Meine Wohnung redet

Die Scheibe meiner Balkontür haben die Vormieter bestimmt noch nie geputzt, so dreckig ist sie. Beim Einzug hab ich mich drüber geärgert und mir das Putzen sehr vorgenommen.

Jetzt, ein Jahr später, ist die Scheibe immer noch gleich schmutzig. Beobachten zu können, wie sich das Licht in Staubkörnern und Regenflecken fängt, bedeutet mir mehr als klar zu sehen.

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Geordnet, geerdet

Meine Freundin hat keinen Strom mehr zuhause, weil sie die Rechnung nicht bezahlen konnte. Seit einigen Tagen kommt sie deshalb jeden Morgen zu mir, um einen Kaffee zu trinken (denn ohne Strom kein Kaffee, überlegt mal) und ihr Handy aufzuladen. Dann reden wir über unsere Leben und die seltsamen Schwierigkeiten darin, über Menschen, die helfen, über Lebensentwürfe, Nachbarschaft, Großzügigkeit und Sehnsucht, während ich ein bisschen aufräume, und plötzlich ist das Geschirr sauber, die Wohnung in Ordnung und der Balkon bereit für den Frühling, und ich fühl mich verbunden, gebraucht, verstanden, berührt.

Meine Freundin hat ein schlechtes Gewissen und denkt, sie beansprucht mich zu sehr, aber diese Morgenkaffees sind die schönsten Zeiten meiner Woche.

Emotionaler Jetlag

Nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein nein.

Und das da auch nicht.

Till you come back to me that’s what I’m gonna do

Ich bringe meine Freundin zum Zug nach Brasilien. (Ja, solche Züge gibt es, das hier ist einer.)
Wie werden die sechs Wochen für dich?, fragt sie, und ich rede irgendwas von Arbeit, an mir und an meinem Masterabschluss, das ist gar keine richtige Antwort.
Die fällt mir erst später ein, nach unserer langen Umarmung am Bahnsteig, als ich zum Sammeln in der Sonne sitze: ich werde Blumen auf meinem Balkon wachsen lassen und in den Himmel gucken, ich werde Anne Blunt besser kennenlernen und mir von ihr die Wüste beschreiben lassen und die Pferde, die es dort gibt (und wenn meine Freundin wiederkommt, vielleicht beschreibt sie mir dann den Urwald), ich werde tanzen, lachend und weinend, aber unter freiem Himmel, ich werde im See schwimmen und die Welt auf meiner Haut spüren, fotografieren werde ich und meinen Brieffreund besuchen, der böse auf sie ist, weil er Brasilien zu gefährlich findet, ich werde Nähe und Gefühle zulassen, die zuzulassen sie mir beigebracht hat, ich werde zu Menschen ein bisschen mehr so sein, wie ich es von ihr gelernt habe, und dann, in sechs oder sieben Wochen, wird alles ein bisschen mehr gewachsen sein, die Blumen, die Gefühle und ich.

(Und ja, o ja, ich werde sie so vermisst haben, wenn sie wieder kommt.)

Bobby?

Beim Putzen im Kinosaal finde ich einen kleinen Plüschhund, den irgendein Kind da vergessen haben muss. Armer Hund, denke ich, und: Armes Kind, das ihn jetzt sicher doll vermisst, er sieht nämlich ziemlich mitgenommen aus. Das muss ja vom vielen Liebhaben kommen.
Aber dann kommt ihn niemand abholen und nach einer Woche nehm ich ihn mit nach Hause, mit all dem fremden Kindersabber, der sicher an ihm klebt, und ein Auge verliert er auch bald, aber dass ihn jetzt keiner mehr liebhaben soll, geht gar nicht klar.

Hat er schon einen Namen?, fragt meine Kollegin.

Ein Tag ohne mich

Heute wach ich auf und fühl mich einsam und sage mir, dass ich ja nur nach unten in die Küche gehen muss, da sind meine Eltern, dann fällt mir ein, ich bin in meiner eigenen Wohnung, und fühl mich noch einsamer.

Grumpy sitzt neben dem Bett und hat nur drauf gewartet, dass ich endlich wach werde. Jetzt grinst er mich an und sagt, Na, kennste mich noch?
Na toll, sage ich.
Er freut sich, dass er mir den Morgen noch mehr versaut hat, und geht schonmal in die Küche, um auf mich zu warten. Kommst du?, ruft er. Heute ist ein toller Tag, um gar nichts hinzukriegen!

Draußen scheint die Sonne. Es ist fünf und ich hab gar nichts hingekriegt.

Nicht mehr viel Schokolade bis Weihnachten

Meine Mutter hat mir einen Adventskalender geschickt. Weil ich inzwischen erwachsen, diszipliniert und geistig reif bin, habe ich nicht schon am 5. Dezember die leckerste Schokolade komplett aufgegessen, sondern freue mich jeden Morgen auf etwas Kleines, Süßes vor dem Frühstück.

Na klar.