Narben, Wunden, Salz, Feuer

Wie lange hast du im Bad gestanden? Zwei Stunden. Und das dafür – aber du bist selbst schuld, so viel zu hoffen, war dein Fehler.

Aber du hast es versucht, sagen freundlichere Stimmen, ist es nicht wundervoll und mutig, dass du es versucht hast? – Nein, will ich ihnen antworten, eine Aneinanderreihung von gescheiterten Versuchen ist bei weitem kein Erfolg, und Scheitern macht mich nicht froh und ich bin es leid, keinen Fußbreit zu gewinnen, jeder neue Anlauf beginnt exakt am Ausgangspunkt und alle Welt ist lang an mir vorbeigezogen.
Einmal habe ich angefangen zu existieren, aber ich weiß nicht, wo das passiert sein soll, denn wo immer ich hingehe, ist kein Platz für mich. Ich hänge am Rand des Bildes, so durchsichtig, dass ich selbst nicht weiß, ob ich für andere sichtbar bin, ein Grauschleier, eine Bildstörung, ein Fleck auf dem Abend.

Oh, aber ich soll nicht übertreiben, denn so geht die Wahrheit: Dus Freunde und ich haben nichts gemeinsam und es hatte gar nicht gutgehen können, das ist nicht meine Schuld; und später, beim Tanzen – ich bin angekommen und war schon fast kein Mensch mehr, und ich mag die Band nicht, und das ist keine einfache Situation – das also war kein einfacher Abend und es ist okay, dass er nicht besser lief, okay, enttäuscht zu sein, aber bitte in vernünftigen Maßen. Ich bin nicht vernünftig. Ich brenne vor Wut.
Ich will hässlich, kalt und destruktiv zu Du sein, der nichts dafür kann. Ich will ein Haus anzünden. Ich will aus Eis sein.

Jemand will darüber diskutieren, ob es in Ordnung ist, Kinder auf die Welt zu bringen, ohne sie zu fragen. Ich wünschte, jemand hätte mich gefragt.

Ich gehe nach Hause und schreibe einen wirren, bitteren Text wie ein sozial inkompetenter Idiot und zeichne mit

Gregor der Käfer.

 

 

Ungenießbar

Ich hatte heute keinen Tag bestellt und kriege ihn trotzdem serviert, die ganze Portion. Das krieg ich nicht runter, denke ich und sitze um 12:45 immer noch vor unberührten Tellern. Je länger ich es stehen lasse, desto schlechter schmeckt es, inzwischen also: sehr schlecht. Ich knurre den Tag an wie ein struppiger alter Hund.

Gutenacht

Du redet auf mich ein wie auf ein krankes Pferd, während ich ins Telefon schluchze und ihm erkläre, dass alles sinnlos ist, aber irgendwie findet er genau den richtigen Tonfall und genau die richtigen Sachen und nachdem er mir oft genug gesagt hat, dass alles okay und mein Schmerz berechtigt, aber nicht absolut ist und dass es nicht so bleiben wird wie jetzt, glaube ich es schließlich auch.

Macht euch keine Sorgen

Es ist nichts übrig geblieben: Hier ist öde Dunkelheit, selbst der Wind ist gestorben.

Ich weine und höre Du sagen: Wenn du meinst, dass du nichts kannst, dann kannst du eben nichts, und ich sehe vor meinem inneren Auge, wie ich mich zusammenreiße, um der Beleidigung zu begegnen. Ich reiße mich zusammen, ich bin stark.

Es ist anstrengend, die ganze Zeit stark zu sein. Was ist das für ein Leben, das verschwindet, wenn ich aufhöre stark zu sein? Hätte ich nicht gnädigerweise ein anderer Mensch werden können? Wozu mir Verstand und Talent mitgeben, wenn ich nichts davon benutzen kann, weil Überleben alles ist, wohin ich reiche?

Ich weine, und mein Weinen ist nutzlos, weil ich morgen aufstehen und arbeiten werde und am Wochenende werde ich tanzen, ich werde unter Menschen sein wie ein Mensch, und für alles davon werde ich mich sehr stark machen müssen, aber ich bin so klein und die Welt tut so weh. Vielleicht ist das hier alles, vielleicht wird es nie leichter, oder schöner, oder besser. Das sagt man nicht laut, weil die Menschen es nicht ertragen. Ich ertrage es auch nicht, aber ich ertrage auch die Hoffnungen nicht, die eine nach der anderen leise verwelkt sind, jetzt habe ich nachgemachte Hoffnung, die nicht echt ist. Ich habe nichts, woran ich glauben kann. Nichts fühlt sich an, als wäre es möglich, das hier ist zu wenig, aber wie soll ich an mehr kommen mit diesen schwachen Beinen und den winzigen Händen und einem Herzen, das seine eigene Existenz anzweifelt.

Warum muss es so sein, dass ich schöne Dinge kann, denn ich kann sie nicht benutzen und so wiegen sie wie Blei, und was soll ich jetzt tun, wenn fürs Tun keine Kraft mehr ist, weil ich vernünftigerweise arbeite, und Glaube und Hoffnung sind verschwunden.

Ich mag diesen Text nicht. Ich mag nicht, wie ihn manche Leute lesen werden. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, ich weiß wirklich nicht, was ich mit Sorgen anfangen soll.

07.11.

Ich komme von der Arbeit und fühle mich unnütz und schäbig, weil ich mit meinem Pensum nicht durchgekommen bin und im resultierenden Stress alle Kräfte aufgebraucht habe. Ich habe keine Nachricht von Du und fühle mich erst vergessen und dann schwach, weil ich mich vergessen fühle und es mir was ausmacht. Ich will Liebesbekundungen, aber trotzdem meine Ruhe.

Ich versuche mir klarzumachen, dass es okay ist, müde zu sein, weil seit gestern um halb eins viel los war und keine Pause: ein Mittagessen mit einem lange fälligen Gespräch, ein intensiver Arbeitstag und dann ein spontaner Abend bei Du, der geknickt ist, weil er wegziehen muss. Ich versuche, ihn zu trösten und bleibe viel zu lange, telefoniere zwischendurch mit meinem Vater, der am nächsten Morgen operiert werden soll, kann nicht einschlafen, wache unerholt auf: Haushalt, Frühstück und ein unangenehmer Arztbesuch, dann wieder Arbeit, die heute besonders stressig ist, und dann komm ich heim und bin so erschöpft, ich könnte heulen. Heulen!

Es ist schwer, mir zuzugestehen, dass ich ein Mensch mit begrenzten Kräften bin. Die Wohnung dröhnt vor kalter Starre. Ich bin ein Mensch mit begrenzten Kräften und einer großen Erkältung. Ich muss nicht stärker sein, oder perfekt. (Das glaube ich mir nicht.)

03.11.

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Freitag musste irgendetwas raus. Ich hab es an meiner Kommode ausgelassen – vorher war sie einfarbig fuchsbraun. Ich hab sie von meiner Oma bekommen, als ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, und gefallen hat sie mir eigentlich nie. Es war nach neun Jahren also höchste Zeit, irgendwas damit zu machen.

Sachen gestalten hilft. Zeichnen hilft. Kreativ sein hilft. Ich helfe mir.

Oktober ohne Gold

The one you are today
Is you until you rot
And it won’t ever stop
And it won’t ever stop

– Majical Cloudz, Change

 

Irgendwann werde ich zurückblicken und sagen, das war eine schwere Zeit, ein grauer Herbst; aber er ist vorbei und ich bin noch hier.
Jetzt aber ist es nicht leicht, mich nicht mit dem Regen aufzulösen und meine Straße hinabzurinnen – in einem bunten Schillern vielleicht, einem fröhlichen Aufatmen über Richtung und Bewegung, die ich mir selbst nicht geben kann.

Ich will mich lenken wie eine Marionette, um die Zeit zu überstehen, bis ich wieder in mir wohne und von selbst gehen kann, aber unten an den Fäden hängt ein boshafter Kobold mit einer Schere von Silber.