Tanzkurs/Der Mond nimmt ab

Ich bin kleiner als jeder im Raum, weil ich so sehr brauche, dass ich gemocht werde. Am schlimmsten ist es mit den Leuten, die ich schon ein bisschen kenne, bei denen ich vorhandene Sympathie nicht verlieren möchte: da zähle ich jedes Lächeln, wäge jeden Blick und bin starr vor Angst, es könnten zu wenige sein. In meinem Schrecken aber vergesse ich, wie Menschen sich verhalten, und was immer ich sage, klingt unecht und albern – am Ende fühle ich mich einsamer als vorher.

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Ich wäre lieber Taxifahrer

Bewirb dich jetzt! – oder ersticke in diesem selbstzufriedenen Kackunternehmen mit seinen stromlinienförmigen, fantasielosen, wichtigtuerischen, beschränkten kleinen Mitarbeiterinchen.

Ich kann wirklich sehr schwer ausdrücken, WIE wenig ich von dieser Stelle in diesem Startup halte. Ihr zahlt am besten, aber ihr seid wahrscheinlich auch am scheißesten. Für mich! Ich fühle mich, als wolltet ihr mir das Menschsein abgewöhnen mit euren dreißigtausend Regeln und Regelchen und der endlos vorhandenen falschen Freundlichkeit. Gott, kotzt ihr mich an.

Traum

Er ist ein Wunder, ein düsteres, schillerndes, überschäumendes Wunder. Wir begegnen uns, zum ersten oder zum dutzendsten Mal, es spielt keine Rolle, er ist die Antwort, das Gegenstück, der Schlüssel, mein Innerstes hat ihn immer schon gekannt.

Wir fühlen es beide. Es ist intellektuell, es ist körperlich, alles stimmt, alles ist Magie. Dunkle: wir reden Weltschmerz und Melancholie leibhaftig ins Zimmer, wir reisen in die schöpferische Nacht der Seele, wir kosten es aus, dass wir beide ihre schweren Blumen lieben: hier ist wahre Schönheit in unerträglicher Größe, alle Welt schaudert vor ihr, wir aber, wir sehen hin. Ja, wir haben uns gebraucht, gesucht, gefunden – wo aber soll die Reise hingehen, was sollen wir werden miteinander?

Er umfasst in großartiger Geste das verwandelte Zimmer, worin unser wildes Dunkel schon Einzug gehalten hat, verzaubert sind Teppiche und Möbel, unheimlich fast, als würde es spuken, aber wir, gemeinsam, sind unantastbar. Willst du das, fragt er, so würde es sein mit mir, das hier wären wir, dein Leben, für immer. – Und der Hutständer flüstert unheimlich, und die Teppiche rauschen wie das Meer. O ja, rufe ich stürmisch, die Arme um seinen Hals geschlungen, darauf habe ich doch gewartet, das wird unser Geheimbund sein, während wir Großes im Leben leisten. – Du missverstehst mich, sagt er. Die dunkle Macht und ihre finsteren Blumen, sie sollen kein Geheimnis in meinem Leben sein, sie sollen mein Leben werden. Ich will mich hineinwerfen in die Nacht – wir werden hinabsteigen an den tiefsten, schönsten Punkt, und dann werden wir verglühen wie Motten, wie umgekehrte Kometen. – Nein, schreie ich, bitte, lass uns am Leben bleiben und das Feuer nur streifen, es genügt, dass wir es erkannt haben. Und ich schreie vor Verzweiflung, denn zu zweit haben wir die Dunkelheit heraufbeschworen, zu zweit nur können wir sie bändigen, aber dort steht er und wendet sich ab, weil er in radikaler Konsequenz den Weg der Selbstzerstörung wählt; schon zischen Stuhl und Tisch bedrohlich. Schau doch hin, ruft er, das ist die Wirklichkeit von nun an, damit kannst du nicht einfach leben. – Damit werd ich schon fertig, sage ich finster, damit bin ich bisher immer fertig geworden – aber insgeheim graut mir vor dem langen, dunklen Weg und seinen Schrecken. Um uns wogt das fürchterliche Zimmer, Du warst das!, brüllt er, Du warst das!

Ich will ihm einen wilden, unartikulierten Wutschrei ins Gesicht schleudern, einen Schrei so stark und furchtbar, dass er ihn in die Knie zwingen, ihn zum Umkehren bewegen muss – – aber heraus kommt nur ein winziges Schluchzen, eine flehentliche, hilflose Bitte.

Kleiner als

Wir treffen uns zum Reden. Ich wünsche mir, dass wir so weit zueinander finden, dass wir danach gut auseinander gehen können. Ich will ein ungetrübtes Bild von der Zeit mit dir behalten, ich möchte bedauern, dass sie zu Ende ist, ich will mich gern erinnern, ich will dir frei sagen können, dass sie mir was bedeutet hat, und was.

Aber dann sind wir doch nur zwei Idioten, die verschlossen durch den Wald stolpern und verzerrte Fragmente zwischen sich hin- und herschieben, weil sie ums Verrecken keine gemeinsame Sprache finden, und wie wir auseinander gehen: in Höflichkeit, die brutal ist, weil sich so nicht zwei Menschen verabschieden sollten, die sich mal wirklich, wirklich gern gehabt haben.

Ich hätte dir gern Danke gesagt, aber als wir die letzten vernichtenden Nüchternheiten ausgetauscht haben, weiß ich selbst kaum noch, wofür. Und genau DAS wollte ich mit diesem Gespräch ausräumen, ich wollte, dass das dumme Gefühl weggeht und der Blick wieder frei ist für das, was gut gewesen ist, aber nachdem alles gesagt ist, bin ich mir nichtmal mehr sicher, ob es so gut war, wie ich es empfunden habe.
Du bist nichts als Abstand, während ich mich wehre, so gut ich kann, aber am Ende tut bloß alles weh, und ich komm mir so dumm vor für meinen Versuch, weich zu sein und es gut zu machen. Du hast mir wehgetan und vielleicht hab ich das herausgefordert, aber ich hab mir so gewünscht, noch etwas Wärme zwischen uns zu finden. Du aber hast ewigen Winter ausgerufen: bemüh dich gern, sagst du —  aber so, wie du das sagst, was will ich mit dem Frühling.
Ich bin nur, was ich bin, ich hab gemacht, was ich konnte, und ich weiß, das ist nicht immer genug, es ist nicht immer leicht mit mir, aber ich bin auch allerhand mehr als das, und was du daran nicht sehen kannst, das trag ich dir nicht auch noch nach. Und dein stilles Zählen kleiner Schmerzen: mag damit umgehen, wer will.

Ich weiß um dein Bemühen, ich weiß um deine Großzügigkeit, ich weiß um deine Fürsorge, und ich weiß, wenn mein Zorn vorüber ist, werd ich dankbar sein für das warme Nest, das ich bei dir gehabt habe, und ich werde wieder wissen, dass diese stille kleine Liebe auch wahr gewesen ist: aber auch du hast versäumt und geirrt und versagt.

Zuverlässig

Und war es nicht so, dass du Tanzen gegangen bist, und hast dich nicht übel dabei gefühlt: nicht euphorisch, nicht vollkommen frei, aber leicht genug; und war alles dahin, als du ihn dort gesehen hast bestimmt kennt mein Ohr noch deinen Gang, als du ihn lachen hörtest vor ein paar Monaten wäre ich es gewesen, mit der du lachst, als du einen Blick riskiert und wiedererkannt hast: diese Haltung des Kopfes, diesen weichen Arm und seine Bewegung, diese gewisse Art, die Schritte zu setzen, den Schwung des Körpers aufzufangen, die Musik zu vertanzen; und ist dir nicht der Abend entglitten und gehört jetzt ihm?

Ja, so ist es gewesen, und in vierzig Jahren werde ich ihn anrufen und sagen: Weißt du denn, wie ich in dich verliebt war, du dummer, dummer Mensch.

Symptome

Mein Nacken, meine Schultern sind so verspannt, dass die Kopfschmerzen ein brüllendes Ungeheuer sind; auf dem Fahrrad bewirkt jeder Kiesel einen Schlag hinter die Augen.

Das feuchte Gras, der See mit seinen Algen und Gerüchen, die Mückenstiche, die Dunkelheit: ich ekle mich, ich fühle mich körperlich abgestoßen von der ganzen Welt, wo sie nicht trocken, warm und übersichtlich ist.

Ich bin nicht ganz da auf der Straße und kollidiere um ein Haar mit einem Motorradfahrer, frontal. Ich registriere trocken, dass ich gerade fast gestorben wäre.

Ich bin unruhig, reizbar und ungerecht. Keiner liebt mich.

Bitte lass es aufhören. Ich will wieder atmen.