Traum

Aus einem Reisebus steigt in eine sonnige, weitläufige Stadt eine Menge Leute; darunter zwei junge Männer, beide reisen allein und kennen einander nicht, beide sind schlank und schön und tragen langes Haar, der eine offen (hellbraun), der andere in einer komplizierten Frisur (blond), und beide tragen die hipsterigsten Hipsterklamotten, aber sie sehen grandios aus darin. Und zufällig haben sie die gleichen roten Schuhe, und darauf möchte der Blonde den Braunen gerne ansprechen, weil es nur irgendeinen Aufhänger braucht, denn sie sind, jeder sieht es und sie sehen es auch, unverrückbar füreinander bestimmt.
Aber der schöne Braunhaarige antwortet nur ausweichend und verschwindet einfach unter den anderen Menschen, „He!“, ruft der schöne Blonde, „warte!“, aber der andere wartet nicht, er läuft davon, obwohl er wissen muss, dass der Blonde die Liebe seines Lebens ist, und der Blonde heftet sich an seine Fersen, entschlossen, sich ebendiese Liebe nicht entgehen zu lassen, weil nie wieder eine Liebe so groß sein wird wie diese, sowas spürt man.
Mit immer größerem Vorsprung hastet der Braune durch steile, enge Gassen, endlich hinaus aus der Stadt, weil sein Verfolger sich nicht abschütteln lässt, bis er ihm schließlich doch entwischt. Der blonde Mann steht auf verlassenem Waldweg zwischen düsteren Tannen und greift zu einer List. Er hat während seiner Verfolgungsjagd eins und eins zusammengezählt und weiß inzwischen, dass der Mann seiner Träume ein Vampir sein muss, denn das ist der einzige plausible Grund, vor der großen Liebe davonzulaufen. Da der blonde Mann das aber nicht als Hindernis empfindet, will er seinen Vampir immer noch erwischen, und wie lockt man Vampire an? – Natürlich mit Blut.
Er ritzt sich also vorsichtig ein paar Kratzer in die Haut, zuerst am Arm, dann, ganz oder gar nicht, am Hals, was gleich doppelt so verlockend ist für einen Vampir, und der taucht prompt wieder auf und geht seinem von nun an Liebsten an die Kehle.
Es folgen geflüsterte Versprechen und zurückgehaltene Begierde, außerdem die Erklärung, warum der Vampir der Liebe auf den ersten Blick davongelaufen ist: seine Familie, alles ganz schlimme, konservative Vampire, sind garantiert dagegen, dass er einen sterblichen Menschen heiratet, und was macht man als Vampirfamilie in diesem Fall? – Natürlich den drohenden Schwiegersohn austrinken. Nur aus Liebe, um den Mann seines Lebens vor der Familie zu beschützen, ist der schöne junge Vampir also davongelaufen.
Jetzt muss ein neuer Plan her, und der ist schnell und einfach gefunden: eine heimliche Hochzeit mit Konversion auf dem Vampirstandesamt (in einem hohen, hölzernen Glockenturm, zwischen dessen Brettern der strahlend blaue Himmel hereinschaut). Der Blonde ist der einzige Nichtvampir und zuerst haben sie ein bisschen Angst, dass einer der fremden Vampire, die auch heiraten wollen, über ihn herfällt, aber die Anwesenden sind alle sehr aufgeschlossen und freundlich und begrüßen, dass das junge Paar trotz aller Unterschiede heiraten will. Und das tut es auch, und der Blonde wird von seinem schönen braunhaarigen Ehemann zum Vampir gebissen, und die Familie kann ihm nichts mehr anhaben, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und treiben es schamlos auf Vampirart.

Ende.

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Auch Traum: unruhige Nächte

Nach meinen geträumten Gespenstern wache ich auf und bin klatschnass von oben bis unten. Das kenn ich nicht von mir. Als ich endlich wieder einschlafe, träume ich weiter: dass ich mit einem Mann zusammen bin, der aussieht wie Jason Momoa, was mich selbst im Traum ein bisschen durcheinander bringt, weil jemand, der so aussieht wie er, mit jemandem wie mir eigentlich nicht viel gemeinsam haben kann, und so ist es dann auch und ich verlasse ihn nach zwei Jahren wieder.
Bevor ich ihn verlasse, passiert aber natürlich alles Mögliche, wie das in zwei Jahren Beziehung eben so ist, Familiendramen inklusive, außerdem schon wieder: Stadtbesichtigungen. Meine Träume mögen alte Städte und Architektur. Warum?

Traum

Ich träume, dass ich mit Freunden in einem großen Haus auf einen Spuk stoße, jeder auf seinen eigenen: sie findet ihr persönliches Gespenst auf der Treppe, er seines auf der Dachterrasse, ich schließlich habe meines in der Abstellkammer.
Einer von uns findet heraus (und wie mutig das von ihm gewesen sein muss!), dass man sich seinem Spuk stellen kann, ihn immer und immer wieder durchleben, statt davonzulaufen: indem man standhaft und dem schrecklichen Gespenst zugewandt bleibt, wird es weniger schrecklich von Mal zu Mal, es erfährt Mitgefühl, es fühlt sich verstanden, es lässt los – und wir sind gezeichnet von seiner Heimsuchung, aber frei davon.
Meine Freunde stellen sich ihren Gespenstern, einer nach dem andern, nur ich fürchte mich bis zuletzt, weil mein Gespenst am schlimmsten ist. Du musst, sagen sie, es hilft alles nichts. Es hilft alles nichts, und ich erlebe furchtbare Dinge mit in der Abstellkammer meines Gespenstes.

Traum

Ich träume, dass ich mit einer alten Bekannten ein Stück Seife in einem Laden klauen will. Seltsamerweise ist der Plan, dass sie die Seife nimmt und ich währenddessen weglaufe. Das machen wir und ich werde prompt verfolgt, verstecke mich, werde entdeckt, und der fiese Kerl, der mich erwischen will, grinst und ruft, dass er jetzt seine fünf asiatischen Schlägertypen auf mich loslässt. Ist das nicht Quatsch?, wende ich ein, aber da haben sie mich schon umringt, fünf kleine, sehnige Männer mit asiatischen Zügen. Sie kämpfen unfair und sowieso besser als ich, die ich mich wehre, wie ich eben kann, aber es sieht nicht gut aus, da kommt eine Frau vorbei und guckt sich die Lage an. Sie trägt ein sehr kleines Schwarzes und sagt: Du musst sie verführen, dann hast du gewonnen. – Ich weiß, sage ich genervt, aber ich bin hier ein bisschen überfordert, es sind immerhin fünf.
Gut, sagt sie, such dir einen aus, ich kümmer mich um den Rest. Wie wär’s mit dem hier? – Nein, sage ich, der hat mich beinah besiegt, den mag ich nicht. Und ich suche mir den aus, der am leichtesten abzuwehren war: dünn, hungrig, er ist Wachs und Honig in meinen Händen, ich halte seinen schmalen Rücken umschlungen, Narben sprenkeln seine Haut.

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21.11.

Meine Therapeutin hat mir geholfen, meinen Kopf aufzuräumen. Alle wilden Träume sind entwirrt und heute Nacht nicht zurückgekommen. Ich fühle mich trotzdem müde und irgendwie aufgebraucht, als müsste ich mich erstmal wieder auffüllen.

Heute Morgen bin ich aufgewacht und in der Wohnung nebenan hat eine Frau telefoniert. Ich weiß nicht, warum eine Frau in dieser Wohnung sein soll, die ein Mann gemietet hat und in der ich seit Februar immer nur Männer gesehen oder gehört habe, aber da ist sie und redet laut mit irgendwem am Telefon, und ich freu mich, dass sie da ist, aber später bin ich nicht sicher, ob ich sie nur geträumt habe.

Wach auf

Meine Nächte, meine Träume sind eine Zeitlang ruhiger geworden, jetzt begehren sie wieder auf: schon in der Nacht auf Montag ist unendlich viel passiert, Orte, Personen und Konflikte strömen durch mich hindurch, so absurd wie intensiv, und beim Aufwachen kann ich sie nicht abschütteln: 

Ich bin in der Mensa verabredet, mit dir, aber ich finde dich nicht und begegne stattdessen Freundinnen von früher. Eine von ihnen nimmt uns alle mit in ihre WG und wir unterhalten uns über Mitbewohner und ihren Zwischenmieter, bis ich immer deutlicher merke, dass irgendwas an all dem nicht stimmt, ihr Mitbewohner ist zu seltsam, das zu vermietende Zimmer passt nicht zum Gespräch, und als es sich nicht mehr verbergen lässt, sagen sie: Du hast Recht. Wir sind nicht, wer wir vorgeben, in Wahrheit haben wir alle eine weitere, böse Persönlichkeit, und erinnerst du dich nicht? Du warst eine von uns, in dir steckt Luzifer persönlich, und wir wollen, dass du ihn heraus lässt.
Ich will nicht. Ich will ich bleiben und nicht der Teufel sein, und ich laufe davon durch Gänge und Tunnel und knarrende Türen, die Architektur ist überplastisch: ich rieche, spüre, sehe Licht und Dunkel, Trockenheit und Feuchte, Sonne und Kühle, Staub und Moder und Pflanzentriebe auf Stein, Holz, Ziegel und Eisen, und am Ende ist kein Ausweg mehr und zwischen mir und ihnen steht nichts als mein Wille.

Und heute? Ich bin Jessica Jones und muss ein Haus verteidigen gegen einen finsteren Eindringling, er ist ein riesiger, grauer Mann und vollkommen unverwundbar, aber um Zeit für meine Freunde zu gewinnen, kämpfe ich trotzdem gegen ihn mit aller Kraft, die ich habe. Und dann, immer noch Jessica, bin ich auf der Beerdigung meiner besten Freundin. Ich rede mit trauernden Angehörigen, meine Mutter steht dabei, und plötzlich ist die Szene anders: Ich rufe seine Mutter an, sage ich zu meiner Mutter, und sie nickt nur und hält mir den Rücken frei von den anderen Leuten. Denn jetzt ist es mein Exfreund, der gestorben ist, in einem Krankenhaus, und seltsamerweise weiß ich es als Erste, obwohl ich ihn seit Jahren nicht gesprochen habe, und ich muss es seiner Mutter sagen und weiß nicht, wie, ich weiß einfach nicht, wie. 
Und dann, mit einem Mal, ist es meine eigene Mutter, die gestorben ist, und das ist das Schrecklichste von allem. Ich komme mit meinem Vater und meinen Brüdern von der Beerdigung nach Hause und in der Küche liegt noch ein Zettel, den sie uns geschrieben hat, und als ich ihre Schrift sehe, fühl ich mich, als könnte ich nie wieder froh werden.

Das waren nur Träume, aber ich frag mich, ob sie mir etwas sagen wollen, ob irgendwas in mir im Argen liegt und sich mir auf diese Weise mitteilt.