Gegenmaßnahmen, 2

Ich rede drüber. Ich vertrau mich wohlmeinenden, fast unbekannten Menschen an, und sie nehmen Grumpy mitleidig in den Arm, weil er so verbissen unglücklich ist. Er blinzelt heftig und zieht die Nase hoch.

Nach einem Alptraum über meine Wohnung, in der sie sich in ein ekelhaftes, schleimiges Monster verwandelt und mich aufgefressen hat, räume ich endlich auf, auch den Balkon. Grumpy guckt sich den abgewaschenen Berg Geschirr an und sagt: Wir waren lange nicht mehr hier, oder? – Ja, sage ich. Wir müssen öfter hier sein, wir brauchen das.
Nach dem Aufräumen setzen wir uns mit einer Schale Erdbeeren auf den Balkon. Grumpy macht die Augen zu und entspannt sich seufzend. An diesem Abend bin ich frei.

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Traum

Ich träume, dass ich ein Kind gebäre.
Ich habe eben erst herausgefunden, dass ich schwanger bin, und denke: Ach, daher der dicke Bauch. Ich weiß, wer der Vater ist, nur spielt er gar keine Rolle; aber Freunde sind da und kümmern sich um mich, die ganze Zeit über, von dem Moment an, da ich von meiner Schwangerschaft erfahre, bis zum Ende im Krankenhaus. Einer davon ist mein Bruder.

Ich hab kein Kind gewollt und fürchte mich vor der Geburt, die unmittelbar danach folgt: ich kriege Bauchweh und gleichzeitig Panik, weil ich nicht weiß, in welches Krankenhaus ich soll, ich rufe meine Freundin an, die sich auskennt, und telefoniere lauter Kliniken durch, die alle keinen Platz mehr haben, bis auf eine, draußen wartet schon das Taxi und ich klettere hinein, mit Freunden, Bruder und einer großen weißen Bettdecke, die ich um meine Beine geschlungen habe, damit das Taxi keine Flecken kriegt.

Im Krankenhaus kümmern sich ein Arzt und eine Krankenschwester um mich, beide sind nett und beruhigend, ich liege in einem großen weißen Bett und fürchte mich, obwohl ich weiß, dass ich jetzt aufgehoben bin. Schockmoment: Wenn Sie intravenös ein Schmerzmittel verabreicht bekommen, dürfen Sie drei Monate lang nicht tanzen, steht auf einem Plakat. Ich flehe die Krankenschwester an, mir das Mittel irgendwie anders zu verabreichen, weil ich unmöglich so lange nicht tanzen kann, aber noch während wir diskutieren, ist schon alles vorbei: mein Kind ist da und alle gehen aus dem Zimmer, um es zu versorgen. Ich bleibe in den blutigen Decken zurück und denke, ich muss jetzt einfach ganz lange so liegen bleiben, dann ist alles wieder gut. Mein Körper wird wieder gut.

Immerhin ist es eine Tochter geworden, sage ich später zu irgendwem am Telefon. Das Kind, meine Tochter, aber kommt im ganzen Traum überhaupt nicht vor, ich sehe es nicht und halte es nicht, ich überstehe nur irgendwie, dass es zur Welt kommt. Aber ich such ihm einen Namen aus. –

 

Beim Aufwachen bin ich so aufgewühlt, dass ich ganz dringend mit jemand darüber reden will, aber es hat gerade keiner Zeit, der es auch verstehen würde. Warum hab ich das geträumt, was bedeutet das, bedeutet es was?

Berlin

 

Traum

Aus einem Reisebus steigt in eine sonnige, weitläufige Stadt eine Menge Leute; darunter zwei junge Männer, beide reisen allein und kennen einander nicht, beide sind schlank und schön und tragen langes Haar, der eine offen (hellbraun), der andere in einer komplizierten Frisur (blond), und beide tragen die hipsterigsten Hipsterklamotten, aber sie sehen grandios aus darin. Und zufällig haben sie die gleichen roten Schuhe, und darauf möchte der Blonde den Braunen gerne ansprechen, weil es nur irgendeinen Aufhänger braucht, denn sie sind, jeder sieht es und sie sehen es auch, unverrückbar füreinander bestimmt.
Aber der schöne Braunhaarige antwortet nur ausweichend und verschwindet einfach unter den anderen Menschen, „He!“, ruft der schöne Blonde, „warte!“, aber der andere wartet nicht, er läuft davon, obwohl er wissen muss, dass der Blonde die Liebe seines Lebens ist, und der Blonde heftet sich an seine Fersen, entschlossen, sich ebendiese Liebe nicht entgehen zu lassen, weil nie wieder eine Liebe so groß sein wird wie diese, sowas spürt man.
Mit immer größerem Vorsprung hastet der Braune durch steile, enge Gassen, endlich hinaus aus der Stadt, weil sein Verfolger sich nicht abschütteln lässt, bis er ihm schließlich doch entwischt. Der blonde Mann steht auf verlassenem Waldweg zwischen düsteren Tannen und greift zu einer List. Er hat während seiner Verfolgungsjagd eins und eins zusammengezählt und weiß inzwischen, dass der Mann seiner Träume ein Vampir sein muss, denn das ist der einzige plausible Grund, vor der großen Liebe davonzulaufen. Da der blonde Mann das aber nicht als Hindernis empfindet, will er seinen Vampir immer noch erwischen, und wie lockt man Vampire an? – Natürlich mit Blut.
Er ritzt sich also vorsichtig ein paar Kratzer in die Haut, zuerst am Arm, dann, ganz oder gar nicht, am Hals, was gleich doppelt so verlockend ist für einen Vampir, und der taucht prompt wieder auf und geht seinem von nun an Liebsten an die Kehle.
Es folgen geflüsterte Versprechen und zurückgehaltene Begierde, außerdem die Erklärung, warum der Vampir der Liebe auf den ersten Blick davongelaufen ist: seine Familie, alles ganz schlimme, konservative Vampire, sind garantiert dagegen, dass er einen sterblichen Menschen heiratet, und was macht man als Vampirfamilie in diesem Fall? – Natürlich den drohenden Schwiegersohn austrinken. Nur aus Liebe, um den Mann seines Lebens vor der Familie zu beschützen, ist der schöne junge Vampir also davongelaufen.
Jetzt muss ein neuer Plan her, und der ist schnell und einfach gefunden: eine heimliche Hochzeit mit Konversion auf dem Vampirstandesamt (in einem hohen, hölzernen Glockenturm, zwischen dessen Brettern der strahlend blaue Himmel hereinschaut). Der Blonde ist der einzige Nichtvampir und zuerst haben sie ein bisschen Angst, dass einer der fremden Vampire, die auch heiraten wollen, über ihn herfällt, aber die Anwesenden sind alle sehr aufgeschlossen und freundlich und begrüßen, dass das junge Paar trotz aller Unterschiede heiraten will. Und das tut es auch, und der Blonde wird von seinem schönen braunhaarigen Ehemann zum Vampir gebissen, und die Familie kann ihm nichts mehr anhaben, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und treiben es schamlos auf Vampirart.

Ende.

Auch Traum: unruhige Nächte

Nach meinen geträumten Gespenstern wache ich auf und bin klatschnass von oben bis unten. Das kenn ich nicht von mir. Als ich endlich wieder einschlafe, träume ich weiter: dass ich mit einem Mann zusammen bin, der aussieht wie Jason Momoa, was mich selbst im Traum ein bisschen durcheinander bringt, weil jemand, der so aussieht wie er, mit jemandem wie mir eigentlich nicht viel gemeinsam haben kann, und so ist es dann auch und ich verlasse ihn nach zwei Jahren wieder.
Bevor ich ihn verlasse, passiert aber natürlich alles Mögliche, wie das in zwei Jahren Beziehung eben so ist, Familiendramen inklusive, außerdem schon wieder: Stadtbesichtigungen. Meine Träume mögen alte Städte und Architektur. Warum?

Traum

Ich träume, dass ich mit Freunden in einem großen Haus auf einen Spuk stoße, jeder auf seinen eigenen: sie findet ihr persönliches Gespenst auf der Treppe, er seines auf der Dachterrasse, ich schließlich habe meines in der Abstellkammer.
Einer von uns findet heraus (und wie mutig das von ihm gewesen sein muss!), dass man sich seinem Spuk stellen kann, ihn immer und immer wieder durchleben, statt davonzulaufen: indem man standhaft und dem schrecklichen Gespenst zugewandt bleibt, wird es weniger schrecklich von Mal zu Mal, es erfährt Mitgefühl, es fühlt sich verstanden, es lässt los – und wir sind gezeichnet von seiner Heimsuchung, aber frei davon.
Meine Freunde stellen sich ihren Gespenstern, einer nach dem andern, nur ich fürchte mich bis zuletzt, weil mein Gespenst am schlimmsten ist. Du musst, sagen sie, es hilft alles nichts. Es hilft alles nichts, und ich erlebe furchtbare Dinge mit in der Abstellkammer meines Gespenstes.

Traum

Ich träume, dass ich mit einer alten Bekannten ein Stück Seife in einem Laden klauen will. Seltsamerweise ist der Plan, dass sie die Seife nimmt und ich währenddessen weglaufe. Das machen wir und ich werde prompt verfolgt, verstecke mich, werde entdeckt, und der fiese Kerl, der mich erwischen will, grinst und ruft, dass er jetzt seine fünf asiatischen Schlägertypen auf mich loslässt. Ist das nicht Quatsch?, wende ich ein, aber da haben sie mich schon umringt, fünf kleine, sehnige Männer mit asiatischen Zügen. Sie kämpfen unfair und sowieso besser als ich, die ich mich wehre, wie ich eben kann, aber es sieht nicht gut aus, da kommt eine Frau vorbei und guckt sich die Lage an. Sie trägt ein sehr kleines Schwarzes und sagt: Du musst sie verführen, dann hast du gewonnen. – Ich weiß, sage ich genervt, aber ich bin hier ein bisschen überfordert, es sind immerhin fünf.
Gut, sagt sie, such dir einen aus, ich kümmer mich um den Rest. Wie wär’s mit dem hier? – Nein, sage ich, der hat mich beinah besiegt, den mag ich nicht. Und ich suche mir den aus, der am leichtesten abzuwehren war: dünn, hungrig, er ist Wachs und Honig in meinen Händen, ich halte seinen schmalen Rücken umschlungen, Narben sprenkeln seine Haut.

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