Auf See

Morgens stehe ich auf und alles ist OK, aber nach zwei Stunden Sachen machen im Haushalt ist die Luft raus. Ich sinke. Warum? Wohin?

Du bist sauer auf mich oder enttäuscht von mir, ich hör’s an deinem Schweigen. Meine hundertste Entschuldigung verpufft ins Leere, vielleicht sind hundert Mal ein Mal zu viel (bitte nicht). Hermetische Enge: du brauchst mich, ich brauch dich zum Tanzen, zweifache Last.

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I’m slime

Da war ein Anlass, aber welcher?
Der Tag fängt gut an und ist dann plötzlich nicht mehr gut. Irgendwas Diffuses hat sich innerhalb kurzer Zeit abgespielt und jetzt bin ich zu klein für die Welt, geschrumpft sitze ich unter dem Schreibtisch und versuch mir vorzustellen, wie ich jetzt tanzen gehen soll, wenn alle anderen Menschen noch normal groß sind. Oder in der Mensa mit ihnen reden – ich müsste ja ganz laut schreien, weil meine Stimme auch geschrumpft ist.

Ich stemme den Laptop auf und hüpfe von Taste zu Taste, was immerhin beweist, dass ich noch da bin.

 

(Du freust dich drauf, dass ich mitkomme, in die Mensa, zum Tanzkurs, das macht es irgendwie schlimmer.)

Es war einmal ein kleines Mädchen

Welcher Geburtstag ist das gewesen, der neunte, der zehnte?
Mit ihrer Mutter steht sie im hinteren Teil des Ladens und möchte etwas Ungewöhnliches, die Idee vielleicht aus einem Buch, bestimmt aus einem Buch, weil sie zur Hälfte in Büchern und Geschichten wohnt: sie möchte einen altmodischen Schulranzen aus Leder. Sie darf ihn aussuchen und mit der Verkäuferin reden wie eine Erwachsene, sie probiert den Schulranzen auf, der ihr gefällt, vorbei ist die Zeit  der hässlichen Schultasche mit den bunten Bären. Der neue Schulranzen duftet nach Leder und sie liebt ihn so, er ist was Besonderes, sie will ihn allen zeigen, weil er so schön ist, genau, wie sie ihn erträumt hat, nur in echt.
Sie geht damit in die Schule, stolz auf ihren neuen Schatz, und ihre beste Freundin fragt: Wo ist dein neuer Ranzen? – Hier ist er doch, sagt sie und will ihn vorführen, all die Fächer und Schnallen, aber die Freundin hat sich schon weggedreht: Der ist hässlich.
Auf der ganzen Welt, von diesem Moment an, wird es niemanden geben, der ihren Schulranzen schön findet. Sie wird dafür gehänselt werden, Kinder werden ihr Sachen nachrufen, jemand wird ihn anspucken, er wird sie überall zur Zielscheibe für Spott und Häme machen, viereinhalb Jahre wird sie es ertragen und die schöne Tasche schon heimlich hassen, und in der achten Klasse kauft sie sich einen Eastpak, weil sie es nicht mehr aushält.

Jetzt bin ich 28 und versuche herauszufinden, ob ich ihn noch mag, meinen alten Schulranzen, als Umhängetasche, ob von dem alten Gefühl noch was übrig ist unter der Enttäuschung und Scham und Wut. Ich hab ihn bis jetzt nicht mehr anfassen wollen, dabei ist das alles schon fast fünfzehn Jahre her, aber in mir sind wir jetzt zu dritt: das kleine Mädchen, das diesen Schulranzen einfach toll findet, und die verstörte Jugendliche, der er eigentlich schon peinlich ist, die ihn aber aus Trotz weiter trägt, und die Erwachsene, die endlich ihr Selbstvertrauen gefunden hat, aber einfach nicht weiß, wie sie zu dieser Tasche steht.
(Ich wette, die kleinen Hipsterkinder, die sich jetzt diese Taschen gebraucht für viel Geld kaufen, sind dieselben, die mich früher dafür fertig gemacht haben. Mögen euch die Bremsen an den Vintage-Rädern versagen.)

Der Eastpak, übrigens, hatte die falsche Farbe und hat die Lage kein bisschen besser gemacht, damals.

Work/Life

„Wie geht’s dir?“, schreibt mir ein Bekannter.
„Ich glaub, ganz okay“, schreibe ich zurück. „Es ist immer noch irre kompliziert, ich zu sein.“
Er versteht das, er kennt das, und ich bin froh, dass ich acht Stunden auf der Arbeit sein kann: ein weitestgehend ordentlicher Mitarbeiter zu sein ist sehr viel leichter, als weitestgehend ordentlich ich zu sein.
„Ich glaube, mein Job hält mich zusammen“, schreibe ich weiter, das versteht und kennt er auch. Ich merke es am Vorher und Nachher, wenn ich zurück in die Wohnung komme, die ich schon nicht mehr sehen kann, weil sie mich so sehr an mich selbst erinnert und ich selbst ein einziges großes Forschungsprojekt ist: ein seltsamer Apparat, der durch die Welt kracht und mit den unwahrscheinlichsten Dingen kollidiert, während er einen komplizierten Hindernisparcours mit Leichtigkeit meistert. Experten werden hinzugezogen, sie gucken mit Brille und Klemmbrett und machen Notizen, ein Handbuch erscheint und wird beständig überarbeitet, man lernt aus Irrtümern und dreht probehalber an Stellschrauben, man kommt der Sache näher, aber das vertrackte Ding läuft einfach nicht rund. Man kommt nicht drauf, übrigens ist die Wartung aufwendig, größtenteils deshalb, weil die Höllenmaschine gern mit Wucht gegen Wände knallt, dabei lief sie grad so gut.

(Grumpy sitzt grinsend hinterm Steuer und winkt.)

20.12.

Ich sitze bei meiner Therapeutin und spreche von mir wie von einem Uhrwerk, das nicht richtig läuft. Ja, aber wie geht’s Ihnen denn?, fragt sie, und ich fange an zu weinen.
Dass es mir so geht, hab ich selber nicht gewusst.

 

 

 

Weil ich nicht wollte, dass es mir so geht. Das ist jetzt vorbei, hab ich gedacht und nicht mehr richtig hingeschaut.