19.06.

Ich habe sonnige Laune und häng bei dir rum, bis du gehst; dann gucke ich die Internetseite vom örtlichen Lindy Exchange an, auf das sich alle schon total freuen und es geht eh einfach jeder hin, und kurz halte ich es für möglich, auch mitzumachen (die Fotos vom letzten Jahr! so was Schönes!), aber dann passiert was in mir, was mit Lindy Hop und Gruppen und Zugehörigkeit und Einsamkeit und Angst und dem Gefühl zu tun hat, es mag und braucht mich eh keiner, und zack, liege ich wieder im Loch von vorgestern.

Bei diesem Exchange gibt’s eine Fahrt mit einer alten Dampflok(!!!!!!!!!!). Ich will unbedingt Dampflok fahren und einfach dabei sein und mich wie ein normaler Mensch fühlen, aber was ist, wenn ich gerade an den relevanten Tagen überhaupt kein Mensch bin? Man kann nie wissen, als was man aufwacht, Gregor oder Schabe, und Schaben sind in den meisten Zügen nicht gern gesehen.

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Wie es war

Die lachende Welt ruft: Carlie, Carlie, spiel mit mir! Der Himmel ist blau und die Welt voller Möglichkeiten!

Ich schau aus dem Fenster, da kommen die Möglichkeiten in Scharen und schneiden sich dicke Scheiben von mir ab.

Nein, halt, sage ich, aber schon haben sie Nein und Halt heruntergesäbelt und springen kauend davon wie hungrige Kinder. Hört zu, sage ich, wartet – da schneiden sie mir das Wort ab, den Mut und das Herz und verteilen mich bis auf den letzten Rest, die schönen, bunten Möglichkeiten.

It’s not the fall that kills you, it’s the sudden stop

Neben dem Bett steht ein neuer Wecker, queroval, orange, retro, und er wird mich für immer an jemand erinnern, mit dem ich auf dem Flohmarkt war (um diesen Wecker zu finden, den ich im Vorjahr auf demselben Markt nicht gekauft habe), mit dem ich ein Wochenende verbracht habe aus Schweiß und Küssen und Körpern und Sommerhitze, Schlaflosigkeit und Freude und Enge, mit dem ich den Übergang von Fremdheit zu Vertrautheit vollzogen habe; der kein Band aus Nüchternheit und Zynismus um sein Herz geschlagen hatte, der bereit war, mir wirklich zu begegnen; mit dem ich gelacht habe, dessen Anwesenheit mir erstaunlich und wundervoll vorkam, der auf dem Flohmarkt eine Lampe gekauft hat, ebenfalls orange, ebenfalls retro, und dem von unserem Wochenende nur diese Lampe bleiben wird, wie mir nur der Wecker bleibt; diese beiden, und ein plötzlicher, wütender Schmerz.

 

Dieses Lied hab ich bisher für Blödsinn gehalten, aber jetzt passt es, so.

 

Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.

Papierkapitänin

Da komme ich heim und rausche unter vollen Segeln auf dem Wind dahin, der noch vom Wochenende her weht – meine Brüder hab ich gesehen und bin so froh, sie zu haben, und dann war Hochzeit: Momente mit alten Freundinnen, die wie Juwelen aus dem staubigen Durcheinander des Tages leuchten, und eine neue Bekanntschaft: wollen wir uns treffen, frage ich, denn ich mag seinen Humor und dass er freundlich zu allen Leuten ist, und er sagt, na klar; und am Ende fahre ich mit einem jungen Paar nach Hause und wir finden heraus, dass sie wen kennen, der vielleicht jemanden wie mich als Assistentin brauchen könnte, und heute morgen bin ich aufgewacht und immer noch froh. Und dazu freue ich mich über die Sonne, die Badesee sagt, und über das Rennrad, und aufs Kino heute Abend, und darauf, danach bei einem gewissen Mann zu übernachten –

aber ein falsches Wort, und ich falte mich zusammen wie eine erschauernde Mimose,

und eine Nachricht über jemanden, von dem ich nichts mehr hören möchte, und mein prachtvolles Segelschiff wird zum morschen Fischerkahn, ich sinke auf den Meeresgrund

und bleib da sitzen

und heule.

Niederlage

Mach nur so weiter, bring mich nur um, das ist ganz leicht, du wirst es gar nicht merken, du mit deinem Herzen einer kalten Schlange. Nimm doch alles, was mich froh macht, dich zuerst, und dann den Tanz und alle Menschen, es ist ja so einfach für dich, immer ist alles einfach für dich, also nimm doch, nimm, und wenn du alles hast, werde ich einfach verschwunden sein wie ein Staubkorn, das man sich rasch vom Ärmel schüttelt.
Ich hab ja nichts, um mich zu wehren, selbst zum bloßen Aushalten ist eigentlich nicht mehr genug da, denn das einzige Gegengewicht, das ich je besessen habe, war das Tanzen, und auf jedem Weg dorthin stehst du.

Ich hasse dich, du bist das Böse

Ich radel aus der Stadt nach Hause und fühl mich klein, struppig und verworren, jede Frau ist schöner und begehrenswerter als ich mit meinen Gewitterwolken, und keiner liebt mich, weil ich so bin, wie ich bin —

das ist der Zustand, in dem ich an ihm vorbeifahre, am Straßenrand steht er und redet mit einer Frau, der er tröstend über den Arm streicht, ganz Lächeln (und wir erinnern uns: er hat ein wundervolles Lächeln) und Charme (und wir erinnern uns auch: er kann so charmant sein), ich hör seine Stimme und irgendeinen halben Satz, den sie spricht (und wir wissen noch: was für eine schöne, tiefe Stimme er hat, und wie freundlich er sprechen kann), er ist ein! Bild! von! einem! Mann!, und ich hasse ihn.
Ich hasse, dass er unzerstörbar ist, so sicher in seiner prachtvollen, glänzenden Hülle, ich hasse, wie freundlich er zu mir wäre, wenn ich ihn jetzt anspräche, souverän und gönnerhaft, ich hasse, wie viel es mir ausmacht, ihn da zu sehen, ich hasse, dass ich mir wünsche, er würde mir nachkommen, ich hasse, dass ich mich ihm immer noch unterlegen fühle, obwohl ich weiß, dass er ein schlechter Mensch ist, ich hasse, dass ich eine Stunde später noch immer an ihn denke.

Beim Heimkommen ist mir schlecht.