zähne aus Silber, und wie in einem Film ist klar, dass die Jungs das jetzt besser auf sich beruhen ließen, aber sie sind zu versessen aufs Abenteuer – denn jetzt wird ein unterirdisches Grab sichtbar, dessen Wächter das silberzähnige Gerippe ist. In ihrer Neugier brechen sie versehentlich den Bann, der auf dem Bestatteten liegt, denn natürlich ist er, ein Magier, ein Pharaoh, ein böser Geist, in seinem Grab mehr gefangen als zur Ruhe gebettet.
Er steht also auf – ein mumifizierter, triumphierender, höchst amüsierter Leichnam, nur um in seiner Grabkammer außerdem den Sarg seiner Geliebten zu finden – was ihn überrascht, denn sie ist schließlich mit schuld daran, dass er hier liegt. Leidenschaft! Intrigen! Mord!
Als er ihren Sarg öffnet, findet er sie darin nicht tot, sondern in ewigem Schlaf, den sie sich zur Strafe für ihren Verrat selbst auferlegt hat. Das nimmt die königliche Mumie als Zeichen der Treue, also weckt er sie auf, und sie beide finden ihre Liebe heiß und lebendig und unverändert vor. Im Triumphzug, auf geschmücktem Pferdewagen, fahren sie aus der Stadt, niemand wagt, sich gegen einen mächtigen Auferstandenen zu erheben, und das Herz seiner Geliebten klopft vor Freude und Furcht über seine Nähe, während sie an seiner Schulter lehnt. Sie trägt eine rote Maske, die seine ist schwarz.

In ein extravagantes Penthouse bringt er sie, die Einrichtung besteht aus Zauberei, an den Wänden schillern Ornamente in beständiger Veränderung. Ihr zuliebe zaubert er jugendliche Schönheit zurück um seinen mumifizierten Körper, lässt diese Hülle aber gerade oft genug fallen, um sie nicht vergessen zu lassen, was sie getan hat. Sie fürchtet und bereut gebührend, er stellt sie auf die Probe, sie besteht, sie gibt sich ganz in seine Hand, er vertraut langsam wieder, sie schicken sich an, die Welt zu erobern und gucken abends DVDs und haben anschließend phänomenale Liebesnächte.

Und am Ende? – Bringt sie ihn wieder um.


 

Und bei sowas soll ich mich nachts erholen.