Dicht an dicht

Du sagst: Eine Pause ist, was ich brauche; aber leise füllen sich deine Tage, die Dinge rieseln hinein wie von selbst, und du hast solche Angst, dass das Leben dich vergisst, wenn du es einmal abgewiesen hast.

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10.07.

Gestern ist so sauviel an einem einzigen Abend passiert, ich weiß gar nicht, wie ich das nun sortieren soll.

Mein Top riecht nach fremdem Männerparfum, weil ich in einem Blues-Kurs Körper an Körper mit Leuten getanzt habe. Diese Erfahrung wäre einen eigenen Eintrag wert, aber vorher habe ich mich mit den Salsa-Leuten gestritten, mit denen die Lindy-Hop-Szene sich eine inoffizielle Tanzfläche in der Stadt teilt, und danach hatte ich einen noch viel größeren Streit über Musik, die bei Lindy Socials gespielt werden darf, und über alles davon gibt es so viel zu denken und zu schreiben, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Außerdem hatte ich gestern meine letzte Therapiesitzung und heute geh ich zur Berufsberatung und am Samstag hab ich Geburtstag gefeiert und all das ist auch noch nicht sortiert, und dann sind da noch zwei Männer, die ich auch nicht sortiert bekomme. Zusätzlich zu dem einen, der immer noch Schlammlawinen in mir auslöst, indem er einfach nur anwesend ist.

Und als wär das noch nicht genug, zerrt Grumpy mich an der Hand und will, dass wir aufhören, herumzusitzen. Unruhe!, ruft er. Komm schon, komm schon!
Es ist wohl kein Moment zum Innehalten und Reflektieren.

Zum Teufel

Meinem Vater, schon mit einem Glas Wein mehr als gut wäre, fällt ein, dass er sich ja immer Sorgen um seine unselbständige, kranke Tochter macht. Also Carlie, was machst du jetzt bis zu deinem Job im September?, fragt er.

Bisschen arbeiten, sage ich. Hier und da. Und sonst, wahrscheinlich nichts.

Und was verdienst du dann nochmal?, will er wissen. Sein Tonfall sagt, dass er alles, was ich vorhabe, nicht gut findet.

1250 brutto, sage ich, angespannt.

Er schnaubt. Also, willst du nicht auch mal richtig arbeiten? Ich finde, du solltest langsam ein paar Rentenpunkte sammeln.

Das ist der Punkt, an dem ich mich frage, ob er eigentlich irgendwas von dem verstanden hat, was ich ihm im Lauf des letzten Jahres erzählt habe. Dass Vollzeit nicht klappt, zum Beispiel. Dass ich nicht alles so hinkriege, wie es viele Leute hinkriegen. Dass ich auch nicht weiß, wie der ganze Scheiß funktionieren soll, und ein destruktiv herumnörgelnder Vater noch nie irgendwen weitergebracht hat.

Aber er ist betrunken und damit die schlechteste, verständnisloseste, unzugänglichste Variante seiner selbst, deshalb bin ich froh, dass mein Bruder das Gespräch unterbricht, gehe bald darauf ins Bett und schlucke Wut, Enttäuschung und Vorwürfe herunter. Grumpy wühlt sie sofort wieder heraus und bewirft mich seither damit.

Vierter Juli

Ich habe Geburtstag, aber ich bin nicht da. Grumpy stupst meine leere Hülle an und guckt, wie sie vom Stuhl fällt.

Du hättest halt besser aufpassen müssen, sagt er altklug in den leeren Raum. Ich hab dir gesagt, mach mal langsam, und was machst du? Schnell.

Ich weiß, murmle ich dumpf aus einem versteckten Winkel tief in meinem Bauch.

Erst so ein anstrengendes Wochenende, zählt Grumpy auf, und dann der lange Arbeitstag am Dienstag, und kannst du eigentlich mal wieder eine Nacht lang richtig schlafen? Ich bin wirklich müde, und du auch, und deinen Muskelkater will ich auch nicht haben.

Ja ja, knurre ich aus der Tiefe. Ich weiß. Heute mache ich Pause.

Lügnerin!, ruft Grumpy. Du hast nur Glück, dass deine Freundin abgesagt hat, sonst wäre heute auch wieder zu viel los. Guck mal, – er platscht mit dem Löffel vorwurfsvoll in meinem Müsli herum – , Was ist das denn? Zu müde zum Essen, schon wieder?! Ist das dein neues Ding oder was?

Mag nicht, murmle ich.

Das geht nicht, sagt Grumpy. Nicht mögen ist mein Gebiet. Soll ich jetzt auf dich aufpassen oder was? Ich bin deine Depression, nicht deine Mama.

Vielleicht musst du aber aufpassen, sage ich und tauche wieder ein bisschen auf. Wegen der Achtsamkeit.

Ach komm, sagt Grumpy. Das nimmst du mit aus der Therapie? Das hätte dir jeder Hipster sagen können. Oder jeder mit ein bisschen gesundem Menschenverstand.

Ist aber so, sage ich. Du bist mein Warnzeichen. Ab jetzt. Los.

Du hörst ja nicht auf mich!, ruft Grumpy. Undankbare Scheißaufgabe!

Ich hör jetzt auf dich, behaupte ich, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt.

Ja toll, sagt Grumpy. Iss dein blödes Frühstück. Und leg das Handy weg.

Gegenmaßnahmen, 2

Ich rede drüber. Ich vertrau mich wohlmeinenden, fast unbekannten Menschen an, und sie nehmen Grumpy mitleidig in den Arm, weil er so verbissen unglücklich ist. Er blinzelt heftig und zieht die Nase hoch.

Nach einem Alptraum über meine Wohnung, in der sie sich in ein ekelhaftes, schleimiges Monster verwandelt und mich aufgefressen hat, räume ich endlich auf, auch den Balkon. Grumpy guckt sich den abgewaschenen Berg Geschirr an und sagt: Wir waren lange nicht mehr hier, oder? – Ja, sage ich. Wir müssen öfter hier sein, wir brauchen das.
Nach dem Aufräumen setzen wir uns mit einer Schale Erdbeeren auf den Balkon. Grumpy macht die Augen zu und entspannt sich seufzend. An diesem Abend bin ich frei.

Netflix’n’chill

Mein aktueller Job ist vollkommen absurd und kommt mir höchst überflüssig vor, aber das kann mir ja egal sein. Ich sitze im leeren Büro, trinke Kaffee und gurke durchs Internet, wenn ich nicht lesend auf der sonnigen Fensterbank sitze. Das hab ich mir entspannt vorgestellt, aber wenn man sieben Stunden am Tag mit sich selbst in einen Raum gesperrt ist, geht man sich irgendwann ganz schön auf die Nerven. Ich geh mir auf die Nerven! Lasst mich raus!

Aber heut ist auch noch Tanzen. Im Freien. Organisiert durch und mit Musik von meiner Nemesis. Davon wird’s bestimmt wieder gut.