17.09.

Morgen fahre ich nach Hamburg. Vor einer Woche hatte ich einen Fahrradunfall, bei dem mir wunderbarerweise nichts passiert ist, aber ich muss mich drum kümmern, Schmerzensgeld von der Frau zu bekommen, die schuld war; ich hab weder Wohngeld noch Führungszeugnis beantragt, brauche aber beides, die Fahrkarten sind noch nicht gedruckt und gepackt hab ich sowieso noch nicht, ich habe schon wieder alles so hingeschoben, dass es mich erdrückt.
Nervös vor der Zugfahrt bin ich außerdem, und wie soll ich denn alles machen: ich bin ein so seltsamer kleiner Mensch und alles kommt mir höchst fragwürdig vor, jeder Atemzug ist wert, sorgfältig geprüft zu werden auf Nutzen und Notwendigkeit, und dann eine Zugfahrt.

 

Ich habe mich, immerhin, exmatrikuliert (ja wirklich). Vielleicht muss man nicht alles sofort machen. Vielleicht hätte ich mich nicht gleich für drei Tanzkurse anmelden müssen. Vielleicht doch. Vielleicht nicht für das Ehrenamt. Vielleicht doch. Vielleicht ist es okay, für gewisse Dinge lange zu brauchen. Vielleicht nicht. Vielleicht geht es nicht anders. Vielleicht doch. Ich weiß nichts. Ich brauche einen anderen Job.

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04.09.

Irgendwas von mir ist letzte Nacht in meinem wilden Traum geblieben. Ich hinke mir selber hinterher, unvollständig und verwirrt, und wünsch mir, ich könnte drüber reden. Stattdessen muss ich zur Arbeit gehen und meine Aufmerksamkeit auf Sachen richten, die außer mir liegen, aber wie, wenn diese Aufmerksamkeit irgendwo ganz innen festhängt?

Zeitlupe

Die Küche ist unter Wasser, deshalb kann ich mich nicht so schnell bewegen, und es schwimmen Fische hindurch, die mich ablenken, die bunten Schwärme, die finsteren Raubfische: kein Wunder, dass ich es noch nicht geschafft habe, mir was zu essen zu machen. Das Essen ist ja auch unter Wasser und wie ich den Kühlschrank aufmache, schwimmt alles davon und Muscheln setzen sich in den Fächern fest.

03.09.

Ich glaube immer noch: es ist ausgestanden. Aber das heißt nicht, dass es nie mehr weh tut und kein Tag mehr sich schwer anfühlt. Ich habe etwas über mich verstanden, das vielleicht mein eigentliches Thema ist – nicht die Depression -, und ich will es aufschreiben, hier, im Internet, weil das Bloggen und alle, die meine Texte lesen, eine Funktion haben, eine Bedeutung, so fundamental, dass ich mich frage, ob das nun wieder gut ist, aber vielleicht ist es total in Ordnung, die absolute Selbstgenügsamkeit als Ideal zu verwerfen.

Mein Laptop ist woanders, aber ich kann nicht richtig schreiben, wenn ich nicht die Tasten höre und fühle. Ich schiebe alles auf: die Nacht in der Stadt, die Heuschrecken, Selbsterkenntnis, Verunsicherung, Texte über Texte übers Tanzen.

27.08.

Seit gestern ist es besser. Ich gehe zu einem Kennenlerntreffen für das Ehrenamt, das ich machen möchte, und begreife etwas über mich. Das klärt die Unordnung ein bisschen, ich weiß jetzt, warum ich diesen Blog brauche oder warum ich eine Zweierbeziehung brauche, wenn sie da ist, oder warum ich dieses Ehrenamt brauchen werde.

Leben ist so irre groß.

Ich muss jetzt zum Lindy Hop. Mein Job ist und bleibt grundsätzlich bescheuert.

Symptome

Mein Nacken, meine Schultern sind so verspannt, dass die Kopfschmerzen ein brüllendes Ungeheuer sind; auf dem Fahrrad bewirkt jeder Kiesel einen Schlag hinter die Augen.

Das feuchte Gras, der See mit seinen Algen und Gerüchen, die Mückenstiche, die Dunkelheit: ich ekle mich, ich fühle mich körperlich abgestoßen von der ganzen Welt, wo sie nicht trocken, warm und übersichtlich ist.

Ich bin nicht ganz da auf der Straße und kollidiere um ein Haar mit einem Motorradfahrer, frontal. Ich registriere trocken, dass ich gerade fast gestorben wäre.

Ich bin unruhig, reizbar und ungerecht. Keiner liebt mich.

Bitte lass es aufhören. Ich will wieder atmen.