24.01.

Es ist schwer, Du plötzlich mit einem neuen Leben zu teilen, das Aufmerksamkeit und Zeit beansprucht, während in meinem Leben noch gleich viel Raum für ihn ist. Was die Entfernung mit mir macht, kann ich erst zugeben, als ich an allen möglichen Stellen in belanglosen Filmen und Büchern zu weinen anfange, denn ich weine nie beim Lesen.*

Ich teile nicht gerne, ich bin eifersüchtig und gierig und lerne großzügiges Vertrauen in mühsamen kleinen Schritten, und: schwindelerregend, dass Du mir so wichtig ist.

 

*Ausnahmen: treue Hunde und Pferde, die sterben, und das Ende von Hemingways In einem andern Land.

23.01.

So, fertig, das war’s, die Woche hat mich abgenutzt, jetzt bin ich nicht mehr übrig und mein seltsamer Rest muss noch durch zwei Tage. Dann Ruhe Ruhe Ruhe.

 

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Der kleine Hund kann nicht schlafen, bei ihm ist noch Licht an.

Aller Scheiß

Ich hatte ganz vergessen, WIE mistig Fernbeziehungen sind. Ich bin ein wackliges Pflänzchen mit dünnen Wurzeln, ich brauche Stabilität, bittesehr, nicht dauernde Ortswechsel mit emotionalen Jetlags, auf die ich gerade wieder klar komme, wenn ich schon wieder meine Tasche packen muss.

Und all die Eile in einem kurzen Wochenende. Und die Organisation, die Entscheidungen, und wie ich überwach auf Hinweise lausche, die eine beginnende Entfremdung andeuten könnten, ja, alles wiegt doppelt, nur ich bin zu leicht und treibe auf den Ereignissen wie ein durchgebeuteltes Blatt im Wind.

15.01.

Montag hat die Zahnärztin mir zwei Weisheitszähne gezogen. Ich habe noch immer die schlechte Laune vom Wochenende und jetzt dazu noch Zahnschmerzen, Kieferschmerzen, sind ja keine Zähne mehr da. Ich bin ein schlechter Patient, wehleidig, ungeduldig und missmutig, außerdem will ich mit jemandem reden, aber das geht nicht, weil es weh tut, es nervt also einfach alles. Alles, sage ich!

 

11.01.

Ich bin ein verwundetes Tier, das nicht weiß, wie ihm geschieht, und wütend um sich beißt. Ich beiße Du und will, dass es ihm weh tut.

Ich zerre mich auf einen dreistündigen Waldspaziergang, der mich müde macht, aber nicht hilft. Nichts hilft, nichts fühlt sich gut, schön oder interessant an, ich bin böse, ich bin unruhig, ich bin eingeschlossen in mir selbst und wüte durch mein Innerstes, Zähne, Klauen und Stacheln.

Positionsbestimmung

Das Jahr ist neu und mein Leben wird anders.

Vor einem Jahr habe ich noch im Kino gearbeitet und nicht gewusst, dass ich nach einer Episode im Wahlamt als Telefonistin in einem Startup herauskommen würde. Jetzt habe ich zum ersten Mal einen festen Job und bin finanziell unabhängig – gerade eben so, aber doch. Außerdem habe ich mir vorgenommen, jetzt wenigstens einmal ernsthaft zu versuchen, was draus zu machen, dass ich gut zeichnen kann, und selbst wenn daraus nichts wird, traue ich mir mehr zu als einen möglichst anspruchslosen Aushilfsjob. Ich will Herausforderungen. Ich will Geld – jedenfalls mehr.

Vor einem Jahr war ich noch als Studentin eingeschrieben. Saß ich noch an meiner Masterarbeit oder hatte ich sie schon aufgegeben? Ich vermisse mein Studium nicht, auch wenn Momente daraus zu meinen besten Erinnerungen gehören – Ideen, Inspiration, Wissen, Erkenntnis, Begeisterung und Staunen, die Studienfahrt nach Rom. Die Begeisterung für Kunst und die Neugier auf die ganze Welt bleiben mir auch ohne Abschluss.

Vor weniger als einem Jahr etwa habe ich angefangen, um Lindy Hop zu kämpfen, nachdem die Freundschaft zu meinem Tanzpartner zu schmerzhaft wurde. Der Bruch mit ihm bedeutet noch immer, dass ich allein zu Socials gehe, wo ich mich fehl am Platz fühle, die Leichtigkeit beim Tanzen ist mir abhanden gekommen und zugleich begegne ich ihm in der überschaubaren Szene dauernd wieder. Ich bin müde vom Kämpfen, das nicht leichter wird, und frage mich, ob Lindy Hop und ich eine Beziehungspause brauchen. Dafür entdecke ich Blues, den ich so großartig wie einschüchternd finde.

Vor einem Jahr stand mir der Moment des endgültig gebrochenen Herzens noch bevor, was meinen Tanzpartner angeht; während das verheilte, hatte ich eine Freundschaft Plus und ein, zwei Dates ohne größere Folgen und als ich mich am 31. August im Fernbus angeregt mit meinem Nebensitzer unterhalten habe, habe ich ihm deshalb auch erzählt, dass ich mich für unverkuppelbar, wenn nicht beziehungsunfähig halte. Vier Monate später finde ich meine Lieblingsstadt blöd, weil er daraus weggezogen ist.

Vor einem Jahr war ich mir sicher, dass ich nie mehr von hier weg möchte, und wenn, dann ganz vielleicht nach Hamburg; jetzt, wo mein älterer Bruder wieder in die Nähe meiner Eltern gezogen ist und Du ebenfalls, freue ich mich drauf, nach Stuttgart zu ziehen, in diese verstockte alte Feinstaubstadt.

Vor einem Jahr war ich noch in Therapie und habe jeden Morgen ein Antidepressivum gegessen; jetzt fühle ich mich ziemlich stabil und selbst mein Skin Picking ist besser. Ich habe keine Angst.

Und vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass in einer meiner ältesten und wichtigsten Freundschaften ein so tiefes, beidseitiges Schweigen entstehen könnte.
So viel zu 2019.