Feierabend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keine Worte.

Zum Bersten

Was in mir wohnt, ist unberechenbar. Aus dem Nichts fällt es über mich her, ganz Zähne und Klauen, wo ich eben noch geglaubt habe, es sei besänftigt. Was willst du?, rufe ich in die Dunkelheit; aber es schweigt ein dröhnendes, unerbittliches Schweigen.

Zwischenstand

Ich verbringe einen magischen Abend in der Stadt mit Du und danach denke ich: Ja, ganz sicher; ich führe ein Feedbackgespräch auf der Arbeit und das tut gut, ändert aber nichts; mein Brieffreund und ich wissen einander nichts zu sagen und das hätte ich nie für möglich gehalten; ich erwäge, in eine andere Stadt zu ziehen, was ich auch nie für möglich gehalten hätte; innerhalb von zwei Wochen melden sich drei Menschen aus meiner Vergangenheit wieder und bei jedem freu ich mich; meine Freundin war da und ich habe einen Schwips von dem Ouzo, den wir getrunken haben, und bin sehr zufrieden. Dazwischen ist Aufwachen an bleiernen Morgen und große Erschöpfung und der wunderbare Blues-Kurs.

Erstarren

Meine Wohnung, das Aufwachen, in einer Beziehung sein und mich nicht verschließen, mein Job, dieser Tag, der nächste Tag, die nächste Woche, ich:

unerträglich.

Ich will nur Frieden, einmal im Leben will ich Frieden.

 

Und an die, die das lesen und sich Sorgen machen: ihr habt kein Recht auf eure Sorgen. Ihr solltet wissen, dass ich da durchkommen werde, ihr solltet mir vertrauen und anerkennen, dass man manche Dinge so schonungslos sagen muss. Das macht sie lange nicht absolut, und das solltet ihr wissen.

Das Bild zum Beispiel.

Kristof Kintera, All my bad thoughts. Schwer anzuschauen, und vielleicht poste ich es aus Trotz, um die zu verunsichern, die sich verunsichern lassen durch diesen Blog. Grrrr.

(Ich kann dieses Kunstwerk auch nicht lange anschauen. Das finde ich cool dran, diese Grenzüberschreitung, die eigentlich nur ehrlich ist.)

Traum

Ich träume von einem Spuk, einem Gespenst, das umgeht und mordet. Meine Freunde mordet es, und geisterhaft leben sie weiter und sagen zu uns, die noch am Leben sind: Kommt zu uns, es ist schön, so zu sein, wie leben, nur besser.

Wir aber wollen nicht sterben. Sie lassen nicht locker, und es wird ein langer Kampf mit Barrikadenkämpfen und Überfällen, langsam rücken sie gegen uns vor, und wir werden weniger: manche holen die Gespenster, manche legen Hand an sich, um selbst ein Gespenst zu werden, wir fürchten um unser Leben bei jedem Zimmer, das wir betreten, und wer allein bleibt, ist verloren. Und schließlich bin ich die letzte und ich bin so einsam und ich esse das Gift, das sie mir geben, dabei will ich lebendig bleiben, richtig lebendig, bloß kann ich’s nicht ertragen, so allein zu sein.

Sie sitzen um mich und halten mich im Arm und reden mir zu, Hier, iss, sagen sie, gleich ist es vorbei, gleich bist du bei uns und nie wieder allein, und ich esse und weiß, nichts wird je wieder richtig sein.

***

So war mein Traum. Ich erkenne das Motiv wieder, im Februar habe ich schon mal so geträumt, von Gespenstern und vom übrig bleiben, und versuche herauszufinden, ob die äußeren Umstände damals ähnlich waren. Ich finde aber keinen Zusammenhang. Mein jetziger Traum funktioniert allerdings gar nicht so schlecht als Bild für meinen Job.

 

Schau richtig hin

Loslassen:

Wie auf dem Weg zum Blues-Kurs mein Pedal abgefallen ist. Wie dann das Schild über den gesperrten Radweg umgekippt war, sodass ich es nicht gesehen habe, wie ich erst in die Sackgasse gefahren bin und mich beim Versuch, den Weg drum herum zu finden, komplett verfahren habe. Wie ich zu spät gekommen bin, obwohl ich ausnahmsweise pünktlich losgefahren bin, und dass ich jetzt irgendwie mein Fahrrad reparieren muss.

Dass die anderen Leute aus dem Kurs noch was trinken gegangen sind und mich nicht gefragt haben, ob ich mitkomme.

Wie stressig es bei der Arbeit war und wie allein ich mich mit all dem Druck gefühlt habe. Dass ich für meine Unpünktlichkeit gerügt wurde, was berechtigt ist. Wie wenig ich die meisten meiner Kolleginnen leiden kann. Wie sinnlos, unterfordernd und langweilig der Job ist.

Dass meine Wohnung chaotisch und meine Woche voll ist.

 

Festhalten:

Wie schön der Blues-Kurs war, wie wohl ich mich gefühlt habe und wie besonders diese Zeit ist, jede Woche wieder. Dass ich noch fast den ganzen Kurs mitmachen konnte, trotz der Verspätung. Dass am Freitag eine private Blues-Party bei jemand zuhause ist und ich hingehen kann. Dass ich im Dezember mithelfe, einen Blues Social zu organisieren.

Dass die Leute aus dem Kurs bestimmt nur verpeilt haben, mich zu fragen, weil ich gerade auf dem Klo war. Dass ich noch ein Rennrad in petto habe und mit dem kaputten Fahrrad nicht komplett lahmgelegt bin.

Dass es eine Kollegin gibt, die ich gern mag und dass ich mich mit ihr zum Essen verabredet habe. Dass ich Du habe, der mich in so vielen Dingen unterstützen will, zum Beispiel bei der Suche nach einem anderen Job.

Die Sprachnachrichten mit meinem Bruder. Dass ich am Wochenende meine Familie sehe.

Dass die Woche voll ist, nämlich mit den Menschen, die ich lieb habe, und mit Tanzen. Dass ich das Tanzen wiederhabe, weil ich mich dazu verpflichtet habe, alle zwei Wochen auf einem Social den DJ zu machen. Wie mich gestern alle gefragt haben, warum ich so lange nicht mehr tanzen gekommen bin.

Und dass ich morgen meinen Freund flachlegen werde, nachdem wir ein paar Wochen brav sein mussten.

Festhalten, festhalten, FESTHALTEN.

 

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